13.01.2003

KRIMINALITÄTDas öffentliche Geheimnis

30 Jahre lang fotografiert ein Lehrer in Uelzen Hunderte Jungen nackt, missbraucht sie. Als es herauskommt, bringt der Mann sich um. Er hinterlässt ein monströses Fotoarchiv und bei vielen die Angst, in den Skandal verwickelt zu sein - als Opfer oder als Mitwisser. Von Hauke Goos
Sie haben alles getan, um die Veranstaltung wie eine normale Trauerfeier aussehen zu lassen. Der Sarg ist mit weißen Lilien und roten Rosen geschmückt, den Blumen des Todes und der Liebe, zwei Schleifen liegen, für alle sichtbar, zwischen den Kränzen. "Meinem geliebten Wölfchen" steht auf der einen, "Deine Ulla" auf der anderen.
Ursula G., 67, die diese Schleifen in Auftrag gegeben hat, sitzt in der ersten Reihe, ganz in Schwarz. "Du kannst nicht tiefer fallen als nur in Gottes Hand", singt die Gemeinde. Es klingt nach Versöhnung, nach Vergebung, ein wenig auch nach Schlussstrich.
Elf Tage vorher hatte Ursula G. erfahren, dass die Polizei gegen Wolfgang Stulpe ermittelt, den langjährigen Lehrer an einer örtlichen Hauptschule, Kunsterzieher und Ausstellungsleiter des Uelzener Kunstvereins. Stulpe ist ihr Lebensgefährte, seit über 30 Jahren. Es geht um die Verbreitung pornografischer Schriften, um den sexuellen Missbrauch von Schutzbefohlenen, um den sexuellen Missbrauch von Kindern. Es geht um Stulpes Existenz.
Schnell erfährt die Lokalzeitung von dem Verdacht. "Sexskandal im Theaterkeller", lesen die Uelzener auf Seite 1. Stulpe habe Minderjährigen Pornofilme vorgeführt. Die Jugendlichen seien zum Teil entkleidet gewesen. Stulpe habe sie heimlich gefilmt. Die meisten Filme zeigten "nackte minderjährige Jungen, die zum Teil sexuelle Handlungen an sich vornehmen". Womöglich, heißt es in dem Artikel, gebe es mehrere hundert Opfer.
Am nächsten Morgen findet Ursula G. ihren Lebensgefährten tot, die Pulsadern sind aufgeschnitten, nicht quer, wie ein Laie es machen würde, sondern längs, um jede Rettung auszuschließen.
Zur Trauerfeier drängen so viele in die kleine Kapelle, dass die Letzten in der Tür stehen müssen. Der Bürgermeister ist da und auch sein Amtsvorgänger, der Vorsitzende des Kunstvereins und der ehemalige Leiter der Schule, an der Wolfgang Stulpe zuletzt unterrichtet hatte. Ursula G. sitzt in der ersten Reihe, gebeugt, von Freunden getröstet. Es geht auch um ihre Existenz. 30 Jahre soll sie mit einem Menschen gelebt haben, der ein Verbrecher ist. Sie will sich ihr Leben nicht kaputtmachen lassen.
Viele Jugendliche sind gekommen, mehr Jungen als Mädchen.
"Es war eine merkwürdige Feier", sagt Reinhard Schamuhn. "Alle kamen so spät wie möglich und gingen so früh wie möglich." Schamuhn ist Künstler, Stulpe war Künstler; in einer kleinen Stadt wie Uelzen reicht das für eine Freundschaft.
Schamuhn betreibt in einer Seitenstraße ein Kleinkunst-Theater und eine Galerie. Das Erste, was der 63-Jährige sagt, ist: "Über Tote soll man nur Gutes berichten." Er macht eine kleine Pause, in der er Kaffee und Kekse auf den Tisch stellt. Er wundere sich, sagt Schamuhn dann, dass die Sache mit Stulpe so lange gut ging in Uelzen.
Stulpe war homosexuell. "Jeder in der Stadt wusste das", sagt Schamuhn. Uelzen hat 37 000 Einwohner. Und Stulpe fühlte sich zu Knaben hingezogen, "jeder konnte das sehen. Je zarter und gebrechlicher die Jüngelchen waren, desto attraktiver waren sie für Stulpe. Das zog ihn förmlich an".
