21.12.2002

Der leere Thron

Ist der liebe Gott erst 2000 Jahre alt? Besaß er ursprünglich gar eine Frau? Archäologen haben in Israel heidnische Heiligtümer und vergoldete Götzen entdeckt. Die Funde ermöglichen einen neuen Blick auf den Ursprung der monotheistischen Weltreligionen.
Darf man dem Propheten Samuel glauben, so begann der biblische König David seine Laufbahn als Hirtenjunge. Er war blond, von "schöner Gestalt" und spielte süß die Harfe. Als junger Held tötete er mit der Steinschleuder den riesenhaften Philister Goliat. Dann, angeblich um 997 v. Chr., warf er seine Armee gegen Jerusalem.
Seitenlang feiert das Alte Testament den Mann als Auserwählten und Gesalbten des Herrn. 40 Jahre lang saß der Gründer der jüdischen Nation auf dem Thron, ehe er als Inhaber eines Reichs verblich, das vom Euphrat bis zum Mittelmeer reichte.
Nur, wo sind die Spuren dieses glanzvollen Landes? Wer heute durch den Osten von Jerusalem läuft, stößt an einem Steil-
hang auf ein Grabungsareal, "Davidstadt" genannt. Am Eingang stehen Soldaten mit
schussbereiten MG. Sie bewachen kümmerliche Ruinen.
"Schauen Sie!" Hanswulf Bloedhorn vom Evangelischen Institut für Altertumswissenschaft im Heiligen Land zeigt auf ein zerbröckeltes Haus. Es ist 16 Quadratmeter groß und besaß weder Küche noch Fenster. Gekocht wurde draußen. Daneben liegt eine Steinplatte mit einem Loch. "Das war das Klo", erklärt der Forscher.
Ist das Davids Glanz und Herrlichkeit? Laut 1. Könige, Kapitel 10 gab es in der Hauptstadt "Silber so häufig wie Steine".
Davon kann keine Rede sein. Unter dem Spaten der Ausgräber ist das bronzezeitliche Jerusalem zum Dorf geschrumpft. Es war ein Ort mit kaum 2000 Einwohnern. Der Berliner Ägyptologe Rolf Krauss spricht von einem "Provinznest".
Solche Befunde stehen nicht allein. Moderne Bibelkundler klopfen schon seit längerer Zeit wie mit der Abrissbirne gegen das Alte Testament. Sichtbar wird ein Gespinst aus Legenden.
Von allen Seiten rücken die Fahnder an. Pollenanalytiker streifen durch die militärisch besetzten Gebiete Judäa und Samaria. Orientalisten entziffern Keilschrifttafeln. Und auch in alten Texten vom Nil finden sich Hinweise auf die wahre Geschichte der Hebräer.
Vor allem die historische Basis der Bibel wankt. Den jüngsten Hieb hat jetzt Israel Finkelstein, Chef-Ausgräber an der Universität Tel Aviv, geführt. Sein Buch "Keine Posaunen vor Jericho"** bestätigt, dass Kerntexte der Bibel unwahr sind:
* Ein Auszug jüdischer Stämme aus Ägypten fand nie statt.
* Kanaan wurde nicht, wie im Buch Josua beschrieben, gewaltsam erobert.
* Die Ur-Reiche von David und Salomo sind Trug. Diese israelitischen Könige herrschten nur über "unbedeutende Teile von Randregionen" (Finkelstein).
Als Märchen und monumentale Camouflage - so steht das Wort Gottes mittlerweile da. Wo die Forscher geschichtliche Fakten vermuteten, sehen sie nun politische Propaganda. "Wir stehen vor einem Dammbruch", gibt Dirk Kinet zu, der an der Universität Augsburg Biblische Sprachen lehrt.
Denn auch die Entwicklung des Monotheismus verlief völlig anders, als die Heilige Schrift glauben machen will. Im Gewand der Ewigkeit tritt Gott dort an. Er steht jenseits der Zeit - ein Wesen,
das nie geboren wurde und nie sterben wird.
Bereits der Erzvater Abraham opfert (angeblich um 1800 v. Chr.) diesem allmächtigen Wesen. "Gott ist einzig", bekennt auch Mose, nachdem sich ihm der Herr im brennenden Dornbusch offenbart.
Nur allzu gern verklärten konservative Bibelkundler das Volk Israel zur Sonder-Ethnie. Doch die Archäologie macht jetzt klar: Auch der Herrgott hat mal klein angefangen.
Anfangs sei Jahwe nur ein Wettergott gewesen, erklärt der Augsburger Experte Kinet: "Er war ein Garant der Fruchtbarkeit, dessen sexuelle Darstellung erst langsam zurückgedrängt wurde."
Götzen aus Ton und Metall wurden im Heiligen Land entdeckt, auch kleine Tonfiguren mit drallen Brüsten und Pos. Die Geburt Gottes aus dem Schoß der Vielgötterei - das ist der Rahmen, in dem die neuen Erkennnisse angesiedelt sind:
* In Jerusalem blühte die Tempelprostitution;
* Gott besaß ursprünglich eine nackte Begleiterin;
* noch um 100 v. Chr. hingen die Bauern der Gegend heidnischen Ritualen an.
Vor allem in Ugarit, 400 Kilometer nördlich von Jerusalem, kommt "die dunkle Vergangenheit der Religion Israels zum Vorschein", wie es der französische Ausgräber André Caquot ausdrückt. Ritualtexte und Goldstatuen wurden freigelegt. Ein Fund zeigt ein Männchen mit Bart. Es ist der weise Greis und Himmelsvater "El" - eine Urform Gottes.
Die Einsicht, dass sich der Herr aus einem heidnischen Götzen entwickelte, mag schmerzen, ist aber längst überfällig. Wie mit dem Fernrohr blicken die Experten in jene Wolke zurück, in der sich die Geburt des Allmächtigen vollzog. Die Forschung sieht immer klarer die metaphysische Baustelle, auf der diese Macht Schritt für Schritt erschaffen wurde.
Mit ihren teils sensationellen Einsichten zerren die Wissenschaftler jenes Glaubenswerk ans Licht der Vernunft, das immer noch wie eine düstere und mysteriöse Festung dasteht.
