27.01.2003

AUTORENIm Schatten des Erfolgs

Ihr Erzählungsband „Sommerhaus, später“ war 1998 ein Triumph der jungen deutschen Literatur. Für ihre neue Geschichtensammlung „Nichts als Gespenster“ hat sich Judith Hermann über vier Jahre Zeit gelassen. Sie bekam zu spüren, wie früher Ruhm die Schreibarbeit behindern kann.
Einmal auf einer Party sagte ein Mann nach einem langen Gespräch zu ihr: "Weißt du, dass du große Ähnlichkeit hast mit Judith Hermann?" Sie hat nur gelacht. "Das sagt man dir sicher oft?", hat der Mann gefragt. "Ja, das sagt man mir oft."
Mit ihrem Buch "Sommerhaus, später" wurde Judith Hermann Ende der neunziger Jahre so berühmt, dass sie mit sich selbst verwechselt wurde. Am größten war die Verwirrung allerdings für Judith Hermann. Über Nacht galt sie als die talentierteste Nachwuchsautorin der Republik.
Über vier Jahre sind seitdem vergangen. Sie sitzt auf einer roten Polsterbank im Berliner Café Einstein und hält sich mit der linken Hand an der Kante fest. Als sie aus der Karte einen grünen Tee ausgewählt hat, hebt sie den Blick. Das berühmte Judith-Hermann-Gesicht. Der geschwungene Mund, die große Nase, die Augen mit den schweren Brauen. Sie habe lange gebraucht, um sich von der Begeisterung für ihre Person zu erholen, sagt sie. Noch länger, um ein neues Buch zu schreiben.
Nun ist das Buch fertig. Es heißt "Nichts als Gespenster" und ist wieder ein Band mit Erzählungen*. "Auf kein Buch wird so lautstark gewartet wie auf ihr nächstes", schrieb die "Frankfurter Allgemeine" schon im November 2001. Ein lähmendes Lob, die Autorin im Schwitzkasten.
Aus dem Warten auf Judith Hermanns zweites Buch war längst eine Geduldsprobe geworden. Es gab von ihr kaum eine Zeile zu lesen seit ihrem Debütband "Sommerhaus, später", über den Marcel Reich-Ranicki im "Literarischen Quartett" sagte: "Wir haben eine neue Autorin bekommen, eine hervorragende Autorin. Ihr Erfolg wird groß sein."
Der Erfolg war so groß, dass Judith Hermann, 32, sich erdrückt fühlte. "Es war die schrecklichste Zeit meines Lebens", sagt sie. Sofort schwächt sie den Satz ab, nimmt
ihn zurück, denn sie will nicht undankbar erscheinen, und dann findet sie sich selbst unerträglich für dieses Hin und Her und winkt ab. "Ich war selbstbewusster vor dem Erfolg", sagt Judith Hermann. "Heute betrete ich einen Raum mit dem Bedürfnis nach Unauffälligkeit."
Als "Sommerhaus, später" im September 1998 erschien und in einer Berliner Buchhandlung vorgestellt wurde, kamen 25 Leute. "22 Freunde von mir und 3 Freunde von der Buchhändlerin."
Dann kam das Lob im "Literarischen Quartett". Zur nächsten Lesung musste sie durch den Hintereingang gelotst werden, vor der Tür hatten sich Menschentrauben gebildet. "Sie zittern ja", flüsterte ihr der Lektor auf dem Podium zu.
Hinterher hat sie der Verlag "zu einem schicken Italiener" geladen. Es gab Garnelen und Weißwein und Geplauder. An ihrer Seite saß der Berliner Autor Peter Wawerzinek. "So ist es dann übrigens immer", hat er zu ihr gesagt. Sie hat damals nicht begriffen, wie Recht er hat.
Sie ging auf Lesereise quer durch Deutschland und sah sich mit etwas konfrontiert, auf das sie nicht vorbereitet war: mit dem Erfolgsprodukt Judith Hermann. Mit jenem Bild von sich, das auf dem Umschlag von "Sommerhaus, später" zu sehen war, eine melancholisch blickende Frau, theatralisch und traumverloren.