1971, möglicherweise sogar früher, fängt Stulpe an, Jungen zu fotografieren: Nackt, den Blick in die Kamera, bieten sie sich dar. Die Jungen sind höchstens 15 Jahre alt. Es dauert fast 20 Jahre, bis der erste Verdacht gegen Stulpe laut wird.
Ende der achtziger Jahre rufen wiederholt besorgte Eltern bei Schamuhn an. Er ist Stulpes Freund, also soll er ihnen helfen. Gäste des Kunstvereins hatten beobachtet, dass Stulpe auf dem Boden gelegen habe und sich von Jungen massieren ließ. Schlimmeres habe man gehört. Was Stulpe, "das Schwein", mit ihrem Kind mache? Sie sollen sich an den Bürgermeister wenden oder an die Polizei, antwortet Schamuhn. Nichts passiert. Offenbar bringt keiner der Anrufer den Mut auf, zur Polizei zu gehen.
Warum er selbst nichts unternommen hat? Schamuhn kratzt sich unter der Baskenmütze, die er schräg auf dem Kopf trägt, und verzieht das Gesicht. "Mir war das unangenehm", sagt er. "Wenn ich mir vorstelle: ein Mann mit einem Mann - da könnte ich mich schütteln." Ein paar Mal sprach er Stulpe auf die Vorwürfe an. Der bedankte sich. Bald wurden die Anrufe seltener. Schließlich hörten sie ganz auf.
Stulpe war nicht zu fassen, noch nicht. Er ist nicht irgendein Lehrer, der sich verdächtig benimmt, Stulpe ist ein Mann der Kunst. Sein Einfluss und sein Einsatz für die Stadt schützen ihn. Er lässt durch die niedersächsische Provinz einen Hauch von Kultur wehen.
In Lüneburg hatte er die Pädagogische Hochschule besucht, Hauptfach Kunst. Als 1975 der Kunstverein gegründet wird, gehört er zu den Initiatoren. Drei Jahre später wird Wolfgang Stulpe zum Ausstellungsleiter gewählt. Von nun an geht alles wie von selbst.
Zum Rahmen und Hängen der Bilder und für die Aufsicht während der Ausstellungen braucht er Hilfe. Zwei Mark pro Stunde erhalten die Jugendlichen, das Geld zahlt der Kunstverein. Als Lehrer weiß Stulpe immer, welche Schüler er fragen kann. Bald nennt er die jungen Ausstellungshelfer stolz "meine Jungs".
Stulpe holt große Namen in die kleine Stadt, die Ausstellungen machen den Kunstverein über Uelzen hinaus bekannt. Ohne Stulpe ist der Verein nichts. In den Jahren, die folgen, zeigt sich, dass auch Stulpe ohne den Verein wenig ist.
Der Kunstverein teilt sich ein Gebäude mit dem Herzog-Ernst-Gymnasium. Im Ausstellungsraum, der im Untergeschoss vor den Garderobenspinden liegt, hat Stulpe eine Sitzecke eingerichtet: drei alte Sessel, ein Sofa; hier spielt er mit den Jugendlichen Schach, sie reden, sitzen herum. Immer häufiger verbringt Stulpe hier auch die Abende.
"Sein Tagesablauf war fokussiert auf die Jungs", sagt Reinhard Schamuhn. "Man sah ihn auf keiner Veranstaltung, bei keinem Fest. Niemand wäre auf die Idee gekommen, ihn einzuladen, weil er eh nur mit seinen Jungs zusammenhing."
Stulpe bevorzugt Sonderschüler, ausländische Jungs, Kinder, die aus kaputten Verhältnissen kommen. 13- und 14-Jährige, die dankbar sind, wenn sich ein Erwachsener Zeit für sie nimmt. "Wir dachten, er versteht uns", sagt einer. Mit dem Geld, das sie für die Nacktfotos bekommen, kaufen sie Handys oder Zigaretten. Wenn sie ein gewisses Alter haben, werden sie ausgewechselt. Sie haben niemanden, dem sie von den Fotositzungen erzählen können. Wer würde schon einem 14-jährigen Sonderschüler glauben?
Im August 1988 wechselt Stulpe von der Theodor-Heuss-Realschule an die Hauptschule beim Sternplatz. Auch hier kümmert er sich um Schüler, die als "verhaltensauffällig" gelten - Schüler, die laut sind, stören, den Unterricht schwänzen. Stulpe hilft ihnen bei den Hausaufgaben. Er macht ihnen kleine Geschenke, mal eine Kette, mal ein Armband, bringt ihnen Andenken aus dem Urlaub mit. Für viele ist er ein Verbündeter, ein Freund. Mit der Sitzecke haben sie einen Treffpunkt, sie bilden eine Clique. Wolfgang Stulpe, fast viermal so alt wie sie, ist ihr Anführer.
