13.01.2003

SERIE (II)Test für den Terror

Im Spanischen Bürgerkrieg probte die Luftwaffe die Vernichtung von Städten.
Für den Stabschef der Fliegertruppe war die Aktion ein voller Erfolg: "Guernica, Stadt von 5000 Einwohnern, buchstäblich dem Erdboden gleichgemacht", notierte Wolfram von Richthofen begeistert in sein Kriegstagebuch. "Bombenlöcher auf Straßen noch zu sehen, einfach toll."
Für die Bewohner des baskischen Städtchens war dagegen am 26. April 1937 die Hölle losgebrochen: "Stundenlang haben deutsche Flugzeuge mit einer bisher unbekannten Brutalität die schutzlose Zivilbevölkerung der historischen Stadt Guernica bombardiert; sie haben die Stadt eingeäschert und mit Maschinengewehrsalven die Frauen und Kinder verfolgt, die in panischer Angst flohen und zahlreich zu Tode kamen", berichtete José Antonio de Aguirre, der Präsident der baskischen Regierung, drei Tage später.
Guernica wurde zum Symbol für den deutschen Luftterror. Doch schon gleich nach dem Angriff begann ein endloser Streit über Ursachen und Verantwortlichkeiten. Die Franquisten behaupteten, die Republikaner hätten das Städtchen selbst auf dem Rückzug in Brand gesteckt - die unhaltbare Geschichte brachte "Die Welt" noch im Jahr 1973. Vor allem spanische und britische Historiker stritten sich nach dem Krieg über Jahrzehnte untereinander und mit manchen deutschen Kollegen, die die Ehre der Luftwaffe retten wollten.
Der Luftkriegshistoriker Horst Boog ist noch heute der Auffassung, dass es sich bei dem Angriff um "mittelbare taktische Heeresunterstützung" gehandelt habe, wie sie im Krieg "normal" war. Das Angriffsziel sei eine strategisch wichtige Brücke und die Zerstörung der Stadt nicht geplant gewesen. Der Geschichtswissenschaftler Hans-Henning Abendroth meint, dass es keine ausreichenden "Indizienbeweise" für eine absichtsvolle Zerstörung der "heiligen Stätte" des Baskenlands durch die Legion Condor gebe.
Eine Entscheidung, ob Guernicas Zerstörung geplanter Terror aus der Luft oder ein "Kollateralschaden" war, schien schwer möglich. Fast alle Akten der Legion Condor waren bei Kriegsende vernichtet. Nun aber liegen dem SPIEGEL Dokumente zu Guernica vor, die ein deutscher Ingenieur der Luftwaffe als Durchschläge privat über den Krieg retten konnte: Joachim von Richthofen - nicht verwandt mit seinem Chef - untersuchte in einem als "geheim" eingestuften Bericht vom 28. Mai 1937 mehrere von der Legion Condor angegriffene Städte im Hinblick auf die Wirkung deutscher Bomben.
Richthofen schildert den Angriff auf Guernica als genau geplante Operation in mehreren Wellen: "Erst gelangten Brandbomben zum Abwurf, die viele Dachstuhlbrände anregten". Es folgten "Angriffe mit 250-Kilo-Sprengbomben", "Wasserleitungen wurden zerstört, was Löschversuche vereitelte". Die "Volltrefferzahl" sei nicht so groß gewesen; "einzelne Bomben sind auf freie Plätze gefallen". Um eine Verwechslung mit seinem Chef zu vermeiden, unterzeichnete Joachim von Richthofen seine Berichte mit "Richthofen 2".
Auch in anderen Städten wie Durango und Eibar untersuchte der Rüstungsingenieur die Sprengwirkung, um herauszufinden, wie die "erstrebten Brandkatastrophen" am besten zu erreichen sind, so ein Mitarbeiter Richthofens schon vor Guernica in dem Bericht "Einsatz von Brandbomben gegen spanische Städte" vom 5. Dezember 1936.
Zu schaffen machte den Sprengstoffexperten die einfache spanische Bauweise. Zudem gab es "nur eine ganz spärliche Möbelausstattung", und "auch andere brennbare Ausstattungen, wie Fenstervorhänge", fehlten meist. Da die spanische Architektur sich wesentlich von der "mitteleuropäischen Bauweise" wie etwa "in Deutschland, Frankreich, England, Polen, Österreich" unterschied, mussten die Legionäre umdenken: Statt einfach schwere Sprengbomben herunterregnen zu lassen, komme es "im Wesentlichen darauf an, eine möglichst große Zahl von Volltreffern zu erreichen". Wegen der Dichte der Bebauung und der flachen Häuser könnten schon leichte 50-Kilo-Sprengbomben eine "weitgehende Zerstörung des Zieles gewährleisten".
Das Land begriffen die Deutschen als eine Art gigantischen Truppenübungsplatz, in dem sie unter realistischen Bedingungen neue Waffen erproben konnten. Die Franco-Armee selbst gab zudem Operationsbefehle wie den vom 13. Dezember 1936 heraus, in dem sie die Legion Condor unter anderem anwies, "Menschenansammlungen zu bewerfen", um die "Moral der Feindkräfte zu erschüttern".
Beobachtungen über die ausgebombten Bewohner, wie in Durango, flossen den Technokraten nur lapidar aus der Feder: "Die bei der Besichtigung angetroffenen Einwohner machten verständlicherweise einen deprimierten Eindruck", schrieb "Richthofen 2" am 28. Mai 1937, "waren aber schon eifrig an der Arbeit, ihre verwüsteten Wohnungen wieder herzurichten."
Viel mehr interessierte die Deutschen der Blick in die waffentechnische Zukunft: "Auf mittel- und westeuropäische Verhältnisse übertragen, kann gesagt werden, dass der Einsatz von 50-Kilo-Bomben keine nachhaltige Erschütterung von Baulichkeiten hervorruft", resümierte "Richthofen 2". Deshalb empfahl er die "Entwicklung einer mittelschweren Sprengbombe von 100 bis 150 Kilo." Deren Vorteil: Die "moralische Wirkung" sei sehr groß, da es ohne "besonders gebaute Luftschutzräume keine Schutzmöglichkeiten" gebe. PER HINRICHS
Von Per Hinrichs

DER SPIEGEL 3/2003
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