Nur allzu gern räumten fromme Exegeten den Hebräern eine historische Sonderstellung ein. "Im vollen Bewusstsein einer erhabenen Idee" habe ein semitischer Hirtenclan "alle Güter dieser Welt geopfert, Qualen erduldet und sein Leben hingegeben", formulierte Simon Dubnow in seiner zehnbändigen "Weltgeschichte des Jüdischen Volkes".
Richtig an solchen Verklärungen ist, dass Kanaan wie kaum ein anderer Landstrich der Antike mit Krieg überzogen wurde. Mal legten die Pharaonen ihre Klaue auf das Land, die Babylonier führten hier Massendeportationen durch. Es folgten Perser und Griechen. Schließlich kamen die Römer und machten das Gebiet zur Kolonie (siehe Chronik Seite 140).
Mauerbrecher und Wurfmaschinen ließ der römische Kaiser Vespasian beim großen jüdischen Aufstand 70 n. Chr. gegen Jerusalem in Stellung bringen. Rund 20 000 Legionäre zogen heran. Die unbotmäßigen Bauern leisteten Widerstand "wie der Vietcong" (Bloedhorn). Sie verbanden ihre Häuser mit Fluchttunneln.
Es half nichts. Im August des Jahres war die Festung am Berg Zion erschöpft. Legionäre in Kettenhemden durchbrachen die gegnerischen Reihen und erstürmten den Hügel, auf dessen Kuppe der große Jahwe-Tempel stand. Dort zündelten sie.
Eindringlich hat der Historiker Josephus Flavius, Zeuge des Überfalls, von der Untat erzählt. Er beschreibt die Holzkreuze entlang den Straßen, an denen angenagelte Rebellen hingen. Vorbei an dieser Kulisse entführten die Sieger die Tempelschätze nach Rom, darunter den siebenarmigen Leuchter Menora.
Viele Demütigungen flossen in die Bibel ein, Verzweiflung und aus Wut geborene Allmachtsphantasien sind darin gestaut. Per Federstrich verwandelten ihre Verfasser den Turm von Babel zur Bauruine (in Wahrheit wurde das über 90 Meter hohe Gebäude fertig gestellt). Beim Propheten Ezechiel fällt Gott den Pharao an wie ein wildes Tier: "Ich tränke das Land bis hin zu den Bergen mit der Flut deines Blutes."
Aber erst jetzt, über 2000 Jahre nach Erschaffung all dieser Mythen und religiösen Urbilder, setzt ihre nüchterne Aufarbeitung ein. Die Forscher dringen an die Wurzeln des Alten Testaments vor - allerdings mit der Axt.
Immer deutlicher wird, dass Gottes Wort, das "Buch der Bücher", voller Mogeleien steckt. Eine Gruppe von Fälschern, "Deuteronomisten" genannt, bürsteten Realgeschichte um; sie verzerrten die Wirklichkeit, schafften unbequeme Fakten beiseite und erfanden, nach Art eines Hollywood-Drehbuchs, die Geschichte vom Gelobten Land.
Wie die Arbeit im Einzelnen ablief, ist längst nicht vollständig geklärt. Die biblische Zensurbehörde ging geschickt vor. Wie Mehltau liegt ihre Version der Zeitläufe auf der Geschichte. Im Prinzip arbeitete sie so perfekt wie das Wahrheitsministerium von George Orwell.
Nur der Tatort steht fest: Es war der Tempel von Jerusalem, in dem alle Fäden zusammenliefen. Auf jenem Hügel der Stadt, wo sich heute die Aksa-Moschee und der Felsendom erheben, lag einst das Zentralheiligtum der Stadt.
Bärtige Priester mit Kleidern, an denen Kordeln, Schellen und Edelsteine hingen, liefen in dem Gemäuer umher. Sie hantierten mit Räucherwerk und schlachteten Stiere. Bei einem der Riten benetzten sie ihre Ohrläppchen mit Widderblut.
Wer den Tempel der Länge nach durchschritt, gelangte am Ende vors Allerheiligste, den "Debir". Dort standen im Zwielicht zwei mit Gold überzogene Kerubim: geflügelte Löwen mit menschlichem Gesicht, die den Thron Jahwes bewachten.
Dieser war leer.
Es ist das Nichts, die große Negation - als Chiffre für die Unendlichkeit des Geistes -, die als Pionierleistung der jüdischen Theologie gilt. Während alle Welt noch Tamtam machte und Götzen verehrte, erließen die Juden ein Bilderverbot und stießen ins Reich des Universellen vor.
Aber stimmt das überhaupt? Auch ihre geistige Ersttat wird den Hebräern streitig gemacht. Um die Frage nach Alter und Erscheinungsdatum der Heiligen Schrift brennt eine Debatte. Drei Lager liegen im Clinch:
* Die Traditionalisten behaupten, die Haupttexte der Bibel seien etwa ab 1000 v. Chr. entstanden.
* Die Gemäßigten tippen auf 600 v. Chr.
* Die "Minimalisten" halten das Alte Testament für ein "hellenistisches Werk". Es sei in der Substanz erst nach 330 v. Chr. - und damit nach dem Tod der griechischen Philosophen Sokrates und Platon verfasst worden.
Noch weiter geht ein Mann aus Heidelberg. Bernd Jörg Diebner redet schnell, er hat schütteres Haar und lehrt seit 30 Jahren Theologie. Anfang des Jahres, nach langem Zögern, entschloss sich die Evangelische Fakultät den Gelehrten zum Professor zu berufen. Er ist 63 Jahre alt.
Bis zum letzten Platz war die mit Holz ausgeschlagene Aula besetzt, als der frisch Gekürte zu seiner Antrittsvorlesung schritt. Israel sei eine "mystische Größe", verkündete der Akademiker. Dann beschrieb er die Tora als "diplomatisches Kompromisspapier", an dem womöglich noch bis 50 n. Chr. gefeilt wurde.
Für Diebner ist die Bibel das Ergebnis eines Machtgerangels um die religiöse Federführung - ein kulturpolitischer Krimi, angeführt vom Hohepriester in Jerusalem, der historische Fakten umschrieb und "seine eigenen Großmachtträume in die Vergangenheit projizierte".
Gut für den Professor, dass die Feuer der Inquisition verloschen sind. Heute wird keiner mehr verbrannt, wenn er den Herrn lästert.
Gleichwohl gilt es, religiöse Gefühle zu achten: 3,1 Milliarden Juden, Christen und Muslime stützen sich auf die Aussagen des Alten Testaments. Übersetzt wurde die Bibel in rund 2300 Sprachen und Dialekte. In Luthers Fassung enthält sie 773 000 Wörter.
