27.01.2003

BANKENAckergäule auf dem Sprung

Der Zusammenschluss von HypoVereins- und Commerzbank scheint beschlossene Sache. Die Frage ist nur: Wann wird der Deal bekannt gegeben?
Die "Fünf Höfe" in der Münchner Innenstadt sind wie geschaffen für konspirative Treffen: belebt, verwinkelt, unüberschaubar und mit vielen Eingängen. Ohne aufzufallen, kann man hier in einen kleinen Konferenzraum der HypoVereinsbank gelangen.
Dort hatten sich Commerzbank-Chef Klaus-Peter Müller, seine rechte Hand Eric Strutz und Vorstand Axel Freiherr von Ruedorffer vergangenen Donnerstag mit dem Ex-Vorstandssprecher und jetzigen Aufsichtsratschef der HypoVereinsbank, Albrecht Schmidt, sowie dessen Nachfolger an der Spitze, Dieter Rampl, ursprünglich verabredet. Die Tagesordnung war ein so genannter "undisclosed issue", also streng geheim. Selbst die wenigen zur Stallwache verdonnerten Mitarbeiter in den Zentralen - sie müssen den Managern auf telefonische Anfrage Bilanzzahlen zurufen - wussten nicht, worum es geht. Wie immer, wenn sich die Herren treffen.
Denn schon seit Monaten verhandeln die Spitzenmanager der beiden Geldinstitute über einen Zusammenschluss. Längst haben sie Investmentbanken engagiert, die ihnen bei der Transaktion zur Seite stehen, längst sind sie sich über grundlegende Strukturen der neuen Bank einig. Selbst fundamentale Details sind im Wesentlichen ausdiskutiert.
Die HypoVereinsbank wird hauptsächlich von Morgan Stanley beraten, sie hat aber auch Rothschild engagiert. Denn zu dem Traditionshaus ist vor knapp einem Jahr Andreas Raffel gestoßen - ein waschechter Verfechter des Aktienkapitalismus, der lange Jahre für Morgan Stanley tätig war. Seine Aufgabe ist es, einen "fairen Wert" für die Commerzbank zu ermitteln.
Gleichzeitig aber hat er eine zweite Mission: Er soll auch seinen Ex-Kollegen "ein bisschen auf die Finger gucken", wie es ein Insider nennt. Morgan Stanley ist über das Co-Mandat offiziell nicht informiert. Der Commerzbank steht Goldman Sachs zur Seite.
Die HypoVereinsbank (HVB) will sich mit dem Frankfurter Konkurrenten im Zuge eines Aktientauschs zusammentun. Die Anteilseigner der Commerzbank sollen nach einer der Berechnungen bis zu 14 Euro pro Anteilsschein bekommen. Die Zahl basiert allerdings auf der deutlich höheren Bewertung der beiden Banken noch vor einigen Wochen.
Das neue Institut soll sich dann auf das Privat- sowie Firmenkundengeschäft und dabei vor allem auf den Mittelstand konzentrieren. Die Investmentbank-Sparten beider Häuser sollen fusioniert und radikal auf diese Kundengruppe zugeschnitten werden. Von allen übrigen Bereichen, etwa dem Fonds- oder gewerblichen Hypothekengeschäft, will sich die Bank dann trennen.
Der Konzern möchte sich auf Deutschland, Österreich und Osteuropa fokussieren. Das wesentliche Auslandsgeschäft wird deshalb, so der Plan, Gerhard Randa übernehmen, ehemaliger Chef der von der HVB geschluckten Bank Austria.
Randa werde, so berichten Insider, die Nummer drei in dem neuen Vorstand sein - hinter den beiden Chefs der bisher selbständigen Häuser, Müller und Rampl. Aber auch Stefan Jentzsch und Wolfgang Sprißler von der HypoVereinsbank sowie Mehmet Dalman und Martin Blessing von der Commerzbank sind zurzeit für das Gremium im Gespräch.
