27.01.2003

AFGHANISTANOperation Freiheit

Im Krieg gegen den Terrorismus ist der Sturz der Taliban der einzige Triumph des Westens - ein Jahr danach hat sich Kabul in eine Ruinenstadt der Glückssucher verwandelt. Von Alexander Smoltczyk
Wegen seiner Seltenheit ist der Schneeleopard (Uncia uncia) ein fast mythisches Tier, eine weißgrau gesprenkelte, unwirklich schöne Großkatze, von der es in den verborgeneren Falten des Hindukusch noch einige hundert Exemplare geben soll - mit eigenen Augen gesehen hat sie ein westlicher Forscher schon lange nicht mehr. Sofern es ihn nicht in Said Muhammads "Shop No. 184" in der Chicken Street verschlagen hat.
"Snowleopard?", fragt Muhammad, "No problem, Sir!" Er brauche nur die gewünschte Konfektionsgröße.
Und schon zieht er zwei frische Felle heraus. Dem größeren sind provisorisch zwei Murmeln in die Augenhöhlen gedrückt, es kostet 1200 Dollar und könnte - "No problem, Sir!" - in wenigen Tagen zu einem Mantel verarbeitet werden.
Früher, erzählt der Ladenbesitzer, sei nur der Botschafter Pakistans vorbeigekommen. Jetzt, ein Jahr nach der Befreiung, sei alles besser. Knapp hundert Schneeleoparden hätten das Land bereits verlassen - geschneidert zu Mützen oder Westen und im Soldatengepäck der internationalen Schutztruppen.
Nichts ist unmöglich. Nicht in Kabul. Im ehemaligen Wohnhaus der vierten Frau Bin Ladens wird britisch gekocht, Lancashire-Stil, für die Gäste des ersten privaten Guesthouse. Es gibt vier Internet-Cafés, und im Garten von "b's place" sitzen zwei Dutzend Special Forces, ihre Sturmgewehre wie Amulette um den Hals gehängt, und trinken "Foster's". Auf einer Windjacke schimmert das Emblem: "Operation Enduring Freedom", es zeigt den Orient von der Türkei bis Pakistan.
Nach einem Jahr hat "Enduring Freedom" über eine Milliarde Dollar Hilfsgelder ins Land gespült, die Schneeleoparden-Population stärker dezimiert als al-Qaida und Kabul aus einer trostlosen Ruinenstadt in eine lärmende Ruinenstadt verwandelt, in der jeder versucht, an ein paar der Dollars zu kommen.
Die Straßen sind staubig wie eh und je. Nur die Zahl der Gefährte hat sich vervielfacht. Die Schupos stehen pfeifend und mit rußigen Bärten auf ihren Podesten, während aus allen Richtungen Taxis, Pferdekarren und Uno-Toyotas, ein Bus mit der Aufschrift "Deutscher Fußball-Bund", die Spähwagen der Isaf, Bettler auf Rollbrettern und die Pick-up-Karawanen der Warlords auf sie einströmen. Zum Glück hat Deutschland die Verkehrspolizisten mit Trillerpfeifen, Signalwesten und Warnkellen ausgestattet.
Die Stadt ist voll von Menschen, die mühsam einen Schritt vor den anderen setzen.
Die Fahrräder der Fußballnationalspieler lehnen an der Zuschauertribüne des Stadions, bewacht von zwei zerlumpten Kindern und einem Kriegsversehrten, der seinen Rollstuhl durch die eisigen Staubböen kurbelt. Es ist ein großer Tag.
Zum ersten Mal seit acht Jahren trainiert die Fußballnationalmannschaft Afghanistans. "In richtigen kurzen Hosen", sagt Meir Ali Azghar, der Trainer. Zum ersten Mal hat er seine Auswahl zusammengebracht. Es sind Paschtunen und Tadschiken, Exil-Afghanen aus Iran und aus Peschawar. Azghar kann es noch gar nicht fassen. Die T-Shirts der Spieler sind so grundverschieden wie die Stämme des Landes. Es gibt kein Geld für Trikots, aber: "Wir trainieren. Für das erste Länderspiel gegen Bangladesch."
