03.02.2003

DEBATTEDER SCHLIMMERE KRIEG

De Winter, 48, lebt in der Nähe von Amsterdam und veröffentlichte soeben den Roman "Malibu" (Diogenes Verlag). Er antwortet auf das "Bekenntnis eines Terroristen" von John le Carré (SPIEGEL 4/2003). -------------------------------------------------------------------
Während John le Carré mit Getöse gegen den "Wahnsinn Amerikas" zu Felde zog, erschien ohne das leiseste Rauschen im Blätterwald die neueste Ausgabe von "Foreign Affairs", der Zeitschrift des Council on Foreign Relations. Dieser "think tank" analysiert die US-Außenpolitik und fördert in Amerika das Verständnis für internationale Beziehungen. Den Leitartikel verfasste der libanesisch-schiitisch-stämmige Wissenschaftler Fouad Ajami, Professor für Nahost-Studien an der Johns Hopkins University, Washington, der mittlerweile als einer der führenden Nahost-Wissenschaftler gilt.
Die Artikel von le Carré und Ajami scheinen in zwei verschiedenen Welten geschrieben worden zu sein. Bei le Carré heißt es: "Zur Debatte steht nicht eine bevorstehende militärische oder terroristische Drohung, sondern der ökonomische Imperativ amerikanischen Wachstums." Für Ajami geht es beim Irak-Konflikt um etwas ganz anderes: "Man braucht keine übermäßige Rücksicht auf die politischen Empfindlichkeiten und Gegebenheiten in dieser Region zu nehmen. Die große Nachsicht, die man mit den Eigenarten und Phobien von Arabern geübt hat, hat furchtbare Früchte getragen - für die Araber selbst und für ein in deren Angelegenheiten verwickeltes Amerika."
Wer die Artikel vergleicht, kann nur zu dem Schluss gelangen, dass le Carré den Irak-Konflikt, bar jeder Sachkenntnis, zu einer Art Steckenpferd der von religiösem Eifer befallenen Familie Bush reduziert, während Ajami Verständnis für Amerikas Wunsch zeigt, das Regime Saddam Husseins zu beenden.
Le Carré entwirft ein Bild, als wäre die arabische Welt ein Schlachtfeld, auf dem arme, exotische, hilfsbedürftige Opfer - Araber, Palästinenser - einem brutalen wirtschaftlichen und militärischen Unterdrücker - den USA - gegenüberstehen. In der arabischen Welt Ajamis, der in dem durch Stammesfehden, religiöse und wirtschaftliche Auseinandersetzungen zu Grunde gerichteten Libanon aufgewachsen ist, bedarf es keines externen Unterdrückers: Diese Rolle spielen die arabischen Völker selbst, die sich ihren Rückstand gegenüber dem Westen nicht erklären, geschweige denn ihn aufholen können und lieber einen Sadisten wie Saddam Hussein beweihräuchern, als sich ihr eigenes Scheitern einzugestehen.
Aus le Carrés Artikel sprechen die Ansichten und Obsessionen des antiamerikanischen intellektuellen Establishments in Europa; Ajami gehört zu den wenigen arabischen Wissenschaftlern, die weder Political Correctness noch eine etwaige Gefährdung des eigenen Lebens daran hindern können, auf die Eigenverantwortlich-
keit der Araber hinzuweisen, die sich selbst in den vergangenen Jahrzehnten eine Serie von Tragödien zugefügt haben.
Le Carré schreibt: "Die amerikanische Öffentlichkeit wird jedoch nicht nur getäuscht. Sie wird bedroht, tyrannisiert, eingeschüchtert und in einem Dauerzustand von Unkenntnis und Furcht belassen." Das sind Aussagen, die wenig mit der Realität zu tun haben. In den amerikanischen Medien wird zwischen Befürwortern und Gegnern der Pläne Bushs eingehend und heftig diskutiert. Wer da das Bild von einer "tyrannisierten" Öffentlichkeit zu zeichnen versucht, betreibt blinde Propaganda. Ist le Carré denn nie etwas von "The Nation", von der "New York Review of Books", von den Meinungsseiten der "New York Times" und der "Los Angeles Times" zu Ohren gekommen?
Am 22. Dezember vergangenen Jahres strahlte der amerikanische Sportsender ESPN den folgenden Bericht aus: "Als Präsident des Irakischen Nationalen Olympischen Komitees soll Udai (Saddams Sohn -Red.) Athleten foltern, die einen Wettkampf verloren haben. Er sperrt sie für Tage oder Monate hinter Gitter. Lässt sie mit Eisenstangen schlagen. Auf die Fußsohlen schlagen. An der Wand anketten und tagelang in verrenkter Haltung stehen. Über das Pflaster schleifen, bis ihr Rücken blutig ist, dann in Abwasser tunken, bis sich ihre Wunden entzünden. Es kommt vor, dass Udai bei der Zelle eines Athleten stehen bleibt und auf dessen gesenkten, geschorenen Kopf uriniert."
