13.01.2003

TIERVERSUCHELogistischer Alptraum

Franz P. Gruber, 60, Fachtierarzt für Versuchstierkunde und Herausgeber der Wissenschaftszeitschrift „Altex“, über den steigenden Verschleiß von Mäusen in der Gentechnologie
SPIEGEL: Die jüngste Statistik des Bundeslandwirtschaftsministeriums verzeichnet einen drastischen Anstieg der Versuchstierzahlen. Wie ist das zu erklären?
Gruber: Während in der Industrie die Zahl der Tiere seit fünf Jahren stagniert, kam es binnen eines Jahres an den Universitäten zu einer Zunahme um 36 Prozent. Die Zahl gentechnisch veränderter Tiere, die in der Forschung verwendet werden, wächst ständig.
SPIEGEL: Sind die Labors bald von Hunderttausenden gentechnisch veränderten Mäusen überfüllt?
Gruber: Die Zeitschrift "Nature" spricht sogar von einem "logistischen Alptraum". Auch finanziell ist das gegenwärtige Vorgehen aberwitzig: Eine einzige Maus zu füttern und warm zu halten kostet das Labor wöchentlich drei Euro. Die vom "Human Genome Project" geschätzte Zahl an Genen zu untersuchen würde schon Hunderttausende Untersuchungen erfordern.
SPIEGEL: Ist das Maus-Modell überhaupt tauglich?
Gruber: Kaum. Entweder sind die Mäuse bei Beginn des Experiments zu jung oder zu alt, haben das falsche Geschlecht, oder die gewünschten Gene werden nicht aktiviert. Zum Teil werden nicht einmal zehn Prozent der Tiere verwendet, der Rest landet in der so genannten Kadavertruhe. So darf es nicht weitergehen.
SPIEGEL: Wie ließe sich der Verschleiß einschränken?
Gruber: Versuchstiere sollten nach Bedarf gezüchtet werden - nur für feste Abnehmer mit genehmigten Vorhaben.
SPIEGEL: Andererseits berufen sich Grundlagenforscher immer wieder auf ihren Anspruch, Eingebungen ungehindert mit Experimenten nachgehen zu können ...
Gruber: Die Genialität der Wissenschaftler sollte sich in der Forschung am Patienten erweisen, nicht im Mäuselabor. Denn selbst wenn die genetische Ursache einer Erkrankung bei Maus und Mensch gleich sein sollte, gehören noch viele andere Faktoren zu einem echten Krankheitsausbruch.
SPIEGEL: Tierversuche gelten jedoch gerade an den Hochschulen immer noch als "Goldstandard" ...
Gruber: Dass Alternativmethoden dem Tierversuch haushoch überlegen sein können, hat etwa der Arzt und Biochemiker Thomas Hartung mit seinem neuen Test zur Prüfung Fieber erzeugender Substanzen gezeigt, der mit dem Blut von freiwilligen menschlichen Spendern arbeitet. Das Verfahren ist viel besser als die bisherigen Versuche mit Kaninchen. Um die unnützen Mausmodelle in der Genforschung zu ersetzen, müssen wir unser Verhältnis zu menschlichen Zellkulturen entkrampfen: Ich finde es verlogen, wenn die Forschung mit Stammzellen aus Israel erlaubt ist, überzählige Embryonen in Deutschland aber nicht verwendet werden dürfen.

DER SPIEGEL 3/2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 3/2003
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

TIERVERSUCHE:
Logistischer Alptraum

  • "Star Wars"-Finale: Zeit für Antworten es ist
  • Wir drehen eine Runde: Mazda 3 Skyactive X: Der Benziner mit dem Diesel-Gen
  • Neue Protestbewegung in Italien: Sardinen gegen Salvini
  • Nach der britischen Parlamentswahl: "Ich bin sehr beunruhigt"