27.01.2003

„Vorschlaghammer für eine Fliege“

Der amerikanische Nahost-Experte Kenneth Pollack über Saddams Griff nach nuklearer Macht und die amerikanischen Vorbereitungen für den Sturm auf Bagdad
SPIEGEL: Mr. Pollack, ein Großaufgebot an US-Soldaten ist schon an den Golf verlegt worden und schweres militärisches Gerät auf dem Weg dorthin. Kann Präsident George W. Bush überhaupt noch zum Rückzug blasen, ohne dass Saddam gestürzt worden ist?
Pollack: Wenn der Präsident sich hinstellt und sagt, dass die internationale Gemeinschaft neue Entschlossenheit bewiesen hat, dass die Uno-Inspektoren auf gutem Weg sind, dass Saddam in Schach gehalten werden kann, dann wird die große Mehrzahl der Amerikaner einen Seufzer der Erleichterung ausstoßen und sagen: Prima, gut so. Der Präsident muss dann nur beweisen, dass all das der Wahrheit entspricht.
SPIEGEL: Aber setzt Bush damit nicht seine Präsidentschaft aufs Spiel?
Pollack: Momentan wird der Präsident von zwei verschiedenen Lagern innerhalb seiner Regierung hin und her gezerrt. Die Falken drängen ihn dazu, die Streitkräfte an den Golf zu schicken, um die Möglichkeit auszuschließen, dass es keinen Krieg gibt. Die Tauben hingegen setzen alle diplomatischen Mittel ein, damit der Präsident nicht in den Krieg zieht. Das Problem besteht nun darin, dass beide, Falken wie Tauben, Erfolg haben. Die Lage für den Präsidenten wird deshalb zunehmend schwierig: Es ist nicht leicht, den Einsatzbefehl zu erteilen, und genauso wenig leicht, nicht in den Krieg zu ziehen.
SPIEGEL: Ein ziemliches Verwirrspiel, aber wie ist er in diese Lage geraten?
Pollack: Es war ein Fehler, das Hauptaugenmerk auf die Suche nach Massenvernichtungswaffen zu lenken anstatt auf eine breitere Palette von Möglichkeiten zur Eindämmung des Irak. Jeder erwartete, dass die Inspektoren entweder eine Art rauchenden Colt finden würden oder dass Saddam sich den Uno-Bedingungen unterwerfen würde, so dass seine Entwaffnung möglich wäre. Tatsächlich waren diese Aussichten von Anfang an gering. Es lag immer nahe, dass wir bekommen würden, was wir bekommen haben: Saddam zeigt Zusammenarbeit, aber keine Unterwerfung. So haben wir halb gare Gründe für den Krieg und kein Vertrauen in den Abbau der Massenvernichtungswaffen.
SPIEGEL: Die Saudis scheinen entschlossen, Saddam ins Exil zu zwingen. Glauben Sie, dass sie Erfolg haben werden?
Pollack: Nein, leider nicht. Saddam macht sich keine Illusionen über seine Herrschaft. Es gibt die Geschichte über einen mächtigen Geschäftsmann, der Saddam um einen Gefallen bat. Saddam verweigerte ihm nicht nur die Gunst, sondern nahm dem Mann auch dessen Fabrik ab. Da stand der Iraker voller Zorn vor Saddam, und der soll ihm ins Gesicht gesagt haben: "Glaube nur nicht, dass du je Rache an mir üben kannst, denn wenn ich stürze, werde ich schon in kleinen Stücken auf dem Boden liegen, bevor du überhaupt zu mir gelangst."
SPIEGEL: Was sagt uns diese Episode?
Pollack: Saddam weiß, wie tief verhasst er ist und wie viele Leute ihn töten möchten. Verliert er die Macht, ist er ein toter Mann.
SPIEGEL: Andererseits ist er immer auch ein Überlebenskünstler gewesen.
Pollack: Viele seiner Handlungen hätten zur Zerstörung seines Regimes und zu seinem Sturz führen müssen. Nur durch schieres Glück und die Niedertracht anderer Leute überlebte er. Und weil er immer wieder davongekommen ist, ist er ein bodenloser Optimist. Er mag mit dem Rücken an der Wand stehen, er glaubt trotzdem, er werde einen Weg herausfinden.
SPIEGEL: Zugleich ist ihm sein Ruf in der arabischen Welt unendlich wichtig.
Pollack: Mit Besessenheit denkt er über seinen Platz in der Geschichte nach. Er will beweisen, dass er als der einzige große arabische Staatsmann dem Westen die Stirn bieten und einen gewaltigen Schlag gegen Israel führen kann. Das legt allerdings auch den Gedanken nahe, dass er, im Wissen, dass sein Regime in Flammen aufgehen wird, die Samson-Option wählen könnte: den Tempel um sich herum niederreißen, alle Waffen in seinem Besitz gegen Amerika und Israel einsetzen - eben ein letzter Schlag gegen seine Feinde.
SPIEGEL: Aber mit welchen Waffen kann er zuschlagen, welche besitzt er überhaupt?
