13.01.2003

FILMGeraubte Schüsse

In „One Hour Photo“, dem Kinodebüt des Videoclip-Regisseurs Mark Romanek, brilliert Robin Williams in der Rolle eines vereinsamten Fotolaboranten.
Ein Mann sitzt reglos in einem leeren Raum und starrt an die Wand. Sie ist vom Boden bis zur Decke mit Fotos beklebt. Fröhliche Menschen sind auf ihnen zu sehen: eine Familie, die sorglos den Urlaub genießt oder ausgelassen durch den sommerlichen Garten tollt. Nichts, so scheint es, trübt je ihre Stimmung. Eine ganze Wand voller Glück. Und davor ein Mann, der auf keinem der Fotos zu sehen ist. Er hat sie nur entwickelt.
Sy Parrish (Robin Williams) leitet die Fotoabteilung eines Supermarktes. Das Leben seiner Kunden geht jeden Tag durch seine Hände: Ein Film mit Aufnahmen voller Autowracks verrät ihm, dass der Mann, der sie gemacht hat, für eine Versicherung arbeitet. Doch Sy kennt nicht nur die Professionen, sondern auch die Obsessionen seiner Kunden: Eine Tierliebhaberin lichtet nur Katzen ab, ein Amateurpornograf bloß nackte Frauen in verqueren Stellungen.
Der für seine Madonna- und R.E.M.-Videoclips gefeierte Regisseur Mark Romanek zeigt in seinem fulminanten Kinodebüt "One Hour Photo", dass ein einfacher Schnappschuss die Menschen - vor und hinter der Kamera - bisweilen durchdringen kann wie ein Röntgenbild. Abzug für Abzug erkundet Sy die Vorlieben, Wünsche und Träume von Menschen, die nicht einmal seinen Namen kennen.
In einer Sekunde geschossen, in einer Stunde entwickelt, für die Ewigkeit festgehalten - Romanek schildert das Bedürfnis der Menschen, die flüchtigen Augenblicke ihres Lebens für immer auf Zelluloid zu bannen; zugleich zeigt er die packende Charakterstudie eines Mannes, der sich über Fotos in das Leben anderer Menschen hineinphantasiert, weil er selbst keines hat.
"Wer in einem Fotolabor arbeitet, ist fast von Berufs wegen ein Voyeur", sagt Hauptdarsteller Robin Williams, der in diesem Film so präzise spielt wie wohl nie zuvor in seiner Karriere. "Wenn er die Aufnahmen und die Abzüge seiner Kunden kontrolliert, dringt er in ihre Privatsphäre ein. Kein Laborant wird behaupten, er schließe die Augen, wenn er ein nacktes Mädchen auf einem Foto sieht."
Der Gedanke, wie viele wichtige, glückliche und intime Momente des eigenen Lebens auf diese Weise Fremden zu Augen kommen können, hat etwas Beunruhigendes - und so entwickelt sich "One Hour Photo" folgerichtig zum Thriller. Der jedoch wird aus der Sicht des Täters erzählt: Der Film vertraut sich ganz der sanften und doch auch immer etwas bedrohlichen Erzählerstimme seines Stars an.
Eines Tages reicht es Sy nicht mehr, die Wand zu betrachten, die er mit den Fotos der dreiköpfigen Familie Yorkin tapeziert hat. Seit neun Jahren entwickelt er ihre Filme; nun hat er sich ein Bild von ihnen gemacht - und in das möchte er eintreten. "Er ist überzeugt, dass die Menschen, die er in ihrem schönen Haus sieht, glücklich sind", sagt Williams. "Er sieht nur die farbigen Seiten, die düsteren retuschiert er in seinem Kopf weg. So steigert er sich in die Vorstellung hinein: Das ist meine Familie."
Als Sy die Ehefrau, Nina Yorkin (Connie Nielsen), in einem Einkaufszentrum erspäht, folgt plötzlich völlig unvermittelt ein Zoom aus seiner Sicht, und es scheint, als würde er selbst mit bloßem Auge wie durch ein Teleobjektiv blicken. In vielen Einstellungen lassen Romanek und sein Kameramann Jeff Cronenweth den Zuschauer Sys Déformation professionelle von innen erleben: Er kann die Welt nur so betrachten, als wollte er sie fotografieren.
Sy verwickelt Nina in ein Gespräch, spricht ihren Mann Will (Michael Vartan) im Supermarkt an, folgt ihrem Sohn Jakob (Dylan Smith) zum Sportplatz - und doch scheint stets ein Filter zwischen ihm und den Yorkins zu liegen, der ihre Welt in seinen Augen in eine Wunschwelt verwandelt. So vermittelt der Film dem Zuschauer die Gefühlswelt eines Menschen, der sich in der äußeren Wirklichkeit, die dreidimensional ist und die man anfassen kann, unbehaust fühlt.
"Für mich ist dieser Film auch eine soziologische Studie", meint Williams. "Er beschreibt, wie es im Kopf von Menschen aussieht, die völlig isoliert leben, den Realitätssinn verlieren und eines Tages durchdrehen."
Romanek schließt an die großen Einsamkeits-Studien des amerikanischen Kinos der sechziger und siebziger Jahre an, wie "Der Pfandleiher" (1964), in dem ein Überlebender des Holocaust von seinen traumatischen Erfahrungen heimgesucht wird, "Der Dialog" (1974), der die Paranoia eines Überwachungsspezialisten beschreibt, oder "Taxi Driver" (1976), der von der unbändigen Wut eines New Yorker Taxifahrers erzählt.
All diese Figuren entwickeln Wahnvorstellungen, sehen die Welt weit düsterer, als sie ist, und werden am Ende gegen sich oder andere gewalttätig. Sy dagegen entwickelt eine Idealvorstellung, und als er merkt, dass die Idylle zu schön war, um wahr zu sein, dreht er durch. Als er erfährt, dass Will eine Geliebte hat und Nina seit einiger Zeit betrügt, sucht er Rache für die geraubten Illusionen. Er greift zur Kamera - und hat den Finger am Abzug einer gefährlichen Waffe.
Am Ende sitzt Sy in einem strahlend weißen Raum, mit dem Rücken zu einer Wand, die so grell ist, als könnte sie jeden, der sie betrachtet, augenblicklich blenden. So sehr hat Weiß auf der Leinwand selten geschmerzt: Denn Sys Leben erscheint in diesem Augenblick wie ein großes, schrecklich leeres Blatt.
LARS-OLAV BEIER, HELMUT SORGE
Von Lars-Olav Beier und Helmut Sorge

DER SPIEGEL 3/2003
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