Die Aura dieses Fotos passte zu der Stimmung ihrer Erzählungen und verlieh den Figuren darin ein Gesicht: Denn egal, ob diese Figuren nun die Frau mit dem roten Korallenarmband, Steins große Liebe oder Sonja waren - in den Köpfen der meisten Leser sahen alle Figuren aus wie Judith Hermann.
"Es ist schön, dass Sie hier vor uns sitzen, weil Sie auf dem Foto so aussehen, als wären Sie schon lange tot", habe der Besucher einer Lesung gesagt, berichtet Hermann. Also hat sie versucht, lebendig zu wirken, ganz normale Sätze zu sprechen, real zu sein.
Mit dem berühmten Kunstgeschöpf Judith Hermann musste sie trotzdem leben. Bis zum Erscheinen ihres Debütbands, sagt sie, sei ihr Lebensgefühl davon bestimmt gewesen, "mich möglichst nicht festzulegen".
Aber nun sollte sie plötzlich eine fertige Schriftstellerin sein - "Ich fühlte mich wie eine Hochstaplerin". Wochenlang fuhr sie auf ihrer Lesereise im Zug von Stadt zu Stadt, saß in Hotels und Buchhandlungen, beantwortete die immergleichen Fragen und schrieb kein einziges Wort. Sie hatte das Gefühl, ein neues Buch schreiben zu müssen, zu wollen, aber in ihrem Kopf war ein Vakuum. "Auch wenn man nie von hunderttausend Leuten geliebt werden wollte - wenn man einmal von ihnen geliebt wurde, möchte man sich diese Aufmerksamkeit erhalten." Das ist eine Hürde.
Die Geschichten für "Sommerhaus, später" hatte sie 1997 geschrieben, es waren ihre ersten Erzählungen. Vorher war Judith Hermann mit der Band Poems for Laila als Sängerin aufgetreten und hatte in Berlin eine Journalistenschule besucht. Sie schloss diese Ausbildung ab mit dem Eindruck, "dass mir ohne diesen Beruf auch nichts fehlen würde".
Um der Berufsentscheidung noch ein wenig aus dem Weg zu gehen, reiste sie Mitte der neunziger Jahre für ein paar Monate nach New York. Sie schrieb immer längere Briefe nach Hause, das Bedürfnis zu erzählen war da, ohne dass sie es anfangs bemerkte. Niemand in ihrer Familie ist Künstler, und sie selbst fühlt sich auch nicht so, bis heute. Zurück in Deutschland, fing sie mit dem Geschichtenschreiben an. Einfach so, "bewusstlos", wie sie sagt.
Während alle Welt "Sommerhaus, später" feierte - das Buch hat mittlerweile eine Auflage von mehr als 250 000 erreicht -, wünschte sie sich diese Naivität zurück. Sie wollte heraus aus der Spirale von Erfolg und Erwartung. Keine Lesungen mehr, keine Interviews, nicht mehr im Pelzmantel unter U-Bahn-Brücken herumstehen und sich dabei filmen und interviewen lassen. Sie habe damals ihrer Eitelkeit nachgegeben und ihre Selbstzweifel beruhigen wollen. "So kann ich mich nicht noch einmal verschleißen", sagt sie heute.
Im Herbst 1999 verließ sie Berlin für einen Stipendiumsaufenthalt in Süddeutschland. Sie hatte ihren Computer dabei und wollte schreiben. Bald merkte sie, dass sie schwanger war. Weil sie aber nicht schreiben kann, ohne dabei zu rauchen, hatte sie plötzlich sehr viel Zeit. In den ersten Wochen der Schwangerschaft habe sie angenommen, "dass sich die Welt mit einem Kind in Vollkommenheit schließen würde". Dass sie also auch nie wieder schreiben würde.
