13.01.2003

SERIE (II)HITLERS BOMBEN AUF EUROPA

Der Luftkrieg der Alliierten gegen deutsche Städte hat eine Vorgeschichte: Lange bevor die Flächenbombardements begannen, hatten deutsche Flieger schon Städte wie Guernica, Warschau, Rotterdam und Coventry in Schutt und Asche gelegt - Grund für eine apokalyptische Rache?
Mit den Bombenflugzeugen kamen die Flugblätter. "Wir bomben Deutschland nach Noten", hieß es in einer "Botschaft des Oberbefehlshabers der britischen Kampfflugzeuge an das deutsche Volk", Arthur Harris. "Warum wir das tun? Nicht aus Rachsucht - obwohl wir Warschau, Rotterdam, Belgrad, London, Plymouth, Coventry nicht vergessen. Wir bomben Deutschland, eine Stadt nach der andern, immer schwerer, um euch die Fortführung des Krieges unmöglich zu machen."
Deutsche Flieger warfen während des Luftkriegs gegen Großbritannien Flugblätter mit Erklärungen wie diesen ab: "Unter brutaler Verletzung des internationalen Kriegsrechts sind die deutschen Frauen und deutschen Kinder vorsätzlich von der Royal Air Force ermordet worden ... Die deutsche Luftwaffe wird von nun an zurückschlagen. Wenn in Folge dieser Intensivierung des Luftkrieges die Zivilbevölkerung von Großbritannien leiden sollte, bedauern wir das."
Angriffe aus der Luft mit aus der Luft gegriffenen Argumenten zu unterstützen gehörte zu den Aufgaben der Nazi-Propagandisten. Lange bevor Luftmarschall Harris 1942 die ersten Bombenteppiche über Lübeck und Rostock ausbreiten ließ, hatte Hitler-Deutschlands Luftwaffe großflächige Zerstörungen in europäischen Städten angerichtet. Entsetzen und Empörung über die Bombardements hatten sich ins Gedächtnis nicht nur der getroffenen Nationen eingebrannt. Die britische Regierung berief sich während der Ausweitung des Luftkriegs immer wieder auf das schreckliche deutsche Vorbild.
"Berlin hat einst den ausdrücklichen Befehl erteilt, Warschau, Rotterdam und Belgrad dem Erdboden gleichzumachen", meinte zum Beispiel Lord Sherwood, Staatssekretär im Londoner Luftfahrtministerium, im November 1943. "In seiner Begeisterung hat es sogar Dokumentarfilme drehen lassen, damit man auch diese Großtaten der deutschen Luftwaffe gebührend bewundern konnte. Dafür wird jetzt die Rechnung ausgeglichen und in gleicher Münze zurückgezahlt."
Die Katastrophe des Bombenkrieges kam nicht aus heiterem Himmel über Deutschland. Begonnen hatte der Krieg in den Köpfen. Noch vor dem ersten deutschen Überfall auf eine Nachbarnation am 1. September 1939 hatten Luftkriegsstrategen der Nazis Angriffe auf gegnerische Zivilbevölkerungen in ihr Kalkül einbezogen. "Die Terrorisierung feindlicher Hauptstädte oder Industriegebiete durch Bombenangriffe wird umso rascher zum moralischen Zusammenbruch führen, je schwächer die nationale Haltung eines Volkes ist, je mehr die Großstadtmassen materialisiert und durch soziale und parteipolitische Gegensätze zerklüftet sind", schrieb Robert Knauss, Verkehrsleiter der Lufthansa schon im Mai 1933 in einer Denkschrift für den Nazi-Luftfahrtminister Hermann Göring, die ihm sein Staatssekretär Erhard Milch zur Billigung vorlegte.
Die Militärs reagierten etwas vorsichtiger, weil sie fürchteten, Deutschland könnte bei so einer Strategie wegen seiner exponierten Lage in der Mitte des Kontinents schnell Opfer von Vergeltungsangriffen werden. Die Dienstvorschrift zur "Luftkriegführung" von 1936 sprach nur vage von Luftangriffen, die den "Widerstandswillen des feindlichen Volkes an der Wurzel" treffen sollten. Terrorangriffe auf feindliche Städte seien nur zur Vergeltung entsprechender Schläge des Gegners erlaubt, um ihn "von dieser brutalen Art der Luftkriegführung abzubringen".
