27.01.2003

„Musik ist wie die Liebe“

Der russische Pianist Jewgenij Kissin über seine Weltkarriere, sein Leben im Familienclan und seine heimliche Leidenschaft für Dichtung
SPIEGEL: Mr. Kissin, Sie haben als frühreifes Kind einen Siegeszug erlebt. Rasch waren Sie, auch dank der Hilfe Herbert von Karajans, international bekannt und gefeiert. Inzwischen haben Sie sich weiterentwickelt, aber das Wunderkind-Image haftet Ihnen trotzdem an. Stört Sie das?
Kissin: Nicht wirklich. Natürlich bin ich kein Junge mehr - obwohl ich mich sehr jung fühle, jünger als meine 31. Wissen Sie: Selbst ganz am Anfang erklärten viele Musiker, ich sei eigentlich kein Wunderkind. So nennt man gewöhnlich Kinder ganz anderer Art - technisch brillant, aber künstlerisch meist eher flach. Ich dagegen war in den Augen der anderen ein reifer Interpret, und das mit weniger als zehn Jahren.
SPIEGEL: Die Russen feiern ja gern mal einen Landsmann ...
Kissin: Das war bei mir anders. Ausländische Musikkenner sagten dasselbe, auch einige nicht russische Jurymitglieder, als ich 1984 bei der Eröffnung des Tschaikowski-Wettbewerbs in Moskau teilnehmen durfte. Mir scheint im Übrigen: Da wir länger leben als unsere Vorfahren - wohl auch weil der Westen eine entwickelte, stabile Gesellschaft ist -, reifen die Menschen viel später als in früheren Zeitaltern. Ich bin jetzt so alt wie Schubert bei seinem Tod. Vier Jahre nur, und ich habe die Lebensspanne von Mozart erreicht. Heute, wo das Leben länger dauert, nehmen wir unser eigenes Alter anders wahr.
SPIEGEL: Nun gut, aber Sie selbst haben ja wirklich keine Zeit verloren.
Kissin: Mit elf Monaten soll ich meiner Schwester beim Klavierüben zugehört und auf einmal die Melodie gesungen haben. Es gibt sogar private Tonbänder, die nur wenige Monate später aufgenommen sind. Meine Eltern wollten erst nicht, dass ich Klavierspielen lerne, weil sie sahen, welche Mühe meine Schwester hatte. Aber ...
SPIEGEL: ... Sie setzten sich durch?
Kissin: Nein, es lief nicht bewusst ab. Mein Talent zeigte sich einfach.
SPIEGEL: Empfanden Sie auch keinen Bruch, als Sie 1991 Russland verließen?
Kissin: Ich finde, bei Musik ist es fast gleichgültig, wo sie erklingt. Reisen war für mich etwas ganz Normales, westliche Manager hatten mich schon eingeladen, und manchmal ließen die Sowjetbehörden mich ausreisen. Dass wir Russland verließen, lag an der wachsenden Unsicherheit dort. Jemand - es muss ein Russe gewesen sein - hat mal gesagt: Nichts ist so beängstigend, wie in wechselhaften Zeiten leben zu müssen.
SPIEGEL: Vermissen Sie Ihre Heimat?
Kissin: Schon - aber ich fahre auch regelmäßig hin. Vor ein paar Tagen erst bin ich vom Festival in St. Petersburg heimgekehrt. Ich treffe in Russland auch oft Freunde oder Schulkameraden von früher, aus Moskau. Andererseits: Viele dieser Mitschüler sind ebenfalls ausgewandert, einige leben hier in London, andere in Deutschland. Es war schon eine Umstellung: Nach dem Weggang lebten wir erst in New York. Die vergangenen Jahre über waren wir insgesamt mehr in London, aber auch dieses Jahr werden wir vier Monate in New York verbringen.
SPIEGEL: Wen meinen Sie mit "wir"?
Kissin: Meine Eltern, meine Schwester und meine erste, einzige Lehrerin Anna Kantor. Sie leben mit mir - oder ich mit ihnen, wie Sie wollen.
SPIEGEL: Brauchen Sie so einen Kokon um sich? Sind Sie das Muttersöhnchen, als das viele Sie betrachten?
