27.01.2003

Die Akte Saddam (I)Das System des Schreckens

Der „unverzichtbare Führer“ des Irak sieht sich in der Tradition historischer Heldenfiguren - von Nebukadnezar bis zu Saladin: Saddam Hussein, der selbst ernannte Vorkämpfer der arabischen Nationen, träumt vom Aufstieg zur atomaren Supermacht. US-Autor Kenneth Pollack beschreibt in einer SPIEGEL-Serie das Netzwerk eines Terrorregimes.
Der Irak heute ist nur noch ein Schatten seiner selbst. Die Konfrontation mit den Vereinigten Staaten und den Vereinten Nationen hat sich für das irakische Volk als Katastrophe erwiesen. Zwar lebten die Iraker auch schon vor dem Krieg in einer stalinistischen Hölle, aber gemessen an anderen Staaten der Region ging es ihnen relativ gut: Ernährungslage, Ausbildung und Gesundheitswesen waren verlässlich, das Öl bescherte ihnen einigen Wohlstand. Heute müssen sie neben Saddams Terror täglich Demütigungen ertragen, dazu erdrückende wirtschaftliche Not und eine kollabierende Gesundheitsversorgung. Schlimmer noch: Die Sanktionen haben Saddams eisernen Griff verstärkt und liefern das irakische Volk hilflos seinen Schergen aus.
Saddams Position ist heute paradoxerweise gleichzeitig schwächer und stärker als vor der Invasion Kuweits. Sie ist schwächer, weil er den größten Teil seiner militärischen Potenz verloren hat, die den Irak zu einer regionalen Macht hatte aufsteigen lassen. Sie ist erschüttert, seitdem wiederholte Putschversuche und Aufstände das Ausmaß seiner Unbeliebtheit zeigten und Oppositionskräften Mut machten. Weder hat er die Kontrolle über die kurdischen Landstriche im Norden zurückgewonnen, noch herrscht er über einen souveränen Staat. Britische und amerikanische Kampfflieger kontrollieren fast 60 Prozent des irakischen Luftraums. Darüber hinaus hat Saddams Machtbasis - die Stämme und Städte, die ihn während seiner Präsidentschaft unterstützt haben und deren Mitglieder das Gros seiner Sicherheitsdienste und der wichtigsten militärischen Einheiten ausmachen - erkennen müssen, wie tief Kraft und Ansehen des Irak gesunken sind - eine Demütigung, die selbst seine Anhänger verärgert hat.
Zugleich ist Saddam aber auch stärker als zuvor. So viele Gegner haben bereits versucht, ihn zu stürzen und sind daran gescheitert - und wurden dafür mit Hinrichtung oder Verbannung bestraft -, dass es heute buchstäblich keinen politischen Führer von Rang und Namen innerhalb des Irak gibt, um den sich die Bevölkerung scharen könnte. Saddams Macht hat sich paradoxerweise auch gefestigt, weil die Mechanismen der Uno-Sanktionen und das Programm "Öl für Lebensmittel" ihm die Kontrolle über Einzelheiten des täglichen Lebens im Irak zuschob, die er früher nie besaß. Und sie ist größer, weil Saddam alle Versuche Amerikas, ihn zu stürzen, überlebt hat und seine frühere Position zurückgewinnen könnte, wenn die Sanktionen erst einmal aufgehoben sind.
Ein wichtiges Element für den Erfolg, sich seit 1979 an der Macht zu halten, war seine Fähigkeit, ein Netzwerk von Gruppen zu bilden, die sein Regime unterstützen. Ein altes arabisches Sprichwort sagt: "Ich und mein Bruder gegen unseren Cousin, ich und mein Cousin gegen einen Fremden." In anderen Worten: Innerhalb der traditionellen arabischen Gesellschaft gibt es konzentrische Ringe von Loyalität, auf die sich Saddam stets stützen konnte. So verließ er sich auf enge Verwandte, die ihn gegen alle Rivalen aus seiner näheren Umgebung verteidigten. Und er konnte sich auf entferntere Verwandte, Klan-Mitglieder, Stammesmitglieder sowie die Bewohner seiner Geburtsstadt Tikrit verlassen, die ihn gegen andere Herausforderer verteidigten.
Deshalb besetzt Saddam den innersten Zirkel seines Regimes ausschließlich mit Personen, die er stets am vertrauenswürdigsten befunden hat: Familienmitglieder. Nach seiner Machtergreifung blieb sein Cousin und engster Freund, Adnan Cheirallah, Verteidigungsminister, sein Halbbruder Barsan Ibrahim leitete den Geheimdienst, sein Onkel Cheirallah Tulfah wurde Bürgermeister von Bagdad. Auch seine Halbbrüder Watban und Sabawi wurden später zum Innenminister beziehungsweise zum Sicherheitschef ernannt.
Seine beiden Söhne Udai und Kussei nehmen inzwischen wichtige Positionen ein. Der jähzornige Udai leitet nach verschiedenen anderen Posten heute mehrere Zeitungen, ist Chef des Irakischen Olympischen Komitees (und damit de facto Jugendminister) und befehligt die Fedajin, Saddams paramilitärische Einheiten. Kussei ist der neue Star der Familie. Ruhig, verlässlich und brutal, leitet er jene Sondersicherheitsgruppe, die heute der wichtigste Geheimdienst des Irak ist. Saddam überließ ihm größere Verantwortung als je zuvor einem anderen Sicherheitschef.