Tatsächlich hatten Theoretiker des Luftkriegs nicht nur in Deutschland die Bombardierung von Zivilisten in Erwägung gezogen - in einer fragwürdigen Konsequenz aus den endlosen Grabenkämpfen von 1914/18.
So sprach sich der Stab der britischen Luftwaffe 1924 dafür aus, "vom Beginn eines Krieges an militärische Ziele in bewohnten Gebieten zu bombardieren, mit der Absicht, durch den demoralisierenden Effekt solcher Angriffe und durch die schwer wiegende Zerrüttung der normalen Lebensverhältnisse eine Entscheidung herbeizuführen".
Der führende Kopf des Bombenkriegs gegen die Bevölkerung war der italienische General Giulio Douhet. Mit seinem 1921 erschienenen Standardwerk "Luftherrschaft" begründete der spätere Chef des Luftfahrtprogramms unter dem faschistischen Diktator Benito Mussolini den "Douhetismus", die Lehre von der Überlegenheit der Luftwaffe über die anderen militärischen Teilstreitkräfte - mit der Konsequenz des totalen Krieges. Das Vorwort eines Offiziers aus dem Planungszentrum der entstehenden Luftwaffe zur deutschen Ausgabe 1935 feierte die "ungemein befruchtende Wirkung" des Werks - "Ausdruck und Spiegelbild der Revolution des Faschismus".
Was zunächst noch wie militaristisches Wortgeklingel und Manöverspiel von Schreibtischgenerälen klang, wurde kurz darauf tödliche Wirklichkeit. Am Nachmittag des 26. April 1937 warfen 3 italienische und 21 deutsche Flugzeuge mehr als 30 Tonnen Bomben über dem nordspanischen Städtchen Guernica ab. Ein Teil der Bewohner war wegen eines Festes außerhalb der Stadtgrenze, die anderen suchten Deckung oder flohen in Panik. Nach zweieinhalbstündigen Angriffen stand fast ganz Guernica in Flammen. Wohl einige hundert Menschen kamen dabei um, fast drei Viertel aller Häuser wurden total zerstört.
Die Aktion der "Legion Condor", Hitlers Tarntruppe zur Unterstützung des Generals Francisco Franco bei seinem Bürgerkrieg gegen die republikanische Regierung, wurde zum "Symbol für eine Kriegsführung, die eine wehrlose Bevölkerung gleichermaßen grausam und unvorbereitet traf" - so der damalige Bundespräsident Roman Herzog zum 60. Jahrestag des Bombardements.
In den Wochen nach dem Angriff herrschte fast weltweit Empörung. "In der Art seiner Ausführung und in dem Ausmaß der Zerstörung, die er brachte, wie auch der Auswahl seines Ziels, ist der Angriff auf Guernica ohne Beispiel in der militärischen Geschichte", hieß es schon in einem der ersten Berichte vom Ort des Schreckens, den der Sonderkorrespondent George Steer an die "Times" in London schickte. Guernica war für die Basken seit Jahrhunderten ein nationales Heiligtum, Spaniens Könige hatten hier unter einer uralten Eiche baskische Rechte garantiert. Gleich in den beiden Monaten nach dem Bombardement schuf Pablo Picasso mit seinem monumentalen Gemälde ein Mahnmal für Guernica, das bis heute beeindruckt.
Ziel der Aktion war, republikanischen Truppen den Rückzug nach Bilbao abzuschneiden. Dazu sollten eine Brücke und eine Straße am östlichen Rand des Ortes, bei der Vorstadt Rentrería, zerstört werden. Doch im Qualm nach ersten Treffern wurde nur noch wahllos gebombt. Der Stabschef der Legion Condor, Wolfram Freiherr von Richthofen, notierte vier Tage später in seinem privaten Tagebuch: "Keiner konnte mehr Straßen-, Brücken- und Vorstadtziel erkennen und warf nun mitten hinein." Wie neue Dokumente belegen, analysierte die Luftwaffe in Spanien nach der Zerstörung von Städten systematisch die Wirkung der dort eingesetzten Spreng- und Brandbomben - eine Übung für den Terror (siehe Seite 120).
Nachdem Göring seine "junge Luftwaffe" im Spanischen Bürgerkrieg "im scharfen Schuss" erprobt hatte, durfte er sie in einen richtigen Weltkrieg führen. Der "Blitzfeldzug" gegen Polen drohte Mitte September 1939 ins Stocken zu geraten, weil sich die Hauptstadt Warschau unerwartet hartnäckig gegen die Eroberer wehrte.
