27.01.2003

DEBATTEDIE VERFÜHRUNG ZUR FREIHEIT

Der Erste war bekanntlich Zeus. Er trug sie herüber, die schöne Prinzessin, in der typischen Macho-Gestalt eines Stiers. Die Namensgeberin des uns gemeinsamen Kontinents, er kaperte sie an Phöniziens Gestaden, jenem Küstenstrich, in den sich heute Syrien und der Libanon teilen. Mit anderen Worten, das Mädchen war nicht nur Trophäe, erotische Beute, geraubte Gespielin des jungen Bullen. Die Schöne kam von der anderen Seite, vom gegenüberliegenden Meeresufer - aus dem Morgenland. Ihre Heimat lag am äußersten Westrand desjenigen Erdteils, den man seither als Asien kennt.
Hören wir, wie der Mythos ihrer Entführung in Ovids eleganter Version aus den "Metamorphosen" klingt. "Und wen sie beschwert da, nicht ahnend / Wagt sich die Königsmaid auf den Rücken des Stieres zu setzen. / Plötzlich der Gott lenkt den Schritt seiner täuschenden Füße / Fort vom trockenen Ufer, vom Land in die vordersten Wellen." Drüben angekommen, davon schweigt Ovid sich aus, tat der Gott mit ihr, was er am allerliebsten tat, und überließ sie dann ihrem weiteren Schicksal. Es sei dahingestellt, ob der jungen Dame die Nominierung zum Playmate eines ganzen Kontinents ausreichend Trost war für Entführung, Vergewaltigung und schließlich ein Leben im Exil. Fest steht nur, dass ihr Fall eine überraschende Wende nahm, die zum Musterbeispiel dafür wurde, wie man Markenzeichen lanciert. Selten war ein Mädchenname so folgenreich. So unergründlich auch, folgt man den Philologen, der Zusammenhang zwischen der Königstochter und der schließlichen Benennung des Erdteils nach ihr ist, es bleibt dabei. Sie gab den Rufnamen her, der uns bis heute das Erkennungswort liefert, der so länderübergreifend und regionenumfassend gilt, dass er im Weltatlas eine eigene Rubrik einnimmt. Und neuerdings bezeichnen wir sogar die gemeinsame Geldwährung nach ihm.
Damals, in frischer Erinnerung an den peinlichen Akt, war zunächst nur das unmittelbare griechische Festland gemeint, im Gegensatz zu den windigen Inseln im Mittelmeer. Erst später ging der Name auf ganz Hellas über, bevor er zum Synonym wurde für die gesamte Landmasse, die sich heute zwischen dem Peloponnes im Süden und Lappland in Norden erstreckt, zwischen den Aran-Inseln Irlands und jenem schwer umkämpften Kilometerstein an den Ufern der Wolga im tiefsten Russland. Anfangs war der Name weit entfernt davon, so groß zu sein wie heute der ganze Erdteil. Es brauchte erst äußeren Druck, um seinen Geltungsbereich zu erweitern. Doch kaum war der Angreifer in die Wüste zurückgeschickt, aus der er gekommen war, ging es zum ersten Mal in die Breite, das schöne Barbarenweib. Das neue Raumgefühl entsprach den schwellenden Körperformen, wie eine Schwangerschaft sie mit sich bringt. Das künftige Selbstbewusstsein wuchs mit der geografischen Distanz zum Geburtsort.
