13.01.2003

VERSICHERUNGENTeufelsgebräu im Club Med

Jahrelang galten die Privatkassen als Paradies für Besserverdiener. Doch steigende Kosten und knappe Kapitalerträge lassen auch dort die Beiträge explodieren.
Das Weihnachtsfest wird Gottfried Dyrssen, 76, so schnell nicht vergessen - vor allem, weil der ehemalige Verlagsmanager vorher Post von der Vereinten Krankenversicherung bekam. Vom 1. Januar an, teilte die Allianz-Tochter dem Jesteburger Rentner mit, müssten Dyrssen und seine Frau knapp zehn Prozent mehr für ihre private Krankenversicherung entrichten, zusammen rund 917 Euro im Monat. Dabei waren die Beiträge bereits in den vergangenen sechs Jahren um fast 50 Prozent gestiegen.
Nebenbei erhöhte das Assekuranz-Unternehmen, das neuerdings unter Allianz-Krankenversicherungs AG firmiert, auch noch den jährlichen Selbstbehalt für das Ehepaar auf 3600 Euro. "Ich zahle heute allein an die Vereinte mehr, als ich BfA-Rente beziehe", stöhnt Dyrssen.
In seiner Not verfasste er neben der Weihnachtspost mehrere Protestschreiben an die Vereinte, bei der er seit fast 50 Jahren versichert ist. Der Erfolg der Brandbriefe hielt sich in Grenzen. "Wenn eine Beitragsanpassung wegen Kostensteigerungen im Gesundheitswesen nötig ist", beschied ihn die Kasse, "kann auch Ihre Versicherung nicht ausgenommen werden."
Dabei hat Dyrssen noch Glück gehabt. Andere Unternehmen wie die Berlin-Kölnische Versicherung verlangen in ausgewählten Tarifen Zuschläge von 100 Prozent und mehr. Glaubt man Branchenkennern, sind die jüngsten Eruptionen der Privatversicherer erst der Anfang eines lang anhaltenden Bebens. Weil ihre Mitglieder immer länger leben, seltener kündigen und immer mehr kosten, gleichzeitig aber die Börsenbaisse die Kapitalerträge der Konzerne anknabbert, mussten selbst Marktführer wie die DKV ihre Policen ab Januar drastisch verteuern (siehe Grafik).
Bereits im Jahr 2001, so hat der Brancheninformationsdienst "map-report" kürzlich errechnet, stieg die Schadenquote, also der Anteil der Leistungsausgaben an den Beitragseinnahmen, bei den großen Privatkassen von 77,5 auf 83 Prozent. Gleichzeitig sackten die Kapitalerträge, die dringend nötig sind, um Kostenerhöhungen abzufedern, in den Keller.
Beide Entwicklungen, warnen die Experten, ergäben schon jetzt ein "Teufelsgebräu". Seit die Bundesregierung zu Jahresbeginn auch noch die Grenze für die Versicherungspflicht auf 3825 Euro angehoben hat, droht den Altversicherten neues Ungemach: Wenn der Zustrom junger gesunder Mitglieder versickert, können die Konzerne künftige Kostensteigerungen immer schwerer kompensieren und müssen ihre Stammklientel noch weiter schröpfen.
Erstmals zeigen sich nun offen die Schwächen eines Systems, das Besserverdienern jahrzehntelang eine willkommene Fluchtmöglichkeit vor Massenabfertigung und steigenden Kosten in den gesetzlichen Kassen bot. Wer die Einkommensgrenze überschreitet, kann sich von seinem privaten Club Med auf Wunsch ein VIP-Paket an Leistungen zusammenstellen lassen mit Annehmlichkeiten wie Einbettzimmer oder Chefarztbehandlung im Krankenhaus und zahlt, zumindest in jungen Jahren, meist deutlich weniger als bei Mammutorganisationen wie AOK oder Barmer Ersatzkasse.
Auch Beamte, bei denen der Staat im Krankheitsfall bis zu 80 Prozent der Behandlungskosten übernimmt, strömten massenhaft zu den Luxusversorgern. "Ich bin seit meinem 16. Lebensjahr privat versichert", bekannte der frühere CSU-Gesundheitsminister Horst Seehofer erst kürzlich, nicht ohne Stolz.
