13.01.2003

OBSESSIONENDie gekidnappte Diva

Nordkoreas absonderlicher Diktator Kim Jong Il zürnt über den neuen James-Bond-Film - dabei hat der berüchtigte Kinonarr einst selbst einen gruselig filmreifen Entführungsthriller inszeniert.
Schade, dass der Star nicht Romy Schneider hieß, sonst hätte sein Verschwinden weltweit Wirbel gemacht. Doch der Name der Diva war Choi Un Hui, sie war nur die berühmteste Filmschauspielerin Südkoreas, und es gab nicht den mindesten Eklat, als sie im Januar 1978 in Hongkong vom Erdboden verschwand.
Schade auch, dass der Regisseur nicht Federico Fellini hieß, sonst wäre sein jähes Abhandenkommen - sechs Monate später, gleichfalls in Hongkong - der Welt aufgefallen. Doch der verschwundene Filmemacher hieß Shin Sang Ok und war allein in Südkorea ein Begriff. Nur dort wusste man zudem, dass Choi und Shin ein traumhaftes Erfolgsteam waren, auch privat liiert.
Jenseits der Republik Korea-Süd allerdings gab es einen, der sich für die Diva Choi und den Regisseur Shin lebhaft, ja krankhaft interessierte. Der Geliebte Führer Kim Jong Il, damals 35 und Kronprinz seines Vaters, des Genialen Führers Kim Il Sung, ist ein Filmfreak. In seiner Demokratischen Volksrepublik Korea-Nord mästet er sich mit Tausenden von Filmkassetten aus aller Welt, am liebsten aber mit solchen aus Koreas dekadentem Süden.
Banal, doch halbwegs normal: In der totalen Selbstisolierung seines stalinistischen Staates beneidete Kim der Jüngere seit jeher die reichen Verwandten um ihre Filmindustrie, und er war offenkundig verknallt in die schöne, ausdrucksvolle Choi Un Hui. Abnorm war nur die Konsequenz, die der dickliche Diktatorensohn daraus zog: Kim Jong Il kommandierte Schiffe und Schergen in die britische Kronkolonie Hongkong, um den verehrten Star in seine Gewalt zu bringen.
Das lief ab wie im Film. Ein obskurer chinesischer Produzent lockte Choi aus Südkorea zu Verhandlungen nach Hongkong. Eine elegante Koreanerin freundete sich mit ihr an und lud sie zu einem Ausflug in der Repulse Bay ein. Dort kaperten Dunkelmänner die Motoryacht, und die betäubte Choi wurde mehrmals umgeladen, bis sie auf einem nordkoreanischen Frachter erwachte. Im Hafen Nampo bei Pjöngjang wurde die Diva von ihrem Verehrer und Verschlepper erwartet: Der allmächtige Tyrannen-Erbe Kim Jong Il persönlich stand am Kai.
Und worüber beschwert der Mann sich heute? Exakt ein Vierteljahrhundert später zetert Kim über den neuesten James-Bond-Film, in dem sein Regime keine gute Figur macht. Tatsächlich muss Agent 007, in jüngerer Zeit verkörpert von dem Iren Pierce Brosnan, sich in "Stirb an einem anderen Tag" mit nordkoreanischen Bösewichtern herumschlagen. Ja, James Bond wird in der Demokratischen Volksrepublik nicht nur - wie so viele Nordkoreaner - fast zu Tode gehungert, sondern auch ausführlich und originell gefoltert. Skorpione spritzen ihm ihr Gift in den Leib.
Das Echo aus Pjöngjang klingt schrill. "Eine schmutzige und verdammte Farce" nennt Nordkoreas offizielle Nachrichtenagentur den Thriller aus der Bond-Fabrik, "einen Film, der die wahren Absichten der USA enthüllt, nämlich Krieg zu führen gegen unseren Norden, den sie als Teil einer ,Achse des Bösen' diffamieren". Abermals sei der klare Beweis erbracht, dass die Vereinigten Staaten "die tiefe Ursache allen Unglücks und allen Verderbens der koreanischen Nation sind. Falls sie weiterhin diesen beleidigenden Film verbreiten, wird das ganze Volk sich zu verdoppeltem antiamerikanischem Kampf entschließen".
