27.01.2003

GRIECHENLANDMakabrer Bluff

Griechische Industrielle, Reeder und Zeitungsverleger haben offenbar regelmäßig dafür bezahlt, vom Terror der linksextremen Killer-Gruppe 17. November (17N) verschont zu werden. 27 Jahre lang hatten 17N-Fanatiker Griechenland mit einem Privatkrieg überzogen, bei über 200 Anschlägen 23 Menschen getötet und mehr als 100 verletzt. Vorigen Sommer flogen sie auf, nun soll der Prozess Anfang März beginnen. Im Nachlass eines 17N-Opfers, des Stahlmagnaten Dimitris Angelopoulos, fanden die Angehörigen Belege für eine Erpressung großen Stils. Die jetzt der Justiz übergebenen Gesprächsnotizen und Kopien von Schecks zeigen, wie Angelopoulos und andere Upperclass-Griechen regelmäßig große Geldbeträge zahlten, weil sie annahmen, dadurch den Todesschwadronen der 17N zu entgehen. Für manche ein tödlicher Irrtum: Angelopoulos zum Beispiel wurde 1986 von der Stadtguerrilla ermordet. Denn das Ganze war ein makabrer Bluff, die Terror-Truppe 17N hatte keine Ahnung von dem Schutzgeld-System. Das soll sich vielmehr der ultrarechte Verleger einer Mini-Zeitung, Grigoris Michalopoulos, ausgedacht haben, so jedenfalls die Staatsanwaltschaft. Derzeit lädt die Athener Justiz einen illustren Landsmann nach dem anderen vor, der milliardenschwere Banker Ioannis Latsis steht ebenso auf der Liste der mutmaßlich Erpressten wie vier orthodoxe Bischöfe. Michalopoulos, der jedoch alle Vorwürfe bestreitet, soll nicht nur mit dem Pseudoschutz vor 17N-Attacken zahlreiche Griechen erpresst, sondern über seine Opfer auch belastendes Material gesammelt und eingesetzt haben, das sowohl Geschäftliches als auch Privates umfasst.

DER SPIEGEL 5/2003
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