21.12.2002

ASTRONOMIEDie lebenden Wolken

Ein deutscher Astrobiologe hat die Messdaten früherer Planetensonden noch einmal ausgewertet und ist dabei auf rätselhafte Erscheinungen gestoßen. Sein ungeheurer Verdacht: Gibt es doch Organismen auf der Venus?
An einem Wintermorgen landete der Roboter in der Hölle. Kaum war er durch die Schwefelsäurewolken gezischt, da setzte er auch schon in der Felswüste auf. Draußen war es über 450 Grad Celsius heiß, sein Metallgehäuse begann zu glühen. Dazu kam ein Druck, wie er auf der Erde in 900 Meter Meerestiefe herrscht.
Exakt 57 Minuten funkte die sowjetische Raumsonde "Venera 14" im März 1982 ihre Messdaten heimwärts. Dann zerstörten Hitze und Druck die mit einer Lenin-Plakette verzierte Kapsel - und der Besucher von der Erde verstummte.
Nach der Landung auf der Venus zogen die Experten eine ernüchternde Bilanz: Der erdnächste und erdähnlichste Planet im Sonnensystem, als Abendstern bewundert und benannt nach der römischen Liebesgöttin, ist ein äußerst lebensfeindlicher Ort.
War das Urteil der Planetenforscher voreilig? Haben sie etwas übersehen? 20 Jahre später bahnt sich eine überraschende Wendung an.
Der deutsche Astrobiologe Dirk Schulze-Makuch, der an der Universität von Texas in El Paso forscht, hat die Daten der sowjetischen "Venera"-Sonden (sowie der amerikanischen "Pioneer"-Sonden) noch einmal gründlich unter die Lupe genommen. Dabei kam ihm ein ungeheurer Verdacht: Die unbemannten Flugkörper haben womöglich an der falschen Stelle gesucht. Auf der Venusoberfläche ist wohl kein Leben möglich - aber wie sieht es im Venushimmel aus?
In 50 Kilometer Höhe ist es nur noch zwischen 30 und 80 Grad warm, und es herrscht ein Druck wie auf der Oberfläche der Erde.
Ausgerechnet dort, in den sauren Wolken der Venus, hat Schulze-Makuch nun rätselhafte Erscheinungen ausgemacht. "Anfangs war ich ziemlich skeptisch", sagt der Forscher. "Aber dann fand ich lauter Hinweise darauf, dass in der Venusatmosphäre doch irgendwelche Lebensformen existieren könnten."
Nach Auswertung der alten Missionsdaten hat der Astrobiologe eine erstaunliche Indizienkette zusammengetragen:
* In UV-Aufnahmen von der Venusatmosphäre sind seltsame dunkle Flecken zu erkennen. Irgendetwas scheint das UV-Licht der Sonne an diesen Stellen herauszufiltern. Bislang fehlt für dieses Phänomen jede Erklärung.
* Die Planetensonden haben eine unerwartet niedrige Konzentration an Kohlenmonoxid gemessen. Wohin verschwindet dieses etwa durch Blitzschläge gebildete Gas?
* Bei ihren Missionen registrierten die Sonden zugleich Schwefelwasserstoff. Diese chemische Verbindung dürfte in der Venusatmosphäre eigentlich gar nicht vorkommen, weil sie dort längst in Schwefeldioxid hätte umgewandelt werden müssen - es sei denn, irgendetwas produziert immer wieder neuen Schwefelwasserstoff.
* Am mysteriösesten jedoch ist der Nachweis von Kohlenoxidsulfid - dieses Gas wird, zumindest auf der Erde, von Bakterien ausgeschieden.
"Natürlich könnte es für jedes dieser Phänomene auch eine nichtbiologische Erklärung geben", sagt Schulze-Makuch. "Aber alle diese Rätsel zusammen lassen sich am einfachsten damit erklären, dass in der Venusatmosphäre Mikroorganismen leben - nur dann ergibt sich ein wunderbar geschlossenes Bild."
Und das sieht wie folgt aus: Bizarre Venusbakterien ernähren sich von Schwefeldioxid und Kohlenmonoxid (was den Schwund dieses Gases erklärt) - und scheiden Kohlenoxidsulfid oder Schwefelwasserstoff wieder aus. Als Energiequelle könnten Mikroben zudem das Sonnenlicht nutzen (daher die dunklen Flecken).
Nicht alle Planetenforscher finden Schulze-Makuchs Ideen auf Anhieb überzeugend. Nach der Veröffentlichung seiner Detektivarbeit im Fachmagazin "Astrobiology" meldeten sich umgehend Skeptiker zu Wort. Das für biologische Zellen lebenswichtige Wasser, so ein Einwand, komme in der Venusatmosphäre in viel zu geringer Konzentration vor.
Schulze-Makuch widerspricht: Das Leben sei weit anpassungsfähiger als ehedem für möglich gehalten. In der Tat sind Wissenschaftler in den vergangenen Jahren noch an den extremsten Orten der Erde auf eigentümliche hitzebeständige Bakterien gestoßen - in kochenden Geysiren, Ölquellen oder gar Vulkanschloten. Schulze-Makuch fand beispielsweise in Quellen in New Mexico eine große Zahl bizarrer Schwefelbakterien: "Die fühlen sich in den extrem sauren Tümpeln pudelwohl." Und selbst in den Wolken existieren lebende Bakterien. Diese spektakuläre Entdeckung gelang der Eiswasser-Expertin Birgit Sattler von der Uni Innsbruck.