Azghar ist ein düsterer, doch hilfsbereiter 42-Jähriger mit kantigen Zügen und dem einzigen Original-Fifa-Hemd Afghanistans. 35facher Nationalspieler. Heute ist er um vier Uhr aufgestanden, weil er noch arbeiten musste. Er moderiert mittwochabends eine Fernsehsendung, "Spiegel der Stadt", für die er morgens mit einer Kleinkamera durch die Basare und Ämter zieht, um Skandale und Missstände aufzudecken. Der Nationaltrainer ist der erste investigative Reporter Kabuls. Nebenbei.
Noch vor anderthalb Jahren fanden im Stadion Hinrichtungen statt. Der Verurteilte wurde vor ein Tor gestellt, und die Familie des Geschädigten durfte sich am Torraum aufstellen und ihn erschießen.
Unter den Taliban gab es keine Nationalmannschaft. Nur einige Provinzclubs, und die spielten oft in höherem Auftrag. Als einmal Kabul gegen Kandahar mit 3:0 gewann, wurde Azghar vom Platz weg verhaftet und verprügelt. Kandahar ist die Stadt der Taliban. "Sie haben mir die Vorderzähne ausgeschlagen", sagt er und wackelt an seiner oberen Zahnreihe. "Außerdem mussten wir in langen Hosen spielen."
Als Azghar vergangenen Mai Franz Beckenbauer im Präsidentenpalast traf, waren die Münder voller Zusagen. Azghar zieht einen Stapel Visitenkarten aus der Tasche. Der Asiatische Fußball-Verband wollte Reisen spendieren und Trikots. Tatsächlich ist bisher kein einziger Dollar im Stadion angekommen. Azghar zahlt seinen Spielern 90 Cent am Tag. Er selbst verdient nichts, was ihn weder zu wundern noch zu ärgern scheint.
"Ich habe die internationale Schiedsrichterlizenz. Ich hätte im Ausland pfeifen können. Ich habe es nicht getan, um hier die Mannschaft zusammenzuhalten." Jetzt ist es so weit. 35 Männer schwitzen, hüpfen, hampeln. In richtigen kurzen Hosen. Meir Ali Azghar verlangt nicht mehr.
Diese Menschen sind Siedler im eigenen Land. Sie tun, was zu tun ist. Sie wollen kein Neuland betreten, nur das alte wieder bewohnbar machen. Nach 23 Jahren Bürgerkrieg und Versprechungen haben sie das Funkeln in den Augen verloren.
Die Karte-Seh-Straße ist das Zentrum der Schmieden und Schweißereien. Hier hocken Männer zwischen zersiebten Bussen und Gebäudeskeletten und löten mit Hingabe Petroleumlampen und Öfen zusammen. Es ist der Westen der Stadt, jener Stadtteil, in dem mehr Raketen niedergingen als anderswo. Mittendrin steht, lagunenblau und frisch gepinselt, das erste große Werbeplakat der Stadt.
Eine Zigarettenschachtel über Palmen und darüber der Schriftzug: "Enjoy the taste of America". Die Werbung für eine koreanische Tabakmarke. Ahmed Omar Rasoulin hat das Plakat gemalt, denn er hat an der Kunstakademie studiert. "Unter den Taliban gab es nicht viel zu tun. Nur Ladenschilder und in der Freizeit Koran-Verse oder Landschaften. Einmal habe ich ein Plakat für den Freiheitstag gemalt: 'Lang lebe die Regierung der Taliban'."
Und jetzt der Großauftrag. 1400 Dollar! Rasoulin hat den Auftrag bekommen, weil er sich seltener verschreibt als seine Kollegen. Ist ihm klar, was er da schreibt? "Natürlich. Ich verstehe Englisch. Es heißt, dass die Amerikaner diese Zigarette rauchen. Und wenn wir sie rauchen, können wir Amerika schmecken."
Auch habe er schon einen Folgeauftrag. Eine Schachtel, auf der stehe, riesengroß und für alle zu sehen: "Pleasure". Aber das sei für später. Zum ersten Mal seit 23 Jahren ist die nächtliche Ausgangssperre aufgehoben, man könnte nach Mitternacht durch Kabul fahren, wenn es dafür einen Grund geben würde. Aber es gibt keinen.