Kissin: Manche Ihrer Kollegen wollen das so sehen, aber wenn Sie Menschen fragen, die mich wirklich kennen, werden Sie anderes hören. Außerdem: Das Elternhaus nicht mit 18 Jahren hinter sich zu lassen, das ist auch etwas Russisches, ich habe das im Westen gemerkt. Bis vor kurzem soll es so etwas ja auch in Italien und Spanien gegeben haben ...
SPIEGEL: Möglich, aber wie war das bei Ihnen?
Kissin: Unser Umzug fiel in eine besondere Zeit. Ich war gerade 20 und hatte auf einmal meine Familie auf meinen Schultern, sozusagen. Nicht als Last, Gott bewahre. Aber ich wurde doch die alleinige Einkommensquelle - das ist bis heute so, ich fühle mich für ihr Wohlergehen verantwortlich. Als wir nach New York gingen, war es für meine Eltern und Anna Kantor viel übler und anstrengender als für mich. Wir waren kaum angekommen, da wollten schon einige Leute - nicht mal Freunde - mir einreden, ich müsse von meinen Eltern fort, wie das bei ihnen üblich war und ist. Vielleicht hätte ich selbst diesen Wunsch irgendwann entwickelt. Aber mit ihrem Rat haben diese Wohlmeinenden mich offenbar gerade davon abgebracht.
SPIEGEL: So dass Sie auch jetzt nicht an so etwas denken?
Kissin: Nein. Es hieß immer, ich sei abhängig. Das war ich nicht und bin es auch jetzt nicht. Es geht überhaupt nicht um Abhängigkeit.
SPIEGEL: Und Ihre Lehrerin, die Chefplanerin?
Kissin: Anna Kantor ist ein Familienmitglied, eine Freundin. Dass sie so lange meine Lehrerin ist, heißt nur, dass sie mich als Künstler besser kennt als irgendjemand sonst; darum ist mir ihr Rat sehr wertvoll.
SPIEGEL: Trotzdem: Sie leben reichlich anders als solche Klavier-Bonvivants wie zum Beispiel Ihr verstorbener Kollege Arthur Rubinstein. Der erzählte überall fröhlich, wie er seine Verehrerinnen mit Chopin und Champagner becircte ...
Kissin: Ach was. Auch ich gehe aus, natürlich mache ich gern mal bei Damen Eindruck - ich prahle nur nicht damit, weil das für mich private Dinge sind. Das klingt vielleicht altmodisch; es könnte auch wieder ein russischer Charakterzug sein.
SPIEGEL: Etwas Nostalgie ist Ihnen doch anzumerken. Hat die Liebe zu Russland auch Einfluss auf die russischen Stücke, die Sie spielen?
Kissin: Bei Rachmaninow oder Tschaikowski spüre ich Nostalgie, auch bei Mussorgski, sicher. Bei Skrjabin eigentlich nicht. Aber er ist auch der am wenigsten russische von den Russen.
SPIEGEL: Wie viele russische Pianisten sind Sie sehr wählerisch bei den Stücken, die Sie aufnehmen. Meist sind es verschiedene Komponisten. Sie haben noch nie einen großen Zyklus eingespielt, etwa Beethovens Sonaten oder Mozarts Klavierkonzerte.
Kissin: Das reizt mich einfach nicht. Nicht alle Beethoven-Sonaten oder Chopin-Stücke gehen mir so nahe, dass ich sie auf gleicher künstlerischer Höhe spielen könnte. Mit anderen Zyklen ist es ebenso.
SPIEGEL: Sie halten es also für ausgeschlossen, dass Sie einmal Zyklen einspielen wie Ihr in London lebender Kollege Alfred Brendel, der dies oft noch ein zweites und drittes Mal getan hat?
Kissin: Brendel ist über 70, ich bin 31. Warten wir es ab.
SPIEGEL: Wie entscheidet sich eigentlich, was Sie als Nächstes einspielen?
Kissin: Ich kann ein Stück erst aufnehmen, wenn ich es einige Dutzend Male im Konzert vorgeführt habe. Die Musik macht mir dabei klar, wie sie gespielt sein will. Ich muss spüren, dass ein gewisser Punkt der Sicherheit erreicht ist. So weitet sich auch mein Repertoire aus.
