27.01.2003

SERIE (IV)„Die Moral blieb intakt“

Millionen Kinder wurden aufs Land verschickt, Millionen Erwachsene evakuiert, Millionen Wohnungen zerstört. Doch ihr eigentliches Ziel, die Bevölkerung durch Bombenangriffe zu zermürben und zum Widerstand gegen Hitler zu nötigen, erreichten die Alliierten nicht.
Irgendwie waren damals fast alle auf Achse: die Männer im Krieg, die Alten ins Umland evakuiert, die Frauen und Mütter auf der Flucht vor den Bomben, in Bunkern oder Kellern, sonst mit Organisieren und Überleben vollauf beschäftigt; Kinder und Jugendliche ins friedlichere Umland verschickt. Kaum einer war zu Hause oder gar daheim.
Der 14-jährige Helmut, Jungenschaftsführer der Hitlerjugend (HJ), kam aus Ludwigshafen in ein Lager im Odenwald, später zur Wehrertüchtigung nach Berchtesgaden. Mildred, 10, wurde mit ihren 24 Klassenkameradinnen aus Köln in ein Gehörlosenheim bei Nürnberg verlegt. Johannes, 12, wurde mitsamt seiner Schule von Wuppertal nach Gera umquartiert. Ralf, 11, ging ein Jahr lang mit seinem ganzen Jahrgang statt in Berlin-Charlottenburg im von Deutschen besetzten polnischen Zakopane zur Schule. Hannelore Glaser, damals 20, betreute als Junglehrerin 21 Mädchen aus einer Gruppe von 800 Kindern, die von Hamburg ins fränkische Kulmbach umgesiedelt waren. Fünf von ihnen musste sie sagen, dass die Mütter bei neuen Bombenangriffen ums Leben gekommen waren.
Ähnlich wie ihnen - dem jungen Helmut Kohl, Johannes Rau, Ralf Dahrendorf, der späteren Mildred Scheel oder Hannelore ("Loki") Schmidt, geb. Glaser - erging es den 14 Millionen deutschen Flüchtlingen und Vertriebenen sowie den etwa fünf Millionen Evakuierten. Es war, so der spätere Bundesvertriebenenminister und frühere NS-Funktionär Theodor Oberländer, "das Zeitalter der Entwurzelung", keineswegs nur in Deutschland, sondern in ganz Europa, durch das im Weltkrieg etwa 50 Millionen Menschen auf der Suche nach einer neuen Heimat irrten.
Zuweilen, abseits der Front, war das Herumirren noch erstaunlich planmäßig organisiert. Schon am 27. September 1940, sechs Wochen nach Beginn der Luftoffensive gegen Großbritannien, hatte Reichsleiter Martin Bormann die Aktion "Erweiterte Kinderlandverschickung" befohlen; "erweitert" hieß sie beschönigend deswegen, weil sie die Erfahrungen mit den Kinder- und Jugendferienlagern der Hitlerjugend übernehmen konnte.
Nur wenige Tage später, am 3. Oktober, begann ein Projekt, das auch in Friedenszeiten Behörden, Jugendorganisationen, Schulen, Lehrer, Reichsbahn leicht hätte überfordern können: In 200 000 Sonderzügen, mit Bussen und manchmal mit Binnenschiffen wurden über zwei Millionen Kinder zwischen 6 und 15 Jahren und zu ihrer Betreuung 11 000 Lehrer aus den besonders bombengefährdeten Städten in 12 000 Lager im deutschen oder osteuropäischen Hinterland transportiert.
Viele Eltern nahmen dankbar hin, dass der Staat sie gratis der Fürsorge über den Nachwuchs enthob und die Kinder aus der, im Wortsinn, Schusslinie nahm: Wenn sie dann ihr Kind, nach ärztlicher Untersuchung und zahlreichen Behördengängen - Bearbeitung von Lebensmittelkarte, Bezugs-, Dringlichkeits- und Reisescheinen - in andere Obhut gaben, waren sie im Bombenhagel für viele Monate, manchmal für Jahre einer großen Sorge ledig.
Meist waren ja die Frauen, junge Mütter zumal, auf sich allein gestellt: Sie trugen die Last des Kriegsalltags, sie standen Schlange in den Ämtern und Läden, bangten um ihre Männer im Feld, wenn die denn keinen kriegswichtigen Job zu Hause hatten ergattern können, und fanden nicht einmal nachts Ruhe, weil die Sirenen die Städter in Bunker oder Keller riefen. Tagsüber mussten sie Fenster vernageln, Holzöfen - statt der Zentralheizung, die nicht mehr funktionierte - in wenigstens ein Zimmer einbauen oder gegen die Gefahr von Brandbomben Sand auf die Speicher ihrer Häuser schleppen.