Randvoll mit spannenden Geschichten ist das Buch gefüllt, einige kreisen um Vergewaltigung und Brudermord. Menschen erstarren dort zu Salzsäulen, sie verkaufen ihr Erstgeburtsrecht für ein Linsengericht oder sie werden, wie Hiob, durch Geschwüre entstellt. Über 20 Propheten treten an. Das Hohelied bietet Liebeslyrik. Das Buch Prediger gleicht einer philosophischen Abhandlung (siehe Grafik Seite 144).
Auch die Hauptfigur wirkt uneinheitlich. Mal heißt sie Jahwe, mal El oder Elohim. Zuweilen erscheint Gott als Wolke, dann wieder kleidet er sich in eine Feuersäule und weist Mose den Weg.
Wer hat sich diese Mammutschrift ausgedacht? Die ältesten bislang gefundenen Schriftrollen, die Texte biblischer Propheten enthalten, stammen aus Qumran am Toten Meer. Einige der Fetzen konnten mit der Kohlenstoffisotop-Methode datiert werden: die frühesten sind um 240 v. Chr. entstanden.
Nach Ansicht der Forscher reichen die Ursprünge der Bibel und ihrer Propheten aber viel weiter zurück. Die Qumran-Rollen seien nur Abschriften von Abschriften.
Dutzende von Orten und Personen werden in der Bibel genannt. Aus all diesen Eckdaten schuf die Forschung eine Chronologie, die dem konservativen Forschungslager bis heute als Richtschnur gilt. Demnach lebten die Erzväter um etwa 1800 v. Chr. Und um 1250 v. Chr. zogen die Israeliten aus Ägypten aus.
Diese vermeintlich bronzezeitliche Vorgeschichte Israels wird im 1. Buch Mose ausgebreitet. Alles beginnt mit Abraham, einem Hirten, der aus Ur (im heutigen Irak) stammte. Von dort bricht der Mann auf Geheiß Gottes nach Kanaan auf.
"Durch dich sollen alle Geschlechter der Erde Segen erlangen", erklärt der Allmächtige. Abraham tut sein Bestes und stellt bei Bethel und Sichem Altäre auf. Nach einem Abstecher ins Nilreich kehrt er reich beschenkt nach Palästina zurück, wo er 175-jährig "lebenssatt" stirbt.
Sein Sohn Isaak, Nomade wie der Vater, zeugt Jakob, dessen zwölf Söhne die Stämme Israels bilden. Der Eitelste von ihnen, Josef, wird von seinen Verwandten in eine Falle gelockt und mit einer Karawane nach Ägypten verkauft.
Rührend erzählt das 1. Buch Mose, wie der Verstoßene als Traumdeuter am Nil zum Minister aufsteigt. Kurz danach bricht in Kanaan eine Hungersnot aus. Die Brüder bitten in Ägypten um Hilfe. Josef, dessen Kornspeicher voll sind, triumphiert.
Bald aber wendet sich das Geschick. Ein neuer Pharao kommt an die Macht und zwingt die Juden zum "Frondienst auf dem Felde". Auch müssen sie in "Ramses" Ziegel schleppen: Der Name steht für die im Nildelta gelegene Metropole Ramses-Stadt, deren Bau um 1270 v. Chr. begann.
Unerträglich wird das Joch der Knechtschaft. Wie später so oft, ziehen die Bibelautoren alle Register, um die Not der Gotteskinder in düstersten Farben zu malen. Doch es gibt ja Mose.
Das hebräische Findelkind, aufgewachsen am Pharaonenhof, wird zum Werkzeug des Herrn. Per pedes führt der Religionsstifter sein Volk aus dem "Sklavenhaus" am Nil heraus. Nun weitet sich das Familiendrama zum historischen Massenspektakel. Die Zeit der Zeichen und Wunder beginnt.
"600 000 Mann" gehen mit Mose auf die Flucht. Jahwe teilt das Rote Meer - freie Bahn zum Sinai. Dortselbst schreibt Gott mit dem Finger die Zehn Gebote in Stein, die sein Diener in der Bundeslade verstaut, dem "heiligsten nationalen Symbol" der Juden (Finkelstein). Kaum vom Sinai herabgestiegen, muss er allerdings mit ansehen, wie sein Volk ums Goldene Kalb tanzt.
Ein Machtwort beendet das Treiben. Unter Josua, Moses Nachfolger, geht es dann auch militärisch voran. Jericho fällt im Klang der Kriegshörner. Und immer wieder leistet der Herr Schützenhilfe. Mal lässt er "Hagelsteine" regnen, in Gibeon hält er sogar die Sonne an, damit die Juden noch bei Tageslicht auch den letzten Feind erschlagen können.
Was für eine Gründerstory! Eng verzahnt mit dem Willen des Allmächtigen, der für die Gebietsansprüche bürgt, wird das Feindesland aufgerollt. Und all dies geschieht in einer Zeittiefe, die legendär und "bronzezeitlich" zu nennen wäre.
An dieser Fama orientierten sich früher auch die Archäologen. Als man bei Grabungen nahe Jericho gewaltsam zerstörte Mauern fand, waren sogleich die Posaunen schuld. Jeder kaputte Ziegel wurde als Manöverschaden aus Josuas Blitzkrieg gedeutet.
Erst in jüngerer Zeit geriet diese Lesart der Bibel zunehmend in Bedrängnis. Abraham reitet ständig auf Kamelen herum. Wie war ihm das möglich? Als Lastenträger kamen diese Tiere erst nach 1000 v. Chr. zum Einsatz.
Bald geriet auch Mose in Verdacht, nur eine Fabelfigur zu sein. Um 950 v. Chr. habe der Verfasser der Sinai-Geschichte gelebt, und zwar als Hofschreiber im Palast von König David, so der alte Verdacht. Nur, warum zahlen die Juden dann - in 1. Mose, 42 - ihr Getreide mit Metallgeld? Die ältesten Münzen stammen aus Kleinasien und wurden erst im 7. Jahrhundert v. Chr. erfunden.
Keine Frage: Der Pentateuch, die fünf Bücher Mose, die von den gläubigen Juden als Tora verehrt und für besonders heilig gehalten werden, ist keine Primärquelle aus der Bronzezeit. Schriftkundige "Fälscher" (Krauss) haben ihr nur eine künstliche Patina verpasst.
