20.01.2003

UNTERHALTUNGFarbe für den Saal der Tränen

Das Moskauer Musical „Nord-Ost“ wird wiederbelebt - am Schauplatz jenes Geiseldramas, bei dem 170 Menschen zu Tode kamen.
Dicker Schnee verhüllt das Blumenbeet mit den Porträtfotos junger Leute, die Ende Oktober Opfer eines der schrecklichsten Geiseldramen der russischen Geschichte geworden sind. Das Beet liegt vor dem Moskauer Theater, in dem damals gerade das Musical "Nord-Ost" gespielt wurde. Am Ende starben 129 Geiseln und 41 tschetschenische Terroristen, die mehr als 830 Zuschauer tagelang festhielten und bedrohten, bis Spezialeinheiten mit einem martialischen und höchst umstrittenen Gaseinsatz das Haus stürmten.
Im Inneren des stark beschädigten Theaterzentrums ist die Totenstille der ersten Wochen nach der Katastrophe inzwischen Geschäftigkeit gewichen. Auf dem Flur des zweiten Stockwerks probt eine Gruppe von 22 Schauspielern.
Wenige Meter weiter auf dem Flur, gegenüber einem graugrünen, echt realsozialistischen Wandmosaik, setzen Handwerker ein Büfett zusammen. Bis Ende Januar, so die Order des Oberbürgermeisters Jurij Luschkow, sollen die materiellen Schäden des Terroranschlags beseitigt sein, der "Nord-Ost" über Nacht zum bekanntesten Musical der Welt machte.
Die Pop-Operette, das erste russische Musical überhaupt, uraufgeführt im Oktober 2001, beruht auf dem Roman "Zwei Kapitäne" des sowjetischen Schriftstellers Wenjamin Kawerin. Die Heldengeschichte, für die der Autor 1946 den Stalinpreis erhielt, handelt von der Liebe eines verwaisten Hafenarbeitersohns zur Tochter eines verschollenen Polarforschers und von der Suche nach einem Schiffswrack.
Das Familien-Musical beschwört die Lenin-Stalin-Ära mit schwungvollen Wirbeltänzen in historischen Kostümen, in einer Synthese aus westlicher Technik und russischer Tradition. Auf der Bühne steht ein Flugzeug in Originalgröße, dessen Notlandung im Eis mit kunstvollen Licht- und Geräuscheffekten simuliert wird.
Sieben der zweiundzwanzig Darsteller, die an diesem trüben Wintertag für die neue Premiere von "Nord-Ost" trainieren, waren selbst Geiseln. Eine von ihnen, Jewgenij Baschlykow, jagte Geiselnehmer-Boss Mowsar Barajew selbst von der Bühne. Was den Bandenchef besonders provoziert haben mag: Baschlykow stand in einer sowjetischen Fliegeruniform der dreißiger Jahre auf der Bühne, er spielte den Flieger-Heroen Walerij Tschkalow, der 1937 über den Nordpol nach Vancouver/USA flog, damals eine Weltsensation.
Der stämmige Absolvent des renommierten Moskauer Theaterinstituts Gitis erinnert sich an bizarre Gespräche mit den Terroristen. Eine der schwarz gewandeten Geiselnehmerinnen habe ihm lachend gesagt: "Ich habe Kinder wie du, wir treffen uns im Jenseits." Nach ähnlichen Wortwechseln mit anderen Terroristen war er sich sicher, "dass diese Leute Geiseln erschießen wollten". Den Befreiungsschlag hält er daher bis heute für richtig.
Doch der Fliegerdarsteller, der nach der Gasaktion 13 Tage im Krankenhaus lag, empfindet keinen Hass gegen die Tschetschenen. Er wünscht sich, "dass der Krieg endlich beendet wird", notfalls auch mit Zugeständnissen an die Separatisten: "Sollen die Tschetschenen doch lieber unabhängig sein, wenn sie das wollen."
Ähnlich denkt Georgij Wassiljew, Generaldirektor, Autor und Regisseur des Spektakels: "Ich bin gegen jede Lösung des tschetschenischen Problems mit gewaltsamen Mitteln." Die russische Gesellschaft habe "ein hohes Niveau von Aggression, das gesenkt werden muss".
Doch direkte Kritik an Russlands oberstem Kaukasus-Feldherrn scheut der Regisseur. Nach dem Geiseldrama hat Präsident Putin ihn und einige "Nord-Ost"-Kollegen in den Kreml eingeladen und Unterstützung versprochen. Die gewaltsame Geiselbefreiung, vom Staatsoberhaupt persönlich verantwortet, habe "immerhin mehr als 600 Menschen gerettet, die hätten in die Luft fliegen können".