Der Kriegsbeginn hatte vor allem junge Frauen hart getroffen. Nicht nur, dass ihre Freunde auf dem Feld und in der Wehrmacht verschwanden; schon am 4. September 1939 war für Frauen im Alter von 17 bis 25 Jahren, nach dem Ende ihrer Zeit im Bund Deutscher Mädel, unter dem einschmeichelnden Slogan "Ein deutsches Mädchen kann alles!" eine sechsmonatige "Reichsarbeitsdienstpflicht" eingeführt worden, die für junge Männer bereits seit vier Jahren bestand.
Nach 1941 mussten die Frauen als Arbeitsmaiden weitere sechs Monate "Kriegshilfsdienst" leisten - etwa als Flakhelferin, im Luftschutz oder in Sanitätsdiensten. Die "Blitzmädels", die im militärischen Dienst als Nachrichten-, Wehrmachtshelferin oder Funkerin in Uniform mit aufgenähten Blitzen arbeiteten, waren besonders hoch angesehen.
Ein Netzwerk von Aufpassern, Behörden und Partei-Organisationen hatte sich über Deutschland gelegt, Privatinitiativen ziemlich unmöglich gemacht und Kleinkinder wie Heranwachsende, Mütter und Alte unter Verwahrung genommen. Erst als Bomben und Hunger, Tiefflieger und anrückende alliierte Truppen die Macht der NS-Bürokratie brachen, wuchs im selben Maß wieder die eigene Verantwortung von Müttern, Nachbarn, Freunden.
Aber bis hin zum Verhalten bei Luftalarm war das Leben des braven Deutschen reglementiert. Der Blockwart sorgte für Anstand, Ordnung und leistete heimliche Spitzeldienste für die Partei. Der Luftschutzwart kümmerte sich vor dem Angriff um die Beschaffenheit der Schutzräume, während des Alarms um Ordnung und korrektes Verhalten und nach der Entwarnung um frische Luft, ums Aufräumen, um Hilfe.
Als die Trümmerberge in den Städten wuchsen, begann nach dem Vorbild der Kinderverschickung die Evakuierung auch der Erwachsenen, jedenfalls jener, die in den zerstörten Städten nicht benötigt und eher als lästig - im Behördenjargon: "entbehrlich" - empfunden wurden. An alle Berliner Haushalte wurden im August 1943 Handzettel mit entsprechender Aufforderung verteilt.
Den nicht berufstätigen Frauen, den Kindern und Alten gegenüber wurde erst sanfter, dann brutaler Druck angewandt: Ausweise für die Benutzung öffentlicher Luftschutzkeller oder Bunker wurden von der Partei überprüft und nur jenen belassen, die in den Städten gebraucht wurden, "für alle anderen ist kein Platz mehr", hieß es lapidar in einem Aufruf der NSDAP.
Eine solche Reise war dennoch nicht einfach und manchmal ohne Wiederkehr: Die offenbar ziemlich mächtige "Nationalsozialistische Volkswohlfahrt" musste mit einer "Meldekarte für Verwandtenverschickung" oder einer "U-Karte" (Umsiedlungskarte) das Einverständnis der Parteidienststelle des künftigen Aufenthaltsortes einholen. Damit konnte, wer wollte oder sollte und zuvor die "Mangelwarenkarte" und den Abholausweis für die Lebensmittelkarte abgab, beim Amt für Familienunterhalt, das auch die Reisekosten mit der Reichsbahn und die Umzugskosten für die Möbel übernahm, eine "F1-Abreisebescheinigung" beantragen. Dafür und wegen der Dringlichkeit verzichteten die Behörden auf eine eigene Abmeldung beim Ernährungs- oder Wirtschaftsamt sowie bei der Polizei.
Die "Umquartierten", so ihr amtlicher Name, mussten sich nach einem Erlass des Reichsinnenministeriums binnen drei Tagen bei der Polizei melden, bei der neuen (Lebensmittel-)Kartenstelle vorsprechen, einen "Räumungsunterhalt" beantragen, beim Arbeitsamt und bei der zuständigen Wehrersatzdienststelle erscheinen; ihre Kinder mussten bei der Schule und der HJ angemeldet werden. Das Netzwerk war dicht.