Unter dem Decknamen "Wasserkante" hatte die deutsche Luftwaffe schon vor Kriegsbeginn einen Angriffsplan gegen Warschau entworfen. Die Bombardierung gleich am ersten Tag des Überfalls, wie Göring es ursprünglich wünschte, musste wegen schlechter Wetterbedingungen ausfallen. Der Plan aber hatte weiter Bestand. "Der Angriff ist als Vergeltung der an deutschen Soldaten verübten Verbrechen anzusehen und hat die Zerstörung von ,Wasserkante'' zum Ziel. Es kommt darauf an, bei dem ersten Angriff weitgehende Zerstörungen in dicht besiedelten Stadtteilen zu erreichen", befahl am 10. September der Generalstab der Luftwaffe.
Der schon in Guernica erprobte Richthofen, inzwischen zum Generalmajor aufgestiegen, bot sich am 22. September als Vernichter aus der Luft an: "Falls Fliegerführer zur besonderen Verwendung damit beauftragt, wird mit allen Kräften völlige Tilgung Warschaus angestrebt ... Beantrage dringend letzte Möglichkeit von Brand- und Terrorangriffen als groß angelegten Versuch auszunutzen." Dieses offenbar von Herzen kommende Angebot lehnte die Luftwaffenführung noch ab.
Auch Richthofens eigenmächtige Anweisung vom 11. September, das Warschauer Ghetto zu bombardieren, befolgte der beauftragte Geschwaderkommodore im Einvernehmen mit seinen Gruppenkommandeuren nicht. Er nahm stattdessen militärische Ziele in der Stadt ins Visier. Die Befehlsverweigerung kostete ihn seinen Posten - ein vergleichsweise geringer Preis für die Verhinderung eines Mordangriffs von oben.
Doch trotz solcher durchaus vorhandener Skrupel bei einigen Beteiligten startete am 24. September eine dreitägige Bombardierung der polnischen Hauptstadt. Auf dem Höhepunkt des Angriffs, am 25. September, warf die Luftwaffe 487 Tonnen Sprengstoff und 72 Tonnen Brandbomben in 1177 Einsätzen ab. "Warschau besteht nur noch aus Ruinen", hieß es im Kommuniqué des polnischen Oberbefehlshabers der Garnison am 26. September. "Die vor Warschau stehenden polnischen Einheiten litten weniger als die Zivilbevölkerung, da die Luftangriffe sich hauptsächlich gegen diese richteten, um ihre Moral zu erschüttern."
Theoretisch mochte das deutsche Bombardement mit der Haager Landkriegsordnung vereinbar sein: Warschau war eine militärisch verteidigte Stadt im Kampfgebiet mit zahlreichen Festungsanlagen, die Bevölkerung war vorgewarnt, die polnische Garnison fünfmal zur Übergabe aufgefordert worden, laut Anweisung sollten nur kriegswichtige Ziele bombardiert werden. Der Effekt aber war ein Terrorangriff, wie ihn bisher keine Stadt erlebt hatte. Mangels einer ausreichenden Zahl von Bombern setzte die Luftwaffe auch Transportflugzeuge vom Typ Junkers Ju-52 ein - die Brandbomben wurden ungezielt mit Kohlenschaufeln über Warschau verteilt.
Der jüdische Musiker Wladyslaw Szpilman, dessen abenteuerliches Überleben im Ghetto Roman Polanski in seinem Film "Der Pianist" beschreibt, verbrachte zwei Bombennächte stehend zusammengepfercht mit zehn Personen in einer winzigen Toilette. Wochen später versuchten die
Geretteten noch einmal auszuprobieren, wie sie alle in diesem Unterschlupf Platz gefunden hatten: "Kaum acht Personen passten hinein, wenn nicht Todesangst sie zwang."
Am 27. September 1939 um 14 Uhr herrschte Waffenruhe über den Ruinen, der Kommandant von Warschau hatte die bedingungslose Übergabe erklärt. Zwei Monate später zog die deutsche Luftwaffenführung ein triumphierendes Fazit aus dem Bombardement, insbesondere der Wirkung ihrer Brandbombe B 1 Fe: "Ihre hervorragende Wirkung auf großstädtische Wohnblocks steht nach dem großen Erfolg von Warschau außer jeden Zweifel ... Abwurf in großen Mengen, um gleichzeitig möglichst viele Brandherde zu erzeugen. Dazu überlagernd in wellenden Störangriffen Spreng- bzw. Splitterbomben ... um Bevölkerung in Schutzräumen zu halten, so dass einzelne Brandherde sich ausdehnen und eine Brandkatastrophe entsteht." Es war ebendieses Rezept, nach dem ab 1942 die Gegner der Nazis Deutschlands Städte verbrannten.