In den Hauptquartieren der Helfer von Kabul taucht bisweilen ein Poster im A1-Format auf. Es ist vom US-amerikanischen Geheimdienst erstellt und ähnelt dem Schaltplan eines größeren elektronischen Geräts. Pfeile, mehr oder weniger dicke, oder gestrichelte Linien, Kreise, Balken und etwa 150 Kästchen, in denen ein Name, manchmal ein Foto gedruckt ist. "Relations Scheme" steht über dem Ganzen. Es ist das Abbild der Clan- und sonstigen Beziehungen im neuen Afghanistan. Der Versuch, Kriegsgefährten, Feinde, Cousins, Strohleute, Parteigänger, Marionetten und Hofschranzen kartografisch zu erfassen. Es ist nur eine grobe Näherung. Alle drei Monate muss das Kartenwerk eingezogen und aktualisiert werden.
Es ist der Versuch, das unsichtbare Kabul, die Stadt hinter dem Spiegel, darzustellen. Niemand ist allein, jeder ist Teil eines Gespinsts von Verpflichtungen, nur eine Resultante aus dem Spiel von Kräften, die sich nie vollständig kartografieren lassen. Vielleicht liegt es ja daran, dass man nicht sieht, wo die etwas mehr als eine Milliarde Dollar Hilfsgelder geblieben sind.
Der Strom fällt aus wie immer schon, und Afghanistans Hauptstadt ähnelt immer noch dem Forum Romanum. Wo also sind die Gelder geblieben? Das weiß nur Aidan Cox.
Für das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen kam er im Januar vergangenen Jahres für zehn Tage in die Stadt und hat sie seither nicht verlassen. Er hatte in diversen Thinktanks als Effizienzexperte für internationale Hilfsprogramme geforscht. Und Kabul erschien ihm als perfekter Ort, um einen Aufbau unter Idealbedingungen zu beobachten: vom Nullpunkt aus.
Cox ist ein 33-jähriger Cambridge-Ökonom mit perfekten Umgangsformen und bleichen, dünnen Fingern, mit denen er seine Rechner bedient. Er ist Koordinator der Koordinatoren. Sein Schreibtisch steht im Gul-Khana-Palast, einem Marmorbau innerhalb des Regierungskomplexes, in dem die "Afghan Assistance Coordination Authority" (AACA) untergebracht ist.
Vor der Tür wartet ein gepanzerter Cadillac mit einem Mercedes-Stern auf dem Kühler. Dem ist soeben der Planungsminister entstiegen, eine in eine braune Decke gehüllte Gestalt, die eilig in einem Besprechungszimmer verschwunden ist. Wenig später folgt der stellvertretende Finanzminister. Und dabei ist heute Feiertag.
Die Regierungsbehörde ist Teil des mächtigen Finanzministeriums und Scharnier zwischen Geldgebern und Ministerien. Der Checkpoint, an dem jeder Hilfsdollar sich melden und ausweisen muss, bevor er ins Land gelassen wird. Cox führt Buch.
"Es sind genau 1,3185 Milliarden Dollar ausgezahlt worden", sagt er, zwei Drittel der für das Jahr 2002 zugesagten Gelder, was eine ziemlich hohe Quote sei. Deutschland, die Niederlande, die USA und Irland hätten ihre Versprechen sogar übererfüllt. Und warum ist davon nichts zu sehen? Cox geht, um Tee zu holen, und kommt mit neuen Zahlen zurück: "Die Hälfte des Geldes ging für die Versorgung der Rückkehrer drauf. Es sind viel mehr Menschen aus dem Exil zurückgekommen als irgendjemand erwartet hatte. Ein Viertel für den Aufbau der Infrastruktur, ein Fünftel für die Ausstattung der Ministerien. Und der Rest, fünf Prozent, für interne Kosten."
Im Gul-Khana-Palast sitzt niemand in sich versunken hinter leeren Schreibtischen herum, wie in anderen Ämtern der Stadt. Die Afghanen der AACA riechen nach teuren Managementseminaren und reden auch untereinander nur Englisch mit amerikanischem Akzent. Sie entwerfen Aufbauprogramme und reden beruhigend auf ungeduldige Spender ein. Hier werden die höchsten Gehälter des Landes gezahlt. Hier ist die Pforte zwischen den versprochenen Milliarden und den Mühseligen und Beladenen draußen im Staub.