Pollack: Wir wissen es nicht.
SPIEGEL: Müssten nicht Ihre früheren CIA-Kollegen Bescheid wissen?
Pollack: Nicht unbedingt. Der Irak ist ein sehr großes Land, etwa so groß wie Schweden. Eine Scud-Rakete ist nur wenig größer als ein großer Raum. An Millionen Plätzen können solche Waffen versteckt werden. Außerdem haben die Iraker ein ziemlich gutes Gespür für unsere Aufklärungsmöglichkeiten, seitdem wir sie in den achtziger Jahren während des Iran-Irak-Kriegs mit Geheimdienstmaterial ausgestattet haben. Zudem haben sie schon im Golfkrieg 1991 herausgefunden, was wir wussten und wie wir unser Wissen erlangt haben.
SPIEGEL: Also konnte Saddam die Inspektoren beruhigt wieder ins Land lassen?
Pollack: Ja, leider. Ich bin mir sicher, er freut sich jedes Mal, wenn Mr. Blix die Vereinten Nationen auffordert: "Gebt mir noch zwei weitere Monate."
SPIEGEL: Wie schätzen Sie die Aussichten ein, dass die Saudis irakische Generäle zum Mord an Saddam ermuntern können?
Pollack: Die Wahrscheinlichkeit ist gering, dass ein Staatsstreich stattfindet, bevor die Panzer über die Grenze rollen.
SPIEGEL: Warum sollten die Aussichten danach steigen?
Pollack: Weil der Anreiz für die Leute um Saddam dramatisch zunimmt. Aber es kann bei solchen Spekulationen keine Sicherheit geben, und wir müssen uns darauf einstellen, den Krieg bis zum Ende zu führen. Wir können nicht davon ausgehen, dass jemand uns den Job abnimmt.
SPIEGEL: Eine Strategie des Pentagon kombiniert ein ziemlich kurzes Bombardement aus der Luft mit Bodentruppen, wobei Spezialeinheiten eine wichtige Rolle spielen.
Pollack: Alles kommt darauf an, dass die militärischen Operationen schnell und wuchtig ausgeführt werden. Das bedeutet für die US-Streitkräfte und ihre Verbündeten, dass sie von Anfang an überwältigende Kräfte zur Geltung bringen müssen.
SPIEGEL: Wie viele Soldaten müssen es sein?
Pollack: Mindestens 200 000. Je mehr Truppen wir einsetzen, desto schneller wird der Krieg vorbei sein, desto sicherer ist Saddams Sturz, desto weniger Opfer werden wir und die Iraker beklagen, desto weniger Schaden kann Saddam an seinem eigenen Volk und in der Region anrichten.
SPIEGEL: Das Pentagon hat sich offenbar für eine sehr viel kleinere Streitmacht als 1991 entschieden. Damals waren 500 000 Soldaten aufmarschiert.
Pollack: Den Krieg mit schwachen Kräften anzufangen, um dann die Truppen nach und nach aufzustocken, war in der Geschichte immer ein Rezept fürs Desaster.
SPIEGEL: Die Optimisten im Pentagon glauben, dass eine kleine Streitmacht den Krieg schnell gewinnen kann.
Pollack: Ein Drei-Sterne-General hat mir dazu gesagt: "Kein General will einen Krieg nur mit Hängen und Würgen gewinnen." Auch diesen Krieg sollten wir nicht nur mal gerade so gewinnen wollen. Ganz im Gegenteil sollten wir eine Fliege mit dem Vorschlaghammer erschlagen.
SPIEGEL: Wie lange könnte ein Krieg dauern? Wäre mehr als eine Woche ein Desaster?
Pollack: Nein, ich erwarte einen Krieg, der sich über einen Monat oder länger hinzieht, bis Saddam und seine Streitkräfte zusammenbrechen. Ich nehme an, dass zumindest ein harter Kern für Saddam kämpfen wird. Doch je länger der Krieg sich hinzieht, desto mehr Gefallene wird es geben.
SPIEGEL: Wie viele tote Soldaten wird die amerikanische Öffentlichkeit ertragen?
Pollack: Die Schmerzgrenze wird der Bedrohung entsprechen, die die Amerikaner empfinden.
SPIEGEL: Und wie stark die Bedrohung empfunden wird, hängt von der Rede des Präsidenten an diesem Dienstag ab.
Pollack: Ja, Bush muss die Bedrohung darlegen. Aber auch nach dem Krieg werden die Amerikaner noch einmal die Lage einschätzen. Sehen sie glückliche Iraker, die ihre Befreiung feiern, und finden wir nach dem Krieg Belege dafür, auf welche niederträchtigen Dinge Saddam aus war ...
SPIEGEL: ... oder falls er Chemiewaffen einsetzt ...
Pollack: ... all das wird in der Retrospektive die Einstellung der Amerikaner bestärken, dass der Krieg sinnvoll war.
SPIEGEL: Wird Amerika mit nuklearen Waffen antworten, wenn Saddam chemische oder biologische Waffen einsetzt?
