13.01.2003

TERRORHilfe für den großen Bruder

Auf Bitten der USA nahmen deutsche Fahnder in Frankfurt einen jemenitischen Scheich fest, der ein hoher Qaida-Führer sein soll.
Die Herren, die am vergangenen Freitagmorgen im Frankfurter Sheraton Hotel erschienen, hatten einen festen Vorsatz gefasst: Am Ende ihres Kurzbesuches sollten zwei gerade erst angereiste Gäste aus dem fernen Jemen ihr Quartier in der Edelherberge am Airport gegen eine Pritsche in einem hessischen Hochsicherheitsknast eintauschen müssen.
Als das Bundeskriminalamt (BKA) kurz nach halb elf den Erfolg der Aktion meldete, erreichte die Nachricht sofort Bundesinnenminister Otto Schily und seine Amtskollegin im Justizministerium, Brigitte Zypries. Auch die amerikanische Bundespolizei FBI, die eigens Beobachter nach Frankfurt gesandt hatte, und das Kanzleramt wurden eilig unterrichtet. Die hessische Polizeispitze rapportierte bei Ministerpräsident Roland Koch (CDU), und bei Schily war Freitagabend ein dankbarer US-Justizminister an der Strippe. Der Amerikaner, das kommt in diesen Tagen nicht so häufig vor, lobte die Deutschen für die gute Kooperation.
Denn die Verhaftung von Scheich Mohammed Ali Hassan al-Mudschad, 54, und seinem Sekretär Mohammed Moschen Jahja Sajjid gilt den Amerikanern als großer Schlag gegen Bin Ladens Terrornetzwerk al Qaida. Scheich Mudschad, was so viel heißt wie der von "Gott unterstützte Scheich", soll nicht nur der Imam der wichtigsten Moschee in der jemenitischen Hauptstadt Sanaa und ein Berater des dortigen Religionsministers, sondern auch ein hochrangiges Mitglied der Qaida mit direktem Kontakt zu Bin Laden sein. Im Jemen, der den Amerikanern als "Hot Spot beim Krieg gegen den Terror" ("International Herald Tribune") gilt, soll er Qaida-Mann für Finanzen und Logistik sein. Ein ganz dicker Fisch also.
Hier zu Lande ist man da noch nicht ganz so sicher. Als die US-Botschaft Anfang der vergangenen Woche die deutschen Behörden davon unterrichtete, dass ein Qaida-Spitzenfunktionär nach Frankfurt am Main komme und um dessen Festnahme bat, mussten die Anti-Terror-Experten zunächst einmal in ihren Akten blättern. Und selbst das half nichts: Über Mudschad ist nichts bekannt.
Weil aber die Amerikaner in Zypries' Ministerium einen internationalen Haftbefehl ablieferten und um Rechtshilfe ersuchten, kooperierten die Deutschen. Zudem gilt als sicher, dass die USA durch die Befragung von Hunderten Qaida-Verhafteten und die enge Kooperation mit der jemenitischen Regierung inzwischen weit mehr über das weltweite Netz wissen, als die Deutschen. Allein auf der US-Basis Guantanamo Bay auf Kuba sollen rund 70 Jemeniten einsitzen.
Offenbar bereits am vergangenen Mittwoch erschienen der Geistliche und sein Sekretär, mit ordentlichen Visa versehen, tatsächlich in Frankfurt und buchten sich im Sheraton ein. Wen sie trafen und was sie überhaupt in Deutschland wollten, will das BKA, das sie observieren ließ, nicht sagen. Das gefährde die Ermittlungen.
Im Fall Mudschad und seines Sekretärs werden die Amerikaner nun allerdings nicht umhinkommen, ihr Wissen zumindest mit der deutschen Justiz zu teilen. Denn über eine Auslieferung muss, sobald die Amerikaner ein entsprechendes Ersuchen gestellt haben, das Oberlandesgericht Frankfurt entscheiden. Dann müssen den Richtern Beweise vorgelegt werden. Die Prüfung kann Monate dauern.
Bereits Stunden nach der Verhaftung meldete sich die jemenitische Regierung und verlangte die Auslieferung. Man werde die Leute zu Hause vor Gericht stellen. Aussicht auf Erfolg dürfte der diplomatische Vorstoß allerdings kaum haben.
Am vergangenen Freitagabend, nachdem sie stundenlang verhört worden waren, kamen die beiden Jemeniten zunächst einmal in Untersuchungshaft.
Ganz wohl ist deutschen Sicherheitsexperten dabei nicht. Denn wenn die beiden wirklich zur Spitze der Terrororganisation gehören, könnte sich die ohnehin als angespannt geltende Sicherheitslage noch einmal verschärfen. Das Auswärtige Amt etwa sorgt sich vor Vergeltungsmaßnahmen gegen die deutsche Botschaft in Sanaa. Und das BKA warnte in einem vertraulichen Hinweis schon davor, dass sich die Lage der Deutschen in muslimischen Ländern weiter erschweren könne.
In Regierungskreisen verweist man daher gern darauf, dass es sich eigentlich um eine amerikanische Aktion gehandelt habe, bei der man den Verbündeten nur ein wenig zur Hand gegangen sei. CARSTEN HOLM,
GEORG MASCOLO, ANDREAS ULRICH
Von Carsten Holm, Georg Mascolo und Andreas Ulrich

DER SPIEGEL 3/2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 3/2003
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

TERROR:
Hilfe für den großen Bruder

  • "Star Wars"-Finale: Zeit für Antworten es ist
  • Wir drehen eine Runde: Mazda 3 Skyactive X: Der Benziner mit dem Diesel-Gen
  • Neue Protestbewegung in Italien: Sardinen gegen Salvini
  • Nach der britischen Parlamentswahl: "Ich bin sehr beunruhigt"