27.01.2003

Pocken-Fieber

Ortstermin: Eine kleine Firma aus Martinsried bei München stellt den Impfstoff her, den auf einmal alle haben wollen.
Das Zeug lagert im dritten Stock: in einem unscheinbaren Stahlschrank ein blaues Regal, darauf 35 Flaschen. In jeder schwappt ein wenig rote Flüssigkeit, an den Flaschenwänden haben sich innen kleine Knubbel abgesetzt: Zellkulturen.
Wenn alles gut geht, dann vervielfältigt sich in jeder einzelnen Zelle gerade ein Virus, alle 48 Stunden 200-mal. 250 000 Viren entsprechen der Dosis, die notwendig ist, um einen Menschen gegen die Pocken zu impfen.
Das also ist der Wunderstoff, Schild und Schirm gegen die Bedrohung durch Bio-Terroristen.
Es sieht nicht sehr aufregend aus, was hier bei der Bavarian Nordic GmbH im kleinen Martinsried bei München geschieht: Die Flaschen werden gedreht, wie Grillhähnchen auf dem Spieß, nur viel, viel langsamer. Ab und zu hüpft die Temperaturanzeige des Stahlschranks von 37 auf 36,9 Grad und wieder zurück. Das ist alles.
Und das ist ein merkwürdiger Gegensatz zu dem, was draußen los ist. Seit Dezember stieg der Aktienkurs der Bavarian Nordic um 42 Prozent - die Bundesregierung hatte bekannt gegeben, dass sie bis Ende des Jahres 65 Millionen Dosen kaufen will. Bei wem sie kauft, hat sie nicht gesagt, aber die Rede ist von einem 117-Millionen-Euro-Geschäft, andere Schätzungen gehen bis zu 160 Millionen.
Die Angst vor dem Terror mag ja berechtigt sein, aber sie folgt irrationalen Moden. Milzbrand war gestern, heute fürchten wir die Pocken.
Heute klingeln die Ängstlichen und die Vorsorgenden in Martinsried an. Andreas Hartmann heißt der Mann, zu dem die Anrufer durchgestellt werden, er leitet die Geschäftsentwicklung bei Bavarian Nordic. Einer der wenigen im Haus, die unterm Kittel Anzug tragen. Ein studierter Molekularbiologe, 46 Jahre alt. Früher war er Marketingmann in großen Pharma-Firmen. Er weiß, wie man Medikamente verkauft.
Das typische Telefongespräch läuft so: Am Apparat ist ein Regierungsvertreter aus dem Gesundheitsministerium, europäisches Ausland, gern aber auch Asien. Seine erste Frage: "Bin ich hier richtig? Sind Sie das mit dem Pocken-Impfstoff?"
Hartmann bejaht das dann vorsichtig. Dass seine Firma auf einmal so gefragt ist - schön. Dass der Aktienkurs steigt - noch besser. Trotzdem wirkt Hartmann nicht hundertprozentig glücklich, wenn sein Telefon klingelt.
Er kann zwei verschiedene Impfstoffe anbieten, aber beide haben ein Problem: Es handelt sich um noch nicht zugelassene Medikamente. Im Notfall, wenn tatsächlich die gesamte Bevölkerung innerhalb von fünf Tagen durchgeimpft werden müsste, wäre die Zulassung schnell da. Bis dahin aber darf er für seine Produkte nicht werben und auch keine Proben herausgeben.
Der eine Impfstoff - er heißt "Elstree" - ist eine leichte Abwandlung der Kulturen, mit denen schon vor 30 Jahren geimpft wurde. Die Nebenwirkungen können heftig sein: Von einer Million Geimpften sterben 2, bleibende Schäden tragen 15 davon. Der Vorteil von Elstree: Man weiß, dass er wirkt.
Lieber aber würde Hartmann den zweiten Impfstoff verkaufen: "MVA" hat so gut wie keine Nebenwirkungen. Außerdem kann man MVA nicht nur gegen Pocken einsetzen. In die MVA-Viren lassen sich relativ einfach weitere Eiweißketten einschleusen, die den Körper dann gegen andere Krankheiten immunisieren, gegen das Dengue-Fieber zum Beispiel.
Elstree wäre nur ein Einmalgeschäft: Wer den Impfstoff hat, braucht so schnell keinen neuen mehr. MVA-Kunden ordern womöglich mehrfach.
"Die meisten wollen Elstree", sagt Hartmann, "trotz der Nebenwirkungen." Gleich- wohl: 65 Millionen Dosen Elstree wären ein schönes Geschäft.
Zweite Frage seiner Anrufer: "Wie viel können Sie liefern? Und bis wann?"
Das ist die Stelle, an der Andreas Hartmann ein paar grundsätzliche Dinge erklären muss: Bavarian Nordic hat gar keinen Impfstoff vorrätig, der müsste erst produziert werden. Die wenigen Flaschen im 3. Stock sind nur Labormaterial. Und: Ein Land, das nicht zugelassenen Impfstoff kauft, muss sämtliche Haftung übernehmen.
In der Regel sind die Anrufer dann enttäuscht - aber nicht entmutigt: Ob Hartmann denn wenigstens eine kleine Menge liefern könnte, so 10 000 Dosen etwa, für Ärzte, Krankenschwestern und, äh, die politische Klasse des Landes?
Seit ein paar Tagen kommen rund 30 Anrufe pro Tag: eine Mieterinitiative zum Beispiel, die gleich einen ganzen Häuserblock impfen lassen will, eine Mutter, die Hartmanns Telefonnummer im Internet gefunden hat: "Der Arzt will uns nichts geben, die Apotheke nicht, jetzt müssen Sie helfen: Retten Sie meine Kinder!"
Für die Angst-Klientel will Hartmann nun eine Hotline einrichten. Die Anrufer können ihre Adresse hinterlegen.
Im März 2001, also noch vor den Anschlägen von New York, suchte die Bavarian Nordic Versuchspersonen für eine Studie mit MVA. Weil aber kaum jemand bereit war, sich als Tester gegen Pocken impfen zu lassen, musste die Firma eine Agentur bemühen, die gegen Bezahlung Probanden herbeischafft - zur Not auch aus dem Ausland.
In diesem Sommer beginnt eine neue Testreihe. Diesmal braucht Hartmann 50 Leute, die sich impfen lassen wollen. "Das dürfte kein Problem werden", sagt er. ANSBERT KNEIP
Von Ansbert Kneip

DER SPIEGEL 5/2003
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