27.01.2003

VENEZUELAEndspiel in Caracas

Massendemonstrationen und blutige Zusammenstöße lassen die Hoffnungen auf eine schnelle Lösung der Krise um Präsident Chávez schrumpfen.
In dieser Nacht erklärt Hugo Chávez seinen Gegnern den Krieg, und er lässt sich dafür feiern von Hunderttausenden. "Das letzte Jahr waren wir in der Defensive", ruft Chávez. "Nun gehen wir zum Angriff über." Sie johlen. Und als ein Sprengsatz explodiert, der ein Todesopfer fordert, sind die Hoffnungen auf eine Lösung der venezolanischen Krise zerstoben. Noch sind die Umstände ungeklärt - die Opposition hatte ihre Anhänger aufgerufen, zu Hause zu bleiben. Keine Gewalt. So gehörte Caracas den Chávez-Anhängern.
Aus dem ganzen Land waren sie herbeigekarrt worden, ein kommunistischer Jugendverband sogar aus Brasilien angereist. Sie werden nicht enttäuscht. Chávez singt und droht und stößt heilige, revolutionäre Schwüre aus. Er nimmt das Bad in der Menge wie einer, der es lange, allzu lange entbehrt hat. Die Welt ist so, wie er sie liebt. Sie zerfällt in Feinde und Freunde.
Dabei liegt das Land am Boden. Es ist von einem dilettierenden Präsidenten heruntergewirtschaftet und kaputtgestreikt von einer Opposition, die aus ihren Fehlern nicht gelernt hat. Tatsächlich hatten sie gedacht, sie würden Chávez in zwei Wochen Generalstreik erledigen. Nun sind es bald acht, und der Mann singt, seine Anhänger jubeln.
Tatsächlich hat Hugo Chávez ein paar scheußliche Wochen hinter sich. Der mächtige Gewerkschaftsverband CTV legte mit seinem Ausstand Geschäfte, Banken, Industriebetriebe, Schulen lahm. Die Arbeiter der staatlichen Ölgesellschaft PDVSA schlossen sich an und drückten den Lebensnerv des Petrolands ab. Jeder Tag kostet die Staatskasse mindestens 50 Millionen Dollar - seit Dezember ein Ausfall von 3 Milliarden. Die Devisen, schätzen Experten, reichen noch für drei Monate, dann ist die Zahlungsunfähigkeit erreicht.
Zwei Millionen Unterschriften waren gesammelt worden für ein Referendum, mit dem über Chávez und seine "bolivarianische Revolution" abgestimmt werden sollte. In den Umfragen liegt Chávez, der 2000 mit überwältigender Mehrheit ins Amt gewählt wurde, bei gerade mal 30 Prozent.
Täglich trommeln Hausfrauen ihren Protest gegen die zunehmende Verarmung unter einem Präsidenten, der die revolutionäre Phrase als Grundnahrungsmittel verordnet hat. Protest regte sich gegen seinen militärischen Nepotismus, gegen die Korruption, gegen die schleichende Aushöhlung einer unabhängigen Justiz.
Mit dem Streik war es eng geworden für Chávez, so eng, dass er einem Runden Tisch zustimmte, an dem Regierungsvertreter und Opposition unter der Moderation des Generalsekretärs der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS), César Gaviria, nach Auswegen suchen sollten.
An einem baldigen Ende des Streiks waren auch die Nachbarländer interessiert, doch Chávez' Suche nach ausländischen Freunden verlief nur mäßig erfolgreich. Sicher, mit dem Erdrutschsieg des Arbeiters Luiz Inácio ("Lula") da Silva bei der Wahl zum Staatspräsidenten Brasiliens hatte der Subkontinent so etwas wie eine tektonische Verschiebung nach links erlebt.
Doch in Lula fand Chávez keinen schwärmerischen revolutionären Waffenbruder, sondern einen Realpolitiker, der Kompromisse favorisiert - überhaupt nicht nach seinem Geschmack.