Nach dem Einmarsch deutscher Truppen in die neutralen Niederlande am 10. Mai 1940 traf die Generalität bald auf ein ähnliches Problem wie in Warschau. Die Angegriffenen räumten einen großen Teil ihres Landes ziemlich schnell, um von einem durch Wasserwege und die Nordsee abgegrenzten Gebiet, der "Festung Holland", desto hartnäckiger Widerstand zu leisten.
In Rotterdam hatte die Wehrmacht eine große Brücke über die Maas erobert, die einen wichtigen Zugang zur Festung Holland bildete. Doch auf dem Ufer und in der angrenzenden Altstadt hielten niederländische Truppen beharrlich die Stellung. Der geplante "Blitzfeldzug" der Nazis schien gefährdet. Hitler und seine Generäle fürchteten, in Kürze könnten englische Truppen zur Unterstützung der Holländer in der "Festung" landen und sich womöglich dauerhaft festsetzen. Der "Führer" brauchte zudem für die sich anbahnende Entscheidung in Frankreich einen freien Rücken.
Der Oberbefehlshaber der 18. Armee, General Georg von Küchler, erteilte daher am Abend des 13. Mai den Befehl: "Widerstand in Rotterdam ist mit allen Mitteln zu brechen, nötigenfalls ist Vernichtung der Stadt anzudrohen und durchzuführen." Damit begann eine fatale Folge von Kommandos und Gegenorders, von Aktionen der Luftwaffe und Verhandlungen der Offiziere vor Ort, die gleichzeitig, aber widersprüchlich liefen.
Das Kampfgeschwader 54 erhielt am Abend des 13. Mai den Auftrag, dass "holländische Widerstandszonen" im Rotterdamer Zentrum "durch Bombenteppiche vernichtet werden sollten". Zugleich verfasste General Rudolf Schmidt an den Stadtkommandanten und den Bürgermeister die Aufforderung zur Kapitulation. Andernfalls werde er "zu den notwendigen Mitteln" greifen: "Dies kann die völlige Vernichtung der Stadt nach sich ziehen."
Am nächsten Vormittag um 10.40 Uhr machten sich ein Hauptmann, ein Oberleutnant, der Holländisch konnte, und ein Sonderführer der Propagandakompanie - große weiße Fahnen schwenkend - mit der Kapitulationsaufforderung auf den Weg über die Maasbrücke. Der Luftangriff auf Rotterdam war schon am Abend zuvor auf 15 Uhr terminiert.
Nun begannen die Uhren gegeneinander zu laufen. Die deutschen Unterhändler wurden erst mal am Ende der Brücke "in unwürdiger Weise entwaffnet", ihre Pistolen ins Wasser geworfen. Der Stadtkommandant Oberst Philip Scharroo nahm die Parlamentäre dann "sehr korrekt" auf, wollte jedoch bei so einer schwer wiegenden Entscheidung erst bei seinem Hauptquartier in Den Haag Befehle einholen. Mit diesem Ergebnis kamen die Deutschen um 13.40 wieder bei ihrem Gefechtsstand an. Um 14.15 Uhr funkte General Schmidt ans Luftkommando: "Angriff wegen Verhandlungen aufgeschoben." Da waren die deutschen Bomber, die von ihren Standorten Quakenbrück, Delmenhorst und Hoya etwa 100 Minuten bis Rotterdam brauchten, schon planmäßig auf dem Weg zu ihrem Ziel.
Unterdessen erschien bei den Deutschen ein holländischer Abgesandter mit der Antwort des Stadtkommandanten auf die Kapitulationsforderung. Diese sei nicht unterzeichnet und nicht mit dem militärischen Rang des Absenders versehen, bemängelte Oberst Scharroo in Abstimmung mit seinem Hauptquartier und bat dies nachzuholen. Das Bestehen auf einer Formalie sollte offenbar Zeit gewinnen. Doch es war 14.55 Uhr, als General Schmidt dem Abgesandten die ausführlichen, unterzeichneten Bedingungen für die Übergabe aushändigte: Zehn Minuten später fielen die ersten Bomben auf Rotterdam.