Solange die Bürokratie noch herrschte - also je nach Ort noch ziemlich lange bis ins Jahr 1945 hinein -, war selbst das durch den Krieg reduzierte Leben geregelt. Wer noch Zimmer in einer großen Wohnung erübrigen konnte, musste sie abgeben. Als Miete setzte etwa die Württemberger Preisüberwachungsstelle Richtpreise je nach Ausstattung und Größe zwischen 6 und 34 Mark pro Monat und Raum fest. Für Küchenbenutzung erhöhte sich der
Preis um etwa 5, für Zentralheizung um 4, für Strom um eine Reichsmark; "für ein warmes Bad", so meldete der "Stuttgarter NS-Kurier" 1944, "beträgt der Preis bis zu 0,60 RM".
Wenn denn überhaupt die deutsche Bevölkerung durch Bombenangriffe zermürbt, demoralisiert und zum Widerstand gegen das Regime genötigt werden sollte - dies war ja eigentlich die Absicht der britischen Regierung -, so konnte sich dieses Kriegsziel nicht erfüllen: "Bomben privatisieren", schreibt der Historiker Jörg Friedrich ("Der Brand") und meint damit, dass die Insassen des Netzwerks - die Notgemeinschaften in den Luftschutzkellern, die Ausgebombten und Evakuierten - an die eigene Existenz statt an einen Umsturz des politischen Systems dachten: Fast alle Familien waren auseinander gerissen, in fremder Umgebung, in Sorge um die eigene und der Angehörigen Zukunft. Sorgen privatisieren.
Auch Hitler irrte sich in seiner Einschätzung der Seelenlage der Nation. In einer am 8. November 1943 vom Rundfunk übertragenen Rede anlässlich des 20. Jahrestags des Putschversuchs von 1923 im Münchner Löwenbräukeller, die vor allem den Folgen des alliierten Bombenkriegs galt, tat er kund, aus den "Hunderttausenden von Ausgebombten" sei nun eine "Avantgarde der Rache" geworden, die jetzt erst recht zusammenstehe.
Der Führer, sonst nicht gerade gläubiger Christ, dankte Gott dafür, dass er Deutschland in seinem Kampf gegen eine Welt voller Feinde zur Seite stehe, und versprach: "Deutsches Volk, sei völlig beruhigt, was auch kommen mag, wir werden es meistern. Am Ende steht der Sieg!"
Ein Jahr später äußerte er sich, allerdings im internen Gespräch mit dem Reichsarchitekten und Rüstungsminister Albert Speer, sarkastisch über die Bombenschäden: "Für unseren neuen Bebauungsplan hätten Sie allein in Berlin 80 000 Häuser abreißen müssen. Leider haben die Engländer diese Arbeiten nicht genau nach Ihren Plänen durchgeführt. Aber immerhin ist ein Anfang gemacht!"
Der eigentlich zuständige Propagandaminister und (seit 1944) "Generalbevollmächtigte für den Totalen Kriegseinsatz", Joseph Goebbels, gab sich weniger zynisch: Er besuchte ausgebombte Stadtviertel etwa in Wuppertal, Köln und Hamburg, er setzte sich bei Gauleitern für örtliche Soforthilfe ein. Er verordnete die 60-Stunden-Woche für die noch arbeitende Bevölkerung, veranlasste die Erfassung der Untätigen und ihren Einsatz bei Aufräumungsarbeiten. Er sorgte für den Bau neuer Unterkünfte und die Aufrechterhaltung öffentlicher Dienste. Er mobilisierte mit dem "Winterhilfswerk" die Solidarität der Deutschen mit ihren Soldaten an der frostkalten Ostfront, für die in wenigen Wochen 67 Millionen Kleidungsstücke gesammelt wurden.
Wohl auch aus Solidarität, diesmal mit den Ausgebombten, die froh sein mussten, an einer öffentlichen Gulaschkanone eine warme Mahlzeit zu ergattern, startete Goebbels nach der Niederlage von Stalingrad Anfang 1943 eine Aktion zur Schließung von Luxusrestaurants im und rund ums Berliner Regierungsviertel, in denen Prominente ohne Abgabe von Lebensmittelmarken tafelten; dafür waren die Preise für derlei "Fettlebe", wie es der Volksmund schnell nannte, zwischen 50 und 100 Mark pro Person exorbitant.
