27.01.2003

FILMDer unschuldige Schwindler

Steven Spielberg, der Moralist, überrascht mit einer Gaunerkomödie - natürlich einer mora- lischen: „Catch Me If You Can“.
Die Welt, die sich hier auftut, wirkt wie frisch gestrichen. Schon die swingende kleine Ouvertüre zum anmutig altmodischen Titel-Vorspann mit tänzelnden Silhouetten (von Olivier Kuntzel und Florence Deygas) signalisiert mit aller Verführungslust: Hoppla, hier gibt's Unschuld, Leichtsinn, gute Laune! Und schon geht es mit Schwung hinein in die Abenteuer des Wunderknaben Frank Abagnale Jr., der als Hochstapler und Meisterschwindler in Amerikas Swinging Sixties seinen Verfolgern vom FBI Mal um Mal ein Schnippchen schlug.
Was für eine Erholung. Da hatte sich Steven Spielberg mit aller Verbohrtheit in die kalte, alptraumhafte Unterwelt des totalitären Überwachungssystems von "Minority Report" hineingeschafft, die er seinem Publikum dann doch nicht ohne die süßliche Simulation eines Märchenendes zumuten mochte - und nun, verblüffend rasch danach, jongliert er leichthändig mit den Bauteilen einer klassischen Gaunerjagdkomödie und den farbenfrohen Spielsachen des Sechziger-Jahre-Kinos, um einen Kunst-Schwindel der Luxusklasse auf die Leinwand zu zaubern.
Natürlich beginnt der Schwindel schon mit der nostalgischen Suggestion, die sechziger Jahre seien eine Zeit der Unschuld gewesen, in der man auch einem minderjährigen Hochstapler einen Unschuldsbonus zubilligen durfte, und in dieser unschuldigen Vor-68er-Zeit habe selbst das FBI nichts Gravierenderes zu tun gehabt als die Bildung einer Spezialeinheit zur Jagd auf diesen Windbeutel. Der flog mit Vorliebe in der schicken Uniform eines Pan-Am-Co-Piloten in der großen weiten Welt herum und kassierte Millionen mit falschen Schecks, war zwischendurch aber auch ein Jahr lang mit falschen Papieren als Arzt in einem Krankenhaus in Atlanta und neun Monate lang als Jurist mit Harvard-Diplom bei der Staatsanwaltschaft in New Orleans tätig.
Wahr ist, dass der Zeitgeist jener Jahre von einem betont jungenhaften und leicht hochstaplerischen Blender geprägt wurde, der sich sowohl mit einer Tapferkeitsmedaille als auch mit einem Pulitzerpreis für Verdienste auszeichnen ließ, die nicht so ganz seine eigenen waren: Er war in der Folge zum Präsidenten der USA aufgestiegen.
Spielbergs junger Kinoheld Frank Abagnale Jr. hat Schulschwierigkeiten, wird als 16-Jähriger durch die Scheidung seiner heiß geliebten Eltern seelisch aus der Bahn geworfen, taucht unter und verfolgt durch fünf Gaunerjahre die Idee, mit genug Geld wäre eine Versöhnung von Papa und Mama zu stiften. Vielleicht gleicht er weniger dem wirklichen Frank Abagnale Jr. als dem nahezu gleichaltrigen Steven Spielberg, der unter seinen Schulkameraden litt, von der Trennung der Eltern schmerzlich getroffen wurde und sich als kleiner Gernegroß hochstaplerisch in einem leer stehenden Büro der Filmfirma Universal etablierte. Beide begannen ihre Selbst-Fälschung beim Geburtsdatum.
Vielleicht hat diese geheime Affinität mehr als sonst etwas den allmächtigsten Filmemacher der Welt motiviert, diese amüsante, elegante kleine Ganovenstory einen großen Film wert zu finden - denn vielleicht ist der große Spielberg in seiner Eigenschaft als verantwortungsbewusster Familienvater und Staatsbürger und im Angesicht der Ewigkeit nie ganz den Verdacht losgeworden, an der ganzen Filmemacherei hafte doch ein zarter Makel der Unseriosität, ein Schein von Schwindel.
Natürlich kitzelt Spielberg ein Maximum an komödiantischem Vergnügen aus seinen Stars Leonardo DiCaprio als Superschwindler und Tom Hanks als Superspürhund vom FBI heraus, und natürlich gönnt er - nach Lust so ungeniert satirisch wie ungeniert sentimental - seinem Publikum den vollen Genuss der Komplizenschaft und das diebische Vergnügen an Abagnales Bravournummern: Da wird die Gaunerei als schöne Kunst betrachtet.
Und doch ist "Catch Me If You Can" - gemessen an der Frivolität der Sechziger-Jahre-Komödien - ein familienväterlich-staatsbürgerlich moralischer Film. Dafür wird dem Publikum ein überlanges Läuterungsfinale beschert. Und die Vater-Mutter-Kind-Thematik käme mehr als penetrant daher, wären da nicht Nathalie Baye (für Spielberg ein verehrtes Truffaut-Idol) als köstlich kokette, kettenrauchende Mama und neben ihr als Papa, der sie als Kriegsbeute aus Frankreich mitgebracht hat, der zuverlässig abgründige Christopher Walken, der den glücklosen Aufschneider Frank Abagnale Sr. so tragisch spielen darf, als wäre er Arthur Millers Handlungsreisender in Person.
Der wirkliche Frank Abagnale Jr., der sich kurz nach dem 16. Geburtstag aus der Sichtweite seiner Eltern davongemacht hatte und nie wieder von sich hören ließ, bis er nach fünf Jahren im Knast landete, hat einen einzigen elementaren Antrieb für all seine Schwindeleien genannt: seine früh entwickelte Unersättlichkeit im Verführen und Verwöhnen von Frauen. Er hat nie getan, als könnte er fliegen, doch als Pseudo-Pilot eroberte er sich ein Universum voller hübscher, mobiler, allerorten verfügbarer Frauen - der Stewardessen.
Frank Abagnale Jr. hat die Filmrechte an seinem Leben schon Ende der siebziger Jahre ohne Mitsprache oder Gewinnbeteiligung verkauft, und Steven Spielberg wollte sich bei der Entwicklung seiner Kinofigur nicht durch eine Begegnung mit diesem wirklichen, nun längst als Dokumentenfälschungs- und Datensicherheitsexperte erfolgreichen Abagnale irritieren lassen. Doch als der fertige Film Abagnale gezeigt wurde, der inzwischen als "wiedergeborener Christ" für Law, Order und Monogamie eintritt, fand der alles erstaunlich "real" und "perfekt": "Es war, als würde ich meine Eltern auf der Leinwand wiedersehen." Offenbar ist auch er immer noch ein Schwindler und einer, der weiß, worauf es ankommt. URS JENNY
Von Urs Jenny

DER SPIEGEL 5/2003
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