13.01.2003

NIEDERLANDEInquisitor mit Ärmelschonern

Attentäter Volkert van der Graaf und sein Opfer Pim Fortuyn waren sich überraschend ähnlich - durch ihren Messiaskomplex und durch ihre Verachtung für die kleinbürgerliche Gesellschaft.
Volkert van der Graaf aus Harderwijk am Ijsselmeer ist kein Mördertyp. Er ist ein Pedant, ein käsiger Inquisitor mit herostratischer Veranlagung. Aber ein Mörder?
Er habe ein zerstörerisches Zeichen setzen wollen, sagen Polizeipsychologen. Dafür hätte er natürlich nicht unbedingt einen Menschen umbringen müssen. Genauso gut hätte er Rembrandts "Nachtwache" im Amsterdamer Rijksmuseum zerschneiden können. Nur, dass in Holland die schönen Künste besser bewacht werden als die Politiker.
Van der Graaf, 33, hat ein halbes Jahr nach der Tat gestanden, Pim Fortuyn am 6. Mai, kurz nach 18 Uhr, erschossen zu haben. Zwei Schüsse trafen Fortuyn in den Kopf, zwei in den Rücken, einer in den Hals. Die Geschosse, deren Hülsen am Tatort auf dem Parkplatz des Hilversumer Funkhauses gefunden wurden, stammten aus einer Neun-Millimeter-Firestar-Pistole. Eine Patrone steckte noch im Magazin.
Aber warum hat er es getan?
Mit seinen schrillen Law-and-Order-Parolen und seinen Brachialtiraden gegen Asylanten und Muslime hatte Pim Fortuyn zwar Hollands guten Ruf als Hort der Toleranz beschädigt. Doch seine Entgleisungen können für den Ökokrieger van der Graaf eigentlich kein Motiv gewesen sein.
Er interessiert sich nicht sonderlich für Politik. Sein Sakrament war der Tierschutz. Er wollte dem System schaden, das nach seiner Auffassung den Schutz der schutzlosen Kreatur vernachlässigt.
Über Fortuyns Verhältnis zur Tierwelt ist auch nichts Anstößiges bekannt geworden. Eher das Gegenteil, wenn man es als Zeichen von Tierliebe wertet, dass er seinen zwei Schoßhündchen zum Geburtstag Leckereien aus einer feinen Rotterdamer Zuckerbäckerei kommen ließ.
Pim Fortuyn wurde in der heißen Phase des Wahlkampfes von keinem Tabu mehr geschützt. Zwei Monate vor seinem Tod hatten zwei Happening-Aktivisten von der "Biologischen Bäckerbrigade" ihm eine mit Kotze gefüllte Torte auf den Anzug geklatscht. Es ist nicht so, dass sie mit schuld waren an dem Attentat, wie Fortuyns Parteigänger meinen. Aber der Verdacht ist nicht so abwegig, dass sie zu der allgemeinen Stimmungslage beigetragen haben, die van der Graaf das irrtümliche Gefühl vermittelte, sein Mordanschlag würde von den politisch korrekt empfindenden Kräften der Bevölkerung mit Verständnis aufgenommen werden.
Täter und Opfer waren einander wesensverwandt. In ihrem Messiaskomplex vor allem und in ihrer gemeinsamen Verachtung für die kleinbürgerliche niederländische Gesellschaft, die die historische Mission beider nicht erkennen wollte.
In ihrem Auftreten freilich gab es keinerlei Berührungspunkte. Fortuyn war ein genussfreudiger schwuler Dandy. Er fuhr einen Zwölf-Zylinder-Daimler und trug Anzüge von dem Schneider, der auch die Herren der königlichen Familie ausstattet. Volkert van der Graaf war ein strammer Asket: Dreizimmerwohnung, Fahrrad, Norwegerpullover, Ärmelschoner- attitüde.
Fortuyn war ein notorischer Regelverletzer. Van der Graaf hatte für fast alles, was er tat, feste Regeln. Er war von Kopf bis Fuß ein regelbesessener Moralist, der mit pausbäckiger Recherchierbeflissenheit unablässig Regelverletzer zur Strecke brachte. Sein Credo: "De wet is de wet, en die moet worden nagevolgd." Gesetz ist Gesetz, und das muss befolgt werden.
Seine Natur- und Tierschützerlaufbahn hatte van der Graaf in der Pubertät mit der Rettung von Klein- und Kleinstgetier begonnen. Er befreite Fliegen von Fliegenfängern und baute Brücken aus Bonbonpapier für Ameisen, damit sie nicht ins Wasser fielen. Im Alter von 17 Jahren wurde er Veganer. Er aß fortan keine Eier, keinen Honig und keinen Käse mehr.
Mit 23 Jahren gründete van der Graaf gemeinsam mit ein paar Freunden die "Vereniging Milieu-Offensief" (VMO), eine Tierschutz-Kooperative der stählernen Art, die allerdings gewaltfrei operiert. VMO-Aktivisten stecken keine Bauernhöfe in Brand und brechen nicht in Pelzfarmen ein. Sie vermessen Schweinekoben und Hühnerkäfige, überprüfen Misthaufen auf Schadstoffgehalt und Bau- und Betriebsgenehmigungen auf Schwachstellen und erstatten Anzeige, wo immer sie Mängel feststellen.
