27.01.2003

PSYCHOLOGIE„Gradmesser für die Kurvigkeit“

Psychologe Martin Voracek, 36, von der Universität Wien über seine Untersuchung der Körpermaße aller Nacktmodelle in der „Playboy“-Heftmitte zwischen 1953 und 2001. Sein Forschungsinteresse gilt der Psychologie der Partnerschaft und ihren Wurzeln in der Evolution.
SPIEGEL: "Playboy"-Models gelten vielen als Inbegriff von Weiblichkeit. Sie schreiben im "British Medical Journal", dass ausgerechnet die Nacktmodelle in der Heftmitte des "Playboy" zunehmend androgyner aussehen. Wie das?
Voracek: Große Brüste, Wespentaille, breite Hüften - diese typisch weiblichen Merkmale gehen seit den fünfziger Jahren konstant zurück. Das zeigt der Androgynitäts-Index, den wir gebildet haben - eine Art Gradmesser für die Kurvigkeit des Körpers.
SPIEGEL: Von weniger üppigen Formen sprachen schon frühere Untersuchungen. Das alte Lied von immer verhungerter aussehenden Fotomodellen?
Voracek: Das ist nicht der springende Punkt. Das Durchschnittsgewicht der Models ist seit 1953 bei etwa 52 Kilogramm gleich geblieben, allerdings sind sie jetzt rund sieben Zentimeter größer. Letzteres entspricht dem Trend in der allgemeinen Bevölkerung und erklärt eine merkliche Abnahme des so genannten Body-Mass-Index (BMI). Viel entscheidender ist aber etwas anderes: Schmalere Hüften, breitere Taillen und kleinere Brüste sind weitgehend vom BMI unabhängig. Alle diese Maße haben sich signifikant verändert - nicht nur im statistischen Sinne, sondern auch deutlich sichtbar.
SPIEGEL: Dabei galt es unter Wissenschaftlern lange als ausgemacht, dass Männer Frauen mit einem ganz bestimmten Verhältnis von Hüft- und Taillenumfang sexuell besonders attraktiv finden - vollkommen unabhängig von Zeitgeschmack und Kulturraum.
Voracek: Angesichts unserer Ergebnisse muss man an dieser Sichtweise zweifeln, ebenso wie an der Idee, dass der weibliche Idealkörper sanduhrförmig sein muss. Es liegt auf der Hand, dass der "Playboy" nur Geschmackstrends aufgreift, die ohnehin schon in der Luft liegen. Offenbar haben sich also hier die Ideale in sehr kurzer Zeit geändert.
SPIEGEL: Gefährliche neue Ideale angesichts immer mehr magersüchtiger Frauen und Mädchen?
Voracek: Der viel stärkere Trend ist Übergewicht in der Bevölkerung. Sicher steigt auch die Zahl Magersüchtiger, aber es sind heutzutage viel mehr Frauen und Männer zu dick als zu dünn - sozusagen androgyn "in die andere Richtung".

DER SPIEGEL 5/2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 5/2003
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

PSYCHOLOGIE:
„Gradmesser für die Kurvigkeit“

  • Videoreportage zu seltenen Krankheiten: "Du denkst, das Kind stirbt"
  • Dugongbaby Marium: Thailändische Seekuh stirbt mit Plastik im Bauch
  • Drohkulisse in Shenzhen: Was bedeuten die Militärfahrzeuge an der Grenze zu Hongkong?
  • Trumps Interesse an Grönland: US-Präsident erntet Spott