Manches fällt den Kollegen auf. Auf Klassenfahrten nach Breslau wohnt Stulpe mit seinen Schülern im Hotel, anstatt, wie üblich, bei Gastfamilien. Mitschüler beschweren sich, weil Stulpe einen Jungen seiner Klasse offensichtlich bevorzugt. Man müsse darüber reden, teilt eine Kollegin Stulpe mit, gleich nach dem Wochenende. Ein Konferenztermin wird verabredet. Am Montag ruft Stulpe an, er sei krank. Aus dem Gespräch wird nichts.
Warum sie der Sache nicht nachgegangen ist? Stulpe, sagt die Kollegin, habe einen hervorragenden Ruf genossen an der Schule, mit vielen Eltern der Jungen, die ihm im Kunstverein halfen, pflegte er privaten Kontakt. Wenn er mit den Eltern verbandelt ist, hat sie gedacht, dann kann an der Sache nichts dran sein.
Stulpe fährt mit den Jugendlichen zum Einkaufen, lässt sich von ihnen duzen; einige dürfen ihn sogar zu Hause besuchen, auch an den Wochenenden. Er verbirgt wenig. Das ist sein Vorteil.
Anfang der siebziger Jahre ist Stulpe in die Dreizimmerwohnung der Lehrerin Ursula G. über dem Uelzener Markt eingezogen. Beide interessieren sich für Kunst, die Leute halten sie für ein Paar.
Natürlich habe sie kleine Jungs im Treppenhaus gesehen, sagt die alte Dame, von der Ursula G. die Wohnung gemietet hat. "Aber da hab ich mir nichts bei gedacht." Stulpe ist so hilfsbereit, so höflich.
In der Wohnung im dritten Stock reserviert Stulpe ein Zimmer für sich allein, selbst seine Lebensgefährtin hat keinen Zutritt. Hier baut er eine Filmkamera auf, hier fotografiert er seine "Jungs". Der Videofilm, den die Polizei später sicherstellt, zeigt "alle Arten homosexuellen Verkehrs".
Dieses Zimmer, gerade mal zwölf Quadratmeter unter der Dachschräge, ist der geheime Mittelpunkt in Stulpes Leben, es ist Zweck und Ziel. Alles, was er tut, findet hier seine Erfüllung. Man darf vermuten, dass Wolfgang Stulpe hier, auf seine Art, glücklich war.
Was Ursula G., Stulpes Lebensgefährtin, von diesen Besuchen mitbekam, muss offen bleiben. Sie hat sich entschieden, keine Fragen zu beantworten. "Sie ist gebildet, aber nicht intelligent", sagt einer, der sie kennt. "Ulla war ihm hörig", sagt Reinhard Schamuhn. Es gibt Menschen in Uelzen, die es für möglich halten, dass Ursula G. bis zuletzt nicht einmal wusste, dass ihr "geliebtes Wölfchen" schwul war.
Die Malerei hält sie zusammen. In 24 Jahren organisiert Stulpe 190 Ausstellungen. Der Kunstverein präsentiert Werke von Bruno Bruni und Otmar Alt, von Janosch, A. R. Penck und Wolfgang Petrovsky, die Künstler kommen gern nach Uelzen. Schon früh hatte Stulpe angefangen, Grafiken zu sammeln, viele lässt er sich widmen. Horst Janssen setzt ein "Stulpe, Ihnen heut gestulpt" darunter. Die Zeichnung zeigt eine Vergewaltigung vor Publikum.
Immer wieder hatte Stulpe versprochen, seine Sammlung der Stadt zu schenken. Die Einweihung des neuen Rathauses Anfang 1997 scheint ihm ein würdiger Anlass. 336 Grafiken lässt die dankbare Stadtverwaltung rahmen und auf den Fluren des Rathauses aufhängen. Der zweite Teil seiner Sammlung solle später folgen, lässt er die Stadtoberen wissen.
Es ist das Jahr, in dem Stulpe sich in Uelzen unangreifbar macht.