Vor allem das Buch Josua verdreht die Realgeschichte total. Rasant prescht darin der Feldherr bei seinem Eilkrieg über den Jordan und rottet, angetrieben vom jähzornigen Herrn, die Urbevölkerung und deren Vielgötterei aus.
Die neuen Grabungen, die Israels Antikenbehörde derzeit durchführt, zeigen nun das ganze Ausmaß des Schwindels. "Die Besiedlung Kanaans verlief in Wahrheit friedlich und langsam", erklärt Finkelstein.
Fakt ist, dass um 1200 v. Chr. semitische Hirtenstämme von der Wüste aus ins westjordanische Bergland einsickerten und dort sesshaft wurden. Es waren Leute, die auf Holzpritschen schliefen und kein Schweinefleisch aßen. Ihre Häuser hatten Platz für vier bis fünf Personen.
* Der Norden der Region bis hoch zum See Genezaret bot den Neusiedlern einige Annehmlichkeiten. Zwischen den sanften Hügeln zogen sie Wein und Oliven.
* Weiter südlich, zwischen Jerusalem und Hebron, ging es karger zu. In zerklüfteten Schluchten wuchsen stachelige Sträucher, die Wasserlöcher waren knapp.
Insgesamt lebten um 1000 v. Chr. in den Bergen von Kanaan nur rund 50 000 Menschen. Der Süden war besonders ungastlich und extrem dünn besiedelt.
Zudem gab es ständig Ärger mit den Nachbarn. Edomiter und Moabiter lebten in der Nähe. Zur Küste hin, in der fruchtbaren Küstenebene, hatten sich die - vielleicht von Kreta stammenden - Philister in riesigen Städten breit gemacht. Weiter nördlich siedelten Phönizier, umtriebige Seehändler, die Kinder opferten (siehe Grafik Seite 139).
Uneingeschränkter Chef im Land aber war der Pharao. Er beutete die Kupferminen des Landes aus. Um 1250 v. Chr. ließ Ramses II. eine Kette von Burgen und Wasserstellen quer durch das Land errichten, den "Horusweg" - Ausfallstraße für die Nilarmeen.
Es ist schwer vorstellbar, dass ein Zeltschläfer wie Mose in diesem hochgerüsteten pharaonischen Sperrgebiet Feldzüge hätte anzetteln können. 1207 v. Chr. wird zwar ein Stamm Israel auf einer Stele von Pharao Merenptah genannt. Doch der Text bezieht sich auf eine Strafaktion des Nilkönigs und lautet barsch: "Dein Same, Israel, ist dahin."
Tribute zwackte der Pyramidenboss den Bürgern ab. Wer der Fronarbeit entgehen wollte, floh in die Berge. Dort lebten bald Flüchtige und Outlaws. Viele Experten leiten den Begriff Hebräer von "hapiru" ab - was so viel wie "Vagabund" heißen kann.
Ausgerechnet in dieser armseligen, karstigen Welt von Kanaan lässt die Bibel glanzvolle Monarchien erstehen. Wo in Wahrheit bärtige Hirten in Wollkutten lebten, erstreckte sich angeblich das Superreich von David. Mehr noch bei seinem Nachfolger Salomo greift die Bibel in die Vollen. 700 Angetraute leben im Harem dieses Regenten. 300 weitere Frauen liebkost er auf unehelicher Basis. Sein Palast ist riesig und gemütlich mit Teppichen ausgelegt. Und die Schatulle quillt über: Laut Bibel über-
traf Salomo "an Reichtum alle Könige der Erde".
Auch kulturpolitisch klotzt der Monarch. Mose, als Wüstennomade, hatte noch im "Offenbarungszelt" dem Herrn geopfert. Salomo errichtet Gott nun ein Haus aus Stein. Es ist "ganz mit Gold überzogen" und innen mit libanesischer Zeder ausgeschlagen. Im Allerheiligsten steht die Bundeslade.
Alle Versuche, dieses Heiligtum archäologisch nachzuweisen, sind allerdings gescheitert. "Wir haben nicht mal den Grundriss des Tempels", gibt der Forscher Bloedhorn zu.
Kein Zweifel, das Alte Testament fabuliert. Hütten werden zu Palästen hochstilisiert. Die Landnahme in Kanaan ist Nonsens. Ob Mose je gelebt hat, bleibt zweifelhaft. Und die Geschichte von Salomo gilt dem Schweizer Alttestamentler Othmar Keel als eine "Idealzeit" ohne historischen Kern.
Wer griff da ins Rad der Geschichte? Welchen Zweck verfolgte er? Und - besonders wichtig - wie lange war die biblische Propagandamaschine in Betrieb?
Die Lösung dieser Fragen bereitet einiges Kopfzerbrechen. Die Urheber der Heiligen Schrift gingen geschickt zu Werke. Je mehr die Forscher in der Tora blättern, desto mehr Fangschlingen tun sich auf.
Allein an den Büchern Mose arbeiteten mindestens vier Verfasser. Einer davon war der "Jahwist", der den Namen Gottes stets mit dem Tetragramm JHWH ("Ich bin, der ich bin") schreibt und wohl aus Jerusalem kam. Ein anderer Erzähler ("Elohist") lebte wohl im Norden des Landes. Er nennt Gott Elohim oder El.
Schwierig wird die Sache, weil das Buch Gottes nicht nur Dichtung und Phantasie enthält. Einige Teile der Bibel erinnern fast an ein Lexikon der Realgeschichte.
Harte Fakten liefern zum Beispiel die "Bücher der Könige": Sie berichten über die Zeit von etwa 1000 bis 587 v. Chr., als das nebulöse Imperium des Salomo zerbrach und sich zwei Teilstaaten bildeten - Israel und Juda.
Haarklein erzählen die Autoren über Kanalarbeiten, Steuerdekrete und Kriege in diesen Zwillingsstaaten. Insgesamt 42 Könige werden unter Angabe ihrer Regierungszeiten genannt.
Wurden hier etwa alte Chroniken und Herrscherlisten benutzt? Gezielt durchsuchten die Forscher die mesopotamischen Keilschriftarchive. Und tatsächlich: Insgesamt fünf der biblischen Ur-Könige tauchen auch dort namentlich auf.