Bereits vor drei Jahren dämmerte der Bundesregierung, dass die Finanzpolster und Alterungsrückstellungen, die alle privaten Krankenversicherer für ihre Mitglieder bilden müssen, womöglich nicht ausreichen könnten. Seither müssen Neumitglieder deshalb einen zehnprozentigen Zuschlag berappen. Altkunden konnten widersprechen oder einen stufenweisen Aufschlag wählen.
Doch die gut gemeinte Erste-Hilfe-Aktion bringt nichts - im Gegenteil. Weil die angesammelten Alterungsrückstellungen nicht an ein anderes Unternehmen übertragen werden können und bei einem Wechsel die spätere Beitragsentlastung schrumpft, kleben die Kunden an ihrer angestammten Kasse wie noch nie. "Das Bäumchen-wechsel-dich-Spiel zwischen den Versicherern ist fast zum Erliegen gekommen", rügt der Düsseldorfer Verbraucherschützer und Versicherungsexperte Dietmar Schwesig. Die unerwartete Kundentreue wirkt nun als zusätzlicher Treibsatz für die Beiträge.
Bevor das neue Gesetz in Kraft trat, wechselte der Versichertenbestand bei den Edel-Assekuranzfirmen im Schnitt alle sieben Jahre. Die angesparten Guthaben der Abtrünnigen fielen dem Altkollektiv zu und halfen, künftige Beitragserhöhungen abzupuffern. Doch seit das Kassen-Hopping aus der Mode kommt, erweisen sich die Hochrechnungen vieler Krankenversicherer, die den Nachlass der Wechsler mit einkalkuliert hatten, als Makulatur.
Viele Privatversicherte versuchten bereits in der Vergangenheit, allzu heftige Anhebungen zu vermeiden, indem sie ihren Selbstbehalt erhöhten oder auf einen Teil der ursprünglich vereinbarten Leistungen verzichteten. Doch die Abspeckaktionen versprechen zumeist nur vor-übergehende Linderung.
Seit einigen Jahren sind die Konzerne immerhin verpflichtet, ihre Kunden bei Tariferhöhungen auf ihr Umstufungsrecht hinzuweisen und auf Wunsch eine günstige Alternativpolice zu nennen, die ähnliche Leistungen enthält wie der Altvertrag. Doch viele Versicherungsmanager verschweigen die hauseigenen Hintertürchen, weil sie die Schnäppchentarife als Lockvogelangebote für jüngere Kunden missbrauchen und am liebsten nur Kerngesunde in die Elite-Einheiten aufnehmen.
Fein raus sind langjährige Privatkunden, die das 55. Lebensjahr überschritten haben und nicht mehr als 41 400 Euro pro Jahr verdienen oder das Ruhestandsalter erreicht haben. Sie können in einen Standardtarif wechseln, der nicht mehr kosten darf als der Höchstbeitrag in der gesetzlichen Krankenversicherung - aber auch dementsprechende Leistungen bietet.
Branchenexperten wie der Bamberger Wirtschaftsprofessor Ulrich Meyer fordern seit langem, Privatversicherten ihre angesammelten Altersrückstellungen gutzuschreiben, um auch Älteren oder Kranken den Wechsel zu einem Konkurrenten zu erleichtern. Doch die Unternehmen weigern sich standhaft, die Finanzpolster herauszurücken. Gesunde Mitglieder, argumentieren sie, würden mitsamt ihren Guthaben in Scharen abwandern. Betagte und chronisch Kranke blieben dagegen zurück.
Bundesfinanzminister Hans Eichel will sich mit den Ausflüchten der Versicherer offenbar nicht länger zufrieden geben. Das Münchner Ifo-Institut untersucht zurzeit im Auftrag des Ministeriums, wie neben den angesammelten Ersparnissen auch das individuelle Gesundheitsrisiko eines Privatversicherten exakt erfasst und damit leichter übertragbar gemacht werden kann.
Legen die Münchner der Bundesregierung ein überzeugendes Konzept vor, könnten die Versicherer gezwungen werden, Wechselwilligen die gebunkerten Gelder herauszurücken. Einige angeschlagene Unternehmen, die bereits jetzt unter akutem Mitgliederschwund leiden, dürften das kaum überleben. DINAH DECKSTEIN
Von Dinah Deckstein

DER SPIEGEL 3/2003
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