Die Funkbotschaft mit dem Befehl zum Stopp des Angriffs war erst über mehrere Stationen bis zum zuständigen Leitflughafen gelangt. Es war zu spät, die Flugzeugführer über Funk zu verständigen, sie hatten ihre Schleppantennen für den Fernempfang schon eingezogen. Doch war noch ein letztes Signal zum Abdrehen vereinbart, falls nämlich die Truppen am Boden rote Leuchtkugeln in die Luft schössen.
Auf der Maasbrücke hatten die Deutschen gegen 15 Uhr permanent Leuchtpatronen hochgejagt. Das Kampfgeschwader griff in zwei Formationen an. Wegen starken Dunstes und der Rauchwolken eines im Hafen brennenden Schiffes, der "Straatendam", konnte der Führer der ersten Kampfgruppe die Signale aber nicht sehen. Der Kommandeur der anderen Bomberformation hatte gerade den Wurfbefehl ausgelöst, als er "zwei kümmerliche rote Leuchtpatronen" hochsteigen sah. Er drehte ab, gefolgt von seiner Kampfgruppe, die allerdings auch schon etliche Bomben abgeworfen hatte. Die ersten Bomber dagegen ließen ihre volle Ladung von 60 bis 90 Tonnen über dem Zentrum ab.
Das Ergebnis war verheerend. Ein Treffer zerstörte die Hauptwasserleitung, so dass Löscharbeiten nicht mehr möglich waren. Bei der ohnehin schlechten Sicht warfen die Besatzungen ihre Bomben unterschiedslos auf militärische und zivile Ziele. "Die Innenstadt ist ein einziger rauchender Trümmerhaufen - ein grauenerregendes Bild", schrieb der Oberbefehlshaber der angreifenden Heeresgruppe B, Generaloberst Fedor von Bock, in sein Tagebuch. Der Luftwaffenstabs-Oberst Otto Hoffmann von Waldau notierte: "Der Angriff von zwei Kampf- und Stukagruppen verwandelte Süd-Rotterdam zu einem Schutthaufen, der jeglichen Vergleich mit Warschau aushielt."
Etwa 900 Menschen kamen dabei um. 25 000 Wohnungen, 2500 Geschäfte, 250 Hotels und Pensionen und 1350 industrielle Unternehmen wurden an diesem 14. Mai 1940 zerstört. Britische Bomberpiloten, die zwei Tage später Angriffe gegen das Ruhrgebiet flogen, blickten auf dem Weg von oben auf "das furchtbare Inferno von Rotterdam". Die Rauchsäulen und der rot gefärbte Horizont waren weit in dem flachen Land zu sehen, auch auf einem Balkon in Den Haag, wo der junge Cees Nooteboom mit seinem Vater das grausige Spektakel beobachtete. Noch über ein halbes Jahrhundert später erinnerte sich der Schriftsteller an sein Entsetzen: "Der Sechsjährige war von einem unaufhörlichen Zittern erfasst, damit es aufhörte, wurde sein Rücken mit eiskaltem Wasser abgewaschen."
Angesichts des Bombenhagels bot Stadtkommandant Scharroo um 17.10 Uhr persönlich auf dem deutschen Gefechtsstand die Übergabe Rotterdams an, der am nächsten Tag die Kapitulation der meisten holländischen Truppen folgte. Herr Generalleutnant Schmidt bedauere das Bombardement sehr, wurde Oberst Scharroo noch mitgeteilt.
Hätte eine weniger unglückliche Verkettung der Abläufe die Zerstörung der Stadt verhindert? Die deutsche Führung war jedenfalls entschlossen, mit ihrer Drohung, Rotterdam zu vernichten, Ernst zu machen, falls die Niederländer nicht in die Übergabe einwilligten. Der oberste Herr der Luftwaffe, Göring, hatte für den Abend des 14. Mai sogar eine Bombardierung ohne Rücksicht auf den Stand der Übergabeverhandlungen befohlen - offenbar war er über die schon laufenden zerstörerischen Angriffe noch nicht informiert.
Rotterdam wurde jedenfalls mehr noch als Warschau zum Symbol für deutsche Terrorbombardements. Dazu trug auch die Schreckenszahl von 30 000 Toten bei, die zunächst in der britischen Presse verbreitet wurde. Aber auch die Deutschen selbst benutzten Rotterdam, um mit der Macht ihrer Luftwaffe zu prahlen.