Das berühmteste Schlemmerlokal war das "Horcher" in der Lutherstraße, zu dessen Stammgästen Reichsmarschall Hermann Göring zählte, dessen Luftabwehr die Bombardements nicht verhindern konnte. Goebbels-Biograf Ralf Georg Reuth behauptet, dass es Görings Intimfeind Goebbels war, der von SA-Leuten mehrmals die Fensterscheiben des "Horcher" einschmeißen ließ, da er dessen Schließung gegen solch mächtige Kundschaft nicht zu erreichen vermochte. Der Propagandaminister, der um das Verhältnis zwischen Bürgern und Parteispitzen fürchtete, erkannte dennoch in den Bombardements ein wenig Hoffnung für die Zukunft: "Die Positiven werden nur fanatischer in ihrer Siegesgläubigkeit."
Als der Sieg ausblieb und das folgte, was in Deutschland immer noch euphemistisch "der Zusammenbruch" genannt wird, errechneten Statistiker und Bürokraten aus dem Grauen und Schmerz der Einzelnen die Bilanz des Bombenkrieges über Deutschland: Über eine halbe Million Zivilisten kamen ums Leben, mindestens ebenso viele wurden verletzt.
Die tatsächliche Opferzahl der Flächenbombardements lag noch höher: Außer den deutschen "Zivilisten" verloren 32 000 "Ausländer", also Zwangs- oder Fremdarbeiter sowie Kriegsgefangene, und 23 000 Uniformträger aus Polizei und Wehrmacht ihr Leben. Mit Hilfe der Fremdarbeiter, aber auch mit Hilfe vieler Frauen, die sich in Fabriken verdingten, gelang es, den Bombenangriffen zum Trotz, dass die deutsche Industrieproduktion im Jahr 1944, verglichen mit dem Vorjahr, nur um 14 und die Rüstungsproduktion sogar nur um 6 Prozent sank. Der amerikanische Historiker Gordon Craig: "Die öffentliche Moral blieb intakt."
Andere, zeitgenössische Worte hatte der Hamburger Polizeipräsident Hans Kehrl in seinem offiziellen Bericht nach den Luftangriffen auf die Stadt im Sommer 1943 gefunden: "Die Haltung der Bevölkerung, die zu keiner Zeit und an keiner Stelle weder eine Panik noch panikartige Erscheinungen aufkommen ließ, war, wie auch ihr Einsatz, der Größe dieses Opfers würdig. Sie entsprach hanseatischem Geist und Charakter, die während der Angriffe in kameradschaftlicher Hilfeleistung und Verbundenheit ihren schönsten Ausdruck fanden und nach den Angriffen durch die Tat einen unbeugsamen Aufbauwillen bekundet haben."
Angesichts der Zerstörungen in den Wohnquartieren ist dies das heute noch erstaunlichste Paradox jener Tage. Nach einer Statistik des Bundesvertriebenenministeriums aus dem Jahre 1953 verlor Berlin in den Kriegsjahren 1939 bis 1945 etwa 550 000 seiner zuvor 1,7 Millionen Wohnungen. In Köln, dessen Wohnraum zu 75 Prozent zerstört wurde, wohnten im Frühjahr 1945 noch 40 000 Menschen, verglichen mit 777 200 Einwohnern sechs Jahre zuvor.
Im alten Bundesgebiet inklusive Berlin wurden 2,84 Millionen Wohnungen zerstört, 41 Prozent des Wohnungsbestandes aus dem Luftkriegsvorjahr 1939; in dem, was dann die Sowjetzone wurde, waren 640 000 Wohnungen in Trümmern oder nicht mehr benutzbar.
Die Trümmermengen im alten Reichsgebiet wurden nach Kriegsende auf 400 Millionen Kubikmeter geschätzt, in Westdeutschland lagen 310 Millionen - pro Einwohner ergab das eine Menge an "unaufgelockertem" Schutt und Trümmern von 13,5 Kubikmetern: Nur mit dieser Zahl lässt sich eine Vorstellung verbinden.
Eine Hamburger Familie etwa sammelte und klopfte 28 000 unbeschädigte Ziegelsteine, um den Wiederaufbau voranzubringen. Überall in Deutschland wurden, nachdem Leichenwagen und Räumkommandos abgezogen waren, Trümmerfrauen aktiv, die den Schutt zu verwerten suchten. Mit den gesäuberten Ziegeln durften die Wohnlauben in Schrebergärten winterfest gemacht oder leicht beschädigte Häuser repariert werden.
In schwer getroffenen Städten oder Stadtvierteln wurden "Sonderzuteilungen" der Lebensmittelkarten aufgerufen; dann gab es für einen Extraabschnitt 15 Gutscheine für neue Kleidung oder "sogar ab und zu eine kleine Portion richtigen Kaffees", wie sich eine ausgebombte Hamburgerin in ihrem Tagebuch freute.
