30.12.2002

SAURIERTiger der Urmeere

Karlsruher Forscher haben Überreste des wohl größten Raubtiers aller Zeiten gefunden: eines schwimmenden Reptils, lang wie ein Eisenbahnwaggon, das selbst Haie in wenigen Bissen verschlang.
Der Kampf der Giganten spielte sich direkt vor Amerikas Küsten ab. Mit der Wucht einer Dampfpresse rammte der Angreifer sein rosettenartig angeordnetes Gebiss in den Kopf des Gegners. Krachend durchbohrte einer seiner dolchartigen Vorderzähne den Schädelknochen.
Ob die beiden schwimmenden Reptilien sich um Revier oder Weibchen stritten, wird sich wohl nicht mehr klären lassen. Nur dass das Opfer den Angriff nicht lange überlebte, ist gewiss. Denn jetzt, 150 Millionen Jahre nach dem Urzeitdrama, kam sein Skelett ans Tageslicht.
Was heute noch von dem Gemetzel zeugt, haben Karlsruher Forscher in Mexiko aus der Erde gegraben. In der Nähe des Örtchens Aramberri im Nordosten des Landes entdeckten sie die Knochen eines gigantischen Meeressauriers. Etwa 18 Meter soll das Fleisch fressende Reptil aus der
Gruppe der Pliosaurier lang gewesen sein.
Allein sein Schädel hatte die Größe eines Kleinwagens. In einem Schädelstück klafft ein Loch von 10 Zentimeter Durchmesser - gebohrt vom Zahn eines Angreifers, der noch um einiges gewaltiger gewesen sein muss.
Bisher ist nur wenig über die Pliosaurier bekannt. Denn alles Wissen über diese Giganten der Urzeitmeere beruht auf Skelettfragmenten. "An unserem Fundort dagegen liegt ein fast komplettes Exemplar begraben", schwärmt der Paläontologe Eberhard Frey vom Staatlichen Museum für Naturkunde in Karlsruhe. "Wir haben nun die einmalige Chance, einen dieser Riesen ziemlich verlässlich zu rekonstruieren."
Nicht nur das vollständigste, sondern auch das gewaltigste aller Pliosaurier-Skelette hat Frey zusammen mit seiner Karlsruher Kollegin Marie-Céline Buchy und Forschern der Universidad Autónoma de Nuevo León im mexikanischen San Nicolás aus dem Fels gekratzt. Höchstwahrscheinlich handele es sich um eine gänzlich unbekannte Art mit wahrhaft Furcht erregenden Maßen: "Dieses Tier war dreimal so lang wie ein Tyrannosaurus hoch ist", erklärt Frey. "Monster von Aramberri" tauften die Forscher die Kreatur.
Der sensationelle Fund wirft neues Licht auf eine Zeit, in der es in den Urmeeren nur so wimmelte von seegängigen Riesenreptilien. Während an Land die Dinosaurier herrschten, verbreitete unter Wasser eine Gruppe von Raubsauriern Angst und Schrecken, gegen die Tyrannosaurus rex wie ein Schoßhündchen wirkt (siehe Grafik).
Als noch harmloseste Vertreter dieser mit den Dinosauriern nur entfernt verwandten Reptilien können die Elasmosaurier gelten, die der britische Paläontologe Dean Conybeare einst als "Schlangen, die durch den Körper von Schildkröten hindurchgefädelt wurden" bezeichnete. 13 Meter misst das größte bislang ausgegrabene Exemplar. Sein Hals allein war so lang wie eine ausgewachsene Anakonda, hatte über 70 Wirbel und trug einen im Vergleich zum Körper winzigen Kopf. Elasmosaurier jagten wahrscheinlich Urtintenfische wie Belemniten und andere langsam schwimmende Meerestiere.
Noch größer konnten die Ichthyosaurier werden, die äußerlich heutigen Delfinen ähnelten. Mit ihrer kräftigen Schwanzflosse, einer Rückenfinne und vier Seitenpaddeln waren sie wahrscheinlich schnelle Sprinter, denen jedoch wegen ihres Reptilienstoffwechsels schon nach wenigen Metern die Puste ausging. In den Skeletten erwachsener Ichthyosaurier haben Forscher die Umrisse von Ungeborenen ausgemacht: Die stromlinienförmigen Fischsaurier brachten lebende Junge zur Welt.
Die gewaltigsten Bewohner der Urmeere jedoch kamen aus der Gruppe ebenjener Pliosaurier, von denen Frey und seine Kollegen nun ein besonders eindrucksvolles Exemplar gefunden haben. Gleichsam als Tiger der Urmeere besetzten sie die ökologische Nische an der Spitze der Nahrungskette, die heute Schwertwale, Delfine oder Pottwale einnehmen.
Auf ihrem kurzen Hals saß ein massiger Kopf. Das riesige Maul war vorn mit acht oder zehn dolchartigen, ineinander greifenden Zähnen besetzt. Dahinter saßen nochmals bis zu 80 messerscharfe Zähne. Das Meer durchpflügten die Tiere in einer Art Unterwasserflug, wie er heute bei Pinguinen oder Schildkröten zu beobachten ist: Angetrieben von vier meterlangen Schwimmpaddeln jagten und überwältigten sie Haie, große Kalmare und Meeresechsen.