Doch so groß die Familie auch ist, ihre Mitgliederzahl reicht nicht aus, um all jene Spitzenpositionen zu besetzen, die notwendig sind, um ein Volk von 23 Millionen Einwohnern zu kontrollieren. Deshalb rekrutiert Saddam viele Mitglieder aus seinem Beidschat-Clan, aus dem Bu-Nasir-Stamm und aus seiner Heimatstadt Tikrit, weil diese Stammesbeziehungen ein hohes Maß an Loyalität garantieren. Darüber hinaus unterstützt er generell die sunnitischen Araber in ihrem Kampf um die Vorherrschaft gegen die zahlenmäßig überlegenen Schiiten, gegen die Kurden und andere Nationalitäten. Mitglieder der großen sunnitischen Stämme besetzen die wichtigsten Posten bei der Republikanischen Garde und den Sicherheitsdiensten.
Eine weitere Quelle der Unterstützung für Saddam ist die Baath-Partei, die derzeit über 1,5 Millionen Mitglieder verfügt. Zwar hat ihr Einfluss im Laufe der Jahre nachgelassen - auch weil sie sich im iranisch-irakischen Krieg und während der Kurden- und Schiitenaufstände als wankelmütig und feige erwiesen hat. Dennoch können die Parteimitglieder jederzeit für große Straßendemonstrationen mobilisiert werden und dem Regime als Propagandaarmee dienen. Kommt es zur Krise, könnten sie bewaffnet auf die Straße geschickt werden.
Saddam arbeitet hart dafür, die Loyalität seiner Anhänger zu festigen. Seine Familie, Freunde und andere Führungsfunktionäre genießen üppige Privilegien. Die Offiziere der Sicherheitsdienste und Republikanischen Garde erhalten mehr Sold, größere Autos und andere Vorteile. Andererseits droht Saddam aber auch ständig mit den Strafen, die auf Verräter warten. Seit seinem Amtsantritt 1979 beteiligt der Diktator seine Mitarbeiter systematisch an seinen Verbrechen.
Von Anfang an hat Saddam die Bedeutung des Überwachungsapparates beim Ausbau seiner Macht erkannt. Immer wieder im Verlauf seiner Karriere hat er die Sicherheitsmaschinerie Nazi-Deutschlands und des stalinistischen Russland studiert. Ständig war er bestrebt, die Mitglieder seines eigenen Sicherheitsapparats noch enger an sich zu binden. Soldaten, Polizisten und Agenten sind pausenloser Propaganda ausgesetzt, um sicherzustellen, dass sie die Welt genauso betrachten wie er.
Es gibt annähernd zwei Dutzend irakische Geheim- und Sicherheitsdienste. Mit insgesamt etwa 500 000 Mitgliedern in den Geheimdienst-, Staatsschutz- und Polizeiorganisationen. Rechnet man die Streitkräfte und paramilitärischen Einheiten hinzu, erreicht die Zahl etwa 1,3 Millionen - bei einer Bevölkerung von 23 Millionen. Die Iraker glauben, dass die Sicherheitsdienste außerdem noch über 2 bis 4 Millionen Informanten verfügen. All diese Organisationen belauern sich gegenseitig; jedes Mitglied einer Sicherheitsgruppe muss damit rechnen, seinerseits von vielen anderen überwacht zu werden.
Die wichtigsten Einheiten sind:
* Sondergruppe Sicherheit, al-Amn al-Chass. Die Organisation wurde 1982 gegründet und wird gegenwärtig von Kussei geleitet. Sie trägt zum Teil die Verantwortung für den Schutz von Saddam selbst. Andere Mitglieder werden als Leibwachen für die bedeutendsten Funktionäre des Regimes und für alle Militärkommandeure abgestellt.
* Die Begleiter, Murafikin. Hierbei handelt es sich um die 40 persönlichen Leibwächter von Saddam selbst. Alle entstammen dem Beidschat-Clan des Bu-Nasir-Stamms. Die Murafikin-Chefs gehören zu den gefürchtetsten Männern im Irak. Die Truppe wird geleitet von Abd al-hamid Humud, Saddams persönlichem Sekretär und drittmächtigstem Mann im Irak nach dem Staatschef und Kussei.
* Die Präsidentengarde, al-Himaja. Ihre Stärke beträgt etwa 2000 Mann, die fast alle dem Bu-Nasir-Stamm angehören. Es gibt drei Einheiten. Die mobile Gruppe ist verantwortlich für den Schutz von Saddams Reisen. Sie sichert die Fahrstrecken und die Zielorte.
* Die Sondereinheiten der Republikanischen Garde, al-Haras al-Dschumhuri al-Chass. Diese Sondereinheiten bestehen aus vier Brigaden mit etwa 30 000 Soldaten, die vor allem aus Tikrit und den umliegenden Dörfern rekrutiert wurden. Sie sind schwer bewaffnet, verfügen über eigene Artillerie und Panzerfahrzeuge und dienen vornehmlich dazu, Aufstände oder einen militärischen Staatsstreich niederzuschlagen.
* Der Geheimdienst, al-Muchabarat al-Amma. Die Behörde ist der älteste und wichtigste Geheimdienst. Ihr obliegen Spionage und Gegenspionage, aber auch verdeckte Operationen.