Wenig später überreicht ihm der Bürgermeister die "Ehrengabe", Uelzens zweithöchste Auszeichnung, gleich nach der Ehrenbürgerschaft. Stulpe stelle sich "freiwillig in den Dienst der Gesellschaft", sagt der Bürgermeister, und Stulpe antwortet, nicht ohne Rührung, er sei "in der glücklichen Lage, dass Beruf, Ehrenamt und Hobby eins" seien. Die Entscheidung, Stulpe auszuzeichnen, fällt einstimmig.
Als der Kunstverein sein 25-jähriges Jubiläum feiert, schreibt Eckhard Lange, ein langjähriger Rundfunk-Redakteur und kurz vorher erst nach Uelzen gezogen, eine Würdigung. Es falle auf, "wie viel Schuljugend da herumwuselt" während der Ausstellungseröffnungen des Kunstvereins. "Es sind vornehmlich Haupt- und Sonderschüler, die dem Ausstellungsleiter zur Hand gehen. Freiwillig." Kunstpädagogik, schreibt Lange, sei Sozialpädagogik.
Lange hat Stulpe im Kunstverein kennen gelernt. Gleich zu Beginn gibt man ihm zu verstehen, dass Stulpe ein hervorragender Ausstellungsleiter und Kunsterzieher sei. Leider, heißt es, habe er "pädophile Neigungen".
Lange nimmt das zur Kenntnis. Er hofft, das Ganze sei nur platonisch. Er wertet die Tatsache, dass Stulpe sich für alle sichtbar mit Jungen umgibt, als Hinweis darauf, "dass nichts dran sein kann". Und er denkt: "Wenn der das schon so viele Jahre macht, dann hätte sich doch mal jemand von den Jungs gemeldet."
So richten sich alle mit den Gerüchten ein. Ist es nicht Ausweis von Toleranz, jeden nach seiner Façon glücklich werden zu lassen? Ist es nicht spießig, Homosexuelle zu verdächtigen? Kann man nicht von einer aufgeklärten Gemeinschaft erwarten, dass sie auf Gerüchte nichts gibt? Und bringt nicht Wolfgang Stulpe, der unermüdliche Ausstellungsleiter und Pädagoge, auf seine Weise etwas Schillerndes in die kleinstädtische Enge? In gewisser Hinsicht verkörpert Stulpe das, was sich all die Hobbybildhauer, die pensionierten Lehrer und die dilettierenden Maler im Kunstverein unter einem echten Künstler vorstellen. Kunst brauche eben Freiheit, glauben viele in Uelzen.
Im Dezember 1997 installiert Stulpe eine Videokamera, um heimlich Filmaufnahmen von seinen Jungs zu machen. Er versteckt die Kamera in einer Abstellkammer im Kunstverein, die er zu seiner Höhle gemacht hat.
Zwei Eingänge hat diese Kammer: einen, zu dem eine Außentreppe hinunterführt, und einen zweiten im Ausstellungsraum. Für beide Türen hat nur Stulpe den Schlüssel. Das einzige Fenster ist von innen vergittert; auf den Regalen lagert der Kunstverein seine Rahmen und Passepartouts.
Stulpe stellt einen Kühlschrank in die Kammer und einen Fernseher, dazu einen Videorecorder. Damit seine Jungs das Rotlicht der Kamera nicht entdecken, bastelt Stulpe sich eine Spiegelvorrichtung, die das Bild umlenkt. Nun dürfen die Jungs allein in den Raum, einer nach dem anderen, um Actionfilme zu gucken, wie es heißt.
Tatsächlich liegen Pornofilme in dem Videorecorder, Werke von Teresa Orlowski, ausländische Titel wie "Fucking in Budapest". "Macht keine Schweinereien", sagt Stulpe, und damit ihn auch niemand missversteht, zwinkert er mit den Augen; die Jungs sitzen auf einem kleinen Sofa, Toilettenpapier liegt bereit.
Die Jungen können sich etwas dazuverdienen, wenn sie sich die Hose ausziehen. Es fällt Stulpe nicht schwer, sie so weit zu bringen. Er wette fünf Euro, sagt er beispielsweise, dass der Junge sich nicht traue, Jeans und Boxershorts abzulegen. Den Ausgang der Wette kontrolliert Stulpe durchs Schlüsselloch. Dann dürfen die Jungen den Porno gucken, die meisten onanieren dabei, eine versteckte Kamera hält alles fest. Zehn Minuten dauert das meist, dann kommt der Nächste dran, vier, fünf, manchmal sechs Jungen hintereinander.