"In großen Stücken" hätten die Tiere Fischsaurier und andere Riesenreptilien hinuntergeschlungen, berichtet Frey. Die versteinerten Skelette halb gegessener Ichthyosaurier und Zahnabdrücke in den Flossen von Elasmosauriern zeugten vom unersättlichen Appetit der Räuber. "Die haben den anderen Tieren die Flossen in einem Stück abgerissen und sie dann komplett gefressen", sagt der Forscher. "Kein anderer Meeresbewohner konnte es mit ihnen aufnehmen."
Dass Wissenschaftler heute überhaupt Einzelheiten aus dem Leben der Giganten kennen, verdanken sie versteinerten Überresten der Raubsaurier, die sich auf einigen Kontinenten in jura- und kreidezeitlichen Meeresablagerungen finden. Besonders eindrucksvoll etwa ist der australische Kronosaurus, den eine Expedition der amerikanischen Harvard-Universität schon Anfang der dreißiger Jahre im australischen Bundesstaat Queensland ausbuddelte. Unter Einsatz großer Mengen von Gips wurde das nur in wenigen Bruchteilen vorhandene Skelett des etwa 13 Meter langen Tieres (Spitzname: "Gipssaurier") rekonstruiert und ist bis heute im Harvard Museum of Natural History ausgestellt.
Einen anderen berühmten Pliosaurier beschrieb der französische Paläontologe Henri-Emile Sauvage schon vor fast 130 Jahren. Liopleurodon hat einen sehr dicken Hals und erinnert entfernt an einen Wal. Die Wirkung seines drei Meter langen, zähnestarrenden Unterkiefers war 1999 eindrucksvoll in der BBC-Serie "Walking with Dinosaurs" zu bestaunen. Auf bis zu 15 Meter Länge brachten es Angehörige dieser Gattung.
Doch damit scheint die Größe der kaltblütigen Meeresriesen noch nicht ausgeschöpft. Triumphierend verkündet der Karlsruher Paläontologe Frey nun: Das "Monster von Aramberri" müsse noch größer gewesen sein.
Die ersten Überreste des mexikanischen Pliosauriers entdeckten Forscher bereits 1982. Zunächst wurden die monströsen Wirbelsäulenstücke als Reste eines Dinosauriers missdeutet. Erst Freys Forscherteam erkannte bei einem Besuch in Mexiko die wahre Herkunft der Knochen. "Wir haben sofort gesehen, dass das kein Dinosaurier, sondern ein riesiges Meeresreptil war", erinnert sich Frey.
2001 reisten der Forscher und seine Kollegen erstmals direkt an die mexikanische Fundstelle - ein Gebiet, das zur Jurazeit eine Inselwelt "direkt vor Europas Haustür" war, wie Frey berichtet. 500 Kilogramm Material schleppten sie damals mit nach Hause. Im Herbst 2002 entdeckten sie weitere Gesteinsschichten mit Überresten des Reptils. Mehr als 20 Tonnen Schutt schaufelten die Paläontologen von Hand weg. Dann hatten sie den Lohn der Knochenarbeit vor sich liegen.
"Über eine Tonne versteinerter Knochen von dem Viech haben wir bei der letzten Expedition da rausgeholt", freut sich Frey. Mehrere Schädelfragmente konnten er und seine Kollegen bergen. Zudem fanden sich bis zu 40 Zentimeter hohe Wirbel und Teile riesiger Oberschenkelknochen in der Erde, die erste Rückschlüsse auf die Größe des Tieres zulassen. So kommt Frey auf die Körperlänge von etwa 18 Metern. Der Schädel allein brachte es auf wuchtige 3,5 Meter. Das Verblüffende: Die Knochenstruktur zeigt, dass der Riese noch nicht einmal ausgewachsen war.
"Die Schädelknochen waren noch nicht fest miteinander verwachsen", erläutert Frey. Auch die Beißmarke im Kopf weise darauf hin, dass noch größere Exemplare existierten. "Wenn ein 18 Meter langes Tier von einem anderen derart gebissen wird, dann war der Beißer noch deutlich länger", folgert Frey. Das Loch im Schädel zeuge vom Angriff eines 25-Meter-Tieres - ein Pottwal bringt es nur auf bis zu 20 Meter.
Damit käme den mächtigsten der Pliosaurier endgültig der Rang des größten Räubers aller Zeiten zu. Die Analyse der mexikanischen Funde, die am 7. Januar in 14 Kisten in Karlsruhe ankommen, soll noch mehr Details über die Tiere zu Tage fördern. Im Herbst geht es dann wieder an den Fundort. Dort hofft Frey zum Beispiel, den versteinerten Mageninhalt des verendeten Kolosses zu bergen.
Und vielleicht lässt sich dann ja auch das Drama im Urmeer noch zu Ende schreiben. Denn nicht sofort starb das "Monster von Aramberri" am Biss des Gegners. Um die Bissspuren am Kopf hat Frey verknöchertes Gewebe ausgemacht, wie es beim Heilungsprozess entsteht.
Ganz zuwachsen konnte die Wunde jedoch nicht mehr. Starb das Monster an der Entzündung der Wunde, wie Frey vermutet? Oder geschah gar ein weiterer Titanenkampf? Im Staub Mexikos könnte die Lösung des Rätsels noch verborgen liegen. PHILIP BETHGE
* Liopleurodon im BBC-Film "Walking with Dinosaurs" (1999); unten im Bild: Ichthyosaurier-Art.
Von Philip Bethge

DER SPIEGEL 1/2003
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