27.01.2003

SKI ALPIN„Mein Körper war wie tot“

Der österreichische Skistar Hermann Maier über seine lebensgefährlichen Verletzungen nach einem Motorradunfall, den langen Weg zurück auf die Rennpiste und das komplizierte Verhältnis zu seinen Landsleuten
Maier, 30, stammt aus Flachau im Salzburger Land. Der gelernte Maurer und Skilehrer gewann 41 Weltcup-Rennen, dreimal die Weltcup-Gesamtwertung, dazu je zweimal Gold bei Olympia 1998 und bei den Weltmeisterschaften 1999. -------------------------------------------------------------------
SPIEGEL: Herr Maier, vorletzten Samstag haben Sie sich mit Platz sieben auf der schwierigen Abfahrt von Wengen in der Weltklasse zurückgemeldet. Welchen Wert hat dieses Resultat für Sie?
Maier: Einen größeren als viele meiner Siege. In meiner besten Zeit bin ich ja nur noch auf der Suche nach dem perfekten Rennen gewesen. Das Maß war nicht der Sieg, sondern der Abstand zum Zweiten. Da wird man teilweise größenwahnsinnig. Vor Wengen hatte ich nicht mal drei Wochen auf Ski gestanden. Deshalb war Rang sieben eine große Leistung. Emotional ist mir das sehr nahe gegangen.
SPIEGEL: Stephan Eberharter, Ihr Nachfolger als Weltcup-Sieger, hatte schon nicht mehr an Ihre Rückkehr geglaubt. Empfinden Sie jetzt Genugtuung?
Maier: Es interessiert mich nicht, wer alles gezweifelt hat. Viel schmerzhafter war, dass mir vorgehalten wurde, ich würde nur aus PR-Gründen mein Comeback ankündigen. Das hatten weder die Sponsoren noch ich nötig. Ich bin nie auf die Medien zugegangen, sondern immer kamen die auf mich zu, wollten wissen, wie es steht. Bis zuletzt wurde geunkt, der Maier geht nur an den Start, um seine Werbepartner spazieren zu fahren. Insofern war Wengen eine Genugtuung: Ich habe bewiesen, dass der Wille zum Erfolg da ist - und nicht die Absicht, im Rampenlicht zu stehen.
SPIEGEL: Ein "Herminator" hat offenbar schneller wieder fit zu sein als andere. Sind Sie Opfer Ihres eigenen Ruhms?
Maier: Diese Ungeduld hat natürlich mit meinem Sturz bei Olympia in Nagano zu tun. Und den zwei anschließenden Goldmedaillen. Aber es ging diesmal nicht um ein paar Prellungen. Und auch nicht um eine gebrochene Hax''n, die leicht zusammenwächst. Wenn ich jetzt vor dem Start auf meinen Fuß schaue und da die Knochenwucherung wie eine Geschwulst vorstehen sehe, mache ich ganz schnell die Schnalle zu. Sonst fange ich das Denken an. Vieles in meinem Körper passt noch nicht zusammen.
SPIEGEL: Zum Beispiel?
Maier: Im rechten Fuß habe ich überhaupt noch kein Gefühl. Vom Unterschenkel, wohin dieser ein Zentimer dicke Hautlappen transplantiert wurde, bis runter zu den Zehen. Wenn ich in den Skischuh reinschlüpfe, spüre ich eine Tiefensensibilität und auch Schmerz, aber oberflächlich fühle ich nix. Es ist deshalb schwierig für mich festzustellen, wie der Ski liegt. Ich habe die Tendenz, dass ich nach außen auftrete, weil der Knochen so vergrößert ist. Ich stehe also schief. Im linken Bein habe ich auf der Innenseite auch so eine Taubheit. Bei meinem Unfall hat''s mich dreimal mit dem Hintern auf den Asphalt gehauen. Seitdem funktionieren die Nerven nicht mehr richtig.