"Wir hatten keine Zeit, uns zu fürchten", beschrieb die Schriftstellerin Ingeborg Drewitz die Stimmung unter den Überlebenden, "denn es ging um den nächsten Tag, um Feuerholz, um Wasser, um Rüben oder Kartoffeln, um Brot womöglich."
Manchmal auch um Geld. Nach einer Beispielrechnung des "Stuttgarter NS-Kuriers" vom August 1944 konnte ein Rentner für sich und seine Ehefrau als Räumungs-Familienunterhalt sowie an Miet- und Monatsbeihilfen etwa 160 Mark monatlich von verschiedenen Ämtern erhalten. Allerdings: "Hierauf wird die Rente, die er ja von anderer Seite erhält, angerechnet."
Wer von den Umquartierten das Kriegsende an seinem neuen Aufnahmeort erleben musste, war vom Schicksal womöglich gleich mehrfach geschlagen; denn auch nach der NS-Zeit kam wieder eine Bürokratie an die Macht, die besonders mit Evakuierten nachgerade widersinnig umsprang. Als "rückführungsberechtigt" galten nur jene, die zu einem bestimmten Stichtag ihre Heimatstadt verlassen hatten. Wenn sie zudem über eine Landesgrenze gewechselt waren, erhielten sie den günstigeren Status von "Außenevakuierten".
Binnenevakuierten wurde weniger staatliche Hilfe zuteil, zumal, wenn sie keinen Anspruch auf Lastenausgleich anmelden konnten - das waren beispielsweise Mieter, die bei der Umquartierung ihre persönliche Habe hatten mitnehmen können.
So befreite sich die neue Bundesrepublik, wenngleich Rechtsnachfolgerin des Reichs, von manchen Ansprüchen, die den rund 5 Millionen Evakuierten vor ihrer Aussiedlung sogar schriftlich zugesichert worden waren; und wer bedenkt, wie relativ problemlos die Aufnahme von fast zehn Millionen Vertriebenen im kleineren Bundesgebiet gelang, muss feststellen, dass zu den Umquartierten offenbar besonders viele ältere oder ärmere Bürger gehörten, denen aus eigener Kraft eine Rückkehr in ihre Heimatorte nicht gelingen konnte.
Noch zwei Jahre nach Kriegsende belief sich die Zahl der (in Westdeutschland registrierten) Evakuierten auf 3,4 Millionen. Selbst für das Jahr 1957, zwölf Jahre nach Kriegsende, als über das Wirtschaftswunderland schon die ersten Fress- und Reisewellen hinweggezogen waren, weisen die Akten des zuständigen Ministeriums noch 48 000 Anträge von Umgesiedelten auf Rückführung aus.
Im Jahr 1958 - ein Jahr zuvor hat Konrad Adenauers CDU mit ihrem Kampf gegen den "Weltbolschewismus" die absolute Mehrheit der Mandate im Bonner Bundestag und damit den größten Wahlsieg ihrer Geschichte erzielt - gibt das Bonner Vertriebenenministerium in mehreren Bänden die "Dokumente deutscher Kriegsschäden" heraus. Der zuständige Staatssekretär Peter Paul Nahm (CDU) würdigt in seinem Vorwort die "großen Leistungen des Aufbaus, der Entschädigung und der sozialen Hilfen" und fährt dann fort in der Sprache derer, die nichts dazugelernt haben:
"Die größte Leistung hat das deutsche Volk selbst vollbracht. Wenn wir das Wunder der Nachkriegszeit suchen, dann blicken wir nicht in die Schaufenster, auf Lebensstandard und Autoschlangen, sondern auf die nur aus dem Geistigen zu erklärenden Tatsachen: Der deutsche Arbeiter ist dem Proletariat entwachsen, und die durch Vertreibung, Inflation und Ausbombung Entwurzelten sind der Vermassung geistig nicht anheim gefallen. Hier ist das Wunder, das trotz der Katastrophe gewachsen ist."
Soll wohl heißen: Die Niederlage hatte auch ihr Gutes. WOLFRAM BICKERICH
"Die feindliche Luftüberlegenheit ist so, dass wir uns auf unseren eigenen Landstraßen mit dem Auto nicht einmal mehr bewegen können."
Joseph Goebbels, am 22. März 1945
"Vor 25 Jahren verkündete ich den Sieg der Bewegung! Heute prophezeie ich - wie immer durchdrungen vom Glauben an unser Volk - am Ende den Sieg des Deutschen Reiches!"
Adolf Hitler, am 24. Februar 1945
* Bei der Essensausgabe für Ausgebombte.
Von Wolfram Bickerich

DER SPIEGEL 5/2003
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