Das wichtigste Beweisstück legten die Fahnder 1993 im "Tell Dan" frei, einem Siedlungshügel in Nordisrael. Es ist eine Stele mit Nennung "Haus David". Der Stammvater lebte also womöglich wirklich - wenn auch nur als "Duodezfürst eines Stadtstaates" (Finkelstein).
Im Licht der neuen Funde aus der Negev-Wüste und Samaria lässt sich die dunkle "Königszeit" nun endlich besser nachzeichnen. Um 950 v. Chr. verlor Ägypten die Kontrolle über seine Vasallen. In diesem Machtvakuum konnten sich die hebräischen Stammeshäuptlinge breit machen:
* Zuerst bildet sich im Norden der Ur-Staat "Israel". 884 v. Chr. bestieg dort, wie Inschriften beweisen, ein König Omri den Thron. Das Land hatte kaum 100 000 Einwohner (siehe Grafik Seite 139).
* Ärmlicher sah es in Juda aus, dem südlichen Nachbarstaat im Raum Jerusalem. Wegen des dürren Bodens lebten dort kaum 10 000 Menschen in festen Siedlungen.
Mit Spaten und Minibaggern haben Archäologen die ganze Bescheidenheit dieser staatlichen Urzellen der Hebräer freigelegt. In Samaria fanden sie ein paar Wein-Quittungen, in Arad verwitterte Briefe aus Ton. Ansonsten griffen die Hirten und Ölbauern fast nie zum Schreibblock.
Bald war es selbst damit vorbei. Im 9. und 8. Jahrhundert wuchs am Tigris ein Staatskoloss heran, der immer unverhohlener nach der Weltherrschaft gierte: Assyrien.
Das Land dürstete danach, den Karawanenhandel unter Kontrolle zu kriegen. Weihrauch und Gewürze brachten die Kaufleute vom Jemen bis nach Gaza. Wer den Endpunkt kontrollierte, konnte den ganz großen Profit erzielen.
732 v. Chr. griff König Tiglatpileser III. zu. Rasch rückte sein Heer bis zum Mittelmeer vor und unterjochte riesige Landstriche. Auch der Zwergstaat Israel geriet unter die Räder. Als Provinz Samaria wurde er dem assyrischen Imperium einverleibt. Nur das Armenhaus Juda blieb vorerst verschont.
Der Gießener Archäologe Volkmar Fritz konnte zeigen, wie brutal die Eroberer vorgingen. Der Forscher gräbt in Kinneret am See Genezaret. Das 500-Einwohner-Dorf sei mit einem Hagel aus "eisernen Pfeilspitzen" belegt worden, erzählt er. "Dann zertrümmerten die Soldaten die Häuser mit Brecheisen."
Zur Politik der Angreifer gehörten auch Deportationen. 13 500 Israeliten mussten zwangsweise die Heimat verlassen. Ein in Ninive entdecktes Relief zeigt, wie die Juden mit krummen Rücken und geschulterten Säcken in die Fremde marschieren. Daneben sind Gepfählte zu sehen.
Aber auch der kleinere Bruderstaat Juda blieb bedroht. Eine Flut von Kriegsflüchtlingen ergoss sich nach Jerusalem. Die Bevölkerung wuchs von 2000 auf vielleicht 15 000 Einwohner - und war den Launen des waffenstrotzenden Nachbarn schutzlos ausgesetzt.
In dieser bedrohten Lage, glauben die gemäßigten Bibel-Kritiker um Finkelstein, vollzog sich ein Wunder: die Geburt des Glaubens an einen Gott ("Monotheismus").
Aus tiefster Not und eingequetscht von den Supermächten Ägypten und Assyrien, so das Szenario, habe sich das kleine Juda zur Offensive entschlossen und Rettung gesucht. Weil es kaum Militär hatte, wehrte es sich mit Metaphysik.
Den Anschub für das Projekt Jahwe soll dabei König Josia (639 bis 609 v. Chr.) gegeben haben. Die Bibel feiert ihn als Mann, der gekommen war, um die Spuren fremder Verehrung auszumerzen und das Volk Israel durch das genaue Befolgen des Gesetzes zur Erlösung zu führen.
Flugs, so die Annahme, rief der König seine Priester auf, einen religiösen Beschützer zu erfinden und das "nationale Epos" vom verheißenen Land zu schreiben.
Zuerst galt es, das Selbstwertgefühl der Nation zu stärken und die drohende Überfremdung abzuwehren. Also setzten die Tempelleute auf Abschottung. Sie wollten eine "ethnische Abgrenzung" (Finkelstein).
Wer die Bibel genau liest, stößt auf eine Vielzahl an Lebensregeln und Tabus. Der Verzehr von Schwein, Hase oder Kamel zum Beispiel war den Jahwe-Anhängern verboten. Milchspeisen durften nie mit Fleisch in Berührung kommen.
Am Passa aß die Gemeinde ungesäuertes Brot. Am Samstag war das Feuermachen nicht erlaubt. Männlichen Säuglingen trennte der Mohel, der Beschneider, am achten Tag die Vorhaut ab. Zentrale Bedeutung hatte auch das Verbot der "Mischehe".
Neben diesen Vorschriften, mit denen sich die Religionsgemeinschaft in Juda schrittweise absonderte, soll Josia aber auch mehr Metaphysik eingefordert haben. Bis dahin war Jahwe offenbar nur ein Donnergötze, verehrt als Stadtgott Jerusalems auf dem Berg Zion. Nun wurde er zu einer universalen Macht.
Fast alle Bibelkundler hegen den Verdacht, dass das 5. Buch Mose, das berühmte "Deuteronomium", das Ergebnis von Josias Kultreform widerspiegelt. Dieses Buch ist geprägt durch eine ganz eigene Sprache, die sonst in keiner anderen Quelle anzutreffen ist:
* Kompromisslos verurteilt das Werk die Anbetung anderer Götter und droht bei Zuwiderhandlung furchtbare Strafgerichte an.
* Gott wird als völlig entrückt und transzendent dargestellt.
* Zugleich enthält das Buch ein absolutes Verbot: Der Opferdienst für Jahwe darf nur im Tempel von Jerusalem durchgeführt werden - und nirgendwo sonst.
Mit diesen Dekreten strebten die Zion-Priester das Glaubensmonopol an. Vor allem wollten sie ihre Kollegen im assyrisch unterjochten Bruderstaat Israel aushebeln. Denn auch diese betrieben auf dem Berg Garizim, 50 Kilometer von Jerusalem entfernt, ein großes Jahwe-Heiligtum.
