27.01.2003

EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTEUnd es ward Licht

Wie eine 79-jährige Französin den Anschluss an die Moderne fand
Sie hat die Schranke gesenkt und gehoben, tagsüber und auch nachts. Sie lebte mit Kindern und Hühnern und Katzen in ihrem Bahnwärterhaus, die Züge passierten, und die Zeit verging, und man hat sie vergessen, Yvette Petitjean nahe Bourogne bei Belfort in Ostfrankreich, und jetzt ist sie plötzlich berühmt.
Berühmt dafür, dass sie Dinge nicht hatte, ihr Leben lang. Aber Dinge nicht zu haben, genau das fand sie immer normal.
Das Holzfeuer glüht spärlich, es gibt ein bisschen Küche und eine Schlafkammer, die ist auch Wohnraum, und auf gehäkeltem Bettüberwurf sitzt eine 79-jährige Dame mit staunenden Augen, deren Gesicht man plötzlich in ganz Frankreich kennt. Die Zeitungen waren da, das Fernsehen, TF1, France 2, RTL suchten sie auf in ihrem grauen, kleinen Haus an den Schienen. Von allen Seiten pfeift der Wind, immer war es kalt hier. "Bleiben Sie im Mantel", empfiehlt sie dem Gast. Da sitzt sie, knetet ihre kalten Hände und spricht vom Glück.
Von ihrem Glück als verlassenes Baby, damals, vor knapp 80 Jahren, dass sie eine Pflegefamilie fand. Die leibliche Mutter hatte sie nach der Geburt weggegeben, war selbst noch ein Kind. Freundlich war die Pflegemutter. Nur streng. So streng, dass es kein Flirten gab und kein Tanzen, keine Männer für das junge Mädchen, das sich im Altersheim sein Brot verdiente. Yvette war 23, da dachte sie, "ich werde eine alte Jungfer. Oder ich bin es schon".
Sie gab eine Annonce auf und sagte sich, "ich nehm den Ersten, der sich meldet". Sie hat es bereut.
Auf dem Holzstoß am Ofen toben die Katzen. Draußen stottert ein Güterzug vorbei. Dann ist es sehr still.
"Doch, ich hatte Glück", sagt sie, als sie wieder sprechen mag. "Ich hatte das hier. Das Haus. Die Bahn." Mit dem Mann zusammen war sie hierher gezogen, 1948, sie machte die Arbeit, er trank und schlug. Er musste gehen, sie blieb, drei Kinder zog sie groß und holte Wasser vom Brunnen und heizte mit Brennholz, aber nur tagsüber und im Parterre; nachts zum Schlafen in den Kammern oben zog sie den Kindern Nachtmützen und Handschuhe an. Gute Kinder sind es, sagt sie. Keine Klagen.
Sie bat um nichts und hat nichts bekommen. Nur eine Fürsorgerin kam mal vorbei, es muss in den sechziger Jahren gewesen sein, und fand, dass das Wasserschöpfen im Brunnen für die Kinder zu gefährlich sei. Seither gibt es eine Pumpe, mit Handbetrieb.
Als die Schranke automatisch wurde, ging sie in den Ruhestand, kratzte den Kredit zusammen, um das Häuschen zu kaufen, und während sich die Leute von Bourogne Gefriertruhen anschafften und Videorecorder und Mikrowellen, pumpte sie das Wasser vom Brunnen, kühlte die Milch auf der Kellertreppe und leuchtete mit Kerzen, wenn sie Bücher über positives Denken und über Glück las.
Das war so und blieb. 18 000 Euro würde der Stromanschluss kosten, das war errechnet worden. Und weil sie niemals protestiert hatte, fand sich auch niemand, der diese Summe übernahm.
Im Oktober 2002 geschah es, dass eine ihrer Töchter auf einen Lokaljournalisten traf, der arbeitete für "L'Est Républicain" und suchte Stoff für eine Geschichte, und die Tochter sagte: "Schreiben Sie über meine Mutter. Sie hat immer noch keinen Strom."
Anfangs zögernd empfing die alte Dame die Berichterstatter, überrascht darüber, dass man es als ihr Recht betrachten wollte, Ansprüche zu stellen. Doch, sagte sie dann, seit sie sich den Knöchel gebrochen habe, vor ein paar Jahren, fürchte sie zu stolpern, abends. Die Treppe zu den zwei Kammern oben betrete sie nicht mehr. Ein Fernseher, nein, das sei nicht so wichtig, sie habe ein kleines Schwarz-Weiß-Gerät mit Batterien, das selten funktioniere, aber das sei nicht schlimm. Eines noch vielleicht, sie habe immer Angst, sich zu erkälten, wenn sie die Haare wasche. Ein Föhn, das wäre schön.
Dann kam Besuch, immer wieder, es wurde ausführlich berichtet über die Dame ohne Strom. Es kamen Briefe, Geschenke, und plötzlich fand sich auch das nötige Geld. Die Stromgesellschaft EdF, die Gemeinde, das Departement und ein Elektrobetrieb legten zusammen. Als eine der Letzten in Frankreich, zu Weihnachten 2002, erhielt Yvette Petitjean ihren Anschluss an die moderne Zeit.
Nun sitzt sie unter nackter Glühbirne, inmitten von Geräten. Eine korsische Dame hat einen neuen Fernseher geschickt, ein Herr brachte einen Videorecorder vorbei. Es kam ein Bügeleisen, ein Föhn, eine Mikrowelle. Ein Staubsauger, noch im Karton, klemmt hinter der Bettstatt, eine Kaffeemaschine ruht zwischen Nippes im Regal. "Alles sehr schön", sagt sie auf die Frage, wie nützlich sie das alles finde. "Die Leute sind so freundlich", sagt sie und schenkt Instantkaffee aus, weil der ihr am besten schmeckt.
Den Föhn hat sie schon benutzt. Und den Fernseher auch, abends schaut sie gern Komödien an. Und das Licht natürlich, das ist so anders als mit den Kerzen, mit Kerzen sieht man den Boden nicht und nicht die Decke, aber wenn sie jetzt nachts auf den Schalter drückt, ist sie jedes Mal neu überrascht: "Ich kann den Fußboden sehen! Ich kann den Fußboden sehen!"
"Ich glaube", sagt Yvette Petitjean, "ich muss wohl noch eine Weile leben. Damit ich mich noch eine Weile an diese Tage erinnern kann." BARBARA SUPP
Von Barbara Supp

DER SPIEGEL 5/2003
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