Schon länger war zwar bekannt, dass Mikroorganismen kilometerhoch in die Luft gewirbelt werden, um dort zuweilen als Kondensationskerne für Wolken zu dienen. Doch bislang hielten die Forscher es für vollkommen ausgeschlossen, dass Keime in derart luftiger Höhe überleben oder sich gar vermehren könnten: In irdischen Wolken herrscht Frost bis minus 56 Grad, harte UV-Strahlung schädigt lebende Zellen, zudem gibt es kaum Nährstoffe.
Sattler hat diese Lehrmeinung widerlegt. Auf dem Sonnblick, einem über 3000 Meter hohen Berg in der Nähe von Salzburg, fing die Forscherin Wolkentröpfchen auf. Bei der Untersuchung im Labor gelang ihr die sensationelle Beobachtung: In jedem Milliliter Flüssigkeit schwammen an die 1500 putzmuntere Bakterien unterschiedlichster Form und Größe. Die Mikroben vermehrten sich einmal pro Woche - ähnlich schnell wie pflanzliches Plankton im Meer.
Für Schulze-Makuch zeigen die fliegenden Bakterien: Wolken können sehr wohl ein Lebensraum für primitive Organismen sein - auch und gerade auf der Venus. "In mancherlei Hinsicht", argumentiert der Astrobiologe, "sind die Bedingungen in der Venusatmosphäre sogar besser als in der Erdatmosphäre."
Die allzeit verhangene Venus hat viel dichtere, langlebigere und wärmere Wolken. Die Nebeltröpfchen, die Mikroben beherbergen könnten, sind größer als die irdischen und halten sich monatelang in der Luft - anders als auf der Erde, wo sie meist schon nach wenigen Tagen herabregnen.
Auch Schulze-Makuch glaubt jedoch nicht, dass mutmaßliche Venusmikroben in den sauren Wolken entstanden sein können. Wie auf der Erde muss sich die Geburt des Lebens auf der Venus einst im Meer vollzogen haben.
Wie sich aus den Messungen der Raumsonden ergibt, schwappte auch auf der sonnennäheren Welt die ersten Jahrmillionen eine Art Ur-Ozean. Doch spätestens vor rund drei Milliarden Jahren kam es dann zu einer sich selbst verstärkenden Klimakatastrophe.
Unter dem Einfluss einer zunehmend wärmer werdenden Sonne verdunsteten gewaltige Wassermassen. Da Wasserdampf aber ein wirksames Treibhausgas ist, wurde es folglich auf der Venus noch wärmer - was wiederum zur Folge hatte, dass noch mehr Wasser verdunstete. Am Ende dieser rasant ablaufenden Kettenreaktion war sämtliches Wasser verdampft und der Planet zum Backofen geworden.
Hat irgendetwas die Katastrophe überlebt? "Als dieser galoppierende Treibhauseffekt begann", vermutet Schulze-Makuch, "könnten sich besonders anpassungsfähige Organismen in stabile Nischen in den Wolken zurückgezogen haben."
Der Forscher hält sogar für möglich, dass die früheren Raumsonden diese winzigen Venusbewohner schon gesichtet haben. So registrierte "Pioneer Venus 2" im Dezember 1978 bei ihrem Flug durch die Schwefelsäurewolken unregelmäßig geformte Partikel, die ähnlich groß sind wie Bakterien auf der Erde. Allerdings versagte beim Sturzflug genau jenes Instrument an Bord, mit dem es möglich gewesen wäre, die Partikel näher zu analysieren.
Endgültige Klarheit könnte erst eine erneute Mission zur Zwillingsschwester der Erde bringen. Doch die Planetenkundler bereiten derzeit lieber immer weitere Missionen zum eisigen Wüstenplaneten Mars vor, in dessen gefrorenem Untergrund ebenfalls Lebensspuren vermutet werden. Die Venus hingegen haben die meisten Forscher abgehakt - was das Wissenschaftsmagazin "Science" soeben zu einem Appell veranlasste: "Vergesst nicht den Planeten von nebenan!"
Immerhin hat die europäische Raumfahrtorganisation Esa Anfang November beschlossen, in drei Jahren den "Venus Express" auf die Reise zu schicken. Für die Suche nach Leben wäre diese Billigsonde aber nur bedingt geeignet. Schulze-Makuch schlägt daher vor, einen Spezialroboter in die Venusatmosphäre zu schießen. In den Wolken soll dieser dann eine Ladung der mysteriösen Partikel auffangen und zurück zur Internationalen Raumstation bringen; dort könnten Experten die Probe dann eingehend untersuchen.
Doch egal wie exotisch die außerirdischen Mikroben auch sein mögen - natürlich werden sie primitivere Lebensformen sein als jene Venusianer, die sich Menschen früher in ihrer Phantasie ausmalten.
Noch in den fünfziger Jahren etwa schlug George Adamski, einer der Väter der Ufo-Bewegung, ein Massenpublikum in seinen Bann, als er von seiner Reise mit Aliens zum Nachbarplaneten berichtete: Die Venusianer, fabulierte der gebürtige Pole, würden tausend Jahre alt, und sie arbeiteten nur zwei Stunden täglich, "weil alles automatisiert ist".
Solche paradiesischen Zustände könnten tatsächlich einmal wahr werden - auf dem Planeten Erde. OLAF STAMPF
Von Olaf Stampf

DER SPIEGEL 52/2002
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