13.01.2003

FUSSBALLColt auf dem Tisch

Über Jahre galt die Türkei für deutsche Spieler und Trainer als prächtige Alternative zur Bundesliga. Doch inzwischen ist der gute Ruf dahin: Kaum einer erhält die versprochenen Summen, zuweilen ignorieren die säumigen Clubs sogar die Urteile des Weltverbandes.
Draußen tobten die Fans, drinnen in der Umkleidekabine hob der Vizepräsident zu einer Rede mit viel Pathos an. Wie alle im Stadion von Bursaspor, so sei auch er "ins Herz getroffen" nach der "schmachvollen" 2:5-Heimniederlage gegen Istanbulspor, schmetterte er dem deutschen Trainer direkt nach Spielschluss entgegen. Ein Dolmetscher übersetzte.
Dann wurde der Ton des Funktionärs schneidend. Er bedrängte Jörg Berger, für dessen "leibliche Unversehrtheit" er "nicht mehr garantieren" könne, das Land "umgehend" zu verlassen: "Ein Hubschrauber wartet auf Sie." Der Coach indes reagierte kühl - und konsultierte erst einmal seinen Anwalt.
Am nächsten Mittag wurde Berger in ein Restaurant zitiert. Dort erwartete ihn der Präsident, umgeben von einem Dutzend weiterer Vorstände. Warum er denn so uneinsichtig sei? Berger verwies auf seinen Zweijahresvertrag. Da kippte die Stimmung endgültig. Ein Paladin der Clubführung, der bis dahin geschwiegen hatte, zog einen Colt aus seinem Sakko und legte die Waffe auf den Tisch.
Nun wusste Berger, dass er in Bursa nichts mehr zu suchen hatte. Er war gefeuert.
Abends erhielt er so etwas wie eine zweite Warnung. Berger saß allein in seiner Villa, die in einem bewachten Nobelviertel lag, als er plötzlich Lärm hörte. Vor dem Grundstück parkte ein Bus, der Fahrer ließ den Motor laufen, etwa 50 junge Männer stiegen aus. Einige hatten Schlagstöcke bei sich, mit denen sie den Vorgarten und die Hauswand demolierten. Andere warfen mit Steinen Fensterscheiben ein. Nach einer halben Stunde zogen die Randalierer wieder ab.
Exakt fünf Minuten später schaute die Polizei kurz vorbei.
Seit dem filmreifen Ende seines Engagements im Oktober 2000 liegt Jörg Berger mit den Verantwortlichen von Bursaspor heftig im Clinch. Der 58-Jährige wirft den Funktionären, die noch vor seiner Abreise einen Nachfolger einstellten, "einseitigen Vertragsbruch" vor und hat sie beim Fußballweltverband (Fifa) auf Zahlung seines Gehalts bis Juni 2002 verklagt: rund 750 000 Euro.
Die Vereinsbosse sehen das freilich ganz anders. Der Club, so die Version der Anwälte, dürfe nicht für das "plötzliche Verschwinden" des Trainers "zur Verantwortung gezogen" werden - "vielleicht konnte sich Mister Berger nicht daran gewöhnen, in einem fremden Land zu arbeiten".
Die Akte Berger versus Bursaspor ist kein Einzelfall. Denn wie der Sachse, so klagen derzeit rund ein Dutzend Profis und Trainer aus Deutschland vor der Fifa gegen türkische Erstligisten. Sie sehen sich - wie etwa der Fußball-Lehrer Joachim Löw von Fenerbahçe Istanbul, der Abwehrspieler Martin Spanring von Bursaspor oder der Ex-Weltmeister Thomas Berthold von Adanaspor - von ihren früheren Arbeitgebern geprellt.
Die Vorwürfe ähneln sich. Es geht um nicht eingehaltene vertragliche Zusagen wie Villen, Autos und Freiflüge, es geht um Schikanen und um Repressionen, und es geht um sehr viel Geld - die meisten Klagen führen rückständige Gehaltsansprüche und Schadensersatzforderungen in Millionenhöhe auf.
