27.01.2003

KONSUMEndstation Doctor Credit

Anders als die Deutschen kaufen die US-Verbraucher weiter wie im Rausch. Die Haushalte sind häufig überschuldet - werden aber von Banken und Handel ausdauernd bei Laune gehalten.
Die Briefe lassen sich noch ignorieren", sagt Luther Gatling. Die Mahnschreiben der Banken ebenso wie die Drohungen der Inkassobüros, die für die Geldinstitute die Schmutzarbeit erledigen, wenn jemand mit den Ratenzahlungen nicht nachkommt. Dann folgen die Anrufe, zu Hause und später auch bei der Arbeit. Eigentlich ist es in New York verboten, säumige Schuldner am Arbeitsplatz zu belästigen, auch das Wochenende ist tabu und die Zeit vor 9 und nach 21 Uhr. "Aber wer hält sich schon an so etwas", sagt Gatling und zuckt mit den Achseln.
Spätestens nach dem ersten Hausbesuch der Krediteintreiber sind die meisten reif für einen Termin bei dem Mann, den sie im Fernsehen "Doctor Credit" nennen und der mit seiner Vorliebe für dunkle Anzüge und viel Goldschmuck immer ein wenig wie einer dieser TV-Prediger aussieht, die mit Donnerstimme "Umkehr" fordern.
Dann stehen sie bei Luther Gatling in der Tür, übernächtigt und zitternd. "Schulden können einen ziemlich aus dem Tritt bringen." Er ist keine schlechte Adresse, wenn einem das Wasser bis zum Hals steht.
Gatling macht seit 25 Jahren nichts anderes, als Menschen zu helfen, ihre Finanzen wieder unter Kontrolle zu bringen. Nur wenige außerhalb der Geldindustrie kennen sich so gut im Kreditgeschäft aus wie er.
Tatsächlich ist Gatling so etwas wie ein Pionier der Schuldenberatung. 1979 hat er seine "Budget & Credit Counseling Services", kurz BuCCS, gegründet, da wussten die meisten Amerikaner noch nicht einmal genau, wie eine Kreditkarte funktioniert. Heute hat die Agentur knapp 70 Mitarbeiter und füllt eine ganze Etage in einem Bürogebäude in Downtown Manhattan.
Über 20 000 Hilfesuchende führt Gatling derzeit in seiner Kartei. Das sind nur die aktuellen Fälle, und BuCCS ist längst nicht mehr die einzige Beratungsfirma in New York, die bei Kreditproblemen ihre Hilfe anbietet. Es gibt inzwischen ziemlich viele Leute, die wie Gatling von den Schulden anderer Leute leben.
Auf über acht Billionen Dollar summieren sich derzeit die Kreditverpflichtungen der Amerikaner, was umgerechnet bedeutet, dass der Durchschnittshaushalt mehr Schulden hat als Jahreseinkommen. Die Schere zwischen dem, was die Amerikaner im Vergleich zum Vorjahr mehr verdienen, und dem, was sie zu den alten Krediten neu hinzuleihen, öffnet sich immer weiter.
Während in Deutschland Geiz als geil gilt und die Sparquote weiter ansteigt, konsumieren die Amerikaner noch immer fröhlich auf Pump. Schon jetzt geben die US-Bürger 14 Prozent ihres Einkommens für Zinsen und Rückzahlungen alter Darlehen aus. Die Volkswirte von Goldman Sachs haben errechnet, dass der Teil, der in den Schuldendienst geht, bereits im nächsten Jahr 18 Prozent betragen wird, wenn sich die Amerikaner weiter in dem Tempo verschulden, wie sie es zuletzt getan haben.
Für die US-Wirtschaft war das bislang durchaus von Vorteil. Es sind in erster Linie die amerikanischen Verbraucher, die trotz steigender Arbeitslosenzahlen und fallender Börsenkurse weiterhin für Wachstumsraten sorgen, von denen die Deutschen nur träumen können. Im vergangenen Jahr gab es nur einen Monat, in dem der Konsum leicht nachließ.
Doch es ist genau dieses Leben auf Pump, das viele Ökonomen nun daran zweifeln lässt, ob die Prognosen wahr werden, die der US-Wirtschaft für dieses Jahr ein Plus von 2,5 Prozent und fürs nächste einen Zuwachs von noch einmal 4 Prozent voraussagen. Für die Pessimisten unter ihnen ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis der gigantische Schuldenberg ins Rutschen gerät und das Land in eine neue Rezession zieht.
Rund 1,5 Millionen Amerikaner mussten sich im vergangenen Jahr bereits für komplett zahlungsunfähig erklären, auch das ein Rekord. Weitere 5 Millionen sind nach groben Schätzungen bei Beratungsstellen wie BuCCS vorstellig geworden, um den persönlichen Bankrott abzuwenden.