* Allgemeiner Sicherheitsdienst, al-Amn al-Amm. Dies ist der größte Geheimdienst mit Zehntausenden von Agenten. Es ist der Apparat, mit dem es ein Durchschnitts-Iraker am ehesten zu tun bekommt. In jeder Stadt und jedem ländlichen Bezirk ist ein Amn-Büro untergebracht, wo Mitarbeiter alles registrieren, was in ihrem Distrikt geschieht. Amn-Agenten sind aber auch verantwortlich für den Terror gegenüber der eigenen Bevölkerung.
* Militärischer Geheimdienst, al-Istichbarat al-Askarija. Das Amt ist verantwortlich für das Sammeln von Informationen über ausländisches Militär. Seine wichtigste Aufgabe besteht jedoch darin, über die Loyalität der eigenen Streitkräfte zu wachen.
* Paramilitärische Einheiten, Fedajin Saddam haben etwa 100 000 Mitglieder. Obwohl ihre Schlagkraft nicht an die der Republikanischen Garde heranreicht, sind sie doch ein weiteres wichtiges Element in Saddams Gleichgewicht des Schreckens.
Agenten, Polizisten und Soldaten hat Saddam gleichermaßen dazu benutzt, im ganzen Land ein Klima des Terrors zu erzeugen - das hervorstechendste Merkmal des irakischen Totalitarismus. Im April 2002 verabschiedete die Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen eine Resolution, in der es heißt: "Die systematischen, weit verbreiteten und äußerst schwerwiegenden Menschenrechtsverletzungen durch die Regierung des Irak haben ein allumfassendes Klima von Repression und Unterdrückung geschaffen. Es wird aufrechterhalten durch ein System von Diskriminierungen und Terror."
Dies ist ein Regime, das Kindern die Augen aussticht, um von Eltern oder Großeltern Geständnisse zu erpressen. Dies ist ein Regime, das alle Fußknochen eines zweijährigen Mädchens einzeln zerbricht, um seine Mutter zu zwingen, den Aufenthaltsort ihres Mannes preiszugeben. Dies ist ein Regime, das einen Säugling auf Armeslänge von seiner Mutter entfernt hält und das Kind verhungern lässt, um seine Mutter zu einer Aussage zu bewegen. Dies ist ein Regime, das seine Opfer langsam in riesige Kessel von Säure herablässt, entweder, um ihren Willen zu brechen, oder einfach nur als Hinrichtungsart. Dies ist ein Regime, das seinen Opfern Elektroschocks verabreicht, vor allem an den Genitalien, und bei dieser Tortur große Kreativität zeigt.
Dies ist ein Regime, das im Jahre 2000 als Strafe für jede Kritik - und da reicht es schon, darauf hinzuweisen, dass Saddams Kleidung nicht zusammenpasst - festsetzte, dass dem Delinquenten die Zunge abgeschnitten wird. Dies ist ein Regime, das eine Frau, eine Tochter oder andere weibliche Verwandte wiederholt vor den Augen eines Mannes vergewaltigt. Dies ist ein Regime, das seine Opfer mit rot glühenden Eisenstäben pfählt. Dies ist ein Regime, das eine junge Mutter auf der Straße vor ihrem Haus und in Anwesenheit ihrer Kinder enthauptet, weil ihr Mann in Verdacht steht, ein Gegner ebendieses Regimes zu sein.
Dies ist ein Regime, das biologische und chemische Kampfstoffe an seinen irani-
schen Kriegsgefangenen erprobte, um herauszufinden, auf welche Weise diese Gifte ihre größte Wirkung erzielen.
Obwohl Saddam das irakische Volk täglicher Knechtschaft unterwirft, wird sich seine Bedrohlichkeit für die USA und die Welt eher mittelfristig entfalten. Es könnte noch einige Jahre dauern, bis er zu einer übermächtigen, unumgänglichen Gefahr wird. Die konventionellen Streitkräfte des Irak sind seit ihrer Niederlage im vorigen Golfkrieg geschwächt, ihre Schlagkraft ist durch die bestehenden Sanktionen eingeschränkt. Obwohl Bagdad inzwischen dank des Programms "Öl für Lebensmittel" wieder in der Lage war, Teile seiner konventionellen Streitkräfte zu stärken, wären mindestens noch weitere fünf Jahre und die Aufhebung der Sanktionen nötig, um die gleichen Kapazitäten aufzubauen, über die der Irak vor dem Krieg verfügte.
Doch Saddam war stets ein Mann von großen Ambitionen. Jerrold Post, ein Psychologe, der früher für US-Geheimdienste gearbeitet und sich ausführlich mit Saddam beschäftigt hat, schrieb: "Sein Streben nach Macht für sich selbst und für den Irak kennt keine Grenzen. In seiner Vorstellung gibt es keinen Unterschied zwischen dem Schicksal Saddams und dem des Irak." Der Tyrann vom Tigris nennt sich selbst "al-Kaid al-daruri", der unverzichtbare Führer. Der Titel bringt zum Ausdruck, dass er in einem eschatologischen Sinn dazu bestimmt sei, über den Irak zu herrschen.