"Will man eine Propaganda betreiben mit dem Ziele, seht, so stark sind wir, so tüchtig ist unsere Wehrmacht, so wirken unsere Bomben und Waffen, dann ist kein Objekt besser dazu geeignet als Rotterdam", schrieb der Verbindungsmann des Auswärtigen Amtes bei den Truppen in den Niederlanden wenige Tage nach dem Angriff. "Will man aber vermeiden, weiter im Geruch des Kulturbanausentums zu bleiben, dann ist ein Besuch Rotterdams gefährlich. Da allerdings die Weltgeschichte immer dem Sieger Recht gibt, braucht uns das vielleicht für die Zukunft nicht so sehr zu bedrücken."
Die verklausulierte Warnung wirkte nicht. Im Sommer 1940 führten die in den Niederlanden, Belgien und Frankreich siegreichen Militärs Journalisten aus aller Welt Rotterdam als Beispiel ihrer unschlagbaren Überlegenheit vor.
Nach dem erfolgreichen Westfeldzug wurde die Luftwaffe eine Zeit lang Hitlers wichtigstes Kampfinstrument. Die englische Armee hatte sich unter schweren Verlusten bei Dünkirchen auf die Insel zurückgezogen, eine Invasion, das Unternehmen "Seelöwe", schien den deutschen Generalstäblern zu dieser Zeit noch zu gefährlich. So wurde der "verschärfte Luftkrieg" zum Mittel der Nazi-Führung, dessen Schlussphase "heftige Angriffe zur Zermürbung des ganzen Landes" bilden sollten, wie Göring forderte. Die Bomben galten daher zunächst militärischen Zielen wie Häfen und den Fabriken der Luftrüstung, doch den "Terror-Angriff" gegen englische Bevölkerungszentren schloss die Luftwaffenführung in ihren Planungen nicht aus. Allerdings hatte sich Hitler ausdrücklich seine persönliche Genehmigung für solche Aktionen vorbehalten.
Schon wenige Tage nach dem Beginn der Luftschlacht um England jedoch, am 24. August 1940 um 22 Uhr, griffen 100 Flugzeuge die britische Hauptstadt an und verursachten, so die Londoner Feuerwehr, 76 Schadensfälle in der City und vier Vororten. Ein britischer Vergeltungsangriff gegen Berlin am übernächsten Tag, der kaum Schäden anrichtete, versetzte den "Führer" in Wut: "Wenn sie erklären, sie werden unsere Städte in großem Ausmaß angreifen - wir werden ihre Städte ausradieren", verkündete Hitler am 4. September zur Eröffnung des "Winterhilfswerks".
Danach begann, was die Briten bald "The Blitz" nannten. Eine Serie von Angriffen auf London tötete bis Dezember 1940 rund 14 000 Menschen. Mindestens 250 000 Einwohner verloren ihre Wohnung. "Durchschlagende Wirkungen" erhoffte sich die "Feindnachrichtenabteilung" der Wehrmacht nicht von Angriffen auf Wohngebiete der Londoner City. Der Brite sei von Natur aus zäh, meinten die deutschen Militärs. Dagegen riet die Feindnachrichtenabteilung zur Bombardierung von Rüstungszentren wie Coventry, Birmingham und Sheffield: Eine "einzigartige Gelegenheit".
Besonders Coventry wurde der Luftwaffe empfohlen, denn dort würde "die Wirkung auf die Industrie noch dadurch besonders gesteigert, weil die unmittelbar in Werksnähe wohnende Arbeiterschaft stark in Mitleidenschaft gezogen wird. Infolge der leichten Bauweise von Fabrik- und Wohngebäuden unter enger Zusammendrängung des bebauten Raumes ist hier eine besonders starke Wirkung bei Brandbombeneinsatz zu erwarten".
Alles, was einen Namen in der britischen Luftfahrtindustrie hatte, besaß in Coventry Werke, die nun wichtige Teile wie etwa Motoren für die Bomber vom Typ "Blenheim" und bald darauf "Lancaster" sowie die Jäger "Spitfire" und "Hurricane" bauten. Auf Grund einer lange gültigen Baubeschränkung im Außenbezirk waren die meisten Fabriken über die Innenstadt verstreut, manche wie die von Triumph oder Victoria lagen nur wenige Straßen von der Kathedrale entfernt, dem Wahrzeichen der Stadt.