Die Jugendlichen finden das großartig: Sie teilen jetzt ein Geheimnis. Anderen etwas zu erzählen hieße, den Ehrenkodex zu verletzen, dem sie sich unterworfen haben.
Jürgen Krüger, der Vorsitzende des Kunstvereins, sagt, er habe sich gefreut, dass Stulpe sich so selbstlos um die Jugendlichen kümmere. Seine Freude bezeichnet er heute als "blauäugig". Krüger war früher Lehrer, er raucht Zigarillos, seine Haare fallen im Nacken über den Rollkragenpullover. Krüger hat die Ausstellungen eröffnet, die Stulpe organisiert hat.
Er ist zu einem Gespräch bereit, schlägt aber vor, sich in einem Bistro in der Stadt zu treffen, die Räume im Kunstverein seien belegt. Er kennt Stulpe seit 17 Jahren, sie sind zusammen zu Kunstausstellungen gefahren und haben Maler in ihren Ateliers besucht.
Seit Stulpes Doppelleben öffentlich wurde, muss Krüger sich Fragen gefallen lassen. Wie kann es sein, dass einer wie er nichts gemerkt hat?
Krüger ahnt, dass er nicht gewinnen kann. Wenn er zugibt, etwas gewusst zu haben, warum hat er dann nichts unternommen? Und wenn er nichts mitbekommen hat, 17 Jahre lang, dann stellt sich die Frage, was Krüger überhaupt mitbekommt in Uelzen.
Krüger sagt, er sei unterwegs gewesen, als ihn die Polizei auf dem Handy anrief. Er sei "aus allen Wolken gefallen". Von Stulpes Homosexualität habe er nichts bemerkt.
"Ein Leben für die Kunst", so hat Krüger die Todesanzeige für Wolfgang Stulpe überschrieben. Am meisten nimmt Krüger ihm übel, "dass das in den Räumen des Kunstvereins stattfand". Es gebe im Vorstand "Verbitterung" deswegen. Dann trinkt er seinen Kaffee aus und steht auf. 230 Mitglieder habe der Kunstverein, kein einziges sei nach Stulpes Tod ausgetreten, sagt er zum Abschied. Die Mitglieder, will er damit andeuten, können im Fall Stulpe zwischen Verdienst und Vergehen sehr wohl unterscheiden. Es hört sich an, als wäre das ein Beweis.
Vorstandsmitglieder des Kunstvereins haben Stulpe manchmal angeboten, ihm beim Vorbereiten der Ausstellungen zu helfen. Jedes Mal lehnte er ab. Die "Jungs" sind seine Sache. Niemand soll ihm da reinreden.
Und es redet ihm niemand rein, viele Jahre lang. Stulpe wird immer unvorsichtiger. Er nimmt Jungen auf Reisen mit, nach Thailand und nach Marokko, in mindestens einem Fall ist auch Ursula G. dabei. Den Uelzenern fällt auf, dass Stulpe sein Äußeres vernachlässigt. Immer schon hatten sich Leute mokiert, er trage nicht die saubersten Sachen. Jetzt fallen Lehrerkollegen seine langen Fingernägel auf. Zuletzt lief der 62-Jährige "ärmlichst, fast Mitleid erregend" herum, sagt Reinhard Schamuhn.
Als einer seiner Jungs als Ausstellungshelfer aufhören will, bietet Stulpe ihm eine Wette an: "Wetten", sagt er, "dass sich deine Zensuren verschlechtern, wenn du wieder mit deinen Freunden rumhängst?"
Von der Hauptschule, an der er 14 Jahre unterrichtet hat, scheidet er im Streit. Erst will er sich pensionieren lassen, dann stellt er einen Antrag auf Weiterbeschäftigung. "Die Absicht des Kollegen Stulpe wird begrüßt", schreibt der Schulleiter dazu. Doch inzwischen ist seine Stelle besetzt. Der Antrag wird abgelehnt. Stulpe ist enttäuscht. Heimlich holt er seine Sachen aus der Schule, verabschiedet sich nicht von den Kollegen und von seiner Klasse. Ein Jahr sind die Schüler noch vom Abschluss entfernt; sie fühlen sich im Stich gelassen.