Es ist nicht so sehr Unehrlichkeit, die Gatlings Kunden in Schwierigkeiten gebracht hat. Die meisten haben einfach über ihre Verhältnisse gelebt - wie Millionen anderer Amerikaner auch. Sie haben ein Leben geführt, in dem nichts Unvorhergesehenes mehr passieren darf: keine Krankheit, keine Scheidung und schon gar nicht ein Verlust des Arbeitsplatzes. Sie hatten gedacht, dass es schon okay sei, wenn sie ein wenig die Zukunft beleihen, wie Gatling das Schuldenmachen nennt.
Als er nach einem Wirtschaftsstudium Mitte der siebziger Jahre zum ersten Mal über professionelle Schuldenberatung nachdachte, ging es vor allem darum, Leuten zu einem Kredit zu verhelfen, denen niemand einen geben wollte. Seine Klienten waren schwarz und arm und kamen aus der Bronx oder Harlem.
Heute sind noch immer viele von Gatlings Kunden schwarz und arm. Nur ist das Problem nicht mehr, dass ihnen die Banken das erbetene Darlehen verweigern. Das Problem ist eher, dass sie in Kreditangeboten ertrinken.
Jeder amerikanische Haushalt besitzt heute durchschnittlich zwölf Kreditkarten, und weil das nach Meinung der Banken noch immer nicht genug ist, geben sie jedes Jahr rund drei Milliarden Dollar für Werbepost aus und noch einmal 800 Millionen Dollar für Anzeigen.
Man kann das verantwortungslos nennen - oder auch ziemlich clever. Denn anders als in Deutschland, wo die Kreditkartenschulden jeden Monat automatisch vom Konto abgebucht werden, können sich amerikanische Karteninhaber den größten Teil nach 30 Tagen stunden lassen - ein Service, für den die Finanzinstitute dann 15, 18 Prozent oder auch 24 Prozent Zinsen berechnen, je nachdem, wie schnell das Geld wieder zurückgezahlt wird.
Für die US-Banken sind die Karten ein Segen. Die Citigroup, die größte Bank von allen, meldete vergangene Woche stolz, dass die Gewinne aus dem Kreditkartengeschäft im vergangenen Jahr noch einmal um 26 Prozent gestiegen sind, auf 3,1 Milliarden Dollar.
Das Geschäft läuft so gut, dass nun auch die großen Einzelhandelsketten hineindrängen. Jeder Staubsauger lässt sich mittlerweile auf Raten kaufen, jedes Paar Socken bei Sears oder Macys auf die hauseigene Kundenkarte buchen.
"Sie nehmen die eine Karte, um die Raten der anderen abzubezahlen", sagt Gatling, "und irgendwann haben sie alle zwölf Karten ans Limit gebracht. Und aus 5000 Dollar Schulden sind plötzlich 15 000 geworden, weil zu den normalen Zinsen die Verspätungszinsen kommen und darauf noch die Mahngebühren und darauf wiederum die Inkassozinsen." Deshalb verlangt er von seinen Klienten als Erstes, dass sie ihre überzähligen Kreditkarten vernichten. Auf den Fluren von BuCCS stehen überall große Plexiglascontainer, voll mit zerschnittenen Hälften.
Warum die Amerikaner alle Alarmsignale in den Wind schlagen, die düsteren Meldungen vom Arbeitsmarkt, die Berichte über das schlechte Klima in der Industrie, auf diese Frage weiß auch ein Experte wie Gatling keine wirkliche Antwort. Vielleicht wollten sie einfach ihre Furcht betäuben, sinniert er. Vielleicht haben auch die Fachleute Recht, die das Schuldenmachen für eine Zwangshandlung halten, für eine Art von Abhängigkeit oder Krankheit, so wie Bulimie oder Spielsucht oder Alkoholismus.
Ron Gallen ist so jemand. Er hat seine Praxis an der Upper East Side, wo vornehmlich jene New Yorker wohnen, die Schulden erst Schulden nennen, wenn sie sechsstellig werden. Sein Beratungszimmer sieht aus wie das eines Psychoanalytikers, ein brauner Ledersessel, eine große Couch, an den Wänden goldgerahmte Stiche von Farnblättern.
Wie die meisten Suchtexperten glaubt Gallen, dass der freie Zugang zum Rauschmittel die Zahl der Süchtigen erhöht. Er schätzt, dass 15 Millionen Amerikaner an dem leiden, was er "Geldstörung" nennt, das wären fünf Prozent der Bevölkerung. Seine Patienten müssen sich verpflichten, ausschließlich von Bargeld zu leben. Sie dürfen nichts mehr borgen oder leihen. "Wenn du nicht die 1,50 für die Subway dabeihast, dann geh", sagt er ihnen.
Gallen kassiert pro Sitzung 150 Dollar. Er sagt, dass die Rückfallquote bei 50 Prozent liege. Er findet, dass dies eine ziemlich gute Zahl ist. JAN FLEISCHHAUER
Von Jan Fleischhauer

DER SPIEGEL 5/2003
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