27.01.2003

RUNDFUNKEnde des Knatterns

Das viel gepriesene Digitalradio lässt die Hörer bislang kalt. Nun aber regt sich neues Leben - in den fast vergessenen Kanälen der Kurz- und Mittelwelle.
Tanzmusik von Radio Habana Cuba gefällig? Bitte sehr: gleich neben dem köstlichen "Kochstudio" von Radio Taipei (auf Deutsch)! Noch einmal drehen am Senderknopf, und schon sind kreischende Fußballreporter aus Brasilien zu hören. Oder Missionare mit Country-Musik vom Sender Anchor Point in Alaska.
So bunt kann die Rundfunkwelt auf Kurz-, Mittel- und Langwelle sein. Auch Nachrichtensüchtige finden hier reiche Beute. Zahllose Sender funken aus allen Erdteilen, darunter allein 80 Auslandsdienste. Nur kennt kaum jemand das Angebot. Der Empfang ist meist miserabel: blechern und verrauscht der Klang, dazu stetes Knarzen und Knattern.
Nun aber kommt neues Leben in die gebrechliche Funktechnik. Von Mitte des Jahres an werden die Sendungen zunehmend digital statt analog ausgestrahlt. Ein trickreicher Chip verbessert den Empfang auf allen Geräten, die damit ausgerüstet sind - auch unterwegs, etwa im Auto. Der Klang erreicht dann fast die gewohnte UKW-Qualität, wenn auch vorerst nur in Mono.
Dafür sind Stationen aus aller Welt zu hören, denn die Reichweite der Wellen ist enorm. Ein UKW-Sender strahlt kaum weiter als 100 Kilometer im Umkreis (siehe Grafik); das herkömmliche Radio ist deshalb ein Kirchturm-Medium geblieben, die Sendegebiete sind begrenzt. Die ehedem vernachlässigten Wellenbereiche unterhalb von 30 Megahertz dagegen ermöglichen es, mit wenigen Sendern riesige Flächen zu bestreichen.
Ein weltweites Konsortium von Elektronikfirmen und Radiosendern will den neuen Funk dieses Jahr einführen - unter dem Namen "Digital Radio Mondiale", kurz DRM. Die Deutsche Welle ist dabei und die BBC in London mit ihren vielen Auslandsprogrammen, aber auch Anstalten wie Antenna Hungária oder Radio Canada.
Noch vor kurzem schienen Kurz- und Mittelwelle dem Untergang geweiht. Manche Anstalt hatte ihre Sender mangels Publikum schon abgeschaltet. Nur eine Schar von Liebhabern harrte noch aus an den Empfängern.
Am Weltfunk lieben die Freunde des Knarzens und Rauschens gerade seine Gebrechlichkeit. Dem schwankenden Signal ist der Weg anzumerken, den es hinter sich hat von Radio Taschkent nach Bremen-Vegesack: die Magnetstürme in der äußeren Atmosphäre, die Aktivität der Sonnenflecken, das Gewitter über dem Aralsee - der Kenner hört das alles und seufzt vor Fernweh.
Die digitale Übertragung ist dagegen viel robuster. Treten dennoch Störungen auf, rechnet ein Chip im Empfänger sie heraus, so gut es geht.
Von Juni an sendet die Deutsche Welle mit bereinigtem Wohlklang. Dann geht es auch ums Prinzip. Denn bislang führt der digitale Rundfunk ein trauriges Dasein. Auf UKW gibt es ihn schon, aber kaum jemand will die neue Technik haben. Ihre Verfechter preisen seit Jahren den überragenden Klang, der dort fast CD-Qualität erreicht. Allerdings müssten die Betreiber dafür eigens neue Sender aufstellen. Und die Kundschaft benötigte teure Geräte. Sie findet jedoch, wie sich zeigte, am gewohnten UKW-Klang gar nichts auszusetzen.
Auf Kurz- und Mittelwelle hingegen lockt ein gewaltiger Qualitätssprung. Und die alten Sender lassen sich großteils problemlos nachrüsten.
Ein geeignetes Radiogerät ist auch schon da, gebaut von der Firma Coding Technologies in Nürnberg. Aber der entscheidende DRM-Chip, der aus dem digitalen Signal wieder hörbare Töne errechnet, ist noch nicht billig genug. Die neuen Radios, so das Konsortium, sollten möglichst nur 25 Euro teurer sein als herkömmliche Geräte. Das geht erst, wenn die Chips in großen Mengen produziert werden.
Darum hängt der Erfolg des Digitalradios auch davon ab, ob die großen Flächenstaaten sich anschließen. In Brasilien, China und fast überall in Afrika sind die alten Wellen immer noch wichtig wegen ihrer enormen Reichweite. Nur so lässt sich die Landbevölkerung billig erreichen - andernfalls müssten die Stationen viele tausend UKW-Sendetürme übers Land verteilen.
China beteiligt sich besonders rege am DRM-Konsortium. Seit ein Regierungsvertreter im vergangenen Juli kundgab, die Digitaltechnik solle landesweit Standard für die Wellen unter 30 Megahertz werden, hofft die Szene auf den großen Schub. "Allein in China würden ja dann 12 000 Sender nach und nach umgerüstet", sagt Peter Senger von der Deutschen Welle, Vorsitzender des Konsortiums. Hinzu kommen Millionen Chips für neue Geräte.
Auch in Europa könnten die frisch renovierten Kanäle Nutzer finden. Denn UKW-Frequenzen sind kaum mehr zu ergattern. Mittel- und Kurzwelle aber bieten noch Platz für Geschäftsideen; immerhin ist so der ganze Kontinent billig zu erreichen. Der Münchner Jugendsender Megaradio ist - vorerst in bescheidener Mittelwellenqualität - bereits nahezu bundesweit zu hören. Und die Firma Starlet Media arbeitet an einem deutschsprachigen Fernfahrerkanal.
Was aber wird dann aus den wahren Liebhabern der alten Wellen? Das Glück der Frequenzenjäger war es, wenn sie im sphärischen Rauschen und Knattern eine verwehte Indianerflöte aus den Anden erhaschten. Sie gehen womöglich schweren Zeiten entgegen. MANFRED DWORSCHAK
Von Manfred Dworschak

DER SPIEGEL 5/2003
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