13.01.2003

„Der Ölpreis könnte explodieren“

Scheich Jamani über die Folgen eines Irak-Kriegs und seinen Intimfeind Saddam Hussein
Ahmed Saki al-Jamani, 72, war von 1962 bis 1986 Erdölminister Saudi-Arabiens und damit die dominierende Figur der Opec. Heute leitet der "arabische Kissinger" ("Times") das Centre for Global Energy Studies in London. -------------------------------------------------------------------
SPIEGEL: Exzellenz, was wird passieren, wenn die USA gemeinsam mit den Briten den Irak angreifen?
Jamani: Nehmen wir das schlimmste Szenario: Saddam Hussein setzt seine Ölfelder in Brand und zerstört mit einem Raketenangriff die Raffinerien von Kuweit und dem Nordosten Saudi-Arabiens. Zehntausende sterben. Es kommt zu schwerwiegenden, lang andauernden Produktionsausfällen. Der Erdölpreis steigt in kurzer Zeit auf über 100 Dollar. Eine solche Erhöhung kann keine Industrie verkraften - die führt zu einer Weltwirtschaftskrise.
SPIEGEL: Ist ein solches Horror-Szenario nicht reine Panikmache?
Jamani: Ich sage ja nicht, dass es so kommt. Aber ganz unrealistisch ist diese Annahme auch nicht. Wenn der erste Schuss gefallen ist, weiß keiner, wie es weitergeht. Saddam hat einmal gesagt, wer ihn stürze und den Irak erobere, der werde kein Land mit Menschen mehr vorfinden, sondern nur noch eines mit Steinen. Saddam ist ein Killertyp. Wenn er keinen Ausweg sieht, ist er im Stande, alle in den Tod mitzureißen. Auch mit chemischen und biologischen Waffen.
SPIEGEL: Wenn er sie denn hat.
Jamani: Ich weiß es nicht. Nach meinen Informationen aus dem Mittleren Osten ist es eher wahrscheinlich, dass er noch über Restbestände seines Arsenals verfügt. Einen skrupelloseren Politiker jedenfalls habe ich nie kennen gelernt. Ich musste mit ihm öfter verhandeln. Er benahm sich stets unangenehm, arrogant, provozierend. Die Abneigung war wohl gegenseitig. Der Terrorist Carlos hat jetzt im Gefängnis erzählt, Saddam sei empört darüber gewesen, dass die Attentäter mich beim Opec-Überfall in Wien 1975 nicht erschossen, sondern - wie die anderen Geiseln - laufen ließen.
SPIEGEL: Die Amerikaner werden alles daran setzen, einen Krieg so schnell wie möglich zu beenden.
Jamani: Nehmen wir das Mittel-Szenario: Saddam wird innerhalb eines Monats gestürzt, es kommt zu blutigen Kämpfen, aber nicht zur Zerstörung von Ölfeldern - ich halte das für die wahrscheinlichste Variante. Der Ölpreis könnte auch in einem solchen Fall explodieren, von derzeit 30 auf vielleicht 60 Dollar pro Barrel. Aber dann wird er sich bald wieder normalisieren.
SPIEGEL: Und wenn Saddams Regime innerhalb weniger Tage zusammenbricht ...
Jamani: ... dann würden wir in der Tat viel niedrigere Ölpreise als heute bekommen. Beschäftigen wir uns also mit dem Wunsch-Szenario Washingtons: In Bagdad sitzt eine US-Statthalter-Regierung. Irak könnte nach unseren Studien innerhalb sehr kurzer Zeit seine Erdölproduktion fast verdoppeln, innerhalb eines Jahrzehnts sogar vervierfachen. Mit dem ungehindert gepumpten Erdöl aus anderen Boomregionen würde sich eine regelrechte Ölschwemme ergeben, die den Preis deutlich unter 15 Dollar drückt. Für die westlichen Konsumenten wäre das sehr erfreulich, für die Produzentenstaaten dagegen eine Katastrophe.
SPIEGEL: Würde eine solche Entwicklung das Ende der Opec bedeuten?
Jamani: Definitiv. Schon heute hat die Opec große Probleme damit, dass sich einzelne Mitgliedstaaten nicht an die von der Organisation festgelegten Förderquoten halten. Ein Staat wie Saudi-Arabien kann auf die Dauer mit extrem niedrigen Importerlösen aus dem Erdöl nicht in dieser Form weiterexistieren. Aber die Bedeutung der Opec nimmt ständig ab, so oder so.
SPIEGEL: Täuscht der Eindruck, dass Präsident Bush Saudi-Arabien als politischen Partner und Haupt-Öllieferanten Washingtons aufgegeben hat?
Jamani: Am Beginn seiner Amtszeit hat George W. Bush ein Komitee einberufen, das unter der Führung des Vizepräsidenten Cheney eine neue Energiepolitik festlegen sollte. Das Komitee beschloss, die Ölimporte aus der umkämpften und ungeliebten Region des Mittleren Ostens, vor allem aus Saudi-Arabien, zu reduzieren, bis zum Jahre 2007 sollten sie gegen null gebracht werden. Nach dem Anschlag am 11. September 2001 ...