In der Tat empfindet er sich als eine geschichtliche Figur, als jemand, der dazu ausersehen ist, große Dinge zu vollbringen. In dem von ihm entfesselten Personenkult wird er mit den großen Figuren der irakischen Vergangenheit verglichen. Er ist der neue Nebukadnezar, jener babylonische König, der das biblische Israel eroberte, Jerusalem einnahm und die Juden in die Gefangenschaft führte. Er ist al-Mansur, jener Kalif, der Bagdad erbaute und neue Länder für den Islam eroberte. Er ist der neue Saladin, jener islamische General, der die Kreuzzügler besiegte und Jerusalem zurückeroberte.
Saddam glaubt sich selbst zum neuen Führer der arabischen Nationen ausersehen, und er will diese Position mit einer Kombination von Eroberungen und Akklamation gewinnen.
Wiederholt hat der Staatschef klargestellt, er wolle eine arabische Union schaffen, die, von einem mächtigen Irak geleitet, zur neuen Supermacht aufsteigt. 1980, sechs Monate nach seinem Amtsantritt als Präsident, sagte er: "Wir wollen, dass der Irak dasselbe Gewicht hat wie China, wie die Sowjetunion oder wie die Vereinigten Staaten."
Darüber hinaus verfolgt er beharrlich die Idee, eines Tages Jerusalem zu befreien, obwohl das nicht seine wichtigste Priorität zu sein scheint. Er erblickt darin wohl eher einen krönenden Abschluss seiner Arbeit. Dennoch erwähnt er dieses Ziel zu häufig, als dass man es als bloße Propaganda abtun könnte. Bezeichnenderweise hatte er - wie die Uno-Waffeninspektoren kurz nach dem jüngsten Golfkrieg erfahren sollten - den irakischen Scud-Einheiten Anweisungen gegeben, ihre mit biologischen und chemischen Waffen bestückten Raketen auf Tel Aviv abzufeuern, falls die Allianz nach Bagdad vorgerückt wäre. Er empfindet sich eben als historische Figur, die eines Tages die arabische Welt von der israelischen Präsenz befreit.
Der Golfkrieg und die Konfrontation mit den Vereinigten Staaten haben Saddam schließlich ein neues Motiv und ein neues Ziel gegeben: Rache. In einer Stammesgesellschaft, der Saddam entstammt, ist Rache ein treibendes Motiv. Auf Rache zu verzichten ist ein Zeichen von Schwäche.
Während seiner gesamten Amtszeit hat Saddam den Terrorismus unterstützt. Dennoch stellt diese Gewalt noch die geringste Gefahr dar, die vom Irak ausgeht. Auf einer Rangliste von Unterstützern des Terrorismus würde der Irak nur einen niedrigen Platz einnehmen, weit hinter Iran, Syrien, Pakistan und anderen Staaten.
Saddams Haltung entspringt mehreren Motiven. Zunächst einmal will er weiterhin ein Akteur im arabischisraelischen Konflikt bleiben, außerdem hat er sich stets entschlossen gezeigt, alle notwendigen Mittel einzusetzen, um die eigenen Interessen zu befördern. Während der siebziger und in den frühen achtziger Jahren hat der Irak deshalb den internationalen Terrorismus unterstützt, vor allem radikale Palästinenser-Gruppen. Von Anfang an hat das Baath-Regime der PLO in ihrem Kampf gegen Israel geholfen. Nach 1974 jedoch zerstritt sich Saddam mit Jassir Arafat, weil der PLO-Chef einen gemäßigteren Kurs einschlug. Als Revanche half der Irak fortan der Abu-Nidal-Gruppe und anderen palästinensischen Arafat-Gegnern.
Saddams wachsende Furcht vor einer Niederlage im iranisch-irakischen Krieg führte jedoch zu einer Wende in seiner Haltung zum Terrorismus. Je mehr der Irak auf die Hilfe europäischer und gemäßigter arabischer Staaten sowie der USA angewiesen war, desto mehr distanzierte er sich von seinen früheren Bundesgenossen. Der Bericht des amerikanischen Außenministeriums aus dem Jahr 1986 lobte den Irak ausdrücklich für diese Wende.
Das irakische Interesse am Terrorismus erwachte wieder während des Kriegs gegen die USA. Bekannte Extremisten wurden nach Bagdad eingeladen und mit Waffen und anderen Mitteln eingedeckt. Als der ehemalige Präsident Bush 1993 den Emir von Kuweit besuchte, schickte Saddam ein Muchabarat-Team, das beide töten sollte. Die Agenten jedoch stellten sich so unprofessionell an, dass ihr Vorhaben schnell aufgedeckt wurde.
Auch heute gewährt der Irak Terrorgruppen Unterstützung, wenngleich nicht im selben Ausmaß wie in den siebziger Jahren. Zudem hilft er radikalen Palästinenser-Gruppen, obwohl er sie gleichzeitig seit mehr als 15 Jahren daran hindert, aktiv zu werden. Er pflegt beste Beziehungen zur kurdischen Arbeiterpartei PKK sowie zu den iranischen Mudschahidin-e chalgh. Seit dem Ausbruch der Aksa-Intifada in den Palästinenser-Gebieten im Herbst 2000 hat Saddam auch die Hamas gefördert.