SPIEGEL: Wie kommt man dann in Wengen oder Kitzbühel die Piste hinunter?
Maier: Ich muss mich rantasten. Im Kopf ist alles gespeichert, aber ich kann es nicht so umsetzen wie früher. Es wird wohl auch nie mehr so werden. Aber ich gewöhne mich langsam daran, dass ich in den Beinen weniger spüre.
SPIEGEL: Gibt es skifahrerische Techniken, die Sie deshalb nicht mehr ausführen können?
Maier: Ich tue mich beim Geradeausfahren schwerer, weil ich den Kontakt zum Boden nicht so richtig fühle. Beim Gleiten muss der Ski plan aufliegen, aber ich weiß oft nicht, ob die Druckverteilung stimmt. Und bei eisiger oder ruppiger Piste weiß ich nicht, ob jetzt ein Schmerz kommt. So was im Hinterkopf zu haben ist nicht gut.
SPIEGEL: Können Sie diese Defizite irgendwie kompensieren?
Maier: Beim Linksschwung, wo der rechte Fuß mehr belastet wird, fahre ich ein bisschen mehr auf dem Innenski - was nicht gerade optimal ist. Wenn im April der Nagel aus dem Unterschenkel entfernt ist, kann ich hoffentlich wieder satter auftreten.
SPIEGEL: Welche Ihrer drei Disziplinen ist die umständehalber angenehmste?
Maier: Es kommt nicht auf die Disziplin an, sondern auf die Pistenverhältnisse. In Adelboden, bei meinem ersten Rennen, war es hart und unruhig. Das kam mir nicht entgegen. Aber ein Riesenslalom oder Super G mit normalem Kunstschnee müsste mir liegen. Positiv bei der Abfahrt sind die etwas weiteren Radien. Da kann man den Fuß entlasten. Sprünge sind natürlich eine Belastung, da kommt mächtig Druck drauf.
SPIEGEL: Warum tun Sie sich das an? Für wen wollen Sie Ihr Comeback erzwingen?
Maier: Für mich. Schaun S'', ich habe es erst mit 24 in den Weltcup geschafft. Als der Unfall passierte, war ich fünf Jahre dabei und auf meinem Höhepunkt: Routine, Kraft, Technik, alles passte. Ich hatte das Puzzle zusammen, war bei jedem Trainingslauf über eine Sekunde voraus. Es war alles so leicht. Deshalb schien für mich nach dem Unfall außer Frage: In ein paar Wochen bin ich wieder fit.
SPIEGEL: Sie haben Ihre Verletzungen unterschätzt?
Maier: An der Unfallstelle dachte ich spontan, das Bein wird dir jetzt weggeschnitten. Im Krankenhaus wuchs meine Hoffnung, dass alles wieder in Ordnung kommt. Doch nach der Operation traten riesengroße Schwellungen auf. Ich sah aus wie ein Michelin-Männchen in Grün und Blau. Plötzlich hieß es, die Nieren funktionieren nicht mehr richtig. Ich habe dann wie irrsinnig Wasser getrunken, damit das ganze Zeug ausschwemmt. Aber ich konnte mich ja nicht bewegen, lag wie ein Sack im Bett. Und dann spürte ich plötzlich vom Bauch abwärts nichts mehr. Die Ärzte dachten schon: Der ist querschnittgelähmt. Ich konnte das nicht glauben, aber die Zehen konnte ich auch nicht bewegen. Dann hat man mich auf Schleichwegen in eine andere Klinik geschafft - die Journalisten sollten ja nichts mitbekommen. Dort hat man mich reingeschoben in so ein Magnetresonanzgerät, das war der Wahnsinn. Durch die Prellungen am Hintern konnte ich nicht mehr liegen. Ich bekam Schweißausbrüche, die Instrumente haben gepiept, da habe ich den roten Knopf gedrückt, um Hilfe gebeten. Das war grausig, der zweite Tag.