Zweimal schon waren die Verhandlungspartner so weit, dass sie sogar Termine für die Bekanntgabe des Deals avisiert hatten. Zunächst wollten die Manager Ende Oktober oder Anfang November an die Öffentlichkeit treten. Doch schon im September unkten gesprächsfreudige Manager der HypoVereinsbank unverhohlen, ein Deal komme derzeit nicht in Frage - die Commerzbank müsse erst noch ihre Probleme in der Investmentbank lösen. Fünf Wochen später kündigte Dalman, der die Sparte leitet, eine Umstrukturierung an sowie die Kürzung von 300 der 1300 Stellen.
Die Commerzbank hatte ihre "Hausaufgaben", wie die Banker derartige Kahlschläge nennen, artig gemacht. Und wieder wurde verhandelt. Diesmal war erst Mitte Dezember, dann der 7. Januar angepeilt.
Doch kurz vor dem großen Datum hatte HVB-Chef Rampl den Deal erneut verschoben. Diesmal war er es, der nacharbeiten musste. Denn die HVB Real Estate - in der das Geschäft mit gewerblichen Immobilien gebündelt wird - braucht frisches Geld. Dort seien, so versichern zahlreiche Insider, neue Wertberichtigungen aufgetaucht. Die Bank dagegen sagt, der Kapitalbedarf sei nur entstanden, weil die Sparte abgetrennt und an die Börse gebracht werden soll.
Gerade wegen der prekären Situation, in der die von der deutschen Bankenkrise gebeutelten Institute stecken, wird der Deal immer wieder verschoben. Branchenkenner bezeichnen das Unterfangen deshalb schon spöttisch als das "Jüngste Gericht". Es werde ganz sicher kommen - die Frage sei nur: wann?
Eine Fusion könnte beiden Partnern durchaus helfen - auch wenn manche Analysten abwinken. "Aus zwei Ackergäulen macht man kein Rennpferd", heißt es dann. Doch die HVB müsste den Commerzbank-Aktionären trotz einer Prämie auf den Aktienkurs weniger bezahlen, als das Vermögen der Bank wert ist. Damit hätte sie eine stille Reserve erworben. Mit diesem Polster könnte sie künftige Wertberichtigungen verrechnen - was die Absturzgefahr der neuen Bank und ihrer Aktie massiv verringert.
Der Verkauf von Beteiligungen und Geschäftsfeldern könnte die Kapitalbasis des Instituts weiter stärken und so das Geschäft forcieren. Und durch die Verdopplung der Kunden würde der neue Riese - dann nach Bilanzsumme die Nummer eins in Deutschland - deutlich effektiver arbeiten. Zudem würden die beiden Banken Tausende Stellen einsparen. Aus Sicht der Finanzkonzerne durchaus ein Plus.
Selbst mit ihren Großaktionären haben die Geldmanager längst über den Plan gesprochen. Die Probleme, etwa wegen der unterschiedlichen Interessen der beteiligten Versicherungen, halten sie für "lösbar". Dennoch wollen die Herren vor der Bekanntgabe ihres Deals jedes Problem hundertprozentig beseitigen, jedes Detail ausarbeiten, auf jede Frage eines Analysten eine Antwort haben - und im Zweifelsfall lieber noch einmal abwarten. "Hausaufgaben" gibt es in beiden Häusern schließlich genügend.
Denn wirklichen Respekt haben die Manager vor der unberechenbaren Masse der Aktionäre, vor der Reaktion der Börse.
"Für uns dreht sich das Ganze einzig und allein um die Frage: Wird der Kapitalmarkt die Transaktion akzeptieren?", gibt ein Vorstandsmitglied einer der beteiligten Banken unumwunden zu - und liefert auch die Begründung für die Vorsicht: "Eine zweite Chance werden wir nicht bekommen." WOLFGANG REUTER
Von Wolfgang Reuter

DER SPIEGEL 5/2003
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