13.01.2003

EISKUNSTLAUFEN„Wie belastbar ist sie heute?“

Der ehemalige Paarlauf-Weltmeister Ingo Steuer über seinen Erfolg als Trainer, die Missgunst der Kollegen und die Zusammenarbeit mit der bulimiekranken Eva-Maria Fitze
Steuer, 36, gewann mit seiner Partnerin Mandy Wötzel 1995 die Europameisterschaft und zwei Jahre später den WM-Titel. 1998 holten sie die Bronzemedaille bei den Olympischen Winterspielen. Seit Sommer 2001 arbeitet Steuer in seiner Heimatstadt Chemnitz als Trainer. -------------------------------------------------------------------
SPIEGEL: Herr Steuer, Sie verdienen Ihren Lebensunterhalt auch in diesem Winter zusammen mit Mandy Wötzel bei mehr als hundert Showauftritten. Warum haben Sie sich zusätzlich den lausig bezahlten Fleißjob als Trainer aufgehalst?
Steuer: Ich wollte helfen. Der Chemnitzer Trainer Alexander König wechselte nach Berlin und nahm einige Läufer mit. Ich sagte mir, bevor Chemnitz ausverkauft wird, übernehme ich Königs Aufgabe hier. Mit dem Ziel, was Frisches im Paarlauf auf die Beine zu stellen.
SPIEGEL: Das ist Ihnen gelungen. Vorletztes Wochenende gewann Ihr erst im Juli zusammengestelltes Paar Eva-Maria Fitze und Rico Rex die Meisterschaft. Als Coach verkörpern Sie jetzt in tiefer Krise die Hoffnung auf bessere Zeiten. Wie war die Reaktion der Trainerkollegen?
Steuer: Einige haben sich mit mir gefreut. Andere haben zwar gratuliert, aber ich habe gespürt, dass sie anders denken. Nach dem Erfolg tuscheln sie noch viel mehr untereinander und warten nur darauf, dass ich einen Einbruch erlebe.
SPIEGEL: Die Szene gilt traditionell als missgünstig. Wie wird ein Neueinsteiger dort aufgenommen?
Steuer: Ich hatte vor zwei Jahren einen Einzelläufer in Berlin angesprochen, der aufhören wollte. Da habe ich ihm gesagt: Du bist zu gut, überleg dir doch mal, ob du im Paarlauf weitermachen möchtest. Daraufhin sind mir andere Trainer aus Berlin regelrecht an die Kehle gesprungen. Was ich mir einbilde! Das sei eine bodenlose Frechheit, sie seien schon lange Trainer - und ich noch gar nichts. Dabei ging es mir nur darum, einem frustrierten Eisläufer eine Perspektive zu öffnen. Nicht, ihn nach Chemnitz zu locken.
SPIEGEL: Was haben Sie daraus gelernt?
Steuer: Ich werde nicht noch mal jemandem direkt sagen, er sei fürs Paarlaufen geeignet. Dessen Trainer killt mich doch. Das muss ich nicht haben.
SPIEGEL: Ist die Wut nicht nachvollziehbar? Verlieren Trainer ihre Athleten, erhalten sie kein Geld mehr für deren Betreuung.
Steuer: Ich verstehe diejenigen ja, die davon leben. Es geht um Existenzen. Aber wenn wir nicht anfangen zu versuchen, aus der Misere in Deutschland herauszukommen, dann bleiben wir immer da unten.
SPIEGEL: Wie haben Sie es angestellt, dass sogar die zweimalige deutsche Einzelmeisterin Eva-Maria Fitze aus München nach Chemnitz gewechselt ist?
Steuer: Sie erschien mir schon lange als potenzielle Paarläuferin, und ich habe über meine frühere Managerin Kontakt geknüpft. Eva war ja so weit, etwas anderes machen zu wollen.
SPIEGEL: Fitze leidet an Bulimie. Zwar hat die 20-Jährige ihre Ess-Brech-Sucht nach einer Therapie im Griff - aber hatten Sie keine Bedenken, sich einen Problemfall einzuhandeln?
Steuer: Ich habe mir zum Ziel gesetzt, wenn sie es sportlich nicht so schafft, wie sie sich das vorstellt, ihr wenigstens einen neuen Weg im Leben zu zeigen. Von dieser Krankheit wird sie ja nie geheilt werden. Das ist für mich eine Herausforderung. Eva ist von allen abgeschrieben worden. Rico ebenso. Sie ist krank - er kann nicht laufen. Das waren die Aussagen.
SPIEGEL: Woran sehen Sie, ob eine erfolgreiche Einzel- als Paarläuferin taugt?