SPIEGEL: War Ihnen klar, dass Sie in Lebensgefahr waren?
Maier: Nein. Auf keinen Fall. Mir tat zwar alles weh, aber ich habe gemeint, das gehört dazu. Von den Quetschungen wanderten Muskelzellreste durch den Körper, das war auch gefährlich, die Leberwerte spielten verrückt. Aber so organische Sachen merkt man ja nicht.
SPIEGEL: Manchmal merkt man aber, wie die Ärzte drauf sind.
Maier: Einer kam und fragte mich, ob ich eh weiß, dass es sehr ernst ist. Ich habe darauf nicht reagiert. Aber dass er ein nachdenkliches Gesicht gemacht hat, war nicht zu übersehen. Was wirklich los ist, habe ich erst realisiert, als ich das erste Mal ausgeschieden und den Beutel gesehen habe: Der war kohlrabenschwarz.
SPIEGEL: Was ging Ihnen da durch den Kopf?
Maier: Ich war auf der Intensivstation an der Seite von Leuten, die überhaupt nichts mitbekamen. Im Vergleich zu denen konnte ich ja froh sein. Die Schwellung im Becken ging zurück und damit auch die Lähmung. Andererseits ist mehr als eine Woche auf der Intensivstation eine verdammt lange Zeit. Man schaut auf die Uhr, es ist fünf, dann sackt man weg, und es ist zehn, dann eins in der Nacht. Man ist orientierungslos.
SPIEGEL: Nach neun Tagen mussten Sie Ihrer Popularität Tribut zollen. Die Nation wollte ihren "Herminator" in der Klinik sehen. Sie wurden öffentlich präsentiert.
Maier: Für die Kameras habe ich die Infusionsschläuche abstecken lassen. Ich wollte die Leute nicht schockieren. Denn da hingen ungefähr 25 Flaschen herum. Tag und Nacht haben die Schwestern nachgefüllt. Der Fuß durfte wegen des Transplantats nie aufliegen, ich musste immer in einer Position bleiben: Beine hoch, Kopf unten, damit das Blut zurückfließt. Es war ein Chaos.
SPIEGEL: Nach Ihrer Entlassung Ende September haben Sie dennoch direkt wieder in Obertauern mit dem Training des Oberkörpers begonnen.
Maier: Aber wie. Ich war um 15 Kilogramm abgemagert. Ich hatte einen hohen Puls, meine Leistung auf dem Ergometer war lächerlich. Mein ganzer Körper war wie tot. Er hat nicht mehr funktioniert. Ich hatte keinen Hunger, habe nur Kinderportionen runtergekriegt. Ich habe Averna getrunken, der Kräuterschnaps sollte den Appetit anregen. Es war ein total lustloses Leben. Dann wollte ich die Schmerzmittel absetzen, von einem Tag auf den anderen, und plötzlich sah ich bei den Autos vor mir die Nummernschilder doppelt. Da habe ich gedacht: Jetzt ist es so weit.
SPIEGEL: Waren das Momente, in denen Sie an der Fortsetzung der Sportkarriere zweifelten?
Maier: Ich wollte nur gesund werden, an Sport habe ich da nicht gedacht.
SPIEGEL: Das haben Sie öffentlich aber nicht zugegeben.
Maier: Man wünscht sich, wieder normal gehen zu können - und dann Sport zu machen. Das war natürlich der Antrieb. Aber damals habe ich nur daran gedacht, schmerzfrei zu werden. Als sie mir eine Verschraubung des Nagels rausgeholt haben, bekam ich eine Narkose, und zum ersten Mal seit dem Unfall hatte ich keine Schmerzen. Ich wollte das Einschlafen hinauszögern, so wohl fühlte ich mich. Ein wunderschönes Gefühl.
SPIEGEL: Ohne Schmerzmittel ging es nicht?