"Noch nie", sagt Cox, "ist es einer derart kurzfristig installierten Regierung gelungen, innerhalb von drei Monaten einen Rahmenplan für den Aufbau aufzustellen." Einige Fachministerien würden von brillanten Köpfen geleitet. Der Finanzminister Ashraf Ghani war Meisterschüler der Weltbank. "Aber die mittleren Ebenen sind überfordert. Da herrscht noch das Denken in 20-Jahres-Plänen vor, wie zur Sowjetzeit."
Natürlich kann er nicht völlig ausschließen, dass ein kleiner Teil des Geldes in dunklen Kanälen versickert ist. Auch sei bisher nicht alles Geld abgerufen worden, weil die Beamten in den Ministerien erst einmal Fensterscheiben einsetzen und sich Stühle und Mitarbeiter besorgen mussten.
Aber das, sagt Cox, und versucht dabei, höflich zu bleiben, sei wirklich ein Randphänomen. Es sei doch wohl eine große Veränderung, wenn jetzt überall Schulkinder zu sehen seien. "3 Millionen Schulkinder, 685 neue Schulen, 8 Millionen Schulbücher." Und die geimpften Viehherden, die umgeschulten Lehrer - okay, all das sehe man nicht auf der Straße. Das lasse sich nicht fotografieren und in Rechenschaftsberichte drucken. Aber das sei das Entscheidende. Deswegen sei er hier.
Oft täuscht der erste Eindruck, und erst beim zweiten Hinschauen zeigen sich die radikalen Veränderungen. Man muss zweimal hingucken. 3200 Dollar von den 1,3 Milliarden stecken beispielsweise in dem zitronengelben Toyota Corolla, der gerade vor dem Fußballstadion steht, in dem die Nationalmannschaft trainiert. Das Geld kommt von der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit, im Heckfenster klebt noch eine ADAC-Plakette. Der Motor läuft hochtourig im Leerlauf, dann hüpft das Auto nach vorn. Am Steuer sitzt Hasina Mhboob. Sie hat Fahrstunde. Es ist das Auto, in dem Kabuls Frauen lernen sollen, sich selbst zu bewegen.
Mhboob ist die erste Afghanin, die ihren Führerschein machen wird. Ein gleich zweifach erstaunlicher Vorgang, denn bisher kaufte man sich seine Fahrerlaubnis für ein paar Dollar oder fuhr ganz ohne. Und Frauen brauchten sowieso keinen Führerschein, weil ihnen seit dem Abzug der Sowjettruppen das Steuer streng verboten war.
Hasina Mhboob ist eine kleine Person mit langen lila Fingernägeln, ihr Händedruck ist wie der Schlag eines Schmetterlingsflügels. Sie liebt Motoren. Sie hatte Ingenieurin werden wollen. Dann kamen die Taliban. Sie lernte heimlich Englisch und fand im Frühjahr einen Job bei dem deutschen Frauen-Hilfsverein "medica mondiale".
Drei Monate lang hat sie Regeln und Verkehrszeichen gelernt, von deren Existenz die meisten Kabuler keine Ahnung haben. "Einbahnstraße", "Vorfahrt", "dem Handzeichen des Polizeibeamten ist unbedingt Folge zu leisten". Ihr Fahrlehrer hat eine Bescheinigung des Ministeriums im Handschuhfach, wonach Frauen das Recht haben, ein Auto zu lenken.
Noch verdrehen die Fahrer in Kabul die Hälse, wenn sie eine Afghanin am Steuer sehen. "Wir können unsere Probleme durchs Fahren lösen." Sagt Mhboob und verwendet weiter den Plural: "Wir können uns bewegen, allein einkaufen, allein entscheiden, wohin es geht. Und wir zeigen, dass Frauen zu allem in der Lage sind, denn sie können sogar Auto fahren."
Sie sagt, dass sie bald heiraten werde. Einen Cousin. "Liebe?" "Maybe in future." Sie sei verheiratet worden. Und dann sagt Hasina Mhboob, die erste Afghanin mit Führerschein, die moderne Kabulerin, die ihr Kopftuch schon bis zum Hinterkopf zurückgeschoben hat, den Satz: "Das ist gut so. Meine Mutter weiß am besten, was für mich richtig ist."