Pollack: Ich glaube nicht, dass die Vereinigten Staaten Grund zum Einsatz ihrer
Atomwaffen haben. Das wäre anders, wenn Saddam eine Flut von Pocken-Viren weltweit verbreiten ließe, wodurch 10 Millionen oder gar 100 Millionen Menschen getötet würden. Doch unter normalen Umständen wäre die Wirkung von Nuklearwaffen zutiefst kontraproduktiv.
SPIEGEL: Um was würde es eigentlich im Krieg gehen: um Massenvernichtungswaffen, um die unerledigten Dinge aus dem ersten Golfkrieg, um Öl?
Pollack: Für mich geht es um Massenvernichtungswaffen und die Bedrohung, die Saddam bedeutet.
SPIEGEL: Aber es ist ziemlich schwierig, Massenvernichtungswaffen, die man nicht findet, zum Kriegsgrund zu erklären.
Pollack: So sehen es die Bürger im Ausland, nicht aber die ausländischen Regierungen. Als ich in der Regierung gearbeitet habe, ist mir niemand begegnet, der bestritten hätte, dass Saddam noch im Besitz von Massenvernichtungswaffen ist und gegen alle Uno-Resolutionen verstoßen hat: nicht die Russen, nicht die Franzosen oder Chinesen. Umstritten war immer nur, wie wir mit dem Problem umgehen sollten.
SPIEGEL: Für das Weiße Haus ist es ein großes Problem, dass urplötzlich Nordkorea mit seinem Nuklearwaffenprogramm Amerika erpresst. Einerseits ist Kim Jong Il das beste Beispiel für einen gefährlichen Staatsmann. Andererseits behauptet Amerika, seltsam genug, es handle sich lediglich um ein diplomatisches Problem.
Pollack: Ja, Nordkorea demonstriert, worum es geht. Merkwürdigerweise ist Nordkorea dabei eine geringere Bedrohung. Es ist nicht drauf und dran, seine Waffen einzusetzen. Gut möglich aber, dass die Nordkoreaner sie an ein anderes Land verkaufen, das sie einsetzen könnte, etwa an den Irak.
SPIEGEL: Was sollten etwa die Machthaber in Iran aus den Erfahrungen in diesen Tagen lernen? Wer wie Nordkorea schon über Massenvernichtungswaffen verfügt, kann sich vor einem Angriff der Vereinigten Staaten sicher fühlen - also schnell her damit. Denn wer nur so weit ist wie Saddam, macht sich angreifbar.
Pollack: Wenn Sie sich in die Lage Irans versetzen, müssen Sie wirklich eine Entscheidung treffen. Haben Sie solche Waffen, sind Sie auf der sicheren Seite. Wollen Sie sie erst noch bekommen, könnten Sie bald tot sein. Ich glaube, in Iran finden derzeit interessante Debatten statt zwischen Leuten, die für Schnelligkeit eintreten, und anderen Leuten, die für Verhandlungen mit den USA sind, um aus der Zwickmühle herauszukommen.
SPIEGEL: Viele Europäer, in Sonderheit die deutsche Regierung, stehen dem Krieg gegen den Irak ablehnend gegenüber. Irritiert Sie diese Haltung?
Pollack: In gewissem Maße, besonders in Anbetracht der letzten zwölf Jahre seit dem Zusammenbruch des Kommunismus, und auch weil die deutschen Geheimdienste unsere Bewertung Saddams teilen. Dazu kommt, dass Berlin keine Alternative vorzuschlagen hat. Schlicht zu sagen "Krieg, nein danke" ist keine realistische und verantwortungsvolle Politik.
SPIEGEL: Sie hegen nicht wie Außenminister Joschka Fischer die Befürchtung, dass der Krieg den ganzen Nahen Osten in Flammen aufgehen lassen könnte?
Pollack: Die Wahrscheinlichkeit ist sicher geringer, als die Untergangspropheten beschwören. Wie viel Unruhe im Nahen Osten aufkommt, hängt entscheidend davon ab, wie wir den Krieg führen und danach den Irak wieder aufbauen. Das ist einer der Gründe, weshalb ich mir gewünscht hätte, dass die US-Regierung mehr für die Wiederbelebung der Verhandlungen zwischen Israel und Palästina unternommen hätte.
SPIEGEL: Und was, wenn die Untergangspropheten am Ende Recht behalten?
Pollack: Falls die Vereinigten Staaten in den Irak einfallen, einen Trümmerhaufen zurücklassen und sich aus dem Staub machen, wobei der Irak im Chaos versinkt, oder wenn wir den Irak einer unpopulären Figur überlassen, zum Beispiel einem Exil-Iraker, der im Lande keine Unterstützung hat - dann werden wir alle Chancen verspielen, die sich jetzt auftun.
SPIEGEL: Mr. Pollack, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Das Gespräch führten die Redakteure Stefan Aust und Gerhard Spörl. * Am 3. Januar bei einer Rede vor US-Soldaten in Fort Hood (Texas).
Von Stefan Aust und Gerhard Spörl

DER SPIEGEL 5/2003
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