Über ihren Sohn Franz, dem ihr neues Buch gewidmet ist, mag sie nicht viel reden. Sie sagt: "Er kam im Sommer 2000 zur Welt." Und dass ihr Bedürfnis zu schreiben doch nicht erloschen gewesen sei. Aber sie fand Abstand zum Literaturbetrieb durch Franz. Eine Distanz, die den Druck von ihr nahm und ihr Augenblicke jener früheren Bewusstlosigkeit bescherte. Das habe sie manchmal geradezu glücklich gemacht.
In ihrem Kopf waren Sätze, die sie in den zurückliegenden Jahren irgendwann irgendwo gehört hatte und die haften geblieben waren. Sätze, an denen sich ihr Erzählen nun entzünden konnte. Verraten will sie diese Sätze nicht. Nur so habe sie das Gefühl, ihre Geschichten gehörten weiterhin ihr allein, auch wenn Hunderttausende sie läsen.
Im Herbst 2001, mitten in der Arbeit am neuen Buch, erhielt Judith Hermann den Kleist-Preis. Zu diesem Zeitpunkt empfand sie das als "ungeheure Zumutung". In der Dankesrede sagte sie, sie wolle versuchen, sich "zu retten und diese Ehrung über die Maßen für dieses kleine Strandbuch ... vor allem als eine Huldigung an das Zufällige nehmen".
Sie hatte Angst, dass der Preis das Schreiben wieder schwerer machen würde, sie herausreißen könnte aus ihrer Abgeschiedenheit. "Ist das nicht alles nur eine krüppelige, verwahrloste Wiederholung von ,Sommerhaus, später''?", hat sie sich immer wieder gefragt. Judith Hermann war ihr eigener überlebensgroßer Maßstab: Sie musste so gut sein wie Judith Hermann. Sie ist so gut wie Judith Hermann.
Die neuen Erzählungen sind länger, und die Welt, in der sie spielen, ist größer geworden. Wieder sind es Liebesgeschichten, aber diesmal lungern die Figuren nicht in Berlin und Umgebung umher, sondern gehen auf Reisen. Nach Island und nach Prag, nach Venedig und Nevada, nach Paris, Karlsbad und Tromsø. Vielleicht, weil es den Menschen unterwegs noch leichter fällt, einander zu verpassen.
Gleich die erste Geschichte "Ruth (Freundinnen)" entfaltet wieder jenen Zauber, der charakteristisch ist für ihr Erzählen, diesen melancholischen Schwebezustand zwischen Versuchung und Verzweiflung. "Versprich mir, dass du niemals etwas mit ihm anfangen wirst", sagt eine Schauspielerin zu ihrer besten Freundin. Aber die Frau fängt etwas mit ihm an. Nachher sitzt sie auf einer Schaukel und denkt an die zurückliegende Nacht, die bei ihr ein schales Gefühl hinterlassen hat. Wie gern würde sie ihrer Freundin davon erzählen. Aber das wird niemals möglich sein. Ihre Freundschaft ist von nun an eine andere.
Die Erzählerin bewertet das Handeln ihrer Figuren nicht. Schonungslos beschreibt sie deren Schwächen und Sehnsüchte. Und je stärker sich die Figuren darin verstricken, desto näher rückt Hermann an sie heran. Die Geschichten steuern präzise auf jenen Punkt zu, an dem eine Beziehung auseinander bricht oder sich für immer verändert. In "Aqua Alta" etwa reist eine junge Frau nach Venedig, um dort mit den Eltern ihren 30.Geburtstag zu feiern und das Gefühl der Geborgenheit zu genießen. Erst wollen die Eltern die Tochter rätselhafterweise nicht in ihr Hotel lassen, und dann belästigt ein Venezianer sie auf der Rialtobrücke - er steckt seine Hand in ihre Hose. Als die Tochter ihre Eltern am nächsten Tag im Café trifft, sitzt jener Mann am Nebentisch. Diesmal hat er die Hand in seiner Hose und onaniert. Die Eltern bemerken nichts. Bald darauf reist die Frau ab.