Zur Freude aller Geberländer gibt es jetzt ein Frauenministerium in Kabul, frisch gestrichen und belebt. Es gibt einen Kindergarten und Klassenräume, an deren Wänden Verkehrszeichen und anatomische Skizzen hängen. In den Büros wird genäht, Tee getrunken, Rechtshilfe erteilt. Das Ministerium wirkt wie ein Frauenhaus. Es ist eine Dekompressionskammer, kein Werkzeug, um Frauenrechte durchzusetzen. Es ist ein Amt ohne Macht, eine Art Burka, unter der die Frauen treiben können, was sie wollen, solange es niemanden stört.
Wie eine müde Löwin sitzt Tajwar Kakar in ihrem Ministerbüro, und auf die Frage, wie es ihr jetzt gehe, beginnt sie, ihr Leben zu erzählen. Vom Tage der Geburt an. Sie scheint viel Zeit zu haben. Kakar ist die stellvertretende Frauenministerin Afghanistans. Sie hätte die erste Ministerin Afghanistans sein können. Sie ist immer die Erste gewesen.
Kakar war es, die 1979 den Dschihad in Kabul gegen die sowjetische Armee begann. Sie ist Mudschahidin-Führerin in Kunduz gewesen und trug die Burka nur, um Waffen zu verstecken oder um unerkannt an den Steckbriefen vorbeizukommen, auf denen ihr Kopf abgebildet war. "Sultan" war ihr Kriegsname.
Sie wurde verlobt, als sie zwölf war, und als sie Abitur machte, hatte sie fünf Kinder. Als die Islamisten anfingen, jungen Frauen ohne Burka Säure ins Gesicht zu schütten, organisierte Kakar eine Art Pfadfindertruppe zum Selbstschutz. Zehn Jahre später hatte sie eine Armee.
Sie redet und redet. Ab und zu kommt eine Assistentin herein und reicht einen Zettel, den Kakar liest und zwischen den Fingern zerreibt.
Tajwar Kakar wäre die richtige Frau gewesen, um den immer noch vorhandenen Widerstand der Paschtunen gegen Schulunterricht für Mädchen zu brechen. Sie hat immer gekämpft, für ihre Schule, für ihr Land. Sie war immer die Erste und gefürchtet, weil sie keine Furcht zeigte. Als Ministerin wäre sie zu gefährlich gewesen. Sie ist müde von der vielen Zeit, die sie hat. Im neuen Kabul fühlt sie sich so überflüssig, wie die DDR-Dissidenten sich nach der Wende fühlten.
Einmal, 1988, habe sie Bin Laden getroffen. "Er war in Begleitung eines US-Soldaten und saß schweigend im Büro von Rabbani herum", dem späteren Präsidenten der Nordallianz. "Und diese Kerle sind jetzt wieder zurückgekommen. Burhanuddin Rabbani und seinesgleichen." Das quält sie. Das macht sie müde. Kakar war es, die in der Stammesversammlung, der Loya Jirga, aufstand und mit dem Finger auf all die Kriegsherren zeigte, die gemordet, geschändet, zerstört hatten. "Diese Kerle sind friedlich, solange die Amerikaner mit ihren Flugzeugen über uns kreisen. Aber wir können nicht immer die Amerikaner holen, wenn wir uns streiten."
Sie kennt sich besser im Koran aus als viele Mullahs. Wenn ein Taliban-Führer ihr Vorschriften machen wollte, konterte sie mit den treffenderen Suren. Der Religionsminister der Taliban habe gesagt: Wenn diese Frau noch zwei Jahre weitermacht, gibt es keine Taliban mehr.
Sie reiste dreimal nach Kandahar, um Mullah Omar davon zu überzeugen, dass auch Mädchen auf die Schule gehören. Der Taliban-Führer ließ sie nicht vor. "Aber die Erlaubnis habe ich bekommen. Die Mädchenschule hätte eigentlich eröffnet werden können." Wann? "Am 11. September."
Von Alexander Smoltczyk

DER SPIEGEL 5/2003
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