Dennoch haben US-Geheimdienste bislang keine glaubwürdigen Beweise dafür gefunden, dass der Irak seit jenem verpatzten Mordanschlag gegen Bush Sr. in irgendeiner Form am Terrorismus gegen die USA beteiligt ist. Es gibt jedoch den Verdacht, dass der Irak an einer Reihe terroristischer Planspiele arbeitet. Zwar hat es auch Beziehungen zu al-Qaida gegeben, aber diese Verbindungen sind nach unserem Wissen spärlich und unbedeutend. Sowohl irakische Geheimdienstler als auch verschiedene Untergruppen von al-Qaida operieren in der Unterwelt des Nahost-Terrorismus und sind dort einander zweifellos begegnet. Wahrscheinlich haben sie sich auch schon gegenseitig geholfen, etwa durch den Austausch von gefälschten Pässen oder von Know-how. Möglicherweise haben beide Seiten auch dieselben terroristischen Gruppen unterstützt wie etwa Ansar-e Islam, die sich im irakischen Teil Kurdistans organisiert haben soll.
Eine Einschätzung der konventionellen militärischen Kapazitäten des Irak ergibt ein Bild voller Widersprüche. 1990 verfügte das irakische Militär über ein Potenzial, das es, verglichen mit dem regionalen Rüstungsniveau, zu einer bedeutenden Macht werden ließ. An den Armeen der Ersten Welt gemessen, mussten Bagdads Streitkräfte dagegen als unbedeutend gelten. Als Ergebnis der katastrophalen Niederlage gegen die Amerikaner im Golfkrieg und als Folge der Uno-Sanktionen hat das irakische Militär obendrein viele seiner einstigen Vorzüge verloren. Gegen die Truppe von George W. Bush könnten die irakischen Streitkräfte heute nichts mehr ausrichten; sie stellen aber noch immer eine Bedrohung für kleinere Nachbarn des Irak dar und könnten erst recht mit Leichtigkeit all jene Truppen überwältigen, die eine interne Opposition aufstellen würde.
Die reguläre Armee besteht aus 17 Divisionen mit zusammen 300 000 Mann, darunter drei Panzer- und drei Panzergrenadier-Divisionen. Der Großteil seiner Armee, insgesamt elf Divisionen, ist gegen die Kurden im Norden aufgestellt, drei weitere dienen der Sabotageabwehr schiitischer Guerrillagruppen im Südirak. Die restlichen drei Divisionen bewachen die Südgrenze des Irak gegenüber Iran. Die reguläre Armee wurde am heftigsten durch die Operation "Wüstensturm", die anschließenden Aufstände und die Uno-Sanktionen in Mitleidenschaft gezogen. Die Moral der Truppe ist niedrig, besonders bei den Infanterie-Divisionen, die sich größtenteils aus schiitischen Wehrpflichtigen zusammensetzen.
Die Republikanische Garde bildet dagegen weiterhin die Elitetruppe des Irak - was jedoch ein relativer Begriff ist. Gegenwärtig besteht die Garde aus 80 000 Soldaten, die in sechs Divisionen aufgeteilt sind. Die drei Panzerbrigaden, die schlagkräftigsten Einheiten des Irak, sind in einem Ring um Bagdad aufgestellt. Sie bilden einen Gürtel, der kaum zu durchbrechen wäre, sollten Einheiten der regulären Armee versuchen, das Regime zu stürzen.
In der Luftwaffe dienen 30 000 Soldaten, die über etwa 300 Flugzeuge verfügen. Allerdings sind höchstens 150 einsatzbereit, darunter ein paar Dutzend MiG-29 und Mirage F-1. Alle anderen Typen sind veraltet und nur dazu in der Lage, Bomben über großen Zielen abzuwerfen.
Die Luftabwehr war schon immer der am meisten vernachlässigte Teil der Streitkräfte, obwohl sie es ist, die seit der Niederlage 1991 die Angriffe amerikanischer und britischer Kampfflieger ertragen muss. Etwa 15 000 Soldaten verfügen über 500 Abschussvorrichtungen für Boden-Luft-Raketen, die meisten davon veraltet und keine Gefahr für die US-Streitkräfte.
Wegen der begrenzten Kapazitäten der konventionellen Streitkräfte sind Saddams Massenvernichtungswaffen umso bedeutsamer. Obwohl die ersten Uno-Inspektoren weit mehr irakische Massenvernichtungswaffen zerstörten, als Bagdad in seinen schlimmsten Träumen befürchtete, war der Irak in der Lage, sein Wissen und die Ausrüstung für die Herstellung dieser Waffen zu bewahren. Ein hochrangiger irakischer Überlaufer formulierte das so: "Es ist unmöglich, chemische und biologische Waffen komplett zu vernichten. Niemand kann das Know-how in den Köpfen unserer Wissenschaftler zerstören. Installationen für die Produktionen biologischer und chemischer Waffen wurden bereits abgebaut, bevor die Uno-Kontrolleure ankamen. Sie wurden verborgen und wieder zusammengesetzt. Die Dokumente konnten wir so verstecken, dass Fremde nicht in der Lage waren, sie aufzuspüren."