Maier: Ich bin fast abhängig geworden. Bis in den März habe ich welche genommen. Ich hatte einen richtigen Entzug: Schweiß, Kälte, innere Unruhe. Zur selben Zeit haben wir mit Stoßwellentherapie endlich die Bruchheilung in Gang gebracht.
SPIEGEL: Ende April standen Sie immerhin schon wieder auf Skiern.
Maier: Ich konnte beim Gehen den Fuß noch nicht richtig abrollen, aber Ski fahren konnte ich, wenn auch mit Schmerzen. Ich merkte, ich hab''s nicht verlernt.
SPIEGEL: Gab es in Ihrem Kopf einen Alternativplan, was Sie ohne Skisport anfangen könnten?
Maier: Den gab es nicht. Ich habe in Frustphasen nur kurzfristig andere Aufgaben gesucht, bin während der Olympischen Spiele in Salt Lake City zum Tauchen auf die Bahamas. Beim Saisonstart in Sölden, Ende Oktober, habe ich mich abgelenkt, indem ich mir einen Kindheitstraum erfüllte: Ich habe gelernt, Hubschrauber zu fliegen.
SPIEGEL: Das war Therapie fürs Gemüt?
Maier: Absolut. Beim Training im Team wird man unselbständig, es wird einem viel abgenommen. Beim Pilotenschein muss man sich selbst Gedanken machen. Ich hatte Spaß, es war eine lässige Zeit. Ich wurde lockerer und umgänglicher. Ich hatte so viele medizinische Baustellen, auf denen mir alle möglichen Fachleute geholfen haben. Aber diese Auszeit war das Wichtigste.
SPIEGEL: Stellen Sie generell Veränderungen an sich fest?
Maier: Der Sport ist für mich jetzt viel schöner als vorher. Als ich am Dienstag erstmals wieder die Streif in Kitzbühel runtergefahren bin, wollte ich gleich wieder hinauf und das noch mal erleben. Ich habe mich direkt auf den nächsten Tag gefreut. Das habe ich ewig nicht mehr so empfunden.
SPIEGEL: Franz Klammer, einer Ihrer Vorgänger im alpinen Olymp, sagt, Sie hätten trotz aller Erfolge nie die ungeteilten Sympathien der Österreicher erfahren. Glauben Sie, dass Ihre Landsleute Ihnen nach dem Comeback näher sind?
Maier: Es macht sicher sympathisch, nach einem wahnsinnigen Tiefschlag zurück- zukommen. Seriensieger zu sein oder mit zwei Sekunden Vorsprung zu gewinnen macht unsympathisch.
SPIEGEL: Die Attitüde des Übermenschen Maier ist erst mal weg.
Maier: Ganz unten zu sein macht menschlich.
SPIEGEL: Wie wichtig sind Ihnen die Weltmeisterschaften, die am Sonntag in St. Moritz mit dem Super-G-Wettbewerb beginnen?
Maier: Sicher wäre es eine schöne Überraschung, daran teilzunehmen. Ich könnte locker ans Werk gehen. Ich ginge als Außenseiter an den Start. Das ist neu.
SPIEGEL: Wie lange halten Sie diese Rolle des Zahmen, des Genügsamen aus?
Maier: Ich hoffe, dass ich schnell zurückfinde zu meinen alten Gewohnheiten. Siegen wollen ist ein Trieb. Es kann nicht das Ziel sein, nur mitzufahren. Ich möchte mich selbst herausfordern.
SPIEGEL: Wann werden wir wieder den alten Hermann Maier erleben?
Maier: Im nächsten Weltcup-Winter. Da will ich körperlich so weit sein, dass die Aggressivität dazukommen kann, dass ich angreifen kann. Ich will wissen, was noch möglich ist. INTERVIEW: ALFRED WEINZIERL
* In der Pressekonferenz am 16. Januar 2002, bei der er seine Olympia-Teilnahme in Salt Lake City absagte.
Von Alfred Weinzierl

DER SPIEGEL 5/2003
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