Die Luftwaffe hatte eine Vollmondnacht Mitte November für einen großen Schlag gegen die englische Luftfahrtrüstung anvisiert - ein Generalstäbler mit Sinn für deutsche Klassik hatte der Operation den Codenamen "Mondscheinsonate" gegeben. Die Nacht vom 14. auf den 15. November war klar und hell. 449 deutsche Flugzeuge stiegen von der französischen Kanalküste auf. Kurz nach 19 Uhr begannen sie mit dem Abwurf von 56 Tonnen Brand- und 394 Tonnen Sprengbomben sowie 127 Minen.
"Der Horizont war ein riesiger Halbkreis aus Feuer", erinnerte sich der Probst der Kathedrale, Richard Howard, der mit drei Leuten seine Kirche an diesem Abend bewachte. Gegen 20 Uhr schlugen die ersten Bomben durch das Dach des Kirchenschiffs. Howard und seine Helfer löschten mit Sand und Handspritzen. Doch dann ergoss sich ein Feuerregen über Hauptschiff und Seitenkapellen. Die nun alarmierte städtische Feuerwehr hatte längst alle Züge anderswo in der Stadt im Einsatz.
Mitten im Feuer holten Probst Howard und seine Gruppe Kruzifixe, Altarkreuze, Kerzenständer, Bibeln und schließlich die Fahne des Royal Warwickshire Regiments aus der zusammenbrechenden Kathedrale und brachten sie in die nahe gelegene Polizeiwache. Bis weit nach Mitternacht explodierten Bomben um die 600 Jahre alte Kirche, bis nur noch der Turm stehen blieb. Der Pfarrer sah vom Eingang der Wache zu: "Die ganze Nacht brannte die Stadt, und die Kathedrale brannte mit ihr, Zeichen der ewigen Wahrheit, dass, wenn Menschen leiden, Gott mit ihnen leidet."
Die Deutschen hätten in der Tat auf die Fabriken gezielt, räumt der Brite Norman Longmate in seinem minutiösen Report über die Bombardierung von Coventry ein, "doch unvermeidlicherweise fielen viele Brandbomben auf Wohnungen". Es geschah, was die deutsche Feindnachrichtenabteilung prophezeit hatte, das ganze Zentrum ging in Flammen auf und fiel in Trümmer. Am Morgen danach waren kaum noch die Hauptstraßen unter dem Schutt wiederzufinden. "Wo zum Teufel sind wir?", fragte ein Mann aus Birmingham seinen Sohn mitten in einem Trümmerfeld. "Im Moment befinden wir uns in der Mitte der Alvis Autofabrik", antwortete der Sohn. Eine halbe Meile rund um die Fabrik war alles platt, und schließlich wusste auch der Sohn nicht mehr, wo er war.
Etwa ein Drittel der Fabriken war ganz oder schwer zerstört, ein weiteres Drittel zumindest eine Zeit lang außer Betrieb gesetzt. Von 75 000 Häusern waren 60 000 vollständig oder teilweise zerbombt. Auch die Hospitäler hatten zahlreiche Treffer abbekommen und mussten evakuiert werden. Über 550 Menschen starben durch den Angriff. Zum ersten Mal in Großbritannien mussten die Opfer in Massengräbern beigesetzt werden. Die Angehörigen durften ihre Toten nicht sehen, da viele schwer verstümmelt waren. Die Identifizierung musste anhand von Kleidern und persönlichen Gegenständen geschehen, die den Toten abgenommen worden waren.
Die britische Presse machte keine Versuche, das Ausmaß des Desasters zu verbergen, vielmehr wurde der Angriff zum Symbol einer weiteren Eskalation im Bombenkrieg. Die Schlagzeile der "Birmingham Gazette" vom 16. November wurde bald oft zitiert: "Coventry - our Guernica".
Die deutsche Propaganda rühmte sich unverfroren der schrecklichen Folgen der Operation "Mondscheinsonate". Die Wortschöpfung "coventrieren" bereicherte fortan das Wörterbuch des Unmenschen. Ein angeblicher Schwarzsender englischer Dissidenten namens "Workers'' Challenge" - in Wahrheit von den Deutschen betrieben - versuchte den Briten mit dem Grauen von Coventry ihren Verteidigungswillen auszutreiben: "Es ist unmöglich zu beschreiben, was in Coventry passiert ist. Wenn wir damit anfingen, würden Sie abschalten."
Mit dem Angriff auf Coventry löste Hitler Vergeltungsschläge der Briten aus. Schon am 16. November flogen 127 britische Bomber eine Attacke auf Hamburg, den ersten Großangriff auf eine deutsche Stadt. Das "Coventrieren" wandte sich bald noch mehr gegen das Volk der Täter. An den Wirkungen der deutschen Spreng- und Brandbomben in der zerstörten Stadt studierten britische Luftkriegsexperten, wie sie künftig am besten ihre Bomben über Deutschlands Zentren platzieren konnten.
