27.01.2003

KRIMINALITÄTTod im gelobten Land

In Bayern erhängte sich ein Au-pair-Mädchen nach schweren Misshandlungen. Ein neues Gesetz macht die jungen Ausländerinnen zu Freiwild.
Eine Woche vor Weihnachten beschloss Ramona Radulovici, 21, dass sie nicht mehr leben wollte. Sie knöpfte ein dickes Seil der Kinderschaukel vom Haken, ging in den Keller der modernen und blitzsauberen Villa und erhängte sich.
Wenige Stunden später kehrte Familie H. zurück in ihr schmuckes Zuhause, mitten in der Neubausiedlung einer fränkischen Kleinstadt. Gastvater Mario H., 34, fand die Leiche seines rumänischen Aupair-Mädchens und rief die Polizei.
Die Beamten entdeckten Spuren schwerer Misshandlung an Ramonas Körper: großflächige Hämatome um die Augen, auf Brust, Nacken und Rücken, zehn bis zwölf Tage alt, zugefügt mit einem stumpfen Gegenstand. Jüngere Blutergüsse an den Oberarmen. "Da muss einer mit voller Wucht zugeschlagen haben", sagt Ansbachs Leitender Oberstaatsanwalt Ernst Metzger.
Die Menschen in dem sehr sauberen, sehr katholischen Städtchen nahe der Romantischen Straße sind entsetzt. Sicher, dass es der jungen Frau aus Temesvar schlecht ergangen sei bei Familie H., wollen die Nachbarn bemerkt haben. Aber wer will sich gleich einmischen? Als Ramona mit zugeschwollenen Augen, grün und blau geprügelt, die Zwillinge der H.s zum Spielplatz brachte, da immerhin berieten sich die Mütter und riefen den Aussiedlerbeauftragten im Landratsamt an. Doch der Herr war nicht zu erreichen, dann kam das Wochenende. Am Montag war Ramona tot.
Möglich, dass der Beamte aus Ansbach eingeschritten wäre. Seine behördliche Pflicht wäre es aber nicht gewesen. Denn für Au-pair-Mädchen, das belegt der Fall in Franken, ist im bürokratischen Deutschland niemand mehr so richtig zuständig. Wer per Visum der deutschen Auslandsvertretung einmal eingereist ist, bleibt in vielen Fällen sich selbst und den Gastfamilien überlassen. Was mit den jungen Frauen passiert, wo sie am Ende landen und welche Dienste sie verrichten müssen, all das kontrollieren Ämter nur bei konkretem Anlass. Vor allem Au-pair-Mädchen aus armen osteuropäischen Familien, die sich aus Geldnot dubiosen Vermittlern anvertrauen, werden so zum Freiwild für ihre Arbeitgeber.
Schuld ist eine Gesetzesänderung von Rot-Grün. Im März 2002 liberalisierte der Bundestag die Vermittlung junger Familienhelferinnen aus dem Ausland. Während der Kontakt zwischen einer Gastfamilie und den Au-pairs bis dahin nur über geprüfte und zugelassene Agenturen oder karitative Verbände zu Stande kam, die eine spezielle Lizenz der Bundesanstalt für Arbeit besaßen, kann seither jedermann eine Au-pair-Vermittlung gründen. Voraussetzung: ein Gewerbeschein, und der kostet höchstens 30 Euro.
Einziges Kriterium für das begehrte Visum, das die jungen Ausländerinnen noch brauchen: die Selbstauskunft eines deutschen Paares mit Kindern, das per Formblatt zusichert, das Mädchen werde ein eigenes Zimmer und mindestens 205 Euro Taschengeld im Monat bekommen. Ein festes Einkommen sei vorhanden. Allein mit diesen Angaben ist es dann auch kein Problem mehr, vom Arbeitsamt eine Arbeitserlaubnis für zwölf Monate zu erhalten.
Dass diese sehr einfache Regelung allerhand Geschäftemacher anlockt, merkte Kerstin Hammel von der alteingesessenen Rothenburger Au-pair-Agentur "Happy Family" schnell. Ab März 2002 blieb ihre Kundschaft weitgehend weg. "Ich dachte schon, mein Telefon ist kaputt", sagt Hammel. Doch dann habe sich ein junger Mann aus Russland gemeldet. Er habe da zehn bis zwölf junge Frauen im Paket anzubieten, die seien auch schon in Deutschland, ob sie nicht Verwendung hätte? Die Ausländerinnen hatten ihre angeblichen Gastfamilien offenbar nicht einmal gesehen und sollten nun nachträglich irgendwo untergebracht werden.
Noch ist der Polizei in Ansbach nicht klar, wie Ramona Radulovici nach Bayern kam. Vermutlich wurde die junge Frau im Internet angeboten und von Familie H. im vergangenen Sommer ausgewählt. In der Regel produzieren osteuropäische Vermittler den Web-Auftritt der Mädchen, meist in makellosem Deutsch. Ist das Visum ausgestellt, kassieren die Agenten ihre Gebühr von den Familien der jungen Frauen. Ein einfacher rumänischer Arbeiter muss schon mal einen Monatslohn hinblättern, damit seine Tochter im gelobten Westen ihr Glück versuchen kann.