Ballistische Raketen
Nach 1973 hat der Irak von der Sowjetunion insgesamt 819 Scud-B-Raketen sowie 11 Abschussvorrichtungen gekauft. Die Unscom-Inspektoren ermittelten 1996, dass der Irak etwa 80 Scud-ähnliche Raketen selbst hergestellt hatte, obwohl die meisten von ihnen offenbar nicht einsatzfähig waren. Der Irak baute außerdem 8 mobile und 28 ortsfeste Abschussvorrichtungen. Es waren Raketen vom Typ Scud-B, die der Irak modifizierte, um ihre Reichweite auf 650 Kilometer auszuweiten. Stolz wurde das neue Geschoss "al-Hussein" genannt. Insgesamt feuerte Bagdad 330 Scud-B und 203 al-Hussein-Raketen im ersten Golfkrieg gegen iranische Städte ab und während des zweiten Golfkriegs weitere 88 al-Hussein-Geschosse gegen Ziele in Israel, Saudi-Arabien und Bahrein. Zusätzliche Scud-Raketen benötigten die Konstrukteure für Tests, andere wurden für den Bau der al-Husseins ausgeschlachtet. Teile dreier Scud-B-Raketen ergaben zwei al-Hussein-Flugkörper. Nach ihrer Niederlage haben irakische Militärs zugegeben, etwa 50 Gefechtsköpfe mit chemischen Kampfstoffen (Nervengas Sarin) und 25 mit biologischen Kampfstoffen (Botulin, Milzbrand und Aflatoxin) gefüllt zu haben.
US-Geheimdienste glauben, dass der Irak einige al-Hussein-Raketen beiseite schaffen konnte; ihre Zahl liegt vermutlich zwischen 12 und 40. Mitte der neunziger Jahre entdeckten die Unscom-Fahnder eine Fabrik, in der immer noch Raketenmotoren hergestellt wurden. Als sie 1998 das Land verlassen mussten, schätzten sie, der Irak verfüge über mindestens ein Dutzend einsatzfähige al-Husseins. Überläufer berichteten, dass die wahre Anzahl eher zwischen 30 und 45 läge.
Als Fehler erwies sich, dass die Sicherheitsratsresolution 687 von 1991 dem Irak weiterhin den Besitz von ballistischen Raketen mit einer Reichweite von bis zu 150 Kilometern gestattete. Auch die Erforschung und Entwicklung solcher Raketen ist weiterhin erlaubt. Seinerzeit verfügte Bagdad über russische Kurzstreckenraketen vom Typ Frog mit einer Reichweite von etwa 90 Kilometern. Die Uno glaubte, es sei wichtig, den Irak so stark zu lassen, dass er den feindlichen Nachbarn Iran in Schach halten könne. Deshalb solle Bagdad erlaubt werden, weiterhin ein aktives Raketenentwicklungsprogramm zu betreiben. Kernstück dieses Projekts ist die al-Samud, eine Boden-Boden-Rakete auf der Grundlage eines Luftabwehrgeschosses vom Typ SA-2, deren Technik aber alles enthält, was der Irak aus seinem Scud-Programm gelernt hat. Bagdad behauptet, die Samud habe eine Reichweite von 150 Kilometern, US-Geheimdienste trauen ihr dagegen 200 Kilometer zu.
Überdies entwickelt der Irak eine Rakete mit Namen Ababil-100, die Festtreibstoff nutzt. Sie dient als Testmodell für künftige komplexere Projekte und hat wahrscheinlich eine Reichweite, die ebenfalls größer ist als die angegebenen 100 Kilometer. Amerikanische Dienste glauben, dass der Irak wahrscheinlich in der Lage sein würde, innerhalb der nächsten 15 Jahre Interkontinental-Raketen zu entwickeln, die auch die USA treffen könnten - wenn man ihn nicht rechtzeitig daran hindert.
Chemische Kampfstoffe
1974 begann der Irak die Produktion von Senfgas. In den achtziger Jahren folgten vergleichsweise simple Nervengase wie Sarin und Tabun. Zu einem bestimmten Zeitpunkt während des iranisch-irakischen Kriegs waren Bagdads Wissenschaftler in der Lage, das tödliche, hochwirksame Nervengas VX zu entwickeln. Saddams Militärs setzten ihre chemischen Kampfstoffe erstmals 1983 gegen iranische Truppen ein und haben damals nach eigenen Angaben mehr als 100 000 Geschosse mit chemischer Munition abgefeuert.
Zwar zerstörten die Uno-Inspektoren riesige Mengen chemischer Munition und Kampfstoffe. Bis zum Ende der Inspektionen aber kämpften sie vergebens um eine vollständige Auflistung aller Munition mit chemischen Kampfstoffen. Es gelang den Inspektoren auch nicht, die Vorräte an VX-Gas oder bereits abgefüllte Granaten zu zerstören.
Unscom-Mitarbeiter glauben deshalb, dass der Irak über 6000 Stück Munition mit chemischen Kampfstoffen inklusive der Raketensprengköpfe zurückbehalten hat, dazu große Mengen der zur Herstellung notwendigen Chemikalien und Apparaturen. Sie glauben, dass Bagdad daher die Fähigkeit hat, zusätzliche Kampfstoffe und Munition herzustellen.
Seit dem Golfkrieg hat das Regime vor allem in Falludscha mehrere große Fabriken gebaut, die Chemikalien für militärische Anwendung produzieren sollen, aber ebenso zivil nutzbar sind. Weil sich die meisten chemischen Kampfstoffe im Laufe der Zeit zersetzen, andererseits aber vergleichsweise schnell hergestellt werden können, ergibt sich für Saddam keine Notwendigkeit, riesige Vorräte anzulegen.