Noch einmal: Nach heutigen Maßstäben betrachtet, war Europa eigentlich eine Orientalin. Das ist in mehr als nur einer Hinsicht merkwürdig. Nicht nur, dass sie dem Exil, in das der Götterwüstling sie verschleppte, ihren eigenen Namen gab, der noch heute seine Gültigkeit hat; sie brannte ihm damit zugleich für alle Zeiten auch den Stempel ihrer Herkunft auf. Erklärt dies vielleicht jene besondere Erregung, in den tiefsten Tiefen der kollektiven Psyche, mit der die Kavaliere, die ihrem Mutterboden entsprangen, ihr fortan den Hof machen sollten? "Cherchez la femme". Vielleicht nicht hinter allen, doch hinter vielen der Raubzüge, die diesen ungestümen Kontinent später bewegten, steckt jene Frau, die ihm den Rufnamen gab. Angefangen mit den Griechen, dem einzigen Völkchen der Weltgeschichte, das aus seinen Mythen den doppelten Mehrwert zog, den von Philosophie und den von Poesie (in Gestalt von Tragödie wie individuellem Gedicht), über die Römer, ihre natürlichen Erben und ersten Ordnungshüter des Erdteils, bis zu der farbenfrohen Turnierrunde aus Nationen, die sich am Ausgang des Mittelalters formierte, war diese Brautwerbung die allerblutigste Angelegenheit gewesen. In den vorchristlichen Jahrhunderten bestand sie hauptsächlich aus Abwehrschlachten. Mehrmals drohte Europa vom Osten her verschlungen zu werden, ein Alptraum, den seine jungen Beschützer lange nicht verwinden konnten. Immer waren da aus den unerforschlichen Tiefen des Raumes irgendwelche streitbaren Assyrer und Perser, Mongolen und Hunnen aufgetaucht, schnell wie der Wind mit ihren Pferden und Sichelwagen - es hätte nicht viel gefehlt, und die zarten zivilisatorischen Keime auf Europas Boden wären zertrampelt worden von diesen Despotentruppen und Nomadenheeren. Die anmutige Schöne wäre ihren Liebhabern gewissermaßen wieder abgejagt und heimgeholt worden, hätte nicht jedes Mal die kleine Völkerschar selbstbewusster Galane, zahlenmäßig hoffnungslos unterlegen, das Blatt für sich wenden können im letzten Augenblick. Jedes Mal geschah etwas, das - wie im Fall des Seesieges bei Salamis - an ein Wunder grenzte und tatsächlich so etwas schuf wie einen besonderen historischen Nimbus.
Worin besteht der? Mag sein, es handelt sich, ganz ihrem Gegenstand entsprechend, um eine bloße Fata Morgana, so ist doch immerhin auffällig, wie zäh diese Luftspiegelung auf dem europäischen Boden sich hält. Gemeint ist dieses zauberhaft viel versprechende Gemisch, zunächst nur eine Ahnung, aus geistiger Abenteuersucht und einem beinah erotischen Hang zu persönlicher Freiheit. Es scheint darin, so flüchtig und ungefähr die Vorstellung auch ist, eine gesamteuropäische Grundströmung zu liegen. Man kann es auch existenzielle Neugier nennen oder geistiges Draufgängertum, der Formeln sind viele. Sie alle laufen zusammen in einem bestimmten imaginären Punkt, von dem aus das kulturelle Leben dieses vielschichtigen und vielgesichtigen Kontinents, quasi in Fortführung seiner geologischen Vorgeschichte, sich immer wieder erneuern konnte. Noch jeder totalen Verfinsterung folgte hier eine Renaissance, jedem Hieronymus-Bosch-Inferno ein Botticelli-Frühling. Diese Verführung zur Freiheit, diese charitische Leichtigkeit und Heiterkeit im Beginnen, wie sie, noch in den schlimmsten Katastrophen, lebendig blieb, ist eine Eigenschaft, die man beim Einzelnen zutreffend Charme nennt und im Geschlechterzusammenleben Galanterie. Und wieder scheint es, als hätte Altgriechenland hier ein für alle Mal den Maßstab gesetzt. Zumindest die Worte - der alte Goethe hat sie in einer visionären Aufwallung "Urworte" genannt - und erst recht die zugehörigen Vorstellungen sind uns von dort her überkommen. Den Chariten, jenen Göttinnen der Anmut, verdankte Europa bis gestern seinen Wesenskern, das Charisma seiner verschiedenen Kulturen, den Charme seiner besten Eingeborenen. Noch einmal: In jener unermüdlichen Klarsicht, der Fähigkeit und dem Willen, zu begreifen und zu gestalten, in diesem tapferen Anlaufnehmen steckt sein besonderes, alle übrigen Weltteile mitreißendes Vermögen, von dem wir mittlerweile schmerzhaft erfahren mussten, dass es sich im Guten wie im Bösen offenbaren konnte, Gott sei''s geklagt. Der unerhörten geistigen Spannung, wie sie den Morgen Europas auszeichnete, die Jahrhunderte von - sagen wir, Sappho bis Ausonius, war wie aus dem Meeresschaum jenes Individuum entstiegen, das wir seither als Zentrum der Kreativität kennen. Und so oft seine Namen (und Eigenschaften) später auch wechseln sollten, es kam doch, in dieser trugbildartigen Erscheinung, aus ein und demselben Kreis von Entführern und Verführern.