Für le Carré zählt so ein Bericht nicht. Er konzentriert sich auf die Geiselnehmer aus Amerika, die Familie Bush, die seiner Meinung nach Folgendes will: "Es soll gezeigt werden, wer in Amerika im Inland herrscht und wer von Amerika im Ausland beherrscht wird." Warum sollten die so genannten Herrscher Amerikas so etwas wollen? Langweilt sie ihr beliebtes Cowboyspiel, die Ausrottung von Indianern und Büffeln, so sehr, dass sie zur Abwechslung mal dem Rest der Welt ihre Präzisionswaffen vorführen möchten? Läge es nicht viel näher, dass sie die Welt die Welt sein lassen, sich mit ihren Dollars das Öl kaufen, das die arabischen und afrikanischen Diktatoren ihnen so begierig offerieren, und den Europäern ihr Bosnien, Ulster, Verdun und Auschwitz gönnen?
Le Carré behauptet, wenn Saddam kein Öl hätte, könnte er seine Bürger nach Herzenslust foltern und ermorden. Was sich wie Satire anhört, meint le Carré ernst: Wer Öl im Boden hat, dem erlaubt der Westen nicht, seine Bürger zu foltern. Auch hiermit beweist er sowohl Unbedarftheit wie rachsüchtige Böswilligkeit; von Rabat bis Riad foltern und quälen die Regime mit großer Hingabe, doch wie diese Unterdrückerdynastien, seien es königliche oder auch nicht, von den politischen Führern in Europa empfangen werden, ist in der Praxis gänzlich unabhängig davon, ob sie Öl besitzen: König Fahd von Saudi-Arabien wird genauso herzlich begrüßt wie Syriens Diktator Baschar al-Assad.
Le Carré spielt die Ölkarte, das Lieblingsargument der Pazifisten: Es gehe den Amerikanern ums Öl. Was sie dann in Bosnien und im Kosovo gesucht haben, lässt le Carré unerwähnt, es sei denn, als Verschwörungsdenker vermutet er auch unter dem Balkan Öl.
Die USA haben in der Vergangenheit gravierende Fehler begangen. Aber die Fehler lagen in der Verhältnismäßigkeit der Mittel, nicht in den angestrebten Zielen: Die Amerikaner haben versucht, das Unterdrückungsregime Fidel Castros zu Fall zu bringen, und sie haben versucht, den Kommunismus in Vietnam und anderswo auf der Welt einzudämmen. Wer sich mal die Grausamkeiten sozialistischer Regime ansieht, kann derlei Bemühungen nur zu gut verstehen - nicht so le Carré, der Salon-Sozialist.
Le Carrés Belege für den vermeintlichen Wahnsinn Amerikas sind so selektiv und dürftig wie seine übrigen Argumente: Die Ehrlichkeit zu sagen, dass Amerikas Fehler in einem besonderen historischen Kontext, nämlich dem des Kalten Kriegs zwischen dem Westen und dem Sowjetblock, begangen wurden, vermag er nicht aufzubringen. Le Carré verschweigt, welche Tragödien von den Sowjets, den Chinesen und anderen Marxisten oder Neomarxisten angerichtet wurden, weitaus größere Tragödien als die von den Amerikanern verursachten - und der Vietnam-Krieg hatte schon erhebliche Ausmaße.
Am Ende seines Artikels illustriert le Carré den unmenschlichen Druck, dem man in Amerika ausgesetzt ist. Sein alarmierendes Szenario: "Letzten Freitag fuhr einer meiner amerikanischen Freunde in Kalifornien zum örtlichen Supermarkt mit einem Aufkleber auf dem Auto, auf dem stand: ''Frieden ist auch patriotisch''. Als er seinen Einkauf beendet hatte, war der Aufkleber weg."
Le Carrés ganzer aufgeregter Artikel, mit all seinen bizarren Seitenhieben auf Bush, Gott und Israel, läuft also letztlich auf die Enthüllung hinaus, dass ein Aufkleber auf dem Auto eines seiner Freunde entwendet wurde. Wenn das kein eindeutiger Beleg dafür ist, wie seine amerikanischen Freunde "bedroht, tyrannisiert, eingeschüchtert" werden! So also gehen die Geheimdienste Bushs in Amerika vor: Sie spähen Aufkleber aus und kratzen sie ab!
Dieses Beispiel hat Monty-Python-Qualität, und das, weil le Carré nichts anderes in der Hand hat: Die USA sind eine freie und offene Gesellschaft, und ein jeder, der etwas vorzubringen hat, kann das auch tun. Jeder kulturrelativistische linke Intellektuelle kann dort eine Plattform finden oder sie sich selbst schaffen, um dem Volk zuzurufen, Amerika müsse seiner übermäßigen Mängel wegen aufgelöst werden.
Fouad Ajami kommt in seinem Artikel zu Schlussfolgerungen, die dem leichtfertigen Antiamerikanismus le Carrés diametral entgegengesetzt sind. Ajami hält es für möglich, dass die Abschaffung des irakischen Terrorregimes einen Demokratisierungs- und Modernisierungsprozess in der arabischen Welt einleitet: "Für eine Pax Americana könnte der Irak die Mühe und die Risiken wert sein."