Biologische Kriegführung
Der Irak begann sein biologisches Waffenprogramm 1972. Es war dieses Programm, welches Saddam gegenüber den Uno-Inspektoren am liebsten vollständig verheimlicht hätte. Der Irak hat zugegeben, Milzbrand, Botulin und Aflatoxin für den Waffengebrauch hergestellt zu haben. Die Unscom-Inspektoren haben überdies entdeckt, dass der Irak auch mit den Erregern des Wundbrands geforscht hat. In den Labors befanden sich ferner Testreihen mit dem Gift Ricin und verschiedene Viren, daneben auch Pestbakterien. Die Waffentechniker hatten bereits erste Schritte unternommen, um solche Kampfstoffe genetisch zu verändern und damit ihre Resistenz gegenüber Antibiotika zu erhöhen.
Obwohl es keinen Beleg dafür gibt, dass der Irak biologische Waffen vor dem Golfkrieg von 1990/91 eingesetzt hat, glauben einige Experten, Saddam habe während der späten achtziger Jahre versuchsweise biologische Kampfstoffe gegen die Kurden benutzt. Anfang 1991 verfügte die Armee insgesamt über zehn Milliarden Einheiten biologischer Kampfstoffe. Im Dezember 1990, unmittelbar vor der Operation "Wüstensturm", befahl Saddam, so schnell wie möglich Artilleriegranaten und 25 al-Hussein-Sprengköpfe mit biologischen Kampfstoffen auszurüsten. Sie sollten eingesetzt werden, falls die Allianz auf Bagdad vorrückte.
Der Irak verfügt noch immer über Restbestände seines Programms für biologische Waffen und dazu noch einen Vorrat an Munition, der mit einiger Sicherheit auch Raketensprengköpfe umfasst. Er hat überdies eine gewisse Anzahl Trainingsflugzeuge zu unbemannten Drohnen umgebaut, die sowohl biologische wie chemische Kampfstoffe versprühen können.
Nachdem er mehrfach die Existenz eines Programms zur Entwicklung von biologischen Kampfstoffen geleugnet hatte, behauptete der Irak später gegenüber den Uno-Inspektoren, er habe alle Kampfstoffe und Munitionsvorräte zerstören lassen, lieferte aber keinen Beweis dafür. Uno-Inspektoren glauben heute, dass der Irak drei- oder viermal so viel biologische Kampfstoffe besessen hat wie angegeben.
Das schwierigste Problem für eine realistische Einschätzung irakischer Bio-Waffen-Kapazitäten ist die Tatsache, dass es keiner großen Einrichtungen bedarf, um die Waffen herzustellen. Überläufer haben sogar behauptet, dass Saddam das ganze Programm auf die Straße verlegt habe. Bagdad verfüge nun über mobile Labore zur biologischen Kampfstoffentwicklung, die im Lande herumfahren können und keine Spuren hinterlassen, die westliche Geheimdienste entdecken können.
Charles Duelfer, langjähriger Vizechef der Unscom, sagte 2002 vor einem Kongress-Ausschuss aus: "Die Art der Forschung, die der Irak unternommen hat, weist darauf hin, dass sich sein Interesse im Bereich biologischer Kampfstoffe nicht nur auf taktische Waffen erstreckt, sondern auch auf deren Einsatz zu strategischen, ökonomischen oder terroristischen Zwecken, womöglich sogar als Waffen für einen Völkermord."
Atomwaffen
Das Nuklearwaffen-Programm begann 1971, als Saddam einer kleinen Gruppe von Physikern befahl, sich unter dem Deckmantel ziviler Atomnutzung an die Arbeit zu machen. 1976 unterzeichnete der Irak ein Abkommen mit Frankreich für einen Reaktor, von dem Paris wusste, dass er in Wahrheit zur Gewinnung von Bombenmaterial bestimmt war. Sehr schnell bekam auch Israel Wind von dem Projekt, und der Mossad machte sich daran, das Waffenprogramm aufzuhalten, zu verlangsamen und zu zerstören. Israelische Agenten ermordeten irakische Wissenschaftler; 1981, kurz vor Inbetriebnahme des Reaktors, wurde er von der israelischen Luftwaffe zerstört.
Dieser Angriff brachte die Wende im irakischen Programm für Massenvernichtungswaffen. Bagdad hatte erfahren müssen, dass seine Produktionsstätten höchst verwundbar waren. Zwar machten sich die Iraker sofort daran, den Reaktor wieder aufzubauen, doch von diesem Zeitpunkt an unternahm das Regime alle Anstrengungen, wesentliche Produktionsanlagen mindestens an zwei verschiedenen Orten zu verstecken, sie unter die Erde zu verlegen oder einzubunkern und sie zu verteidigen. Als der Golfkrieg ausbrach, verfügte der Irak über zahlreiche Herstellungsstädte, die alle schwer bewacht waren. Manche waren so gut getarnt, dass westliche Geheimdienste nichts von ihrer Existenz wussten. Bei Ausbruch dieses Golfkriegs verfügte der Irak über ausreichend Know-how, um eine Atomwaffe herzustellen. Seine größte Schwierigkeit bestand darin, genügend spaltbares Material zu beschaffen.