Ist in diesen Zeilen womöglich die persönliche Handschrift der höchsten kinematografischen Autorität Nordkoreas zu erkennen? Schließlich wird dem Geliebten Führer aus sicherer Quelle eine besondere Leidenschaft für Action-Filme nachgesagt, für Rambo und James Bond.
Nur, wie bei solchen Schwärmern üblich, hatte Kim sich wohl immer mit den jeweiligen Filmhelden identifiziert, statt als Rollenmodell deren Gegenspieler in Betracht zu ziehen. Leicht konnte Kim Jong Il sich hineinphantasieren in den eleganten, zärtlich brutalen Ur-Bond Sean Connery und dessen blassere Nachfolger. Auf den realistischeren Gedanken, sich doch lieber in Gert Fröbe (Goldfinger) oder Telly Savalas (Blofeld), in Lotte Lenya (Rosa Klebb) oder Christopher Lee (Scaramanga) wiederzuerkennen, ist Kim Jong Il wohl nie gekommen. Es liegt in der Menschennatur, dass man sich selber nicht für einen Schurken hält, auch wenn man dauernd foltern und morden lässt.
Kim Jong Il empfand sich eher als Wohltäter, als er im Januar 1978 am Kai von Nampo einsam der Ankunft der schönen Choi Un Hui entgegenfieberte. Umso schmerzlicher seine Enttäuschung, als das Schiff gelandet ist und die entführte Diva - außer Stande, die Gefühle des devoten Despoten zu erwidern - keine echte Dankbarkeit zeigt. Choi Un Hui verfällt vielmehr in tiefe Depression, ist nicht einmal für Filmprojekte ansprechbar. Edlen Verzicht dokumentierend, wendet der Geliebte Führer sich von der verehrten Darstellerin ab - und hält sie fortan in einem Luxuskäfig gefangen.
Der asiatische Episodenfilm indessen geht weiter. Kim Jong Il macht sich daran, seine Vendetta gegen Südkoreas Filmindustrie fortzusetzen. Im Juli 1978 wird der Meisterregisseur Shin Sang Ok - der in Hongkong gerade nach Spuren seiner Geliebten Choi Un Hui sucht - seinerseits gekidnappt, betäubt und nach Nampo verschleppt.
Kein Luxuskäfig für den Filmemacher. Shin Sang Ok muss vielmehr eine marxistische Schulung und die ganze Filmproduktion Nordkoreas über sich ergehen lassen. Nach fünf Monaten ist er davon überzeugt, dass seine Choi nicht mehr lebt, und er unternimmt verzweifelt zwei aussichtslose Fluchtversuche. Darauf muss Shin vier Hungerjahre im alptraumhaften Gulag Nordkoreas verbringen - bis er, nun um sein Leben fürchtend, zu einem umfassenden "Geständnis" und zu jeder Zusammenarbeit mit dem Regime bereit ist.
Als Kim Jong Il Anfang 1983 davon erfährt, hat er eine Eingebung: Er beschließt, den lieben Gott zu spielen, lässt den Regisseur aus dem Gulag, die Diva aus ihrem goldenen Käfig holen und führt die Ahnungslosen bei einem intimen Festmahl zusammen. Wohlwollend schaut der Wohltäter zu, als seine Geiseln sich - zunächst entgeistert, dann glückselig - nach über fünf Jahren lebend wiedersehen.
Und diesmal geht die Rechnung des Diktators auf. Choi und Shin sind bereit, gemeinsam Filme zu drehen für das Regime. Sie heiraten, bekommen eine Villa mit Dienstboten und ein eigenes Filmstudio. In gut zwei Jahren macht das Traumteam aus dem Süden sieben Filme für den Norden, und die Volksrepublik erhält dafür sogar Preise - wenn auch nur im Ostblock: Choi wird auf dem Moskauer Festival zur "besten Schauspielerin" erkoren, Shin in Karlsbad zum "besten Regisseur". Die beiden Stars dürfen in die Sowjetunion, sogar nach Jugoslawien reisen. Und im März 1986 sollen Choi und Shin in Wien einen westlichen Verleiher finden für Filme aus Pjöngjang.
Dort hilft ein japanischer Reporter den beiden, einen Taxifahrer zu bestechen und ihre nordkoreanischen Bewacher abzuschütteln: Sie flüchten in die Wiener US-Botschaft. Zwei Monate später tauchen sie in Baltimore auf, und die CIA lässt zwei bekannte Journalisten zu ihnen vor.