Für Ajami stellen die Probleme, die die arabische Welt überfluten und seit dem 11. September definitiv den Status quo in Europa und Nordamerika angegriffen haben, eine ernste Bedrohung für die Freiheiten und den Wohlstand im Westen dar.
Ajamis Beobachtungen, die in der Befürwortung des amerikanischen Versuchs, Saddam zu Fall zu bringen, kulminieren, sind düster und realistisch; sie gründen auf weit reichenden Studien und der Liebe zu den Arabern und ihrer Kultur. Ajami betrauert die Verzweiflung, den Hunger und das Leid, welche die Menschen, die er liebt, erdulden müssen - le Carré dagegen fährt nichts als
leere Klischees auf. De facto interessieren le Carré die Massen-
morde Saddam Husseins oder das tragische Schicksal des iraki-
schen Volkes nicht. Was Araber einander antun, die Millionen Tote, die die Kriege im arabischen Raum in den vergangenen 50 Jahren gefordert haben, die nicht vorhandene Freiheit und Rechtssicherheit, das alles kümmert le Carré offenbar kaum, denn sonst hätte er sich zu den Kurden, den Sudanesen, den Algeriern oder allen anderen Völkern geäußert, die in Nordafrika und dem Nahen Osten unter Diktaturen leiden.
Saddam Husseins Regime hat 1998 die Uno-Inspektoren des Landes verwiesen, weil sie ihm gefährlich wurden, und nicht, weil ihm die CDs, die sie hörten, oder die Bücher, die sie lasen, nicht gefielen. Es waren irakische Überläufer, die in den Jahren davor den Umfang des irakischen Waffenprogramms enthüllten, nicht die Inspektoren, die in dem großen, vollständig kontrollierten Land gar keine Chance haben. Was Saddam in den vergangenen vier Jahren entwickeln ließ und in welchem Umfang, ist nicht bekannt, aber es spottet jeder Logik, so zu tun, als hätte er seine Nachmittage bei Golf oder Kartenspiel verbracht. Nur die Zeit - zwei, drei Jahre? - trennt ihn von Atomwaffen und somit von der Kontrolle über wichtige Öl- und Gasvorräte, die Energielieferanten für die Weltwirtschaft sind. Wer die Bedrohung, die von dem Psychopathen Saddam und seinem mindestens ebenso geisteskranken Sohn Udai ausgehen, verharmlost, spielt nicht nur mit der Zukunft des Westens russisches Roulette, sondern auch mit der der arabischen Welt. Im tragischen, grausamen und menschenverachtenden Umfeld des Nahen Ostens werden jetzt oder später zahllose Unschuldige sterben, weil ein arabischer Tyrann, der von Beginn seiner Terrorherrschaft an jeglichen politischen Widerstand ausgemerzt hat, für seine Machterhaltung jedes Opfer in Kauf nimmt.
"Saddam ist nicht vom Himmel herabgefallen", schreibt Ajami, "er ist aus den Sünden seiner Welt erstanden." Mit anderen Worten, der islamische Fundamentalismus, der Terror arabischer Diktatoren und Osama Bin Ladens sind Variationen desselben Themas: der wütenden Frustration in der arabischen Welt. Hat der Angriff gegen Saddam mit Öl zu tun? Ja, denn ein Angriff gegen ihn richtet sich auch gegen die Bedrohung, dass er die Kontrolle über den Persischen Golf gewinnen könnte und sich die arabischen Diktaturen somit womöglich noch über Generationen fortsetzen.
Die Bedrohung, die von der implodierenden und explodierenden arabisch-islamischen Welt ausgeht, kann nur dann ausgeräumt werden, wenn sich diese Welt demokratisiert und die Rechte und Freiheiten des Individuums anerkennt. Arabische Demokraten und Dissidenten sind nicht dazu in der Lage, sich von der Repression durch ihre Diktatoren zu befreien. Der Westen muss ihnen dabei helfen, in seinem eigenen Interesse und der Erkenntnis, dass der islamische Fundamentalismus und der vor Illusionen und Luftspiegelungen strotzende arabische Nationalismus den Wahnsinn auf der Straße am Leben erhalten. Deshalb muss man dem Ungeheuer den Kopf abschlagen - wenn der Westen das unterlässt, wird das Ungeheuer unsere Köpfe rollen lassen.
"Peace for our time", rief Chamberlain freudig, als er die Tschechoslowakei an die Nazis verraten hatte. Churchill, der Kriegstreiber, wurde geschmäht, verspottet und verachtet. Pazifisten behaupteten: Nichts ist so schlimm, wie 1938 Krieg zu führen. Sie täuschten sich. Der Krieg, der 1939 ausbrechen sollte, war schlimmer.
Aus dem Niederländischen von Hanni Ehlers. * Nach einem Giftgas-Angriff irakischer Streitkräfte auf den Kurden-Ort Halabdscha, 1988.
Von Leon de Winter

DER SPIEGEL 6/2003
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