SPIEGEL: ... bei dem 15 der 19 Attentäter sich als saudi-arabische Staatsbürger herausstellten ...
Jamani: ... haben US-Regierungskreise eine Mitschuld der saudischen Regierung am Terror ausgemacht und wollen nun die Abhängigkeit möglichst umgehend beenden. Sie setzen auf Öl aus dem Kaspischen Meer, aus Russland, aus Afrika - aber die einzige sichere Energiequelle in der Größenordnung von Saudi-Arabien ist der Irak, der Staat mit den zweitgrößten Erdölreserven der Welt. Nach unseren Studien sind die Schätzungen für Bagdad noch viel zu konservativ, die Vorkommen könnten diejenigen Saudi-Arabiens erreichen. Das Öl ist von hoher Qualität, extrem leicht auszubeuten - und auf neuen, für die USA politisch ungefährlichen Wegen zu transportieren.
SPIEGEL: Über welche Routen?
Jamani: Weg vom Golf, übers Mittelmeer. Einmal über die Türkei, den Hafen Ceyhan, vielleicht auch über einen sich dem Westen zuneigenden Staat Syrien. Diese Pipelines sind vorhanden. Ich bin sicher, die Amerikaner träumen noch einen anderen Traum: Irakisches Öl soll eines Tages über Haifa in den Westen transportiert werden.
SPIEGEL: Eine Pipeline nach Israel? Die existiert doch gar nicht.
Jamani: Aber bis 1948 existierte sie. Und sie wäre durch die präzisen topografischen Kenntnisse der Amerikaner in dieser Region leicht wiederherzustellen. Sechs Millionen Barrel pro Tag aus dem Irak über das von den US-Kriegsschiffen geschützte Mittelmeer zu transportieren, das ist durchaus möglich. Und das bedeutet dann für die USA die energiepolitische Unabhängigkeit von einem krisengeschüttelten und womöglich eines Tages islamistischen Saudi-Arabien.
SPIEGEL: Für Sie ist diese Überlegung der wahre Kriegsgrund Bushs?
Jamani: Ja. Erdöl ist eine sehr, sehr wichtige Sache. Playboys sagen: Cherchez la femme; Politiker denken: Cherchez le pétrole.
SPIEGEL: Strategische Denkspiele am Reißbrett sind das eine, politische Verhältnisse vor Ort das andere. Wie will Washington denn erreichen, dass der Irak sich zu einem prowestlichen Musterstaat entwickelt?
Jamani: Genau das ist der Schwachpunkt der amerikanischen Überlegungen. Die derzeitige irakische Exil-Opposition ist überhaupt nicht verwurzelt im Land und wird sich schwer tun, eine tragfähige Regierung zu bilden. Und wenn ich höre, dass Bush in Bagdad die Demokratie einführen will - wie soll das gehen? Es gibt im Irak keine Erfahrung mit demokratischen Institutionen. Die Mehrheit dieses ethnisch wie konfessionell so vielschichtigen Volkes sind Schiiten. Sollen sie die Regierung bilden - mit ihren Sympathien für die iranischen Glaubensbrüder jenseits der Grenze? Die Amerikaner müssten über Zauberkräfte verfügen, könnten sie den Irak auf Dauer befrieden. Das macht diesen Krieg so gefährlich: Seine Folgen sind nicht durchdacht.
SPIEGEL: Kann ein Waffengang noch verhindert werden?
Jamani: Ich glaube, nur unter einer Bedingung: Wenn Bush davon überzeugt wäre, dass ein Angriff ihn die Wiederwahl kosten würde. Aber die Meinungsumfragen stützen das nicht, und auf die Uno gibt Bush nicht viel.
SPIEGEL: Wie werden die Nachbarstaaten auf einen Irak-Krieg reagieren?
Jamani: Die Durchschnitts-Araber haben nichts übrig für Saddam; doch das heißt nicht, dass sie die Amerikaner mögen. Viele empfinden Hass gegenüber der US-Regierung wegen ihrer einseitigen Unterstützung der Israelis und deren Besatzungspolitik, wegen der Doppelzüngigkeit des Westens. Der Terrorismus in arabischen Staaten, aber auch in Europa und den USA, wird bedrohlich zunehmen.
SPIEGEL: Die Opec hat unter Ihrer Führung 1973 Erdöl als politische Waffe angewandt. Die Zeiten sind ein für allemal vorbei?
Jamani: Ein Boykott ist nicht mehr zu organisieren, weil die arabischen Regierungen zu schwach sind. Aber Öl könnte wieder eine Waffe werden - in den Händen der allmächtigen Amerikaner.
INTERVIEW: ERICH FOLLATH
Von Erich Follath

DER SPIEGEL 3/2003
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