13.01.2003

KIRCHEVon Gott verlassen

Mit einem düsteren Szenario hat der Papst die Gläubigen verschreckt: Gott hat sich von den Menschen abgewandt. Ketzerei eines greisen Kirchenführers?
Worte des Trostes und der Hoffnung hatten die Pilger erwartet, und den päpstlichen Segen als krönenden Abschluss ihrer Audienz beim Heiligen Vater. Doch was Johannes Paul II. wenige Tage vor Weihnachten schwer verständlich ins Mikrofon nuschelte, klang ganz anders als sonst.
Es gebe eine große Tragödie, ließ der Parkinson-gebeugte Pontifex die versammelten Gläubigen wissen, "das Schweigen Gottes, der sich nicht mehr offenbart, der sich scheinbar eingeschlossen hat in seinem Himmel, wie angewidert vom Handeln der Menschheit".
Geradezu ketzerische Worte aus dem Mund eines Kirchenführers, der sich als der Stellvertreter ebendieses Gottes versteht, der nach christlicher Lehre den Seinen versprochen hat: "Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt."
Ein "schmerzhafter Schauer", berichten Teilnehmer, habe alle erfasst, die in der vatikanischen Audienzhalle dabei waren. "Hat sich Gott von uns abgewendet?", fragten Oskar Lafontaine und Peter Gauweiler bang und unisono in "Bild". Und der Leitartikler der "Frankfurter Allgemeinen" hörte aus dem päpstlichen Lamento den Sound von "apokalyptischem Pessimismus".
Doch so überraschend kommt dieser Pessimismus nicht. Die christliche Theologie, vor allem in Deutschland, beschäftigt sich schon länger, unter dem Schock des Holocaust, mit dem Schweigen Gottes. Wo war Gott in Auschwitz? Die Protestanten Dorothee Sölle und Jürgen Moltmann etwa sowie auf katholischer Seite der Vater der "Politischen Theologie", der emeritierte Münsteraner Professor Johann Baptist Metz, haben sich immer wieder mit dem an den Menschen leidenden Gott und mit dem Problem der von Gott verlassenen Welt auseinander gesetzt - eine bis heute offene Debatte.
Der Metz-Kollege Hans Küng interpretiert die jüngste päpstliche Düsternis lieber aus den gegenwärtigen Verwirrungen. "Unmenschliches gibt es, seit es Menschen gibt", sagt der Tübinger Theologe. "Doch die Unmenschlichkeiten unserer Zeit scheinen gerade auf Grund der unerhörten menschlichen Möglichkeiten alle Dimensionen
zu sprengen - von der Menschenklonung bis zum Kannibalismus-Angebot im Internet, vom gigantischen Finanzbetrug bis zum Präventivkrieg gegen ganze Völker." Da sei es kein Wunder, dass "nicht nur der Papst die Frage stellt, ob wir zu einem gottverlassenen Geschlecht, das zum Schlimmsten fähig ist, geworden sind". Auch der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber habe in den fünfziger Jahren "von einer ''Gottesfinsternis'' heute gesprochen".
Diese Finsternis hat für Johannes Paul II. einen höchst aktuellen Namen: Krieg. Kriege zwischen Völkern und Religionen, wird der polnische Papst seit Monaten nicht müde zu wiederholen, seien dabei, die Fundamente von Humanität und Gerechtigkeit zu zerstören. Es dürfe keinen "Krieg im Namen Gottes" geben, erklärte er im vergangenen Mai in Aserbaidschan apodiktisch. Jahrhundertelang hat seine Kirche ganz anderes gelehrt.
Die apokalyptische Warnung aus dem Vatikan gilt vor allem den USA. Ende September des vergangenen Jahres hat die US-Bischofskonferenz, auf Betreiben des Papstes, einen "Präventivkrieg" gegen Saddam Hussein kategorisch abgelehnt. Es sei schlicht die "Pflicht" aller Christen, so der Papst in seiner Neujahrspredigt, sich gegen jeden Krieg zu stemmen.
