13.01.2003

BIOETHIKWann kommt der Gentest für Embryonen?

Über die so genannte Präimplantationsdiagnostik (PID) ist der Nationale Ethikrat noch immer zerstritten und kommt deshalb unter erheblichen Zeitdruck. Bei der PID werden im Labor gezeugte Embryonen noch vor der Schwangerschaft auf Erbleiden getestet; nur gesunde Embryonen dürfen in die Gebärmutter, kranke werden zerstört. Schon seit einem Jahr brütet der Ethikrat darüber, ob die in vielen Ländern längst praktizierte PID auch in Deutschland erlaubt werden soll; spätestens am 23. Januar wollen die Gelehrten ihr Urteil fällen. Um diesen Termin noch zu halten, hat der Ratsvorsitzende, der Frankfurter Jurist Spiros Simitis, für diesen Donnerstag eine außerplanmäßige Sitzung anberaumt. Schon jetzt zeichne sich ab, so Simitis, dass es kein einheitliches Votum geben werde. Der Ethikrat wird offenbar mindestens zwei verschiedene Optionen vorlegen: Während einige Ratsmitglieder die PID rundweg ablehnen, sind andere für eine Zulassung bei schweren Erbleiden. Allerdings sind die Befürworter uneins, wie die PID begrenzt werden soll. Einige der Ratsmitglieder erwägen eine Liste von Krankheiten, auf die Ärzte die Embryonen testen dürfen. Andererseits sei gerade in Deutschland "ein staatlich verordneter Katalog mit unerwünschten Erbleiden äußerst problematisch", gibt Christiane Woopen, Medizinerin von der Universität Köln, zu Bedenken. Deshalb favorisieren andere PID-Befürworter das britische Modell: Die Elternpaare müssen beantragen, auf welche Erbkrankheiten sie ihren Embryo testen lassen wollen. Nachdem 15 der 25 Mitglieder des Ethikrats vor mehr als einem Jahr für den umstrittenen Import von embryonalen Stammzellen nach Deutschland gestimmt hatten, wird diesmal vermutlich auch eine Mehrheit dafür stimmen, die PID in Deutschland zu erlauben. Sogar Simitis, bislang ein strikter Gegner der PID, hält es sich jetzt offen, nun doch für die Embryonen-Selektion vor der Schwangerschaft zu votieren: "Eine Gesellschaft, die einer Frau die Schwangerschaft mit einem schwerstbehinderten Kind und eine Abtreibung zumutet - ist die human?"

DER SPIEGEL 3/2003
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