Ärger mit der notorisch schlechten Zahlungsmoral türkischer Clubs haben auch international renommierte Kicker. So will der israelische Nationalspieler Haim Revivo, der unlängst mit dem Hamburger SV verhandelte, Fenerbahçe verlassen. Zuletzt schuldete ihm der Club das Gehalt von fünf Monaten: rund eine Million Dollar.
"Zahlungsunwilligkeit", konstatiert die Fifa, liege im internationalen Fußball im Trend. Niemals zuvor mussten die Regelhüter dermaßen viele Fälle von Vertragsquerelen behandeln wie im vorigen Jahr: annähernd 1000. Und niemals zuvor entfiel ein derart großer Anteil davon auf türkische Vereine: beinahe jeder sechste.
Einen Schweizer Anwalt, der jahrelang in der Rechtsabteilung der Fifa arbeitete, verwundert diese Entwicklung nicht: "Viele Clubs in der Türkei locken mit absurden Gagen - und dann nutzen sie alle Tricks, um doch nicht zahlen zu müssen."
Nahezu üblich bei Verpflichtungen aus dem Ausland scheint zu sein, dass allenfalls das Handgeld vor Vertragsabschluss komplett fließt - und bereits mit den ersten Raten der Ärger beginnt.
So war es auch im Fall Berthold. Dem 62-maligen Nationalspieler waren monatlich 100 000 Mark netto zugesagt. Als er sich wenige Wochen nach seiner Ankunft beim Präsidenten lautstark über Zahlungsrückstände beschwerte, setzte eine Politik der Nadelstiche ein: Der Mannschaftsarzt von Adanaspor verweigerte die Behandlung, Berthold wurde aus seinem Hotel komplimentiert. Nach drei Monaten war der Verteidiger wieder in Deutschland.
Ganz schnell ausgebootet wurde auch Torwart Daniel Hoffmann, der bei Kocaelispor für drei Jahre und ein Salär von 30 000 Mark netto pro Monat angeheuert hatte. Von dem Geld sah der frühere Keeper von 1860 München in der Türkei nichts, und nach nur drei Spielen flog er ohne Begründung aus dem Kader. Fortan fühlte sich Hoffmann gemobbt. Eines Abends betrat er sein Zimmer auf dem Clubgelände, das er übergangsweise bezogen hatte - und fand es von Unbekannten durchwühlt.
Auch Martin Spanring, dem für zwei Jahre rund eine Million Mark netto garantiert waren, erhielt von seinen vereinbarten Monatszahlungen in Bursa keinen Pfennig. Stattdessen suspendierte der Club den Kicker nach wenigen Wochen vom Spielbetrieb - und befahl ihn zum Training mit einem Jugendteam. Zuweilen sah sich Spanring "gezieltem Psychoterror ausgesetzt". So wurde sein Wagen, in dem auch sein Mannschaftskamerad Marc Ziegler saß, eines Mittags bei der Fahrt vom Trainingsgelände von einem weißen Hyundai verfolgt. Spanring hielt am Straßenrand, seine Verfolger stoppten hinter ihm. Zwei Männer stiegen aus. Sie liefen auf das Fahrzeug des Spielers zu, hämmerten mit den Fäusten gegen die Windschutzscheibe und brüllten: "Go from Bursa!" Einer der Angreifer, so Spanring, hielt eine Waffe in der Hand.
In einem Schreiben an die Fifa schildert Spanring, er habe sich "ernsthaft bedroht" gefühlt. Nachdem er auch den dritten Monat in Folge weder Prämien noch Gehalt bekommen hatte, beendete der Verteidiger den Vertrag fristlos. Die 96 000 Mark für die Monate, in denen er in Bursa war, hat er mittlerweile eingetrieben. Die 930 000 Mark, die er bis zum Ende seines Kontraktes verdient hätte, stehen noch aus.
Die mangelnde Vertragstreue etlicher Clubs passt weder zu den Bemühungen des Landes, in die EU aufgenommen zu werden, noch zum Aufschwung, den der türkische Fußball jüngst genommen hat: Bei der WM wurde das Nationalteam Dritter, und auch die Bewerbung als Co-Gastgeber der Europameisterschaft 2008 hinterließ einen guten Eindruck.