Dieser Streit zwischen Juda und Israel durchzieht unterschwellig das ganze Alte Testament. Wo sie konnten, schwärzten die Leute aus Jerusalem die Nachbarn aus dem Norden an.
Besonders auffällig ist diese einseitige Darstellung - die Experten sprechen von "polemischer Verzerrung" - in den "Königsbüchern". Die Bewohner Israels treten dort zumeist als kleinmütige Versager auf. Ihre Könige sind nahezu allesamt Frevler und Sünder. In Juda dagegen leben überwiegend fromme und gottesfürchtige Leute.
Sogar vor Betrug und Dokumentenfälschung scheuten die Zion-Priester nicht zurück. Um ihrem Alleinvertreter-Anspruch mehr Gewicht zu verleihen, ersannen sie einen raffinierten Plan.
Im 2. Buch der Könige wird erzählt, dass der Hohepriester Hilkia 622 v. Chr. bei Aufräumarbeiten im Tempel von Jerusalem angeblich ein uraltes "Buch der Gesetze" gefunden habe. In Wahrheit, so die Experten, war die Tinte dieser mysteriösen Tempelschwarte kaum getrocknet. Hinter ihr verbarg sich das frisch geschriebene "Deuteronomium".
Aus der Sicht der gemäßigten Bibelkundler stellt sich die Sache also wie folgt dar: Um 630 v. Chr. schrieben die "Deuteronomisten" Kernstücke der Bibel. Sie erfanden die Figuren Abraham und Mose und verlegten deren Wirken durch einen Trick in die Vergangenheit.
Aber stimmt das? Hatte sich die Idee vom bildlosen Jahwe schon im 7. Jahrhundert durchgesetzt? Den "Minimalisten" geht selbst die Bibelkritik der gemäßigten Forscher um Finkelstein nicht weit genug. Ihr Argwohn gegen die Bibel ist noch viel größer - und sie haben gute Gründe.
Historiografie, Ethik, Staatskunde - ungeheure Leistungen sind in dem Werk enthalten. Und all das soll lange vor Platon und Herodot entstanden sein?
Tatsächlich nahm die Antike von den Genies aus Juda kaum Notiz. Herodot erwähnt zwar irgendwelche Leute aus Syropalästina, die sich beschneiden lassen. Von ihren großen Taten weiß er nichts. Erst im 4. und 3. Jahrhundert wurde das Echo stärker.
Die geistigen Spitzenleistungen stehen zudem im auffälligen Kontrast zum technischen Standard, den das kleine Land damals aufwies.
Ungeschickt wirkt ein Projekt, das um 720 v. Chr. der damalige König in Jerusalem anschob. Er wollte über einen unterirdischen Kanal Wasser in die Stadt leiten. Der Tunnel hat über 20 Blindstopfen, weil die Arbeiter immer wieder in die falsche Richtung hämmerten - dennoch feiert die Bibel genau dieses Werk als Glanzleistung der Wasserbaukunst.
Die Fraktion der Minimalisten hält die Kultreform von Josia denn auch für eine Übertreibung. Die Geschichte mit dem angeblich uralten, streng monotheistischen "Buch der Gesetze" sei eine Erfindung aus noch späterer Zeit.
Die Spatenfunde, die jetzt zu Tage kommen, unterstützen diese Ansicht. Die Abschaffung der Vielgötterei zog sich viel länger hin als bisher bekannt. Noch um 600 v. Chr. lebte die Bevölkerung von Juda polytheistisch wie ihre Nachbarn. "Es gab keine Unterschiede zwischen ihrer Religion und den umliegenden Kulturen", erklärt der Tübinger Alttestamentler Herbert Niehr.
Wichtige Erkenntnisse, was damals wirklich im abgelegenen Bergland um Jerusalem ablief, hat die Forschung dem Schweizer Alttestamentler Othmar Keel zu verdanken. In einer Fleißarbeit untersuchte er rund 8500 Stempelsiegel aus dem syropalästinischen Raum. Sein Fazit: In Kanaan wimmelte es von Götzen.
Kaum eine Bergkuppe, auf der nicht die Opferfeuer kokelten. Vor den Häusern der Bauern standen kleine Altäre aus Kalkstein. Hier verehrten die Farmer ihre Ahnen. Um 650 v. Chr., so Keel, erlebte das Land zudem einen "Boom der Astralkulte". Die Götter der Siegermacht aus Assyrien kamen in Mode.
Und überall warf sich das Volk dem Blitze schleudernden Baal zu Füßen. "Wie alle vom Regenfeldbau abhängigen Völker standen in der Levante die Wettergötter im Pantheon ganz oben", sagt Niehr, "der Wettergott Baal wurde in vielen lokalen Varianten verehrt. Eine davon ist Jahwe."
Mit Blitz und Speer wurde der Hauptgott anfangs dargestellt. Und er hatte eine Frau: die Liebesgöttin Aschera. Die dänische Expertin Tilde Binger nennt die himmlische Dame "Gemahlin" des Herrn.
Völlig nackt und mit einer merkwürdigen Krone - so wurde diese Ikone der Fruchtbarkeit von den Menschen angebetet. Sogar im Tempel von Jerusalem muss damals ein Kultbaum der Aschera gestanden haben.
Als Beweis dient ein sensationeller Fund. Es ist ein kleiner Granatapfel aus Elfenbein mit der Aufschrift "heiliger Priesterbesitz aus dem Tempel Jahwes". Die Kugel, gedeutet als Aufsatz eines Zepters, stammt aus dem 7. vorchristlichen Jahrhundert. Granatäpfel waren Symbole der Aschera-Göttin. Sie zierten auch den Rocksaum des Hohepriesters.
Von diesem Gewusel, wie es damals am Götterhimmel Kanaans herrschte, berichtet die Bibel kaum. Geschickt spitzten ihre Autoren die Heilsgeschichte auf Jahwe und dessen Siegeslauf zu. Missliebige Nachrichten filterte die Tempelzensur heraus.
Und sie übertrieb. Dramatisch erzählt die Bibel, wie - angeblich um 750 v. Chr. - der Prophet Hosea mit Feuereifer durchs Land eilte und unbarmherzig die Abgötterei verfolgte. Elija tötet am Ufer des Kischon gleich 450 Baal-Priester auf einen Streich.