Wenn es stimmt, dass eine Frau erst so recht dank ihrer Liebhaber erblüht, dann war Europa in der glücklichsten Position. Jahrhundertelang war sie begehrt, in der raffgierigsten, militantesten, schäbigsten Art gleichermaßen wie in der am höchsten verfeinerten Umgangsform. Dabei war sie es gewesen, die ihre
Bewerber erst Manieren lehrte. Diese jungen Männer, auf Bildern venezianischer und florentinischer Meister sieht man sie manchmal lässig an eine Säule gelehnt, in ihren Strumpfhosen, Schnabelschuhen und plissierten Samtröcken. Vor oder nach der Jagd, die Armbrust lässig geschultert, mit gewinnendem Lächeln auf den Lippen, lungern sie am Rand der Piazza herum, diese munteren Gecken, Zaungäste einer düsteren Prozession, gelangweilte Zeugen irgendeines Martyriums. Allesamt Frauenverehrer, sind sie es in ihrer "sprezzatura" - oder "coolness", wie man heute sagt, die Europa, mit ihrem Schönheitssinn bewaffnet, den Hof machten.
Ausgerechnet sie? Zugegeben, sie waren nur ausnahmsweise Moralisten. Baldassare Castigliones noble Dialoge über den idealen Edelmann galten ihnen mehr als Pico della Mirandolas universelle Überlegungen zur Würde des Menschen. Und doch war in ihnen, wenngleich modisch verpackt, jener menschliche Mikrokosmos entfaltet, in dem der eine, sehr elitär, die Blüte der Kultur, der andere den Sinn aller Schöpfung erblickte. Denn mit dem Liebhaber war, im Lateinischen, vieles gemeint: der Minnesänger, der Studiosus und Freund philosophischer Gedanken wie auch der Diener eines Kults, in dem sich die sublimsten Qualitäten des Gesellschaftslebens vereinten.
Dies also war er, der eu-ropäische Mensch, der seinen Stolz auf den italienischen Tafelbildern zur Schau trug. Man begegnet ihm überall, in wechselnden Gestalten, auf den Streifzügen durch die Museen und Bibliotheken, jenem Typus von Adoranten mit seiner keck auf die Stirn geschriebenen Erobererlust, dem Erkennungszeichen aller Europa-Schwärmer. Gewiss, im Laufe der Zeiten machte er mancherlei Wandlungen durch. Nach dem römischen Legionär war es der Christ, der als Wandermönch zuerst die Größe des Kontinents am eigenen Leib erfuhr. Ihm folgte der Söldner im Dienst verschiedener Mächte, dann der Reisende auf seiner "grand tour", der Landvermesser, der Entrepreneur mit der Fratze des Kolonialisten und Geostrategen. Schließlich sah man ihn im Porträt des bärtigen Theorielöwen aus dem 19. Jahrhundert, in dessen Lebenswerk, unwiederbringlich, das alte Europa zum letzten Mal kulminierte. In jedem von ihnen lebte, glühend und aktuell, etwas vom Ursprungsmythos, das nicht mehr vergehen konnte.
Wie gesagt, mag das Ganze nach zweitausend Jahren Gewöhnung auch kaum mehr sein als eine Phantasmagorie, jeder, der hier geboren wurde und über den Tellerrand blickte, hat es auf diese und jene Weise, und sei es nurmehr in einsamer Lektüre, kennen gelernt und kann es nun nicht mehr vergessen. Ich spreche von dem Verlangen nach persönlicher Autonomie, das für die einen Erfahrung geworden ist, während es für die anderen ein Leben lang unerfüllbare Sehnsucht blieb. Dies war, mit einem Ausdruck, der Mythos und Reklame vereint, der Nimbuseffekt Europas. Er springt, so wenig auch heute noch davon übrig sein mag, aus solchen Epochenbegriffen wie Aufklärung und Humanismus.
Man kann sich nun fragen: Was hat das alles mit jener Jungfrau aus dem Morgenland zu tun? Nun, so viel ist klar: Der Mythos, wie ihn die Griechen uns überlieferten, die Stiftungslegende unserer territorialen Identität, handelt nicht nur von einer Gewalttat, sondern auch von einem historisch einmaligen Reifeprozess, von Großzügigkeit, Selbstbestimmung und Toleranz. Zeus kompensierte gewissermaßen, was er durch seine unersättliche sexuelle Gier anrichtete, und lieferte damit das Vorbild für jene typische europäische Dynamik, wie sie der Philosoph Hegel den Geschichtsgläubigen später unter der Reklameformel vom Weltgeist schmackhaft machte.