Doch die Dienste solcher Vermittler sind offenbar immer noch billiger als die seriöser Agenturen. Zudem nehmen es die dubiosen Vermittler nicht allzu genau. Ob die Bewerberin zumindest halbwegs Deutsch spricht, ist anscheinend nicht so wichtig. Wie es ihr später bei der Gastfamilie geht, wird nicht mehr kontrolliert. Ob sie krankenversichert ist, ob sie in Deutschland betreut wird, ob sie nach Ablauf des Visums wieder ausreist, solche Details will niemand wirklich wissen - ein ideales Schlupfloch für illegale Einwanderer. Genutzt werde es, hat Au-pair-Agentin Hammel von Kollegen erfahren, derzeit hauptsächlich von jungen Marokkanerinnen, die sich in den Frankfurter Raum absetzten.
Auch welche Dienste der deutsche Arbeitgeber von einem Au-pair-Mädchen tatsächlich erwartet, interessiert die Web-Vermittler aus Belgrad oder Temesvar nicht. Und wer an mehr als einem Kindermädchen interessiert ist, bekommt im Internet leicht die Basis-Informationen: Die neuen Agenturen bieten meist eine Fotogalerie an, in der sich hübsche junge Frauen aneinander reihen, allesamt angeblich als Lehrerinnen, Haushaltshilfen oder Babysitter ausgebildet. Die Ermittler in Ansbach nennen die neue Au-pair-Regelung denn auch den "Traum für jeden Mädchenhändler".
"In den meisten Fällen", sagt Kerstin Hammel, "machen die Familien Schulden, um die Vermittlungsgebühr zu bezahlen. Die Mädchen wissen dann, was man von ihnen erwartet." Jeder Cent, den sie verdienen, gehe an die arme Verwandtschaft im Heimatland. Au-pairs aus Rumänien, Tschechien oder Bulgarien, so ihre Erfahrung, gehen nicht aus, kaufen nichts ein und suchen nach einer Putzstelle an freien Tagen. "Die Familien schicken ihre Töchter zum Geldverdienen ins gelobte Land. Wie sie das machen, ist dann egal. Ohne den versprochenen Lohn würden die sich aber nie mehr nach Hause trauen."
Das Geld, das sie nicht hatte, trieb womöglich auch Ramona aus Temesvar in den Freitod. Ihre Gastfamilie jedenfalls hätte es wohl schwer gehabt, auf seriösem Wege ein Au-pair-Mädchen anzuheuern - über eine eingesessene Agentur etwa, die immer mal wieder nach den Ausländerinnen schaut, Dolmetscher und monatliche Treffen anbietet. Denn die H.s, die in der Neubausiedlung eine hohe Miete zahlen müssen und sich, wie es im Ort heißt, vermögend geben, sind Sozialleistungsempfänger. Wie das Ehepaar bei vier kleinen Kindern und angeblich ohne hinreichenden Verdienst seinen Lebensstandard finanziert, interessiert nun die Staatsanwaltschaft.
Die Ermittler gehen davon aus, dass Ramona niemals Geld bekam. Auch ihr Visum war längst abgelaufen, sie war eine Illegale - ein Wort, das bei den meisten Mädchen als Drohung ausreicht. Dafür musste sie, so sagen die Nachbarn, schuften wie eine Sklavin. Öfter habe man das Mädchen nachts mit dem Kinderwagen gesehen, auch mal morgens um fünf. Gesprochen habe Ramona nie. Außer zu den Spaziergängen mit den Zwillingen der H.s habe sie das Haus so gut wie nie verlassen.
Was immer die fränkischen Mitbürger beobachteten, geholfen hat niemand. Nach dem Tod der 21-Jährigen wuchs nun plötzlich die Anteilnahme. Die Gemeinde stiftete Grab und Gottesdienst, rund hundert Menschen kamen zur Beerdigung von "unserer Ramona", wie man das Mädchen aus der Neubausiedlung jetzt nennt. Die Gastfamilie wurde bedroht, ein stinkender Fisch landete vor der Haustür.
Mario H., gegen den der Staatsanwalt nun wegen ausbeuterischer Beschäftigung von Ausländern ermittelt, weist alle Vorwürfe entschieden zurück. Auch dass er Ramona geschlagen habe, verneinte er bei den Vernehmungen ebenso wie seine Frau. Gegenüber den Medien, sagt H., wolle er sich derzeit nicht äußern - schon gar nicht darüber, wer das Mädchen denn sonst misshandelt haben könnte.
Wegen der Prügel, so Fahnder Metzger, werde gegen das Ehepaar H. derzeit nicht ermittelt. "Die Körperverletzung aufzuklären wird enorm schwer werden, aber wir lassen nicht nach", sagt Staatsanwalt Metzger. CONNY NEUMANN
Von Conny Neumann

DER SPIEGEL 5/2003
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