Steuer: Ich habe überprüft, was sie sich traut. Hat sie den Mut, sich heben zu lassen? Hat sie ein Gefühl dafür, oben auf der Hand des Partners zu schweben? Besitzt sie genügend Bauchkraft für die Körperspannung? Bei Eva habe ich nach zwei Tagen gesehen, dass es sich lohnt weiterzumachen.
SPIEGEL: Fitze begreift ihren Sport auch als Therapie. Sind Sie mehr als nur ihr Trainer?
Steuer: Ich bin Mama, Papa, Psychologe, Pädagoge - von allem ein bisschen. Eva hat einen Sonderstatus. Ich muss täglich darauf achten: Wie belastbar ist sie heute? Sie braucht eine 24-Stunden-Betreuung. Ich frage sie Persönliches: Na, Eva, was machst du nach dem Training? Hast du gut geschlafen? Ich bin im Training zwar sehr hart, versuche ihr aber immer zu vermitteln, dass ich dabei nicht ungerecht bin.
SPIEGEL: Wie halten Sie die Balance zwischen Strenge und Nachsicht?
Steuer: Wenn es auf dem Eis nicht klappt, muss ich ihr klar machen, dass sie niemandem auf der Nase rumtanzen darf. Andererseits gebe ich ihr das Gefühl, dass ich sie als Mensch respektiere und es toll finde, wenn sie einen Fehler ausbügelt. Lob und Tadel müssen einander ausgleichen, sonst würde ich sie kaputtmachen.
SPIEGEL: Waren Sie sich sicher, dass Sie Rico Rex mit seiner Aufgabe, Fitze zu helfen, nicht überfordern?
Steuer: Da hatte ich zuerst Zweifel. Es hatte ihn vor allem gereizt, es mit Eva zu versuchen, weil sie eine gute Läuferin ist. Aber ich machte ihm deutlich, dass er sich auch außerhalb des Trainings mit ihr beschäftigen muss. Er hatte selbst nicht gedacht, dass er so gut mit ihrer Krankheit, die immer mal wieder aufflackert, zurechtkommt.
SPIEGEL: Woran erkennen Sie, dass die Bulimie auszubrechen droht?
Steuer: Wenn Eva durcheinander ist. Rico und ich haben einen Blick dafür entwickelt. Merke ich, dass sie an einem Tag zu unkonzentriert ist, holen wir das vorgesehene
Programm später nach. Ich verlange nicht, dass sie die Kür läuft, wenn sie sich nicht wohl fühlt. Manchmal gerät der Trainingsplan dadurch etwas durcheinander. Aber an anderen Tagen ist sie so motiviert, dass ich eine Stunde länger mit ihr auf dem Eis bleibe.
SPIEGEL: Als Einzelläuferin war Fitze bekannt dafür, nach Fehlern oft zu verzweifeln oder aufzubrausen. Tut sie das noch?
Steuer: Es kommt vor, dass sie im Training die Hörner ausfährt, weil sie ein Element nicht hinbekommt. Dann gehe ich sofort zu ihr hin und sage: Ganz ruhig, wir trainieren nur. Bei ihr muss ich mehr Diplomatie walten lassen, bei anderen ist das einfacher.
SPIEGEL: Stürzt sie im Wettkampf, zieht sie auch ihren Partner in der Wertung runter. Diese Verantwortung zu tragen, so sagt sie, "macht mir etwas Angst". Wie nehmen Sie ihr die Furcht vor einem Patzer?
Steuer: Indem ich ihr sage: Die Last ist auf zwei Menschen verteilt. Es ist gut für dich zu wissen, dass es dem Rico schadet, wenn du dich hängen lässt. Ihr das anfangs zu vermitteln war allerdings schwer.
SPIEGEL: Als Paarläuferin kennt Fitze bislang nur den Erfolg. Ist sie gegen Rückschläge gewappnet?
Steuer: Nein. Das wird eine neue Bewährungsprobe.
SPIEGEL: Nächste Woche finden im schwedischen Malmö die Europameisterschaften statt. Fitze/Rex gelten als die Hoffnung für die darbende Deutsche Eislauf-Union. Wie viel erwartet Fitze selbst von sich?
Steuer: Emotional, wie sie ist, beschäftigt sie sich zu sehr mit dem Ergebnis. Selbst wenn ich ihr einrede, ein Platz unter den ersten zehn sei realistisch, denkt Eva: Mit einer Leistung wie bei der Deutschen Meisterschaft werden wir mindestens Sechste! Malmö wird ein Nervenkrieg, auch für mich als Trainer. INTERVIEW: DETLEF HACKE
* Mit den Zweiten Eltsowa/Buschkow (l.) und den Dritten Kasakowa/Dmitrijew am 19. März 1997 in Lausanne.
Von Detlef Hacke

DER SPIEGEL 3/2003
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