In zehn Jahren führten sie über 2000 Prozesse gegen Züchter und Landwirte. Drei Viertel davon haben sie gewonnen. VMO gab jedes Jahr eine Erfolgsstatistik heraus, aus der man ersehen konnte, wie viele Hühner, Schweine und Nerze sie vor dem Tod gerettet hatten und wie viele tausend Tonnen Hühner- und Schweinemist dadurch vermieden worden waren.
Die Prozesskosten wurden aus der staatlichen Lottokasse finanziert. Außerdem kassiert die VMO für jeden gewonnenen Prozess von der Heimatgemeinde des unterlegenen Prozessgegners ein Bußgeld von 650 Euro.
Van der Graaf wird jetzt im Pieter Baan Centrum in Utrecht auf seinen Geisteszustand untersucht. Er ist aber nicht besonders kooperativ. Er raucht viel, spielt Schach gegen sich selbst und schweigt. Kein Wort zur Tat oder zum Tatmotiv. Seine Verteidigerin, die deutsche "Politikanwältin" Britta Böhler, die auch den Kurdenführer Abdullah Öcalan vertritt, schweigt ebenfalls. Sie sucht nur dann Kontakt zur Presse, wenn es den Interessen ihres Mandanten dient. Zurzeit ist das jedoch nicht der Fall.
"Mach die Strafkammer zum Stille-Zentrum." Das ist der kategorische Imperativ für "Gesinnungshäftlinge", wie er im Handbuch der Niederländischen Tierbefreiungsfront steht. Ein falsches Wort kann den Unterschied zwischen Mord und Totschlag ausmachen. Und das ist für das Strafmaß nicht belanglos. Britta Böhler und Volkert van der Graaf haben ihre Tierbefreiungsfibel aufmerksam gelesen.
Man weiß nicht, in welche Richtung sich Holland entwickelt hätte, wenn Pim Fortuyn tatsächlich Ministerpräsident geworden wäre. Er drosch gnadenlos auf die abgewirtschaftete große Koalition aus Liberalen und Sozialdemokraten ein. Seine ätzende Kritik sprach einem großen Teil des Volkes aus der Seele. Jedoch ein holländisches Sprichwort sagt: Alles in de pan hakken is makkelijker dan pannekoeken bakken. Zu Deutsch: Alles in die Pfanne hauen ist leichter als Pfannkuchen backen.
Pim Fortuyn hatte allerlei fulminante Vorsätze: Er wollte die Drogenhändler einsperren, die Grenzen für Nicht-EU-Ausländer sperren, das Haager Mauschelkartell zerschlagen. Die Straßen sollten sauberer, die Züge pünktlicher und die Beamten fleißiger werden. Ein bisschen viel auf einmal für einen polemisierfreudigen Professor, der gerade mal ein halbes Jahr in der Politik war. Ebenso wie seine Partei, die nach einem grandiosen Wahlerfolg am 15. Mai in die Bedeutungslosigkeit abstürzte, wäre er wohl an der normativen Kraft der Fopp-Demokratie, wie er sie verächtlich nannte, gescheitert. Nur theatralischer vermutlich.
Das Wirken der "Liste Pim Fortuyn" (LPF) in der rechten Koalitionsregierung war kein Schmuckblatt in der Chronik des niederländischen Parlamentarismus. Die 26 LPF-Abgeordneten haben sich so hingebungsvoll gemobbt und gezofft, dass Jan Peter Balkenende, der christdemokratische Premier, nach einem halben Jahr genervt hinschmiss und seiner Königin Neuwahlen vorschlug.
Der nächste Ministerpräsident wird wohl wieder Balkenende heißen. Die bürgerlichen Parteien können bei den Wahlen zur Zweiten Kammer am 22. Januar mit einer knappen Mehrheit rechnen. Die Liste Pim Fortuyn zehrt von den Resten des Mythos, den der Parteigründer und ungewollt auch dessen Attentäter geschaffen haben. Nach den jüngsten Umfragen kommt sie aber auf nur 7 der 150 Sitze in der Zweiten Kammer.
Von der Prägekraft der LPF spürt man nicht mehr viel. Wenn man davon absieht, dass die rechtsliberale VVD den Einwanderungsstopp, die Hollanderwache-Parolen der Alles-geht-vor-die-Hunde-Partei weitgehend übernommen hat. Nicht ausgeschlossen freilich, dass die Fortuynisten wieder als Mehrheitsbeschaffer benötigt werden. Doch zu mehr als zum Wasserträger wird''s diesmal nicht reichen. ERICH WIEDEMANN
* Bei der "Tortenattacke" am 14. März 2002.
Von Erich Wiedemann

DER SPIEGEL 3/2003
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