27.01.2003

FUSSBALLNeuschwanstein des Nordens

Seit der Verpflichtung von Naohiro Takahara wird der Hamburger SV von japanischen Reportern belagert. Was auch immer geschieht: Es wird nach Fernost gemeldet.
Im Großen und Ganzen fühlt sich der Neue schon ganz wohl. Jeden Morgen wird Naohiro Takahara, 23, von seinem Teamgefährten Rodolfo Cardoso vom Hotel Treudelberg zum Training beim Hamburger Sport-Verein chauffiert. Nach den Übungseinheiten verabschiedet sich der Japaner stilecht mit einem hanseatischen "Tschüüs" von seinen Kollegen. Nur bei öffentlichen Auftritten fremdelt der Mann aus Shizuoka noch. Neulich musste er für ein Foto mit einem Weihnachtsmann posieren. Und ständig werden Takahara Fragen gestellt, als wäre er ein Extraterrestrischer.
"Bekommt Ihnen das deutsche Essen?"
"Wissen Sie, was ein Nord-Derby ist?"
Hamburg und der Kicker aus Fernost. Gut einen Monat ist es her, dass der HSV den Stürmer Naohiro Takahara erwarb. Rund 250 000 Euro bezahlte der Verein für Japans Fußballer des Jahres 2002. Der Torjäger soll die Mannschaft in den Uefa-Cup schießen.
Ein Sohn Nippons als große Hoffnung des traditionsreichen Clubs von der Elbe? Das hatte es bis dahin noch nicht gegeben. Von Anfang an meinten Kritiker, die Sache könne nicht gut gehen. Doch dann akklimatisierte sich der vermeintliche Exot schneller als erwartet. Den allseits erwarteten Kulturschock erlitt dafür umso heftiger der HSV.
Seit Wochen beschäftigt die Fans am Trainingsgelände die Frage, ob demnächst auch ein "Asia-Shop im Vereinsheim" installiert werde. Auf der Poststelle des Clubs gehen Bewerbungen von Leuten ein, die die Küchenchefs des Vereins in der Zubereitung japanischer Gerichte unterweisen wollen.
Geradezu überrollt sieht sich der Bundesligist aber von dem medialen Echo, das der Deal mit Takahara verursachte. Nicht nur, dass die News vom flinken Dribbler zeitweise sogar Dieter Bohlen aus den Schlagzeilen lokaler Boulevardgazetten verdrängten. Seit drei Wochen befindet sich das Clubgelände des HSV in Ochsenzoll in einer Art permanentem Belagerungszustand: Japaner. Überall Japaner.
Zum ersten Training Takaharas schickten Fernsehstationen und Zeitungen über 50 Korrespondenten. Sein erstes Freundschaftsspiel gegen den FC St. Pauli übertrugen fünf Fernsehstationen. Nichts geschieht beim HSV, das nicht in Japan Niederschlag fände.
Und das sorgt für Irritationen. Es beginnt ja schon damit, dass die Reporter aus Fernost die Dinge bisweilen dramatisieren. Als neulich ein Testspiel in Enschede abgesagt werden musste, weil Hooligans Ausschreitungen angekündigt hatten, hieß es prompt, Takahara müsse in Deutschland wohl um sein Leben fürchten.
Nicht minder groß war das Entsetzen, als bekannt wurde, dass der Held nach dem Training Autogrammkarten signieren muss. Von "brutalen Überstunden" berichtete die Zeitschrift "Sankei Sports", der "Gipfel der Erschöpfung" sei erreicht, empörte sich "Sports Nippon".
Im Restaurant Lindenhof haben die verbliebenen 15 Journalisten ihr Basislager aufgeschlagen. Sie staunen über die großen Portionen auf den Tellern, sie halten schon eine Stunde vor Trainingsbeginn Ausschau nach Berichtenswertem, und sie haben zwei in Hamburg lebende Japanerinnen angeheuert, die ihnen die HSV-Meldungen deutscher Zeitungen übersetzen.
Die Zusammenarbeit mit dem Club ist stark von Interessen geleitet. Während Trainer Kurt Jara dem gestressten Neuzugang jüngst Interview-Verbot erteilte, bejubelt Sportchef Dietmar Beiersdorfer den Imagegewinn durch Takahara. Die Reiserouten künftiger Touristengruppen aus Japan, glaubt Beiersdorfer, müssten umgeplant werden: "Neuschwanstein, Heidelberg, Rothenburg ob der Tauber, HSV." Ohnehin erfolgte die Verpflichtung Takaharas nicht aus sportlichen Gründen allein. Japan gilt für Bundesligisten seit der Weltmeisterschaft 2002 als aufblühender Fußballmarkt. Nationaltorwart Oliver Kahn macht Werbung für einen japanischen Reifenhersteller. Und auch der HSV, demnächst mit einer Website in japanischer Sprache ausgestattet, erwartet ordentlichen Reibach aus dem anlaufenden Takahara-Merchandising: 300 000 HSV-Trikots mit dem Namenszug des Stürmers will der Club in Japan absetzen.
Die Chancen stehen in der Tat nicht schlecht. Sämtliche HSV-Spiele werden künftig nach Japan übertragen. Zudem pflegen Reporter wie Isamu Ishikura von "Sankei Sports", Auflage zwei Millionen, bis zu sieben Monate in Europa zu verweilen, um von Kicker-Exporten wie Junichi Inamoto (FC Fulham) oder Hidetoshi Nakata (AC Parma) zu berichten.
Dass sein Tourprogramm um die Station Hamburg erweitert wurde, empfindet Ishikura keineswegs als Belastung. "Hamburg", sagt er, "wird jetzt in Japan geliebt."
Doch diese Sympathie wird zuweilen auf eine harte Probe gestellt. Der Hamburger Boulevard verpasste Takahara den Spitznamen "Sushi-Bomber". Für Ishikura ein Affront: "Wir in Japan nennen euren Torhüter Kahn ja auch nicht Sauerkraut-Keeper." GERHARD PFEIL,
WIELAND WAGNER
Von Gerhard Pfeil und Wieland Wagner

DER SPIEGEL 5/2003
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