13.01.2003

Rätselraten in der Festung

Militärs debattieren Verschiebung des Aufmarsches.
Mittwoch, 8. Januar, 10.53 Uhr. Der Raum ist abgedunkelt. Draußen, auf dem Militärstützpunkt MacDill Air Force Base in Florida, glitzert die Sonne über der malerischen Tampa Bay.
Im so genannten War room des Central Command (Centcom), der US-Kriegszentrale für militärische Operationen, versuchen 44 hochrangige Militärs der internationalen Anti-Terror-Koalition - darunter der deutsche Brigadegeneral Harald Quiel, 55, - zu enträtseln, was der amerikanische Drei-Sterne-General Michael DeLong ihnen wirklich sagen wollte.
Der Stellvertreter des Centcom-Befehlshabers Tommy Franks hatte gerade gezielt den "Firewall" durchbrochen - die sonst strikt eingehaltene Nachrichtensperre zwischen den beiden vom Centcom aus gesteuerten Missionen gegen den Terror und gegen den Irak.
"Der Präsident hat eine Entscheidung für oder gegen den Krieg nicht getroffen. Die eindeutige Präferenz lautet, keinen Krieg zu führen", hatte DeLong gesagt. Und: "Für den schlechtesten Fall müssen wir führungsfähig sein, deshalb senden wir weiter Personal und Material nach Katar. Aber alles ist offen."
Nicht wenige der erfahrenen Offiziere deuteten die wohlgesetzten Worte als mögliche Wende, als "ersten Schritt einer Deeskalation", einer Verschiebung der bis dahin noch unausweichlich für Februar erwarteten Schlacht um Bagdad.
Also doch kein Krieg? "Offiziell darf ich das Wort Irak gar nicht in den Mund nehmen," sagt der höchstrangige deutsche Verbindungsoffizier Quiel.
Gerade zehn Meter Luftlinie und ein Zaun trennen das so genannte Coalition Village, das Containerdorf der 44 Alliierten des Krieges gegen den Terror, in dem auch die Deutschen sitzen, von Franks Hauptquartier, in dem der neue Krieg geplant wird. Jeden Tag trifft der deutsche General beim Briefing auf jene hohen US-Offiziere, die mehr als alle anderen auf der Welt wissen, wie nahe ein Irak-Krieg ist. Dennoch tauscht das 12-köpfige Verbindungskommando mit ihnen nichts als das Nötige etwa über deutsche Schiffe am Horn von Afrika oder die ABC-Abwehrkräfte in Kuweit aus.
Durch die bunkerartige Festung mit braunem Flachdach führen lange, schmale Gänge, über einem steht "Backbone of the Fighting Force - Rückgrat der kämpfenden Einsatzkräfte". Rund 1500 handverlesene US-Militärs arbeiten hier fieberhaft in winzigen, meist fensterlosen Büros, die voll gestopft sind mit Computern. Die Plätze werden mitunter in Schichten rund um die Uhr besetzt. Dennoch versäumt Franks, 57, den seine Enkelin nach Pooh dem Bären nur "General Pooh" nennt, kaum eine Begrüßungs- oder Abschiedsparty eines Koalitionskameraden.
Immer und überall gilt das Gebot der Verschwiegenheit. Irak? "Wir reden nicht über mögliche Missionen in der Zukunft." Steht die mobile Filiale in Katar? "Fast fertig." Wie geht ein Häuserkampf aus? "Alles Spekulation. Kein Kommentar."
Bei so viel Verschwiegenheit können die ausländischen Militärs in Tampa nur Indizien deuten: Erst 65 000 US-Soldaten seien bislang in die Golf-Region entsandt worden, rechnet ein deutscher Offizier vor. Für "going downtown", wie der Marsch auf Bagdad hier heißt, würden seiner Meinung nach jedoch mindestens 250 000 Mann benötigt. Ein so großer Truppentransfer sei in dem verbleibenden Zeitfenster bis Februar kaum zu schaffen.
Außerdem: Wäre Franks' rund tausend Mann starker Stab tatsächlich schon im arabischen Emirat Katar, wie CNN und andere Medien vergangene Woche meldeten, müsste der Parkplatz vor dem Hauptquartier wie leer gefegt sein. "Die sind alle noch da", sagt ein Oberstleutnant.
Oder besser gesagt: wieder zurück. Im Dezember hatte General Franks bei der Übung "Internal Look" in Katar seine brandneue, in Containern verpackte rund 60 Millionen Dollar teure Kommandozentrale mit modernsten Führungs- und Kommunikationsinstrumenten getestet. Der Vietnam-Veteran ließ mögliche Kampfszenarien im Irak per Computersimulation nachspielen. SUSANNE KOELBL
Von Susanne Koelbl

DER SPIEGEL 3/2003
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