Von dieser Verlorenheit kann Hermann völlig schwerelos erzählen. Ihre Sätze sind klar und biegsam und niemals zu laut. Sie kann das Schweigen in Worte fassen, das Nicht-Gesagte spürbar machen. Dieses scheinbar instinktive, bewusst "bewusstlose" Erzählen ist völlig bei sich.
So überzeugend wie keine andere deutsche Schriftstellerin beschreibt sie, mit welcher Hingabe ihre Generation sich verschwendet und zerstreut.
Sie selbst sagt über das neue Buch, dass ihr darin die Helden abhanden gekommen seien. Die Protagonisten seien weniger cool und viel verletzlicher als in ihrem ersten Buch. Tatsächlich gibt es jetzt, anders als in ihrem Debütband, niemanden mehr, der einfach geht, weil er nicht damit leben kann, dass die Liebe am Leben Maß nimmt.
Vor vier Jahren hat sie noch geglaubt, dass man sich vor wichtigen Entscheidungen am besten durch Flucht retten könne. Heute würde sie einen Satz wie "Das Glück ist immer der Moment davor" nicht mehr schreiben. Was ist das Glück dann? "Vielleicht hinzunehmen, dass etwas vorübergehen wird - und es trotzdem zu genießen."
Sie trägt einen schwarzen Nickipullover mit Kapuze, draußen wird es dunkel. Judith Hermann mag die Dunkelheit, den Rückzug, den sie ermöglicht. Deshalb hat sie sich in Island so wohl gefühlt. Sechs Winterwochen lang war sie dort als Stipendiatin. Sechs Wochen für das Buch, sechs Wochen ohne ihren Sohn, der bei seinem Vater in Berlin geblieben war. "Es war das stärkste und außergewöhnlichste Gefühl des Vermissens, das ich je erlebt habe."
Sie wird ausgehen heute Abend, Freunde treffen aus jenem Freundeskreis, in dem alle ihre Geschichten ihren Ursprung nehmen. 20 Freunde - "eine Wunscherfüllung" sei diese Gemeinschaft und ein Halt.
Sie wird in einer Bar sitzen und für eine Nacht den wieder beginnenden Rummel um ihre Person vergessen. Ja, sie fürchtet sich vor den Kritiken, davor, was die vielen Meinungen und Urteile in ihrem Kopf bewirken werden. "Auch wenn der Erfolg weniger glücklich macht, als ich dachte - der Misserfolg kann trotzdem unglücklich machen."
Sie erzählt von einem Kollegen, der sie neulich gefragt hat, wie sie so blöde sein konnte, ein zweites Buch zu schreiben. Sie hätte doch die Chance gehabt, mit einem einzigen Band Erzählungen in die Literaturgeschichte einzugehen. Ihre Antwort: "Ich wollte es mir beweisen." Sie finde das allerdings nicht sehr symphatisch an sich.
Ein einziges Mal hat sie Reich-Ranicki persönlich getroffen, zum Kaffeetrinken. Er kam mit seiner Frau, Monika Maron war auch dabei. Er legte seine Hand auf ihren Unterarm und sagte zur Kellnerin: "Das Kind nimmt eine heiße Schokolade mit Sahne." Sie hat sie getrunken. Sie trinkt sonst nie Schokolade. Er hat sie gefragt, was sie schätze, welche Literatur, welche Musik. Ob sie Kinder wolle. Nein, hat sie damals gesagt. Das ist gut, habe er gemeint - mit einem Kind würde eine Autorin kaum noch etwas zu Stande bringen.
Wenn sie heute Nacht nach Hause kommt, "vielleicht ein bisschen glücklich, vielleicht ein bisschen zerschlagen", dann wird sie sehr froh sein, in eine Wohnung zu kommen, in der ihr Sohn schläft.
CLAUDIA VOIGT
* Judith Hermann: "Nichts als Gespenster". S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main; 320 Seiten; 17,90 Euro. Ab 31. Januar im Handel.
Von Claudia Voigt

DER SPIEGEL 5/2003
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