Zugegeben, es bleibt ein seltsamer Einfall, einen ganzen Kontinent nach einer nackten Frau zu benennen. Er sagt einiges aus über das Subjekt der Geschichte - in der Regel ist es männlich. Erst die Tatsache, dass man sie, Zeus folgend, als Sexualobjekt betrachtete, erklärt die Gewalt, die der Kampf um ihren Besitz in den Bewerbern entfesselte. Erobert wird, was als fruchtbar und Lust versprechend gilt, und der Minnesang geht der Landnahme voraus. Dass Europa umgekehrt ihr Schicksal in die eigene Hand nehmen könnte, war eine Pointe, mit der erst spätere Zeiten aufwarten sollten. Nicht Abgrenzung um jeden Preis, im Gegenteil, listige Neugier auf das vollkommen Fremde, war der Trieb, der dem räuberischen Gründungsakt zu Grunde lag. Allerdings war es ein langer Weg, mit immer neuen Rückfällen in den übelsten Patriotismus (der nach Goethe bekanntlich die Geschichte verdirbt), bis daraus völkerrechtliche Verbindlichkeit wurde, nationale Selbstdisziplin, mit einem Wort: echte Courtoisie.
Von Ossip Mandelstam, dem russischen Dichter, einem der Troubadoure Europas, stammt die bedeutende Zeile: "O ihr, Europas zarte Hände, nehmt euch - alles!" Sein Gedicht, im Jahre 1922 entstanden, beschreibt den Frauenraub als brausende Meerfahrt mit Rad schlagenden Delfinen und einer grünen, wild aufgepeitschten See. Erstaunlicherweise erscheint bei ihm die Prinzessin auf dem Rücken des Stiers sogleich in ihrer Doppelrolle - einerseits Entführungsopfer, andererseits fügsame Trophäe, die als Joch den Hals des Schwerenöters mehr umschlingt, als dass sie ihn bedrückt.
Die Zerrissenheit ist von Anfang an da, und das Gedicht bezieht seine Spannung daraus, dass es auf eine Ambivalenz verweist, die sich seither niemals verlor, in keinem der Stadien im Zivilisationsprozess dieses Erdteils. Sie prägte, als Trauma wie als Versprechen, seine historische Zukunft. Das Gedicht beginnt mit einer Augenblicksaufnahme des Gottes in Tiergestalt. "Den rosa Schaum der Müdigkeit auf weichen Lippen / Bricht dieser Stier es schnaubend um, das grüne Meer, / Nicht Ruderschläge, nein, die Frauen liebt er - / Die Last ist ungewohnt, und seine Mühe schwer."
Nicht zufällig übrigens war sein Verfasser Russe. Im Moment der Niederschrift, so viel ist sicher, im Jahre fünf der so genannten Oktoberrevolution, war er weiter denn je entfernt von seinem Ideal einer Weltkultur auf europäischem Boden. Mit der Hellsicht des Enttäuschten, des Ausgeschlossenen, erkannte er als einer der Ersten, was sich damals im Osten vollzog. Das sozialistische Staatsschiff legte ab vom europäischen Ufer. Im 20. Jahrhundert war es endgültig um die geliebte Einheit geschehen. Hier sprach ein Verlassener, und er sah, was damals nur wenige sahen: Der europäische Mensch war der antiquierte Mensch par excellence. Das große Schisma, die Entfremdung des Ostens von Europa, war das Ergebnis eines Titanenkampfs, jenes von Hitler und Stalin, der beiden antieuropäischen Rivalen. Jeder auf seine Weise zerstörten sie die gemeinsamen Grundlagen. Der eine mit seiner fixen Idee von einem Paneuropa unter germanischer Führung, der andere mit seiner als Sozialismus getarnten assyrischen Despotie. Das Ergebnis war jene Nachkriegswelt, in die fast alle von uns Heutigen hineingeboren wurden: hier der Westen, die europäisch-amerikanische Zivilisation, und dort der Osten, ein Völkergefängnis, das unterm sowjetischen Einfluss allmählich zum Eisblock gefror. Doch vielleicht hatte die Ost-West-Teilung, diese schwerste Prüfung des alten Europa zuletzt auch ihr Gutes. Ich spreche von einem Paradox. Nicht nur, dass dieser Kontinent in den Zeiten des Krieges oftmals über sich selbst hinauswuchs, um dann sogleich wieder einzuschrumpfen und bescheiden zu werden; nein, langfristig hat Krieg, der Völkerspalter, sich auch als Völkerverbinder erwiesen. Der Dreißigjährige Krieg, das napoleonische Zeitalter, der Erste und der Zweite Weltkrieg, alle haben diese Erde gründlich umgegraben und aufgemischt. Hinterher wussten die Krieg führenden Nationen stets mehr voneinander als vorher. Hinter dem Bruderzwist erschien, was Mandelstam das Ganze nannte als eine moralische Persönlichkeit, die Heraufkunft des gleichsam auf eine Mutter bezogenen europäischen Bewusstseins. Am Ende jedes der mörderischen Eifersuchtskämpfe war die Isolation stückweise durchbrochen, das Flickwerk der Grenzen überflüssiger, die Verständigung untereinander um ein weniges leichter geworden.