Johannes Paul habe das Gefühl, die Mächtigen hörten ihm gar nicht zu, erzählen Mitarbeiter. Deshalb habe Karol Wojtyla in seiner Philippika den Propheten Jeremia zitiert: "Hast du denn Juda ganz verworfen, wurde dir Zion zum Abscheu?"
Küng allerdings hält von solch "apokalyptischem Lamentieren" nichts. "Es wäre", so der als Kirchenkritiker ausgewiesene Theologe, "weniger selbstgerecht, wenn Papst und Hierarchie mehr Selbstkritik übten. Sie selber haben Gott oft mehr verdunkelt als sichtbar gemacht." Auch Küngs Paderborner Kollege Eugen Drewermann sieht einen "Strukturfaktor der katholischen Theologie", der bewirke, dass sich "alle Glaubensverkündigungen auf Propaganda reduzieren - und deshalb wenden sich viele Menschen von dieser Kirche ab".
Die Oberhirten der Republik mögen sich an der Auslegung der Chef-Worte nicht beteiligen. "Es war und ist nicht üblich", so die knappe Mitteilung der Bischofskonferenz, dass derlei Ansprachen des Papstes "von den deutschen Bischöfen kommentiert werden".
Noch eine andere Erklärung für den Pessimismus des Papstes wäre möglich. Vielleicht hat ihn ja jenes Syndrom befallen, das strenggläubige Menschen in hohem Alter häufiger heimsucht - der Zweifel. In Umberto Ecos "Name der Rose" kommt der greise Mönch Adson, der Erzähler des Kloster-Krimis, am Ende seines frommen Lebens zu der bitteren Erkenntnis: "Gott ist ein lauter Nichts, ihn rührt kein Nun noch Hier." HANS-JÜRGEN SCHLAMP,
ULRICH SCHWARZ, PETER WENSIERSKI
"Vom Grauen überwältigt"
AUSZUG AUS DER VORWEIHNACHTLICHEN ANSPRACHE DES PAPSTES "Es ist ein bitteres Klagelied, das der Prophet Jeremia zum Himmel erhebt. Anlass ist eine Geißel, die die Erde des Nahen Ostens häufig heimsucht: die Dürre. Aber dieses Drama der Natur verbindet der Prophet mit einem anderen, nicht weniger furchtbaren, der Tragödie des Krieges: ,Gehe ich aufs Feld hinaus - seht, vom Schwert Durchbohrte! Komme ich in die Stadt - seht, vom Hunger Gequälte!'' Die Beschreibung ist leider von tragischer Aktualität in vielen Regionen unseres Planeten.
Der zweite Teil des Liedes ist keine persönliche Klage mehr, sondern eine kollektive Anrufung Gottes: ,Warum hast Du uns so geschlagen, gibt es keine Hilfe für uns?'' Denn neben dem Schwert und dem Hunger gibt es eine noch größere Tragödie, das Schweigen Gottes, der sich nicht mehr offenbart, der sich scheinbar eingeschlossen hat in seinen Himmel, wie angewidert vom Handeln der Menschheit. Nun fühlen wir uns allein und verlassen, ohne Frieden, ohne Heil, ohne Hoffnung. Das Volk, sich selbst überlassen, fühlt sich verloren und vom Grauen überwältigt.
Doch an diesem Punkt tritt die Wende ein: Das Volk besinnt sich. Es erkennt im eigenen sündigen Verhalten den Grund für das göttliche Schweigen."
* Illustration von Julius Schnorr von Carolsfeld 1860.
Von Hans-Jürgen Schlamp, Ulrich Schwarz und Peter Wensierski

DER SPIEGEL 3/2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 3/2003
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

KIRCHE:
Von Gott verlassen

  • Schottland nach der Briten-Wahl: "Mandat für Unabhängigkeitsreferendum"
  • Neue Saurierarten entdeckt: Gestatten: Nullotitan Glaciaris
  • Trotz Eruptionsgefahr: Soldaten bergen Opfer von White Island
  • Wahlsieg in Großbritannien: Erstes Statement von Boris Johnson im Video