So kommt ihre haarsträubende Story wenigstens in die "New York Times" und in die "Washington Post". Großes Aufsehen jedoch, oder zumindest Empörung über den absonderlichen Diktator Nordkoreas, können Choi Un Hui und Shin Sang Ok damit nicht erregen.
Drei Jahre verbringen die Filmkünstler irgendwo in Virginia in der Obhut der CIA, dann haben sie auch diese milde Form der Gefangenschaft satt. Shin Sang Ok erklärt 1989, dass er wieder Filme machen möchte, und er zieht mit seiner Choi nach Los Angeles. Seine alte Idee jedoch, eine Filmbiografie über Dschingis Khan in Co-Produktion mit der Sowjetunion zu drehen, scheitert am Zerfall der Letzteren.
Dennoch schafft Shin Sang Ok, der nun schon auf die siebzig zugeht und sich vernünftigerweise "Simon Sheen" nennt, im Kalifornien der neunziger Jahre noch eine dritte Karriere. Nach Seoul und Pjöngjang - Hollywood, here I come! Nach den Diktatoren Park Chung Hee und Kim Jong Il - der junge Tausendsassa Jon Turteltaub. Für den Disney-Regisseur entwickelte Simon Sheen das Konzept der "Drei Ninjas"- eine Kreation für Fantasy-Filme, aus der bisher mehrere Publikumsrenner hervorgegangen sind.
Mit dem Ergebnis hätten Choi Un Hui und Shin Sang Ok sich in Kalifornien einen geruhsamen Ritt in den Sonnenuntergang leisten können. Stattdessen zogen sie um die Jahrtausendwende wieder nach Südkorea, eröffneten eine Produktionsfirma in Seoul und begannen, wenngleich Shin inzwischen bald 80 ist, an ihrer vierten Filmkarriere zu schmieden.
Kim Jong Il, ihr früherer Arbeitgeber, macht nun nicht nur mit Schimpftiraden gegen den jüngsten James Bond von sich reden. Seitdem der kleinwüchsige Tyrann die Inspektoren der Internationalen Atomenergiebehörde aus seiner Volksrepublik hinausgeworfen und womöglich die Plutonium-Produktion wieder aufgenommen hat, dürfte er den "Dr. No" aus dem ersten Bond-Film ausstechen: Kim, längst ein produktiver Raketenhersteller, könnte nach Expertenschätzung bald in der Lage sein, sich jährlich auch mit 55 Atomsprengköpfen zu versorgen.
All dies gehört - wie manches andere auch, das die Zentrale Koreanische Nachrichtenagentur tagtäglich getreulich meldet - zu den "großen unsterblichen Leistungen seiner Exzellenz, des unbesiegbaren Kommandeurs Marschall Kim Jong Il", dessen Namenszug in diesem Jahr, zu seinem 60. Geburtstag, weithin sichtbar auf dem heiligen Kumgang-Berg von Nordkorea verewigt wird - wobei jedes Schriftzeichen 34 Meter hoch ist.
Kein Wunder, dass Mächtige in Ost und West sich mit einiger Verspätung die Frage stellen, wie dieser Sonderling Kim Jong Il wohl "tickt". Anders als sonst in Menschenköpfen malt sich in seinem Kopf die Welt, gewiss - doch wie?
Es gibt herzlich wenige Auskunftspersonen, die darüber aus eigener Anschauung Schlüssiges liefern könnten. Das alte Künstlerpaar, das einst die Filmindustrie der beiden Republiken Korea abwechselnd beflügelte - eine Konstellation wie sonst wohl nur Marlene Dietrich und Josef von Sternberg im Berlin und Hollywood der frühen dreißiger Jahre - hat da womöglich besonderen Durchblick.
Einmal war Shin Sang Ok dabei, als der Filmfreak Kim Jong Il öffentlich umjubelt wurde. "Die Menschen hüpften förmlich, um ihrer Begeisterung Ausdruck zu verleihen", erzählte der Regisseur viele Jahre später. "Doch Kim Jong Il ließ sich davon nicht mitreißen. Er flüsterte mir nur verdrossen zu: ,Alles Lüge.'" CARLOS WIDMANN
Von Carlos Widmann

DER SPIEGEL 3/2003
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