Das hält Wassiljew unverändert "für eine große Sache" - obwohl er selbst nach dem Gasangriff zehn Stunden bewusstlos war und im Krankenhaus am Tropf hängend "dachte, mich foltern die Tschetschenen". Die Klagen von gasgeschädigten Opfern und deren Angehörigen gegen die Regierung will Wassiljew nicht unterstützen, obwohl er moniert, dass "die Rettungsarbeiten schlecht organisiert" waren, weil es unter anderem an Notarztwagen und Beatmungshilfe mangelte.
Der "Nord-Ost"-Chef lädt die Kämpfer der Elite-Einheiten "Alpha" und "Wympel", die den Kulturpalast gestürmt haben, zur neuen Premiere am 8. Februar ein. Er scheint zu verdrängen, dass dieser Dank der Künstler an die Retter leicht propagandistisch missverstanden werden kann.
Wohl deshalb wünscht sich Wassiljew "keine Fernseh-Live-Übertragung" zur Musical-Neuauflage. Ihm und seinen rund 300 Kollegen liegt am Herzen, dass sie ihr Musical wieder spielen können, dass sie damit zeigen können, wie Leben und Kunst am Ende doch über Tod und Terror siegen.
Die Wiedergeburt der Bühnenshow war nur mit staatlicher Unterstützung zu erreichen: Drei Millionen Rubel (knapp 95 000 Euro) zahlte das Kulturministerium für Gagen und Gehälter, hinzu kamen Mittel für die Wiederherrichtung des Theaters. Der Kassenschlager, so ist Russland, funktionierte ohne Versicherungsschutz.
Wassiljew will den Zuschauern durchaus eine "neue Aufführung" präsentieren, dabei aber Inhalt und Dramaturgie kaum ändern. Die Kostüme werden bunter, die Choreografie wird greller, der Bühnenvorhang hell bemalt. Der Orchestergraben, den die Terroristen zur Gefangenen-Latrine umfunktioniert hatten, wird in die Bühne integriert.
Das wiederauferstandene Musical soll freundlich und fröhlich wirken. Und damit der Erinnerung an die Tage des Grauens trotzen - schließlich wird es in demselben Raum aufgeführt, in dem 18 von 76 anwesenden Musical-Mitarbeitern starben, darunter allein 8 von 32 Orchestermusikern. Aber eine vergleichbare Bühne, die ein Flugzeug tragen kann, war so kurzfristig in Moskau nicht herzurichten.
Aufwendig wird der Saal umgebaut, die roten Sessel, auf denen die Terroristinnen von den Kämpfern der russischen Eliteeinheit Speznaz erschossen wurden, werden durch blaue ersetzt und anders gruppiert. Bewaffnete Wächter und spezielle Metalldetektoren am Theatereingang werden die neue Aufführungsserie schützen.
Andrej Bogdanow, 32, Hauptdarsteller, weiß, wie wenig frische Farbe gegen die Erinnerung hilft: "Es wird schwer werden, dort zu spielen, es werden viele Tränen fließen, bei uns, nicht nur im Publikum."
Seit der Geiselnahme durch die Gotteskrieger ist Bogdanow gegen Silvesterknallerei ebenso allergisch wie gegen das knisternde Geräusch abrollenden Klebebandes. Mit den klebrigen Streifen hatten die schwarz vermummten Terror-Damen immer wieder ihre am Körper befestigten Sprengladungen neu justiert.
"Nord-Ost" soll später auf Tournee gehen, in ganz Russland, Weißrussland und der Ukraine, mit zwei Millionen Dollar gesponsert von der Stiftung "Offenes Russland" des Moskauer Öl-Milliardärs und gelegentlichen Kreml-Gasts Michail Chodorkowskij. Mit dem ist Wassiljew, der in den neunziger Jahren als erfolgreicher Telekommunikationsmanager reüssierte, seit Jahren gut bekannt.
Schon haben New Yorker Broadway-Manager Interesse an einem Gastspiel zum zweiten Jahrestag des 11. September signalisiert. In Tschetschenien jedoch, dessen einziges Schauspielhaus in Grosny zerstört ist, wird es keine Aufführung geben. Das sei, versichert Wassiljew schamhaft knapp, "nicht rentabel". UWE KLUSSMANN
Von Uwe Klussmann

DER SPIEGEL 4/2003
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