13.01.2003

FRANKREICHSchreckliche Schlacht

Die Ölpest hat die französischen Atlantikstrände erreicht. Wie in Spanien zeigen sich die Behörden ohnmächtig gegenüber der Katastrophe.
Der Zornesausbruch war theatralisch und wohlgeplant, denn in seiner rundlichen Behäbigkeit neigt Jean-Pierre Raffarin nicht eben zu cholerischen Anfällen. In Stiefeln und rotem Parka stapfte der französische Premier über den Strand am Cap Ferret. Dann versetzte er einem grauschwarzen, klebrigen und stinkenden Klumpen einen demonstrativen Fußtritt.
Seit gut einer Woche hat die Ölpest nach der spanischen nun auch die französische Atlantikküste erreicht. Zuerst kamen die Vögel - Opfer und Vorboten des Unheils. Verschmiert und erschöpft hockten sie an Land, 24 Stunden bevor die Flut die ersten öligen, teerigen Brocken anspülte. In zwei ornithologischen Feldlazaretten wurde ihnen erste Hilfe geleistet.
Dann war die Bescherung da: Tausende von Ölkuchen, meist nicht größer als ein Kuhfladen, verunzierten wie eine hässliche Perlenkette 200 Kilometer Strände zwischen Biarritz nahe der spanischen Grenze und der Ile d'Yeu bei Nantes. Der Wind bedeckte sie schnell mit Sand, so dass sie, ökologischen Tretminen gleich, schwer zu finden und einzusammeln sind.
Wind und Wellen haben die Ölteppiche, die aus dem am 19. November gesunkenen Tanker "Prestige" ausgetreten waren, auf dem langen Weg bis in die Biskaya förmlich zerbröselt. Zwischen 5000 und 10 000 Tonnen, so schätzen die Behörden, treiben in zwei Ansammlungen vor der Küste. Der Ökologe Jacky Bonnemains fürchtet deshalb sogar, dass die Pest sich bis in die Bretagne ausdehnen könnte - die Halbinsel war erst vor drei Jahren, nach der Havarie des Tankers "Erika", mühselig von den Rückständen gereinigt worden.
Noch immer fließen aus der auf dem Meeresgrund liegenden "Prestige" täglich 80 Tonnen Schweröl. Das französische Spezial-U-Boot "Nautile" konnte bisher nur 8 von 20 Rissen am Wrack zukleistern. Experten erwarten einen langen "Guerrillakrieg" gegen diese "beispiellose und unvorhersehbare Verschmutzung", so der Präfekt Aquitaniens, Christian Frémont.
Vor Ort verfluchte Premier Raffarin die "Barbarei" derjenigen, die von Geldgier getrieben "die Ethik des Meeres" verhöhnen: "Wir stehen am Anfang einer schrecklichen Schlacht, sie wird heftig und nachhaltig sein." Den betroffenen Gemeinden versprach er 50 Millionen Euro Soforthilfe.
Doch die starken Worte und Gesten des "Dünen-Churchills" (die satirische Wochenzeitung "Le Canard enchaîné") legen nur umso deutlicher die Ohnmacht vor der Realität der angekündigten Katastrophe bloß. Schon Anfang Dezember hatte Umweltministerin Roselyne Bachelot den Alarmplan "Polmar" ausgelöst - an der falschen Stelle, zu weit südlich im Baskenland.
Trotz der langen Vorwarnzeit erwischte das Öko-Desaster nach Spanien auch das auf seine administrative Organisationskunst stets so stolze Frankreich seltsam unvorbereitet. Beobachtungsflugzeuge hatten die zerstückelten, bei hohem Wellengang schwer auszumachenden Fladen oft übersehen, Kutter mit speziellen Abschöpfnetzen liefen häufig mit falschem Kurs aus. Schlechtes Wetter behinderte die Bekämpfung der schwarzen Pest auf hoher See zusätzlich.
Nur wenige hundert Helfer lasen vorige Woche an Land die tückischen Häufchen auf, bevor sie im nassen Sand versanken. "Ich habe 30 Leute, um 25 Kilometer Strand zu säubern. Ich müsste mindestens 5000 haben", klagt Michel Sammarcelli, Bürgermeister von Lège-Cap-Ferret. Sein Kollege François Deluga aus Le Teich empört sich: "Wo sind unsere Soldaten? Sie werden hier gebraucht, in der Elfenbeinküste oder im Irak haben sie nichts zu suchen." Erst Ende voriger Woche wurde eine schnelle Eingreiftruppe aus 800 Spezialisten gebildet, die binnen zwölf Stunden mobilisierbar ist.
Die beiden Bürgermeister tragen Verantwortung für ein besonders empfindliches Ökogebiet: das Becken von Arcachon, ein etwa 155 Quadratkilometer großes Haff mit 80 Kilometer Küste. Vögel aus Sibirien überwintern dort, Fische und Muscheln finden reichlich Nahrung. "Eine einmalige Stätte des Lebens und der Vermehrung", schwärmt die Biologin Régine Maury-Brachet über die Flachwasserbucht, die jeden Sommer unzählige Touristen anzieht.
Günstige Tideverhältnisse machen das Bassin d'Arcachon zur größten Produktionsstätte von Austern in ganz Frankreich. Einige hundert Betriebe züchten dort jedes Jahr 15 000 Tonnen. Seit einer Woche dürfen sie nicht mehr ernten und verkaufen, obwohl schwimmende Barrieren den Eingang der Bucht bisher einigermaßen schützen konnten.
"Seit 30 Jahren kämpfen wir für die Qualität des Wassers hier", trauert der Züchter Marc Druard, "und nun diese Sauerei." ROMAIN LEICK
Von Romain Leick

DER SPIEGEL 3/2003
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