06.01.2003

PSYCHIATRIESpurensuche im Täterhirn

Mit bildgebenden Verfahren durchleuchten Forscher die Gehirne von Triebtätern und Psychopathen. Hat das Böse eine biologische Basis?
Mit Zirkeln und Meterstäben suchte der italienische Arzt Cesare Lombroso nach dem Bösen im Menschen. Er vermaß Schädel, Gesichter und Körper von Verbrechern - und stieß auf eine Fülle von Missproportionen, Verwachsungen und Absonderlichkeiten. Brandstifter etwa, so fand er heraus, seien meist bucklig, 1,71 Meter groß und hätten ein winziges Gehirn.
Die von ihm "Stigmata" genannten Merkmale glaubte Lombroso nur bei ganz bestimmten Menschen zu finden - bei Vergewaltigern, Dieben und Mördern. Die 1876 veröffentlichte These vom "geborenen Verbrecher" war eine Sensation - die Befunde allerdings allesamt falsch. Lombroso hatte gründlich gefehlt, und in der Kriminologie setzte sich die bis heute gültige Ansicht durch, Menschen würden erst durch ihre Umwelt zu Verbrechern gemacht.
Doch jetzt, ein Jahrhundert nach dem Tod des umstrittenen Kriminologen, suchen Wissenschaftler erneut nach dem biologischen Sitz des Bösen. Diesmal durchleuchten sie die Gehirne von Verbrechern mit modernsten Methoden wie der Kernspintomografie - und abermals wollen sie Absonderliches entdeckt haben.
"Abnormitäten bei der Gefühlsverarbeitung" glauben beispielsweise Forscher der Universität Regensburg in den Gehirnen von Psychopathen erspäht zu haben. Während sechs Probanden, die im Maßregelvollzug einsitzen, bestimmte Fotos betrachteten, verfolgten die Forscher mit der Kernspintechnik, welche Areale im Gehirn stark durchblutet und folglich besonders aktiv waren.
In insgesamt neun Hirnregionen unterschied sich das Aktivitätsmuster der Psychopathen von demjenigen gesunder Probanden. Äußerst gewagt interpretiert der federführende Psychiater Jürgen Müller, 39, den komplexen Befund so: "Es gibt da Veränderungen der Neurobiologie, die eine Straffälligkeit begünstigen."
Die Psychiater Harald Dreßing, 45, und Dieter Braus, 43, vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim wiederum haben - erstmals weltweit - das Gehirn eines Kinderschänders durchleuchtet. Sie zeigten dem homosexuellen Triebtäter das Foto eines Jungen in Unterwäsche (aus dem Katalog eines Versandhauses) und verfolgten unterdessen, was in seinem Gehirn geschah.
Zwar gab der Mann an, das Foto interessiere ihn nicht - die Ärzte jedoch vermuten das Gegenteil. Bestimmte Areale im Hirnstamm und im Frontalhirn seien verdächtig aktiv gewesen - und die spielen für Aufmerksamkeit und Erregung eine wichtige Rolle. Bei zwei Vergleichspersonen blieben ähnlich starke Signale selbst dann aus, wenn die Forscher ihnen erotische Fotos zeigten. Ob die Unterschiede allerdings wirklich typisch für Triebtäter sind, ist völlig ungewiss. Der Nervenarzt Braus zumindest scheint genau dies anzunehmen: "Eine krankhafte Pädophilie ist ja letztlich eine im Gehirn verankerte Fehlfunktion", argumentiert er. Durch den Anblick des Jungenfotos werde bei dem Psychopathen "eine Maschinerie im Gehirn in Gang gesetzt", die auf dem Monitor des Kernspintomografen sichtbar werde.
Angesichts solcher Thesen zweifeln einige Forscher schon, ob Kriminelle (und alle Menschen) überhaupt einen freien Willen haben. Sind Verbrecher nur Marionetten einer gestörten Gehirnchemie? "Einem Mörder eine individuelle Schuld zuzuschreiben", behauptet der Bremer Neurobiologe Gerhard Roth, "ist völlig absurd."
Gewiss, die Fallzahlen sind noch extrem gering und die Ergebnisse ganz vorläufig, beeilen sich die Forscher zu beteuern. Und doch haben sie suggestive Bilder in die Welt gesetzt und damit eine Debatte erzwungen - zumal sich die Hirndeuter in Regensburg und Mannheim nicht scheuen, kühne Ziele ins Visier zu nehmen. "Mit bildgebenden Verfahren könnte man die Gefährlichkeit eines Psychopathen oder Triebtäters womöglich präziser beurteilen als bisher", sagt der Mannheimer Psychiater Dreßing, der selbst regelmäßig vor Gericht als Gutachter auftritt.
Die andere Hoffnung der Wissenschaftler: dass die auffälligen Prozesse in den Täterhirnen sich mit Medikamenten regulieren lassen. "Vielleicht können wir diese Veränderungen eines Tages mit Tabletten behandeln", so der Regensburger Müller, "und im Kernspin kontrollieren, ob die Therapie erfolgreich ist."
Derlei Visionen hält Hans-Ludwig Kröber, 51, vom Institut für Forensische Psychiatrie der Freien Universität Berlin eher für gefährliche Hirngespinste. "Täter könnten versuchen, sich mit Gehirnaufnahmen aus der Verantwortung zu stehlen", prophezeit er. Gewiefte Verteidiger vor US-Gerichten haben bereits Gehirnscans benutzt, um die Zurechnungsfähigkeit ihrer Mandanten in Zweifel zu ziehen.
Zudem fürchtet Kröber, die neuen Verfahren könnten zur "Rasterfahndung nach Menschen ohne Mitgefühl und mit hoher Aggressivität" verführen. Wie im Spielfilm "Minority Report" würden Gedankenpolizisten Menschen mit auffälligen Scans verhaften, bevor sie eine Straftat begehen. Realistischer scheint die Vision, dass überführte Täter auf Grund ihres Gehirnprofils nicht freigelassen werden, selbst wenn ihre Strafe verbüßt ist oder ihre sonstige Prognose positiv ausfällt.
Dabei verraten die Hirnmuster rein gar nichts darüber, ob und warum ein Mensch zum Täter wird. In diesem Sinne sind die bunten Bilder aus den Köpfen von Psychopathen und Kinderschändern genau das, was Cesare Lombroso einst in die Welt setzte: Stigmata.
JÖRG BLECH
Von Jörg Blech

DER SPIEGEL 2/2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 2/2003
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

PSYCHIATRIE:
Spurensuche im Täterhirn