13.01.2003

KUNSTSAMMLERLeise regt sich der Protest

Seit Ende vergangener Woche ist der Coup perfekt: Die Kunstsammlung des Milliardärs Friedrich Christian ("Mick") Flick kommt nach Berlin, in die Obhut der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Sieben Jahre lang soll die riesige "Flick Collection" mit Werken etwa von Gerhard Richter, Sigmar Polke und Bruce Nauman und einem geschätzten Wert von weit über 1oo Millionen Euro in einer Halle neben dem Museum Hamburger Bahnhof präsentiert werden. Umstritten ist der Deal vor allem wegen der Familiengeschichte des Sammlers (SPIEGEL 32/2002): Flicks Großvater Friedrich machte sein Vermögen unter Hitler mit Rüstungsgeschäften und beschäftigte Zehntausende Zwangsarbeiter. Miterbe und Enkel "Mick" - so empörte sich mehrmals die Stiftungsinitiative der deutschen Wirtschaft - habe sich nie am Entschädigungsfonds für Zwangsarbeiter beteiligt. Christoph Stölzl, Ex-Kultursenator und CDU-Chef der Hauptstadt, spricht von der "historischen Verantwortung der Familie Flick, der sie sich selbstverständlich stellen muss". Trotzdem sei es "von Vorteil, dass diese Sammlung nach Berlin kommt, wo ja diesbezüglich kein Überangebot herrscht". Auch der Kunstbetrieb gibt sich gemäßigt: "Wer hat etwas davon, wenn man die Sammlung versteckt und die Streitigkeiten auf dem Rücken der Künstler austrägt?", fragt die Künstlerin Katharina Fritsch, von der Flick ein Werk besitzt. Der Maler-Star Gerhard Richter ärgert sich dagegen "über die hohle Aufregung, die da verursacht wird und die typisch ist für den Umgang mit Kunst. Dazu gehört auch das hohe Lob auf die Sammlung durch Berliner Politiker, die doch den Bestand gar nicht kennen". Der Fotograf Andreas Gursky, ebenfalls mit Werken in der Sammlung vertreten, betont, dass Flick die Sammelstücke nur als Leihgaben bereitstellt. "Die Kollektion wird durch die öffentliche Präsentation eine Wertsteigerung erfahren. Anschließend zieht sie der Sammler wieder ab." Er frage sich, so Gursky, warum Flick zum Ausgleich für den Zugewinn nicht wenigstens einen Teil als Schenkung abgebe. Auch Kasper König, Direktor des Museums Ludwig in Köln, meint, "es wäre zu wünschen, dass Flick eine Schenkung in Aussicht stellen würde". Als der in der Schweiz ansässige Flick 2001 in Zürich ein Museum bauen wollte, fielen die Proteste drastischer aus: Kulturprominente wie Theatermann Christoph Marthaler polterten gegen die Kunst-Kollektion - und waren sich sicher, dass "die in Deutschland wegen der Familiengeschichte der Sammler abgelehnt würde".

DER SPIEGEL 3/2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 3/2003
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

KUNSTSAMMLER:
Leise regt sich der Protest

  • Hilfe für bedrohte Korallenriffe: Das Geräusch der Fische
  • Nach viralem Witze-Video: Zank unter Staatschefs beim Nato-Gipfel
  • Russische Militäreinheit: Ski-Soldaten mit Schlittenhunden
  • Erster Filmtrailer: "James Bond 007 - Keine Zeit zu sterben"