27.01.2003

GERÜCHTE„Altmodisch, aber robust“

Peter Wright, Chefredakteur der britischen Zeitung „The Mail on Sunday“, über seinen Streit mit Bundeskanzler Schröder, britisches Presserecht und englischen Humor
Wright, 49, ist seit 1998 Chef der in London erscheinenden "The Mail on Sunday". Die Wochenzeitung hatte Anfang Januar über eine angebliche Geliebte des Kanzlers berichtet. -------------------------------------------------------------------
SPIEGEL: Wirft das britische Königshaus nicht mehr genügend Klatsch ab, müssen Sie deshalb Ihre Leser mit importierten Gerüchten aus Deutschland füttern?
Wright: Wir interessieren uns immer für solche Themen. Denken Sie nur an die Clinton-Affäre. Hatte er mit Monica Lewinsky Sex, hatte er keinen Sex, wie oft, warum? Das hat die Menschen auf der ganzen Welt bewegt. Weil es um eine moralische Frage ging: Darf ein Staatsmann lügen? Und in einem Punkt darf ich präzisieren: Wir Briten hatten zwar etliche Skandale, aber noch keinen Premierminister, der zum vierten Mal verheiratet ist - nennt man Gerhard Schröder wegen der vier Ringe nicht den Audi-Kanzler?
SPIEGEL: Was für eine Rolle spielt es bei der Beurteilung eines Politikers, wie oft er verheiratet war?
Wright: Schröder ist ein Staatsmann, also interessiert er unsere Leser. Außerdem hat er seine Ehe als politische Waffe eingesetzt. Deshalb finde ich es seltsam, dass es plötzlich heißt: Stopp, seine Privatsphäre ist heilig! Warum haben sich die deutschen Journalisten eigentlich diesen Maulkorb anlegen lassen?
SPIEGEL: Weil es einen Schutz der Privatsphäre gibt, und weil ein Gerücht, für das es nicht den geringsten Anhaltspunkt gibt, eine Lüge ist.
Wright: Auch ein Gerücht ist ein Tatbestand, Leute reden darüber, es ist in der Welt, also kann man den Ursachen nachgehen. Jedenfalls kann man das in unserem Land. In Deutschland aber, dies lerne ich gerade, darf der mächtigste Politiker eine eher winzige Zeitung, die "Märkische Oderzeitung", vors Gericht zerren und bedrohen.
SPIEGEL: Fürchten Sie sich vor deutschen Richtern?
Wright: Wir wussten, dass die Story in England rechtlich unbedenklich war. Die Auslieferung nach Frankfurt haben wir storniert, normalerweise versenden wir 1500 Exemplare. Auf unserer Website stand auch nichts von dem Fall. Umso überraschter war ich, als erst der Brief von Schröders Anwalt kam und wir dann erfuhren, dass es in Hamburg eine gerichtliche Anhörung zu dem Fall gegeben hat. Und zwar ohne dass man uns zuvor benachrichtigt hätte. Inzwischen gibt es eine einstweilige Verfügung, man droht uns mit einer Geldstrafe von 250 000 Euro.
SPIEGEL: Das empört Sie?
Wright: Das sind juristische Praktiken, wie ich sie mir für unser Land nicht wünsche.
SPIEGEL: Haben Sie Beweise für Ihre Behauptung, der Kanzler habe eine Geliebte?
Wright: Nein. Wir haben aber ein langes Interview mit Schröders Ex-Frau Hillu geführt. Sehr interessant. Sie hat scharfsinnige Einsichten in die deutsche Politik.
SPIEGEL: Stammt der Hinweis auf die angebliche Geliebte etwa aus dieser Quelle?
Wright: Dazu möchte ich mich - wie Sie wohl verstehen werden - nicht äußern.
SPIEGEL: Man konnte hier zu Lande inzwischen lesen, dass Hiltrud Schröder dieses Interview nicht geführt haben will.
Wright: Wirklich? Merkwürdig! Natürlich hat es stattgefunden, wir haben Aufzeichnungen, Belege, Fotos, aufgenommen in ihrem Wohnzimmer.
SPIEGEL: Ein deutsches Blatt darf nach deutschem Recht nicht einfach auf Verdacht hin etwas behaupten, ohne dafür stichhaltige Hinweise geben zu können.
Wright: Davon habe ich gehört, Ihr System ist anders. Um Beweise ging es bei dieser Story gar nicht. Es war ein Test.
SPIEGEL: Was für ein Test?
Wright: Bei uns wird die europaweite Vereinheitlichung des Rechtssystems sehr kontrovers diskutiert. Wenn Europa bis in die letzten, politisch instabilen Winkel ausgeweitet wird, welche Maßstäbe gelten dann? Werden litauische Richter uns vorschreiben, was wir nicht tun sollen? Wir wollten ausprobieren, wie wir dastünden, wenn bei uns Schrödersche Verhältnisse gelten würden.
SPIEGEL: Ihr Fazit?
Wright: Es wäre schädlich. Bei uns steht ein Politiker unter permanenter Beobachtung, er muss es hinnehmen, dass man ihn auch mal bei Kleinigkeiten auslacht. Zum Beispiel, wenn er sich bei seiner Anzugwahl vergreift. Das ist unsere demokratische Tradition. Bitte, sie ist etwas altmodisch, aber robust.
SPIEGEL: Was hat ein Anzug mit Demokratie zu tun?
Wright: Sehr viel. Tony Blair trat neulich in einem violettfarbenen Dress auf. Die Nation lachte, er musste das hinnehmen. Diese Respektlosigkeit, gepaart mit Humor, sorgt für Wachsamkeit und angemessene Schärfe.
SPIEGEL: Ist es nicht eher ein Verlust an politischer Kultur, wenn Sie sich mit modischen Petitessen beschäftigen?
Wright: Das sehe ich anders. Ich spreche von dem Verhältnis zwischen der politischen Klasse und dem Volk. Unterwürfigkeit, die Etablierung von Tabus - in so einem Klima können auch die großen Fragen nicht mehr offen diskutiert werden.
SPIEGEL: War es notwendig, dass Sie nun für Ihre deutschen Leser eine Hotline eingerichtet haben, bei der sie Enthüllungen über den Kanzler loswerden können?
Wright: Das ist eine Geste: Wir lassen uns nicht mundtot machen. Außerdem haben wir bereits zwei, drei interessante Hinweise erhalten. INTERVIEW: RALF HOPPE
Von Ralf Hoppe

DER SPIEGEL 5/2003
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