All das sind - später geschönte - Deutungen der Geschichte. Zwar gehen viele Forscher davon aus, dass sich damals in Kanaan tatsächlich eine "Jahwe-Allein-Bewegung" formierte. Doch deren Anhänger waren noch "randständige Außenseiter" (Kinet), die erst langsam an Einfluss gewannen.
Die Elite von Jerusalem jedenfalls hatte mit den Visionären anfangs wenig am Hut. Um 590 v. Chr. ließ sich ein reicher Bürger der Stadt begraben. Der Tote trug zwar auf der Brust eine Silberplatte mit einer alttestamentarischen Segensformel.
Doch in der düsteren Gruft fand sich auch ein Amulett der ägyptischen Katzengöttin Bastet. Der Prophet Ezechiel nennt solche Anhänger "Mistzeug".
Und selbst Jahwe war um 600 v. Chr. wohl noch nicht so fern, entrückt und bildlos, wie er im 5. Buch Mose auftritt. Der Religionsforscher Niehr ist sicher: "Im Tempel von Jerusalem stand damals noch ein Kultbild des Gottes."
Ganz mit Gold überzogen, stumm im Allerheiligsten stehend und bewacht von den Kerubim - so mag man sich die Figur vorstellen. Angebetet wurde sie wohl als "Herr der Ehre", wie es in der Bibel heißt.
Erst im Jahr 587 v. Chr. vollzog sich jenes Ereignis, das dem Monotheismus dann wahrscheinlich zum Durchbruch verhalf. Nun wurden die Sprungfedern zur Transzendenz wirklich gespannt.
In jenem Jahr ereignete sich eine Zäsur, die als großer Wendepunkt in die Geschichte des Volkes Israels einging. Über das Land brach eine "nationale Katastrophe" herein.
Es war ein Sommertag, als sich von Nordosten aus eine gigantische Armee der Festung Jerusalem näherte. Schon aus der Ferne war das Klirren der Speere und das Rumpeln der Kampfwagen zu hören. Der Babylonier Nebukadnezar war auf dem Durchzug nach Ägypten.
18 Monate lang belagerte der Feldherr die Stadt. Die Pfeile seiner Bogenschützen verdunkelten den Himmel, Holzrammen dröhnten gegen die Stadttore. Erst nach zähem Kampf gaben die Bürger vom Zionberg auf.
Wie damals üblich, ging es den Unterlegenen brutal an den Kragen. Jerusalems Kö-
nig Zedekia wurden die Augen ausgestochen. Nun hatte auch Juda, der klei-ne Bruderstaat, seine Unabhängigkeit verloren.
Selbst vorm Allerheiligsten machte der lästerliche Feind nicht Halt: Der Tempel Jerusalems ging in Flammen auf.
Einen Teil der Oberschicht, angeblich 15 000 Menschen, ließen die Sieger ins Zweistromland verschleppen. In Babylon bildete sich bald eine jüdische Kolonie.
Frühestens hier, in der Diaspora, am Fuß des Riesenturms Etemenanki, auf dessen 91,5 Meter hoher Spitze eine Sternwarte stand, so sehen es immer mehr Forscher, hätten die Hebräer das Sehnsuchtsmotiv vom "verheißenen Land" entwickelt - gerade weil sie keines mehr besaßen.
Aber auch ihre Gottesvorstellung selbst erhielt in der Fremde neue Impulse - und zwar aus Persien.
Denn der grause Nebukadnezar und sein Superturm (der später durch Wind und Wetter zerfiel) blieben nur eine Episode. 539 v. Chr. eroberten die Perser weite Teile der antiken Welt. Ihr Glaubenslehrer Zarathustra verkündete eine Lehre, die ebenfalls Engel kennt und auf dem Gegensatz von Gut und Böse basiert.
Und auch Ahuramazda, der Hauptgott der Perser, war ein Wesen ohne Gestalt. Altäre baue dieses Volk nicht, schreibt der Historiker Herodot: "Wer das tue, sei töricht, sagen sie. Offensichtlich stellen sie sich die Götter nicht wie die Griechen als menschenähnliche Wesen vor."
Tatsache ist, dass die fernen Morgenländer den aufblühenden Jahwe-Kult nach Kräften unterstützten. 538 v. Chr. erlaubten sie den Juden die Rückkehr in ihre Heimat.
Rund 30 000 Menschen kehrten damals ins karstige Juda zurück - darunter viele Priester. Stracks bauten sie den verkohlten Tempel auf dem Berg Zion wieder auf.
Neuer Bürgermeister von Jerusalem wurde 445 v. Chr. Nehemia, vormals Mundschenk beim Perserkönig Artaxerxes. Ihm zur Seite stand Esra, der das Amt des Hohepriesters übernahm. In der Bibel nennt er sich "Beauftragter für das Gesetz des Gottes des Himmels".
Nun erst, als Verwalter der persischen Provinz Jehud (Radius: 30 Kilometer), so die Annahme der Minimalisten, seien die radikalen jüdischen Reformer zur Hochform aufgelaufen. Vergleichbar den klösterlichen Fälscherbanden des Mittelalters, die Urkunden umdatierten, hätten sie das hebräische Schrifttum durchgeflöht, umgeschrieben und dabei ganze Königreiche erfunden.
Vor allem aber bekämpften die Rückkehrer den Kult um die Fruchtbarkeitsgöttin Aschera. Alttestamentler Keel spricht von einer "religiösen Kontrolle". Die nackten Ton-Idole der Himmelsdame seien verboten und zerschlagen worden.
In der Bibel ist von den damals tobenden Glaubenskämpfen fast nichts zu lesen. Nur ganz selten übersah die Tempelzensur verräterische Stellen: In Psalm 68 wird Gott "Wolkenfahrer" genannt. Diesen Namen trug auch der heidnische Wettergötze Baal.
Erst die Archäologie gibt jetzt eine Ahnung von den wahren Vorgängen jener Epoche. Besonders spannend ist eine aktuelle Grabung im ägyptischen Assuan. Dort lebte auf einer Nilinsel eine Gruppe jüdischer Söldner, die engen brieflichen Kontakt mit Jerusalem hielten. Aus der Zeit von 460 bis 407 v. Chr. liegt Tempelpost vor. Die Schriften zeigen, dass die Auslandsjuden selbst zu dieser Zeit noch neben ihrem Hauptgott Jahu mindestens drei weitere Götter verehrten, darunter die Liebesgöttin Anat.
