13.01.2003

TV-Rückblick

Napoleon
6., 8. Januar, ZDF
Mit den ersten beiden Folgen hat die 40-Millionen-Euro-Produktion ihr Austerlitz erlebt - die Quoten 8,91 (vergangenen Montag) und 7,42 Millionen (Mittwoch) sind ohne Frage Siege auf dem Schlachtfeld um die Zuschauergunst. Aber muss sich deshalb alle Kritik vor Ehrfurcht schweigend verneigen? Wohl kaum. Selten ist die Bildermaschine Fernsehen so espritlos gefüttert worden wie in den ersten beiden Filmen des Vierteilers. Der Held wird nicht eingeführt - kein Bild von der ungewöhnlichen Militärkarriere des jungen Korsen -, er marschiert aus dem Nirgendwo als fertiger General in die Pariser Salons ein, und sein spitzmäusiger Ironieblick, den der gelernte Komiker Christian Clavier der historischen Figur andichtet, fragt: Wo geht es am schnellsten zu Josephine? Der Weg ist nicht weit. Hektisch beflissen sitzt sie bereit. Einer Eroberung bedarf es offenbar nicht, denn die Josephine-Mimin Isabella Rossellini beobachten Kamera und die unglückliche Regie mit Vorliebe dann, wenn Torschlusspanik die Züge der edlen Witwe verkrampft. Warum ausgerechnet der weltgewandte Elegant Talleyrand in der Gestalt von John Malkovich zum eigenbrötlerischen Zausel verschratet, dürfte mehr mit ungezügelter Filmphantasie zu tun haben als mit Geschichte. Unter Fouché, so monierte die französische Kritik, habe man sich laut Überlieferung eine dürre Spinne im bürokratischen Netz und nicht den von Depardieu gespielten Bauernburschen vorzustellen. 220 Pferde, edelste Kostüme und Tausende Statisten setzt der Film ein, aber er spart unübersehbar an dramaturgischer Kompetenz. Um einen Mythos wie Napoleon zu zerstören, muss man ihn erst einmal aufbauen. Das misslingt vollständig. Diesem Mann soll Beethoven ursprünglich die "Eroica" gewidmet haben, Hegel ihn als Weltgeist zu Pferde phantasiert und Goethe mit ihm ein geistreiches Gespräch geführt haben? Der zwischen Kostümorgien und Schlachtenballett hin und her pendelnde TV-Film ebnet erfolgreich historische Abgründe ein - das geniale Monster wird auf Heimkinoformat zusammengeschrumpft, es agiert ein mittelmäßiger Liebhaber, ein Lobbyist seines korsischen Clans, ohne Vision, ohne Verführungskraft. Jenseits der Quote ist "Napoleon" ein Waterloo.

DER SPIEGEL 3/2003
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