Doch die Vereine werden meist von mächtigen Unternehmern bestimmt, die offenkundig auf internationales Renommee pfeifen. Fristen der Fifa lassen sie ungerührt verstreichen, und Schreiben mit der Bitte um Stellungnahme bleiben unbeantwortet. Der Ludwigsburger Rechtsanwalt Christoph Schickhardt, der einige Mandanten gegen türkische Clubs vertritt, sieht sich mit einer eigentümlichen Geschäftskultur konfrontiert: "Das Verdrehen von Tatsachen gilt als Kavaliersdelikt."
Man kann es, wie mit dem Vertrag von Joachim Löw, ja einfach mal versuchen. So halten die Advokaten von Fenerbahçe den Kontrakt mit dem Trainer, der Anfang 1999 vorzeitig um ein Jahr verlängert wurde, auch heute noch für nicht bindend. Ihre Begründungen, so geht aus den Akten hervor, wechseln behände. Mal heißt es in blumigen Worten, der Vertrag sei nie verlängert worden; mal heißt es, die Unterzeichner für den Club seien nicht befugt gewesen; dann wieder ist die Rede davon, dass das Arbeitsverhältnis mit dem Coach, der im Mai 1999 gefeuert wurde, ganz regulär ausgelaufen sei - nur beim Gewinn der Meisterschaft hätte es sich automatisch um ein Jahr verlängert.
Genutzt hat die Phantasie der Juristen nichts. Denn Löws Vertrag, das hat die Fifa im Herbst in letzter Instanz bestätigt, ist gültig - unterzeichnet hat ihn der allmächtige Präsident Aziz Yildirim, beklatscht haben ihn mehr als zehn Präsidiumsmitglieder, und dokumentiert haben das Ereignis im Trophäenraum von Fenerbahçe mehr als 15 Fernsehteams.
Allerdings wartet Löw trotz des Urteils bis heute auf sein Geld, mehrere 100 000 Euro - die Zahlungsfrist von 30 Tagen hat Fenerbahçe einfach ignoriert.
So tun sich türkische Clubs zunehmend schwer, taugliches Personal aus Westeuropa ins Land zu locken. Unter Spielern und deren Beratern hat sich herumgesprochen, dass manche Vorstände ihre Angestellten wie Leibeigene behandeln.
Mit finanzieller Not, berichten Marktbeobachter, haben die vertragstechnischen Scharmützel selten zu tun. Fenerbahçes Präsident Yildirim etwa, ein Baulöwe mit besten politischen Kontakten, pumpt pro Saison rund 35 Millionen Dollar aus seinem Privatvermögen in den Club.
Auch bei Bursaspor bestimmen schwer- reiche Unternehmer den Kurs - und wenn sie ihren Segen geben, spielen Kosten keine Rolle. So wurde die Frau des Trainers Berger zu Visiten in Bursa am Istanbuler Flughafen schon mal von einem Helikopter erwartet - ein Vorstandsmitglied wollte ihr die dreistündige Autofahrt vom Bosporus ans Marmarameer ersparen.
Den Erstligaverein der Millionenstadt Adana nahe der syrischen Grenze dominiert ein einflussreicher Industriellen-Clan, der im Telekommunikationsgeschäft tätig ist sowie mehrere Zeitungen und Fernsehstationen besitzt.
Wie beherzt der Patron von Adanaspor bei Gelegenheit zupackt, zeigte sich im November bei den Parlamentswahlen. Cem Uzan finanzierte den Wahlkampf der rechtspopulistischen "Jungen Partei" und schwang sich zum Spitzenkandidaten auf - mit seinen fremdenfeindlichen Parolen errang er 7,3 Prozent der Stimmen.
Willkür dürfe nicht länger das Herrschaftsprinzip dieser Club-Paten sein, mahnt der Spielerberater Harun Arslan: "Wer international konkurrieren will, muss die Regeln akzeptieren." Denn eines hält der von Hannover aus agierende Vermittler für gewiss: "Wenn die Präsidenten es wollen, schwimmen die Vereine in Geld." MICHAEL WULZINGER
Von Michael Wulzinger

DER SPIEGEL 3/2003
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