Die radikalen Religionsforscher wundern solche Befunde nicht. Für sie ist die Bibel eine Glaubensschrift, die nur lockeren Umgang mit der Wahrheit pflegt.
Aber auch unter den konservativen Gelehrten machen sich Zweifel breit. Der Theologe Niehr hat in seiner Zunft eine allgemeine "Tendenz zur Spätdatierung" der Bibeltexte ausgemacht. Er selbst schlägt vor, Mose und Co. "durch die Brille der persischen und hellenistischen Zeit" zu lesen.
Besonders merkwürdig ist in dem Zusammenhang ein rätselhaftes und selbst
unter Fachleuten kaum bekanntes Heiligtum. Es liegt an der Straße 443, die nördlich von Jerusalem Richtung Ramot führt. Offiziell heißt die Stätte "Nebi Samuel" - der Prophet Samuel.
Hinter verrosteten Metallzäunen verbirgt sich ein fast 1000 Quadratmeter großer Kultplatz. In harter Knochenarbeit wurde fast die gesamte Bergkuppe abge-
fräst und wie eine Rollschuhbahn geglättet. Am Rand stehen Reste von Weinpressen sowie Stallungen fürs Opfervieh.
Im vorläufigen (und nur in hebräischer Sprache vorliegenden) Grabungsbericht heißt es, dass die Stämme Israels hier den Himmel um Regen anriefen und andere "bedeutende religiöse Rituale" vollzogen.
Noch im "2. Jahrhundert vor Christus" sei der Platz in Gebrauch gewesen.
Was für eine Entdeckung! Keine zehn Kilometer von Jerusalem entfernt, auf ei-
nem Berg und fast auf Sichtweite zum großen Jahwe-Heiligtum, wurden demnach selbst in hellenistischer Zeit noch heidnische Regentänze aufgeführt.
Angesichts solch bizarrer Befunde hat der Alttestamentler Diebner seine Kollegen zur "metakritischen Quellenschau" aufgerufen. Sein Motto: Seid misstrauisch beim Bibellesen.
Noch die Makkabäer, glaubt der Forscher, hätten Kerntexte der Bibel umgeschrieben. Der Name steht für eine Gruppe von Hohepriestern und Königen, die um 140 v. Chr. von Jerusalem aus die Unabhängigkeit erkämpften. Für kurze Zeit blühte damals im Gelobten Land ein Gottesstaat, geführt von den Anhängern Jahwes.
Kurz danach gingen die Eiferer sogar militärisch in die Offensive. Es gelang ihnen, den verhassten Norden zu überrennen. Der Sakralbau auf dem Garizim, "Rivale des Jerusalemer Tempels" (Dubnow), wurde zerstört.
Erst in diesem geschichtlichen Augenblick, meint Diebner, sei der Traum vom panisraelitischen Großreich entstanden, der sich wie ein Leitmotiv durch die Heilige Schrift zieht. Der einst so viel größere Nachbarstaat wurde geschluckt und dessen alter Name "Israel" zum neuen Schlachtruf der ganzen Nation.
Diebner drückt es so aus: "Es vollzog sich die Destruktion der Kultur Samariens, das heißt die imperialistische Integration der Kultur der samaritanischen Kulturgemeinde in ein judäisch beherrschtes und kontrolliertes Kultur-System."
Nun erst, glauben die Minimalisten, entstand die - fiktive - Vorgeschichte vom Erzvater Abraham. Dessen mit realen Ortsnamen gespickte Wanderung durch Kanaan umfasst etwa jenes Gebiet, auf das die Makkabäer Anspruch erhoben.
Und auch die berüchtigte Story von der Landnahme Kanaans, in der Gott dem auserwählten Volk befiehlt, die ansässige Urbevölkerung "auszutilgen", passt viel besser in die Zeit der Makkabäer, die in schwere Geländekämpfe verstrickt waren.
Ist das Buch Josua also eine "Programmschrift aus dem 2. vorchristlichen Jahrhundert", wie der dänische Forscher John Strange spekuliert? Auch der Bibelkenner Krauss vermutet: "Es sieht so aus, als wollte der Verfasser des Buches Josua den Hohepriestern die richtige Politik gegenüber den heidnischen Nachbarn in dichterischem Gewand empfehlen."
Kein Zweifel: An den theologischen Fakultäten werden derzeit unbequeme Gedanken ausgebrütet. Die jüdische Orthodoxie verschließt eher die Ohren. Ihr gilt schon der gemäßigte Forscher Finkelstein als Nestbeschmutzer.
Nüchterne Analysen sind in Israel zur- zeit nicht gefragt, es blüht der sentimentale Fanatismus. Jeden Freitagabend treten religiöse Juden unter Polizeischutz an der Klagemauer zum Gebet an. Wenige Meter über ihnen, auf dem Burgberg, in der Aksa-Moschee, knien Muslime.
An dieser Situation wird sich so schnell nichts ändern. Hass steht gegen Hass, Religion gegen Religion, Besitzanspruch gegen Besitzanspruch.
Die Tora ist zwar ein "herausragendes Ergebnis menschlicher Einbildungskraft" (Finkelstein). Sie zeugt vom Triumph des Homo sapiens, der sich von den Fesseln des Naturmythos befreite und in die Sphäre des ethischen Gesetzes vorstieß.
Zugleich aber tischt die Bibel auch fromme Lügen auf. MATTHIAS SCHULZ
* Oben rechts: kolorierter Holzschnitt um 1860; rechts: aus Ugarit. ** Israel Finkelstein, Neil A. Silberman: "Keine Posaunen vor Jericho". Beck Verlag, München; 384 Seiten; 26,90 Euro. * Auf dem Titusbogen-Relief (81 n. Chr.). * Beim Empfang der Königin von Saba in seinem Palast; Gemälde von Edward Poynter (1890). * Das assyrische Relief (701 v. Chr.) zeigt die Zwangsumsiedlung von Bewohnern der israelitischen Stadt Lachisch. * Mit dem israelischen Minister Rabbi Michael Melchior am 26. März 2000. * Mit Texten des Propheten Jesaja (um 125 v. Chr.).
Von Matthias Schulz

DER SPIEGEL 52/2002
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