27.01.2003

SCHMUGGLERMörderische Konkurrenz

Aussagen eines Händlers zeigen, wie brutal im internationalen Zigarettengeschäft gekämpft wird. Reemtsma-Manager sollen dabei mit Mafia-Größen angebändelt haben.
Das Metier ist lebensgefährlich, denn Differenzen werden schon mal nach Art der russischen Mafia entschieden: Andreas Nimptschke, 39, nach Meinung deutscher Staatsanwälte bis vor kurzem einer der größten Zigarettenschieber Europas, hatte seine Geschäfte ins russische Kaliningrad ausgeweitet, als sein Personal innerhalb kurzer Zeit merklich ausgedünnt wurde.
Kugeln aus einer Maschinenpistole durchlöcherten am 28. April 1999 den Direktor eines Nimptschke-Partners. Einen zweiten Mitarbeiter der Firma erwischte es wenig später zu Hause; die Mörder hatten auf dem Garagendach auf ihn gewartet. Keine drei Wochen danach töteten Auftragskiller zwei weitere Männer aus Nimptschkes Umfeld.
Ein arger Rückschlag für den Geschäftsmann - aber nicht unüblich im Milieu international operierender Zigarettenschieber: Was Staatsanwälte und Zollbeamte inzwischen zusammengetragen haben, macht deutlich, dass der Kampf um Marktanteile im Osteuropa-Geschäft mit Zigaretten mindestens ebenso brutal geführt wird wie beim Schmuggel von harten Drogen. Und dabei sollen, glauben Fahnder, Mitarbeiter des Hamburger Tabakkonzerns Reemtsma nicht davor zurückgeschreckt sein, mit berüchtigten Größen des organisierten Verbrechens anzubändeln.
Vorletzte Woche durchsuchten 860 Beamte die Unternehmenszentrale, um vermutete Schiebereien aufzuklären (SPIEGEL 4/2003). Dokumente der Zollfahndung deuten darauf hin, dass dem Konzern frühzeitig klar gewesen sein könnte, dass in den Osten exportierte Zigaretten in Windeseile auf dem deutschen Schwarzmarkt landeten. Die Methode ist simpel und illegal: Zigaretten werden lastwagenweise in den Osten exportiert, steuerfrei. Auf dunklen Wegen kommt die unversteuerte Ware dann, unschlagbar billig, in den Westen zurück.
Nimptschke war nach eigenem Bekunden einer der Hauptpartner der Firma Reemtsma, die erst nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion richtig groß geworden ist: Milliarden von Zigaretten, insbesondere jene der Reemtsma-Marke "West", saugte der riesige neue Markt auf. Der Reemtsma-Umsatz kletterte von 1,7 Milliarden Mark in 1990 auf 4,8 Milliarden in 1999. "Ich hatte bis zu 100 Millionen Mark Umsatz im Jahr", prahlt der Händler.
1994 hatte der aus dem polnischen Zawadzkie (Andreashütte) stammende Nimptschke noch mit Computern gehandelt. Dann traf er in Litauen Arvydas Stasaitis, einen Businessman, der überall seine Finger drin hatte - Computer, Metalle, Zigaretten. "Mach Zigaretten", habe Stasaitis ihm empfohlen.
Nimptschke besorgte sich von Reemtsma die Lizenz für Litauen. Das Geschäft lief schnell wie geschmiert, bald ging er beim Konzern ein und aus. Das Verhältnis wurde so persönlich, dass Reemtsma-Mitarbeiter Siegfried F., zuständig für Osteuropa, Nimptschkes Trauzeuge und dann auch Patenonkel seines Kindes wurde.
Kofferweise habe er von seinen Kunden Bargeld erhalten und immer wieder neue Zigaretten gekauft, sagt Nimptschke. Mehr als 17 Milliarden Stück sollen es nach Erkenntnissen des Zolls im Lauf der Jahre gewesen sein. Im gleichen Zeitraum stiegen in Deutschland die Sicherstellungen von unversteuerten "West" aus Litauen, die oft hinter Tarnladungen aus Schrott reimportiert wurden. Dafür könne er nichts, behauptet Nimptschke, er habe die Ware völlig legal exportiert - mit dem Schmuggel habe er nichts zu tun gehabt. Bei Reemtsma schien sich niemand ernsthaft dafür zu interessieren, wo die Zigaretten am Ende wieder auftauchten.