Schließlich war Mitte vorletzter Woche Nobelpreisträger Jimmy Carter eingeflogen und hatte mit seinen Vorschlägen für zusätzlichen Druck gesorgt, vor allem mit einem konkreten Zeitplan für Neuwahlen oder ein Referendum.
Die Opposition hatte bereits vorsichtig Zustimmung signalisiert, denn auch sie sah sich mittlerweile in eine Sackgasse manövriert. Sicher, Chávez ist den meisten quer durch die Schichten verhasst. Doch ein überzeugender, integrierender Gegenkandidat fehlt - die Opposition ist ein fragiles Zweckbündnis aus Arbeitgeberverband und Gewerkschaftern und Parteien.
Die Hauptstadt Caracas ist in diesen letzten Wochen ein Schlachtfeld, auf dem sich die Parteien täglich müde schlagen, und alle reklamieren in diesem durch und durch katholischen Echoraum himmlische Bündnispartner.
Auf der Plaza Bolívar, auf der die Weihnachtskrippe noch nicht abgeräumt ist, kleben primitive gekrakelte fromme Poster, auf denen Chávez seine Weisungen direkt von Jesus Christus erhält. Währenddessen ist das Hauptquartier der Ölgesellschaft geschmückt mit Marien-Bildnissen. Hilfe, das sagt diese Stadt an jeder Ecke, kann nur noch von oben kommen.
Eine große Marienstatue breitet ihren blauen Mantel auf dem Altamira-Platz aus. Dissidenten-Offiziere haben ihn zur Chávez-freien Zone erklärt. Konteradmiral Daniel Comisso schwenkt die Verfassung wie die Bibel. Er erklärt sich und seinen Zuhörern, dass Chávez gegen sein eigenes, maßgeschneidertes Grundgesetz verstößt. Seit einem Monat bezieht er keinen Sold mehr. Wer länger durchhalte, er oder Chávez? Keine Frage: "Wir alle kämpfen bis zum Ende."
Nach dem gescheiterten Putsch vom vergangenen April hat Chávez die Schlüsselposten im Kabinett mit Offizieren besetzt - die Militarisierung der Zivilgesellschaft ist unübersehbar. Wenn es nötig ist, lässt er verlässliche Schläger von der Leine.
Wie jenen General Luis Acosta, den er vorvergangene Woche losschickte, um das Getränkelager der Firma Panamco zu stürmen und die gehorteten Bestände des streikenden Betriebs "ans Volk" zu verteilen. Acosta bemühte sich erfolgreich, sich den Kameras des Oppositionssenders Globovisión als anti-bourgeoises Revolutionsschwein zu präsentieren. Er griff sich ein Malzbier von der Palette, setzte an, rülpste in die Kamera und verhöhnte für eine Weile die Journalisten.
Währenddessen zeigte seine uniformierte Prügeltruppe vollen Einsatz gegen ein paar protestierende Frauen. Sie schlugen sie zu Boden, zündeten Tränengasbomben. Einige Tage darauf gingen Tausende kämpferischer Venezolanerinnen auf die Straße mit Plakaten, auf denen der General unten ohne gezeichnet war. Darunter der Spruch: "General Acosta, das ist dein Problem."
Als Oppositionelle vorige Woche in einem von Chávez-Anhängern kontrollierten Bezirk demonstrierten, wurden 24 Menschen verletzt und ein Straßenhändler erschossen.
Chávez ist es gelungen, die gesellschaftliche Bühne mit seinen ideologischen Leuchtfeuern zu illuminieren. Dort gibt es nur noch linke Helden oder rechte Teufel, reaktionäre Gnome oder strahlende sozialistische Drachentöter. Mythische Figuren etwa wie Lina Ron, die Rockerbraut und Kommandeurin einiger motorisierter bolivarianischer Trupps.