Im Frühjahr 2002 zieht Stulpe um. Mit Ursula G. hat er ein Haus gekauft, sie wohnt im Erdgeschoss, er zieht in den zweiten Stock. Die Etage dazwischen vermieten sie. Sein geheimes Zimmer in der alten Wohnung, wo er sich mit seinen Jungs beim Sex filmte, muss er räumen. Einige Jungen helfen beim Umzug. Ihnen fällt auf, dass überall Videos herumstehen. Das seien Aufnahmen von Reisen, antwortet Stulpe.
Jahrelang hat er Dias, Negative, Fotos und Filme zusammengerafft, häufig stecken die Negative noch in den Fototaschen, unsortiert, unbeschriftet. Das Filmen scheint ihm wichtiger gewesen zu sein als das Besitzen, das Sammeln wichtiger als das Betrachten - Stulpes Leidenschaft trägt am Ende alle Anzeichen einer Sucht.
Ein Zufall bringt das Ende. Einem der Jungen, 14 Jahre alt, fällt beim Pornogucken das Rotlicht der versteckten Kamera auf, die ihn filmt. Stulpe hatte es nicht verdeckt, dieses eine Mal hat er es vergessen.
Der Junge holt seine Freunde. Sie fühlen sich missbraucht, getäuscht; plötzlich scheint es, als hätte Stulpe ihnen seine Freundschaft nur vorgegaukelt, um an die Aufnahmen zu kommen. Sie beschließen, zur Polizei zu gehen.
Es ist Freitag, der 27. September 2002. Stulpes Zeit in Uelzen ist um.
Um 22.10 Uhr halten zwei Streifenwagen vor dem Haus von Stulpe. Er wirkt nicht überrascht. Stulpe habe den "Eindruck eines geistig fast abwesenden Menschen" gemacht, sagt einer, der dabei war, er habe "angsterfüllt" gewirkt.
Die Polizei beschlagnahmt 30 Kartons mit Dias und Negativen und 430 Videokassetten, etliche davon mehrmals bespielt. Die meisten lagern noch immer in Umzugskartons. In der Wohnung liegt so viel Belastungsmaterial herum, dass die Beamten zum Abtransport einen VW-Bus anfordern müssen.
Die älteste Fototasche trägt einen Stempel von 1971. Offenbar hat Stulpe Uelzener Jugendliche aus 20, 30 verschiedenen Jahrgängen fotografiert oder gefilmt. Wenn er durch die Straßen ging, muss er immer wieder Bekannten, Vertrauten begegnet sein - Männern, viele inzwischen Familienväter, die mit ihm ein Geheimnis teilten.
Am Dienstag druckt die "Allgemeine Zeitung" den ersten Artikel. Jürgen Krüger, der Vorsitzende des Kunstvereins, ruft bei seinem Ausstellungsleiter zu Hause an. Stulpe habe Kopfschmerzen, er habe sich hingelegt, teilt ihm Ursula G. mit. Am Dienstagabend wollte Stulpe seinen Anwalt treffen. Den Termin sagt er ab.
Irgendwann in dieser Nacht öffnet sich Wolfgang Stulpe, 62 Jahre alt, die Pulsadern. "Die Grafiken und Bilder", schreibt er in einem Abschiedsbrief, "bekommt die Stadt, auch die Plakatsammlung." Die Unterschrift sieht aus, als habe ihm die Hand gezittert.
Später wird einer der Jungen, die ihn angezeigt haben, zusammengeschlagen; der Täter war Schüler an Stulpes Hauptschule.
Vier Wochen nach Stulpes Tod stellt die Polizei die Ermittlungen ein. Insgesamt zehn Jungen hat sie vernommen, der jüngste, der sich meldete, war 13 Jahre alt. Die anderen Opfer schweigen, aus Scham und aus Angst. Wolfgang Stulpe war Alleintäter. Juristisch gilt er als unschuldig. Dem Prozess, der sein Doppelleben hätte aufdecken können, hat er sich entzogen. Die beschlagnahmten Fotos, Dias und Filme wird die Polizei irgendwann verbrennen, zur Erleichterung vieler Uelzener.
Die Stadt Uelzen beschließt, Stulpes Grafiken im Rathaus hängen zu lassen. Ein Katalog zur Sammlung wird in Auftrag gegeben, im April wird er fertig sein. Nichts soll ausgelassen werden in diesem Katalog, auch Stulpes Doppelleben nicht.
Diesmal wollen sie alles richtig machen.
* Mit Bürgermeister Günter Leifert 1998.
Von Hauke Goos

DER SPIEGEL 3/2003
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