SPIEGEL: Nach den Konzerten kommt die CD - aber das scheint nicht immer zu funktionieren. Vor zwei Jahren spielten Sie die Klaviersonate von Franz Liszt, doch die Aufnahme fehlt.
Kissin: Damals herrschte Ungewissheit in der Musikindustrie. Ich habe deshalb eine Weile keine Aufnahmen gemacht. Als ich wieder anfing, hatte ich schon so viele andere Stücke gelernt, dass der Liszt nicht mehr drankam.
SPIEGEL: Wenn Sie das Podium betreten, scheinen Sie keinerlei Lampenfieber zu haben.
Kissin: Ich kenne durchaus Lampenfieber. Es gehört zum Konzertieren dazu. Ich würde es aber nicht als Angst betrachten - ich fürchte mich ja nicht. Ich bin einfach angespannt, nervös.
SPIEGEL: Aber Sie mögen es doch, für Publikum zu spielen?
Kissin: O ja, seit meinem allerersten Konzert. Das war 1982, im so genannten Komponistenhaus in Moskau. Man fragte mich, ob auch auf dem Podium Stühle stehen dürften, so überfüllt war der Saal. Ich hatte nichts dagegen, es störte mich überhaupt nicht.
SPIEGEL: Und doch nehmen Sie etliche Ihrer Platten im Studio auf ...
Kissin: Die LPs, die herauskamen, als ich noch in Russland lebte, enthielten ausschließlich Live-Aufnahmen. Aber das normale Konzertprogramm passt nicht auf eine CD. Stattdessen kombiniere ich häufig ein Hauptstück mit ein paar kürzeren aus dem Studio. Sogar für zwei Chopin-Live-Alben waren solche Ergänzungen nötig.
SPIEGEL: Noch immer steckt die Klassikbranche in einer schweren Krise. Wirkt sich das auf Sie aus - wo Sie nicht einmal einen Exklusivvertrag haben?
Kissin: Ich selbst spüre bisher keinen Engpass. Ich habe nie einen Exklusivvertrag gebraucht. Was auch heißt: Ich musste nie eine Firma wählen und dadurch andere verprellen.
SPIEGEL: So dass auch keiner bestimmt, was Sie spielen?
Kissin: Nein. Ich rufe an und sage: Ich würde gern aufnehmen, es passt mir dann und dann.
SPIEGEL: War das immer so?
Kissin: Ja. Ich habe immer Angebote verschiedener Firmen gehabt.
SPIEGEL: Beneidenswert. Nun möchten Ihre Fans aber wohl doch das Geheimnis Ihres Musikgeschmacks erfahren. Was lieben Sie mehr an der einen Beethoven-Sonate als an der anderen?
Kissin: Wie ich Ihnen Liebe nicht allgemein beschreiben kann, so ist es auch in der Musik. Wissenschaftlich betrachtet entsteht Liebe im Gehirn, aber sie ist nun mal keine Sache des Verstandes. Ich
kann nur sagen, ein Stück liegt mir am Herzen.
SPIEGEL: Welche Musik meiden Sie denn? Sie spielen eigentlich keinen Bach und wenig Musik des 20. Jahrhunderts, jedenfalls keine zeitgenössische.
Kissin: Ich mag sehr unterschiedliche Epochen. Ich kann mich auf alle Stile einlassen, vom Barock bis zum 20. Jahrhundert. Barockmusik ist allerdings für Cembalo komponiert ...
SPIEGEL: ... wird aber seit zwei Jahrhunderten auch auf dem Klavier gespielt.
Kissin: Ja, vor allem Bach. Nun, Bach ist für mich immer noch ein Heiligtum, das ich nicht anzurühren wage. Zwar gab es vor ihm viele fähige Komponisten, aber mir kommt Bach dennoch wie der Gründervater unserer klassischen Musik vor. Meine Bewunderung für ihn ist immer noch größer als meine Spielkunst.
SPIEGEL: Sie scherzen.
Kissin: Ich rede natürlich nicht von spieltechnischen Schwierigkeiten. Die Aufgabe eines Interpreten ist doch, das Niveau der Musik, die er spielt, so gut zu treffen wie möglich. Bach steht für mich einfach höher als alle anderen, er ist universell.