Alle waren zufrieden, alles lief prächtig, bis 1999, bis der Zoll Nimptschke ins Visier nahm. Nachdem der Zigaretten-Mann daraufhin einem zu verdächtig operierenden Schmuggelunternehmen in Litauen den Nachschub abschnitt, ging es rund. Erst wurden seine Partner erschossen, und dann bekam er Ärger mit einem der nach Ansicht von Fahndern mächtigsten Mafia-Bosse im Osten: Semjon Mogiljewitsch, 56. Waffen, Öl, Drogen, junge Frauen - der Ukrainer soll mit allem handeln, was schnelles Geld verspricht. Und er verfügte, vermutet der Zoll, da schon längst über einen direkten Draht in die Reemtsma-Führung.
Ermittler mutmaßen inzwischen, dass Mogiljewitsch, der vom amerikanischen FBI auf der Liste der hochkarätigsten Gangster geführt wird, mit hohen Mitarbeitern des deutschen Tabakkonzerns gekungelt haben könnte. "Ein Teil der Gewinne aus dem illegalen Zigarettenhandel laufen aller Annahme nach an den amtsbekannten Semjon Mogiljewitsch", heißt es in einem Ermittlungsbericht des Kölner Zollkriminalamts: "Mogiljewitsch unterhält nach vertraulichen Angaben Kontakt zu den Mitarbeitern des Vertriebsressorts der Firma Reemtsma."
Reemtsma will sich derzeit wegen der laufenden Ermittlungen nicht zu den Vorwürfen äußern. Das Management nehme aber die "Legalität seiner Geschäftsaktivitäten sehr ernst" und habe keinerlei Interesse an der Förderung des Schmuggels.
Die Morde und Mogiljewitschs Eindringen in den Markt - das war zu viel. Kurz nach einem Treffen mit dem korpulenten Ukrainer in Moskau am 16. Mai 1999 war Nimptschke, der zwischenzeitlich sehr kurz als V-Mann für das Hamburger Landeskriminalamt arbeitete, aus dem Geschäft. Zollfahnder glauben, dass Mogiljewitsch bis heute der Kopf der Zigarettenschmuggler ist, womöglich sogar weltweit.
Nimptschkes untreue Freunde bei Reemtsma haben dort inzwischen auch nicht mehr das Sagen - das Hamburger Unternehmen wurde vor acht Monaten von einem durchsetzungsfähigeren Konkurrenten geschluckt, der ebenfalls indirekt am schwarzen Markt verdient: Imperial Tobacco aus dem britischen Bristol.
In England durchleuchtet schon seit April 2001 ein Parlamentsausschuss auch die obskuren Geschäfte von Imperial. Für fast sieben Milliarden Euro hatte das Unternehmen den größeren Reemtsma-Konzern gekauft.
Vieles deutet darauf hin, dass da zwei Unternehmen zusammengewachsen sind, die von ähnlichen Strukturen im Ostgeschäft profitierten. Denn auch Imperial-Marken wie "Regal" und "Superkings" werden in Staaten des ehemaligen Ostblocks exportiert und kommen dann milliardenfach unversteuert zurück nach Westeuropa. Auf dem englischen Schwarzmarkt haben die beiden Marken einen Anteil von 50,2 Prozent - während es im legalen Geschäft nur 9,2 Prozent sind.
Wie bei Reemtsma bestreiten auch die Imperial-Manager, etwas mit dem Schwarzmarkt zu tun zu haben. Auch von Schmuggelvorwürfen gegen ihre Neuerwerbung Reemtsma hätten sie nichts geahnt. Dass Produkte beider Firmen nach einer öffentlich zugänglichen Untersuchung der Weltzollorganisation den Schwarzmarkt dominieren - "West" ist danach "Europas führende Schmuggelmarke" -, sei ihm völlig entgangen, behauptet Imperial-Chef Gareth Davis. Ungläubig kontert Richard Bacon, Mitglied des parlamentarischen Ausschusses: Er selber habe nur einen Mitarbeiter, und er habe dieses "Dokument in einer Woche gefunden". BEAT BALZLI,
UDO LUDWIG, ANDREAS ULRICH
Von Beat Balzli, Udo Ludwig und Andreas Ulrich

DER SPIEGEL 5/2003
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