Und damit möchte ich ohne Umschweife bekennen, dass auch ich mich zu den Liebhabern Europas zähle. Das will etwas heißen, da ich mich ansonsten nicht so leicht zugehörig fühle. Europa, das war für einen wie mich bis vor kurzem die Chiffre für das Unerreichbare schlechthin. Ich gestehe, dass mich der bloße Klang des Wortes immer ein wenig feierlich stimmte. Zu spät für Europa geboren oder zu früh, blieb mir zuletzt nur sein Mythos. Ich bin einer von diesen, im universellen Sinne, Heimatlosen, die von dem alten Europa nurmehr die Trümmer vorfanden, ruinierte Orte wie meine Geburtsstadt Dresden, und von dem neuen nichts als die abweisenden Fassaden der Brüsseler Bürokratie. Und doch habe ich mich immer als Eingeborener dieses Kontinents betrachtet. Ich erwähne das, weil es auch andere gab, weil ich als Teil einer Bevölkerung aufwuchs, die eine Mauer vergessen gemacht hatte, dass sie irgendwann einmal europäisch war. Was sollte man tun, wenn einem das Herz für Europa schlug? Man kompensierte, wohl oder übel, den Verlust und gab sich im Alltag des sozialistischen Lagerlebens zufrieden mit dem, was Nietzsche Fernstenliebe genannt hat. Und so groß war diese Liebe, dass sie mich auch nachher noch weit hinaus trug über den provisorischen Zustand der deutschen Einheit. Reisen bildet, sagt man, manchmal aber kommt es auch einer Wurzelbehandlung gleich. Heute erst fühle ich mich, nach mehreren Amerika-Besuchen, wieder als frisch gebackener Europäer. So geht einem die Lieblichkeit der Lagunenstadt Venedig erst so richtig auf, nachdem man etwa Las Vegas gesehen hat, die aufgedonnerte Hure unter den Städten der Neuen Welt. Es waren die Dichter, Leute wie Ovid oder Mandelstam, die Europa - unter immer anderen Namen - im Lauf der Jahrhunderte ihre Liebe gestanden, jeder auf seine, dem historischen Zustand des Kontinents entsprechende Weise. Für den einen war es, was rings um Athen sich ausdehnte, überstrahlt von der Akropolis, für den anderen, verbannt unter die Skythen ans Schwarze Meer, das ewige Rom, Zentrum eines zerfallenden Imperiums, und für den Letzten in ihrer Reihe schlicht die Sehnsucht nach Weltkultur.
Lassen Sie mich mit einer Bitte schließen. Wenn Sie das nächste Mal nach Griechenland kommen, werfen Sie einen Blick in Ihre Geldbörse. Möglicherweise hat die Staatsbank des südlichsten europäischen Landes Ihnen ein Geschenk gemacht. Legen sie eine dieser Zwei-Euro-Münzen auf Ihren Handteller, achten Sie nicht so sehr auf ihren Nennwert, sondern drehen Sie sie, meinetwegen auch aus Sparsamkeitsgründen, um und betrachten Sie das ihr aufgeprägte Motiv. Sie werden dort eine bekannte Figurengruppe erblicken - die zarte Erscheinung einer schlanken, langbeinigen Frau. Nach Damenart sitzt sie, den Kopf Ihnen zugewandt, auf dem Rücken eines vorwärtsstürmenden Stiers.
* Seeschlacht bei Salamis, 480 vor Christus (Holzstich aus dem 19. Jahrhundert).
Von Durs Grünbein

DER SPIEGEL 5/2003
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