SPIEGEL: Hält eine ähnliche Bescheidenheit Sie auch von zeitgenössischen Werken ab, Werken von Lebenden?
Kissin: Im Gegenteil. Mir ist unter den neueren Stücken einfach nichts begegnet, das dem Rang der Klassiker gleichkäme. Der Franzose Olivier Messiaen war da wohl der letzte Mohikaner.
SPIEGEL: Bekommen Sie nicht auch neueste Kompositionen ins Haus?
Kissin: Manchmal schon - allerdings würde ich deren Verfasser häufig kaum noch Komponisten nennen. Ich schaue mir die Sachen an, und da ich nichts Wertvolles in ihnen entdecke, antworte ich einfach: Vielen Dank, ich werde mir Ihr Werk mit großem Interesse anschauen. Das war''s.
SPIEGEL: Laien erscheint es schon schwierig genug, klassische Virtuosenstücke auswendig zu lernen. Hat Ihr Gedächtnis Sie jemals im Stich gelassen?
Kissin: Einmal, in Wien, vor vielen Jahren. Ich war an dem Abend erkältet und hatte Fieber. Irgendwie verpasste ich mehrere Takte im E-Dur-Intermezzo von Brahms. Aber seither ...
SPIEGEL: Wie lernen Sie denn?
Kissin: Das ist das Einfachste. Ich brauche neue Stücke nicht einmal bewusst einzuüben. Mein Gedächtnis funktioniert nicht visuell; die Musik steckt im Gehör und in den Fingern zugleich. Daher brauche ich auch nie Noten mitzunehmen. Damals, als Kind, konnte ich schwere Partituren sowieso nicht gut schleppen. So ist es geblieben.
SPIEGEL: Viele Ihrer Verehrer bedauern, dass Sie kaum Kammermusik spielen.
Kissin: Da sollten sie nach Verbier in der Schweiz kommen. In den vergangenen Jahren war ich dort zum Festival, und immer wurde Kammermusik gespielt. Zum Beispiel habe ich mit dem Cellisten Mischa Maisky gespielt oder auch im Klavierduo mit Martha Argerich. Einmal habe ich sogar Gedichte vorgetragen.
SPIEGEL: Gedichte?
Kissin: Ja, ich trage gern Gedichte und Prosa vor, es ist, als spielte man Musik. Der Festivaldirektor hatte herumgefragt, wer Lust hätte, aber schließlich machten nur mein Pianistenkollege Itamar Golan und ich mit. Es waren russische Gedichte aus dem so genannten Silbernen Zeitalter und auch jiddische. Die Zuhörer bekamen französische oder englische Übersetzungen.
SPIEGEL: Eine ziemliche Arbeit.
Kissin: Vor allem für meine Freunde, die die Texte übersetzten. Ach, ich wünschte, ich hätte mehr Zeit für dergleichen.
SPIEGEL: Mr. Kissin, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Jewgenij Kissin
wird weltweit als einer der bedeutendsten Klaviervirtuosen gefeiert. Der gebürtige Moskauer debütierte als 11-Jähriger in seiner Heimatstadt und galt fortan lange als Wunderkind. 1991 verließ Kissin, dessen Ruhm sich auch im Westen schnell verbreitet hatte, mit seiner Familie Russland. Seitdem lebt er abwechselnd in London und in New York. Kissin, 31, begeistert nicht allein mit stupender Technik, er besitzt auch die Ausdruckskraft eines Altmeisters. Seine Interpretationen des klassisch-romantischen Repertoires (bis hin zu Neutönern wie Prokofjew und Lutoslawski) verbinden Klangschwelgerei mit präziser Architektonik. Am 4. Februar beginnt der Ausnahme-Pianist seine Deutschland-Tournee in Mannheim mit einem Schubert- und Liszt-Programm.
* In der New Yorker Carnegie Hall 2000. Das Gespräch führten die Redakteure Joachim Kronsbein und Johannes Saltzwedel in London. * Mit Vladimir Ashkenazy in der Royal Festival Hall, London.
Von Joachim Kronsbein und Johannes Saltzwedel

DER SPIEGEL 5/2003
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