27.01.2003

INDIENGefährliche Lieferung

Die Großmacht Russland heizt das Wettrüsten in Südasien an und stattet das zu Sowjetzeiten verbündete Indien mit neuer nuklearer Angriffstechnik aus. Moskau liefert - leihweise - vier Langstrecken-Bomber vom Typ Tu-22M-3, die auch strategische Ziele in China erreichen können, sowie zwei Atom-U-Boote der Klasse "Akula". Neu-Delhis Unterseeflotte besteht bislang nur aus etwa 19 herkömmlichen Tauchschiffen. Die Russen lassen sich ihren Freundschaftsdienst allerdings aufwendig entlohnen. Umgerechnet 2,87 Milliarden Euro kostet der Leasing-Vertrag, den der indische Verteidigungsminister George Fernandes vorvergangenes Wochenende in Moskau unterschrieben hat. Ende März soll das Hightech-Geschäft endgültig besiegelt werden. Dem Handel war wieder einmal militärische Kraftmeierei zwischen den verfeindeten Nachbarn auf dem Subkontinent vorausgegangen. Pakistan hatte eine Hatf-5-Rakete (Ghauri) mit bis zu 1500 Kilometer Reichweite in Dienst gestellt - "ein stolzer Tag", wie Präsident Pervez Musharraf fand. Indien antwortete wenig später mit dem Test einer Agni-1-Rakete, die einen Atomsprengkopf von einer Tonne 800 Kilometer weit befördern kann - "ein Bilderbuchstart", lobte Fernandes und drohte: Zwei oder sogar mehr Atombomben könne Indien einstecken, "aber wenn wir zurückschlagen, wird es kein Pakistan mehr geben". Experten halten den nuklearen Rüstungswettlauf der beiden Staaten für außerordentlich gefährlich: Die vorhandenen Raketen könnten jeweils binnen weniger Minuten die Hauptstädte Neu-Delhi oder Islamabad erreichen und mit ihren Atomsprengköpfen vernichten. Das mit konventionellen Waffen und seiner Heeresstärke deutlich unterlegene, innenpolitisch unruhige Pakistan stehe deshalb in besonderer Versuchung, beim nächsten schweren Konflikt zu Atomwaffen zu greifen. Im Gegensatz zu Indien hat die Regierung Musharraf auf die Möglichkeit eines Erstschlags offiziell nicht verzichtet.

DER SPIEGEL 5/2003
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