27.01.2003

WAFFENDurchschlagende Wucht

Polizisten sorgen sich um Jugendliche, die einem riskanten Hobby frönen: Mit selbst gebastelten Kanonen streifen die Kids durch Wald und Flur.
Der geliebte Hamster der kleinen Schwester starb einen rasanten Tod: Erst wurde das Tier im Rohr einer selbst gebastelten Kanone versenkt, dann katapultierte das explodierende Treibmittel die arme Kreatur in fast hundert Meter Höhe. Was am Boden wieder ankam, war "nur noch 'n Matschklumpen", schreibt der User mit der Kennung 16700001 in einem Internet-Forum mit der programmatischen Web-Adresse Kartoffelkanone.de.
Kartoffelkanone ist der etwas verharmlosende Name eines Schießgeräts, das Polizisten bundesweit zunehmend Sorgen macht: Mit Plastikteilen aus dem Baumarkt im Gegenwert von rund zwölf Euro bauen Jugendliche nach Anleitungen aus dem Internet durchschlagskräftige Kanonen, die nach Ansicht mancher Rechtsexperten nur mit Waffenschein bedient werden dürften. Und da keineswegs nur Kartoffeln verschossen werden, können die Apparate für die Kids auch durchaus gefährlich werden.
Als Staatsanwalt Dirk Germerodt im thüringischen Mühlhausen Ende 2001 das erste Kartoffelkanonen-Verfahren auf den Tisch bekam, konnte sich der Mord und Totschlag gewohnte Jurist erst mal "ein Schmunzeln nicht verkneifen". Vier Jugendliche hatten in einem Waldstück in der Nähe von Schlotheim mit lauten Donnerschlägen Erdäpfel durch die Luft befördert, woraufhin erschrockene Anwohner die Polizei riefen. Die jungen Gemüseschützen - allesamt nicht vorbestraft - kamen mit 25 Stunden gemeinnütziger Arbeit davon.
Mit dem zweiten Fall wenige Tage später verging Germerodt aber dann langsam der Spaß. Diesmal hatten junge Männer auf einem Feld nahe Sondershausen herumgeballert; die von der Polizei beschlagnahmte Kanone landete als erste ihrer Art bei den Ballistikern des Landeskriminalamts (LKA) Thüringen.
Die Beamten wagten einen Beschusstest - und trauten ihren Augen kaum. Mit Kaliber 45 bis 50 Millimeter wurden die Kartoffeln auf 80 bis 90 Meter pro Sekunde beschleunigt, die Experten maßen eine Energie von bis zu 300 Joule. "In zehn Meter Abstand", so Kriminalhauptkommissar Harald Pinnow, "haben die Kartoffeln kreisrunde Löcher in eine Hartfaserplatte geschlagen." Bis zu 138 Meter weit seien die rohen Knollen - beschleunigt von einem elektrisch gezündeten Gemisch aus Haarspray und Luft - geflogen. Stehe ein Mensch im Weg, müsse er mindestens mit schweren Hämatomen rechnen.
Germerodt reagierte, Nachahmungstäter kassieren jetzt wegen Verstoßes gegen das Waffengesetz Geldbußen bis zu 250 Euro. Inzwischen hat das LKA in Thüringen sieben Kanonen beschlagnahmt. Und nicht nur dort greift das Hobby um sich: So
* feuerten im rheinischen Siepental 14- und 15-Jährige auf einem Kinderspielplatz mit einer 140 Zentimeter langen Kanone umher;
* nahm im Hochtaunuskreis ein 23-Jähriger mehrere Wohnhäuser unter Feuer;
* versetzte im baden-württembergischen Weinstadt ein 31-Jähriger die Rein- hold-Nägele-Realschule in helle Aufregung. Er hatte seine Kanone auf dem Schulgelände abgefeuert.
Selbst auf den Homepages deutscher Universitäten kursieren inzwischen detaillierte Baupläne, spezialisierte Internet-Anbieter verzeichnen bis zu 700 Besucher täglich. Die Ordnungsmacht ist gegen die Verbreitung der Pläne weitgehend machtlos. Denn das Bundeskriminalamt gab den Ländern in einem Rundschreiben bekannt, dass die waffenrechtliche Würdigung der Schießgeräte bisher leider noch unklar sei - auf Grund fehlender Rechtsprechung.
Die Wirkung von Waffen haben die Kartoffelkanonen auf jeden Fall, wenn härtere Geschosse geladen werden: Filmdosen etwa, gefüllt mit Sand oder Gips, sind wegen ihrer durchschlagenden Wucht beliebt, auch mit Zement ausgegossene Klopapierrollen. Wer beim Spaziergang durch den Wald hingegen Girlanden aus Toilettenpapier in den Baumwipfeln entdeckt, weiß, dass dort die Softies der Schützengilde unterwegs waren - sie haben besonders großkalibrige Klorollenwerfer entwickelt.
Dass das Spiel mit den selbst gebastelten Kanonen für die Hobby-Schützen nicht ganz ungefährlich ist, bescheinigte unlängst auch das LKA Hessen: "Die Bastler gehen ein hohes Risiko ein." So hatte sich nahe Göttingen ein 16-Jähriger verletzt, als ihm eine Verschlussklappe der Konstruktion um die Ohren flog. In einem Internet-Forum stellt ein "Ralle" aus Bad Kreuznach gar sein vom Deckel der Kanone arg lädiertes Gesicht zur Schau: "Meine Unterlippe ist durchtrennt, und ein Fleischfetzen hängt herunter."
Zumindest der Arzt aber habe seinen Spaß an der ungewöhnlichen Wunde gehabt: "Lasse mer se uff, dann kanner 'nen ganzen Big Mäc rinstecke." STEFFEN WINTER
Von Steffen Winter

DER SPIEGEL 5/2003
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