Der Irak verfolgte mehrere Methoden der Urananreicherung. Er setzte Zentrifugen ein, versuchte Laser-Isotopentrennung, Gas-Diffusion, Ionenaustausch und elektromagnetische Isotopentrennung. Im August 1990 befahl Saddam, in höchster Eile eine Atombombe zu bauen, mit der er einen Raketensprengkopf ausrüsten könnte. Die Rakete wollte er gegen Tel Aviv einsetzen, falls seine Herrschaft ernsthaft in Gefahr geriete. Es gelang seinen Ingenieuren, ein primitives Exemplar anzufertigen, das allerdings zu groß für eine Rakete war und mit einem Flugzeug, einem Lastwagen oder einem Schiff ins Ziel hätte gebracht werden müssen. Allerdings besaßen die Iraker nicht das notwendige spaltbare Material. Uno-Inspektoren glauben, dass Bagdads Nuklearwissenschaftler innerhalb eines weiteren Jahres in der Lage gewesen wären, eine funktionsfähige Atombombe herzustellen - wenn die Weltgemeinschaft ihnen die Zeit dazu gelassen hätte.
Inzwischen herrscht bei Experten Konsens darüber, dass der Irak die Arbeit an einem Nuklearwaffen-Programm wieder aufgenommen hat. Saddam ließ das Projekt offenbar in viele kleine Forschungsprogramme aufteilen, die er an unverdächtigen Orten verstecken konnte. Khidhir Hamza, für lange Zeit der Chef des irakischen Waffenentwicklungsprogramms, lief 1994 in den Westen über und berichtete, der Irak habe seine Bemühungen um Nuklearwaffen nach dem Golfkrieg sogar noch verstärkt. 1993/94 hätten 2000 Ingenieure und 12 000 andere Arbeiter in diesem Bereich Beschäftigung gefunden. CIA-Chef George Tenet erklärte vor dem Geheimdienstausschuss des Senats: "Wir glauben, dass Saddam sein Nuklearwaffen-Programm niemals aufgegeben hat."
Niemand weiß jedoch, wie viel Zeit der Irak für den Wiederaufbau seines Anreicherungssystems und für die Produktion waffenfähigen Urans braucht, um eine oder mehrere Atombomben herzustellen. In Anbetracht der Schwierigkeiten, die Saddams Ingenieure mit verschiedenen Anreicherungsmethoden vor dem Golfkrieg hatten, schätzen US-Geheimdienste, dass es von Beginn des Programms an fünf bis zehn Jahre dauern würde, um genügend Material für eine oder mehrere Atomwaffen zu erhalten. Setzt man den Beginn des Programms mit dem Jahr 1999 an, könnte der Irak frühestens 2004 eine erste Waffe bauen. Um noch einmal Duelfer zu zitieren: "Präzise Schätzungen des irakischen Nuklear-Programms sind unmöglich, aber sicher ist, dass Bagdad über den Vorsatz, das Know-how und die Ressourcen verfügt, eine Nuklearwaffe zu bauen, wenn man dem Regime dazu die Zeit lässt."
Für Saddam ist der Besitz von Massenvernichtungswaffen mit seiner Kontrolle über den Irak verbunden. Er ist davon überzeugt, dass dieses Arsenal mögliche Rivalen davon abhält, ihn herauszufordern. Im Kampf gegen die Kurdenaufstände haben sich diese Waffen in seinen Augen bewährt. Saddams Legitimität, so wie er sie sieht, leitet sich von dem Versprechen ab, den Irak groß und mächtig zu machen - ein Versprechen, von dem er immer noch glaubt, er habe es eingehalten. Eine Aufgabe seiner Massenvernichtungswaffen käme einer Gefährdung seiner Militärmacht und der Aufgabe seiner Legitimität gleich.
Schließlich ist das Programm von Massenvernichtungswaffen von kritischer Bedeutung für die Verwirklichung seines großen außenpolitischen Ziels, den Irak zu einem mächtigen Staat und zum Führer der arabischen Welt zu machen. Mitglied im Club der Atomwaffenbesitzer zu sein hat schon immer Großmachtstatus verliehen, und Saddam weiß das. In seinen Reden hat er die Überzeugung vertreten, er könne Massenvernichtungswaffen dazu benutzen, um Konzessionen anderer Staaten zu erzwingen, die über solche Fähigkeiten nicht verfügen.
Sollte es Saddam schließlich gelingen, Atomwaffen zu erwerben, träten alle anderen Bedrohungen daneben in den Hintergrund. Gemessen an seinem eigenen Auftreten und an den Aussagen von Überläufern wird klar, dass Saddam sein Nuklearwaffen-Programm als eine ganz besondere Kategorie ansieht.
Er ist sich sicher, dass die Welt ihn mit mehr Respekt behandeln wird, wenn er erst einmal eine solche Waffe besitzt. Dann, so ist er überzeugt, könne er auch Israel und die USA abschrecken, jedenfalls solange er keinen eigenen Nuklearangriff auf diese Länder unternimmt. Als Mitglied im Atomclub, so das Kalkül seines Regimes, brauche Bagdad nicht länger auf die Forderungen der Vereinten Nationen zu hören und könne alle Staaten der Region dazu überreden, die Uno-Sanktionen schlicht zu ignorieren. ÜBERSETZUNG: HANS HOYNG
* In Baakuba, 40 Kilometer nordöstlich von Bagdad, am 7. Januar.
Von Kenneth Pollack und Hans Hoyng (Übersetzung)

DER SPIEGEL 5/2003
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Die Akte Saddam (I):
Das System des Schreckens

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