Der Tote in Valles del Tuy? "Die Konterrevolution hatte uns bedroht." Sie spricht von Chávez verzückt wie früher womöglich BDM-Mädchen vom Führer, nur barocker, romantischer. "Er ist der Hahn im Hühnerstall", sagt sie schwärmerisch, "der Tiger in der Savanne."
In ihrem Straßenbunker, in dem Plakate gepinselt werden, tauchen plötzlich drei langhaarige Männer auf, ihr Anführer mit Krummstab und baumelndem Kristall.
Es ist John, der Druide. Er ist mit seinen Jüngern aus der Provinz Portuguesa hierher gepilgert. Mit Chávez, so der Druide, dämmere ein neues Zeitalter. Der Erzengel Raphael habe Venezuela als Kraftfeld aktiviert.
Sicher, diese Druiden sind verwirrte Geister. Aber immerhin prügeln sie nicht aufeinander ein, und das ist schon ein Fortschritt in Caracas. Von Vernunft lässt sich hier nicht reden. Wie vernünftig ist eine Opposition, die sich gezwungen hat, den wirtschaftlichen Bankrott des Landes als Sieg zu verkaufen? Wer die Autoschlangen an den Straßenrändern abgeht und in die Gesichter derjenigen schaut, die bis zu acht Stunden warten vor den wenigen geöffneten Tankstellen, der sieht die Niederlage.
In seiner Suite im Hotel Gran Meliá sitzt César Gaviria, Chef der OAS, und bereitet sich auf die Nachmittagssitzung des Runden Tisches vor. "Diese Verhandlungen sind die schwierigsten seit der Nicaragua-Krise in den Achtzigern", sagt er - einer, der bis 1994 Staatspräsident im Bürgerkriegsland Kolumbien war. Immerhin, so Gaviria wie ein müder Therapeut, zwinge der Runde Tisch die Parteien für ein paar Stunden zu argumentieren. Sich in die Augen zu schauen.
Mit den Vorschlägen Jimmy Carters sei zudem ein zeitlicher Horizont abgesteckt worden. Das ist der mögliche Ausweg: Die Opposition verzichte auf die verheerenden Streiks, und die Regierungsseite verpflichte sich in den nächsten Monaten zu einer Verfassungsänderung, die vorgezogene Neuwahlen ermöglicht - oder ein Referendum am 19. August. Das alles unter internationaler Aufsicht.
In all dem Schlachtenlärm des venezolanischen Endspiels, das derzeit ausgetragen wird, gibt es doch Ansätze für die Zukunft nach Chávez. Da ist die junge Partei Primero Justicia (Gerechtigkeit zuerst), die als Nichtregierungsorganisation im Studentenmilieu gegründet wurde. Kopf der Partei ist der 33-jährige Anwalt Julio Borges, der sich wie in einem "schlechten Film sieht, von dem ich nicht weiß, wie lange das Ende auf sich warten lässt".
Er spricht vom Wiederaufbau einer unabhängigen Justiz, eines funktionierenden Parteiensystems, und immer wieder davon, dass es die Jugend ist, die die Rechnung für den Zerfall der Gesellschaft zu tragen hat: "Unter Gewaltopfern, in der Arbeitslosigkeit - überall stellen die Jugendlichen den höchsten Prozentsatz."
Für ihn ist Chávez nicht die Ursache der venezolanischen Probleme, sondern nur ihr Symptom, ihre Theatralisierung. "Wir müssen völlig neu anfangen", sagt Borges. Vor allem allerdings wünscht er sich, dass ein Blutbad vermieden werden kann. Dass sich die Vernunft durchsetzt.
In dieser Nacht zum Freitag letzter Woche, in der Chávez seine Anhänger auf eine "Neue Offensive" vorbereitet, hat er erhebliche Zweifel. MATTHIAS MATUSSEK
Von Matthias Matussek

DER SPIEGEL 5/2003
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