Waren die Deutschen also selbst schuld an den vernichtenden Bombardements auf ihre Städte? Ja, denn schließlich hatte ihre von den meisten bejubelte Führung den mörderischen Krieg gegen den Rest der Welt begonnen. Nein, denn die in den Luftschutzkellern erstickten oder auf den Straßen verbrannten Frauen, Kinder und Greise hatten den Bombenterror der deutschen Luftwaffe nicht verursacht, nicht einmal verhindern können. Die Aufrechnung von Opfern gegen Opfer führt nur auf Irrwege.
Wenige Wochen nach der Katastrophe von Coventry meldete sich Probst Howard aus den Ruinen seiner Kathedrale mit einer Botschaft der Versöhnung, in der weltweit übertragenen Weihnachtssendung der BBC "Round the Empire": "Wir möchten der Welt dies sagen. Mit Christus, der heute in unseren Herzen wiedergeboren wurde, versuchen wir - so schwer es auch sein mag - alle Gedanken an Rache zu verbannen."
Die Serie verheerender deutscher Luftangriffe auf gegnerische Städte kann ebenso wenig als Entschuldigung für spätere unterschiedslose Flächenbombardements der Alliierten dienen. Aber diese Vorgeschichte kann mit erklären, warum sich der britische Premier Winston Churchill schließlich zu dieser brutalen Maßnahme entschloss.
Es hilft auch nicht weiter, wenn deutsche Historiker nach dem Krieg akribisch zwischen den völkerrechtlich gedeckten Absichten der Luftwaffe - nämlich nur militärische Ziele zu treffen - und den bedauerlichen Folgen differenzieren. "Die Auswirkung solcher Angriffe" hätte "häufig diesen Charakter" eines "unterschiedslosen Terrorbombenkriegs" gehabt, so etwa der Militärgeschichtsforscher Horst Boog in seinem Aufsatz "Bombenkriegslegenden". Für die Wirkung sowohl auf die Opfer wie auf die Weltöffentlichkeit machte die feine Unterscheidung damals keinen Unterschied.
Wenn sie denn diesen Unterschied zunächst gemacht haben sollte - im weiteren Verlauf des Kriegs gab sich die Luftwaffe bald keine Mühe mehr, den Anschein zu wahren. Nach den zweitägigen Angriffen auf Belgrad Anfang April 1941, bei denen Bomben auf angeblich kriegswichtige Ziele über 2200 Menschen töteten, begannen 1942 offene Terrorschläge gegen englische Städte. Die so genannten Baedeker-Angriffe trugen ihren Namen, weil die Ziele wie Bath, Exeter oder Canterbury allenfalls von touristischem Interesse und aus dem Reiseführer ausgewählt worden waren.
Im August 1942 warf die Luftwaffe unter Führung des bei Guernica und Warschau erprobten Richthofen tagelang flächendeckend Bomben auf Stalingrad. Über dem späteren Untergang der 6. Armee geriet das mörderische Bombardement fast in Vergessenheit: 40 000 Menschen kamen dabei schätzungsweise um, eine bis dahin unerhörte Zahl ziviler Opfer. 1944 begann schließlich die Beschießung britischer Städte, besonders von London, mit den "Vergeltungswaffen" V1 und V2, die nicht zielgenau gesteuert werden konnten und wahllos alles trafen. Insgesamt 66 400 Menschen starben in Großbritannien bei deutschen Luftangriffen, davon 8994 durch die angeblichen Wunderwaffen. Die letzte V2 wurde am 27. März 1945 abgeschossen.
MICHAEL SCHMIDT-KLINGENBERG
"Hitler glaubt, die Bewohner dieser mächtigen Stadt terrorisieren und einschüchtern zu können. Er weiß nichts von der Zähigkeit der Londoner."
Winston Churchill, 11. September 1940
"Wenn die britische Luftwaffe 2000 oder 3000 oder 4000 Kilogramm Bomben wirft, dann werfen wir jetzt in einer Nacht 150 000, 180 000, 230 000, 300 000, 400 000, 1 Million."
Adolf Hitler am 4. September 1940
* Bei der Siegesparade der Legion Condor.
Von Michael Schmidt-Klingenberg

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