17.02.2003

BILDUNGDie große Illusion

Die Bundesregierung will Milliarden ausgeben, damit Schüler ganztags lernen. Doch das kostspielige Experiment droht an der Wirklichkeit zu scheitern. Schon in den Halbtagsschulen mangelt es überall an Büchern, Lehrern und Ideen für besseren Unterricht.
Direktor Dobe schwirrt der Kopf: Die Konferenz war zäh, das Thema heiß, das Kollegium skeptisch. Leicht ermattet sitzt der Schulleiter im Büro und starrt auf eine weiß bespannte Stellwand voller Zettel. Einwände, Ängste und Hoffnungen haben seine Pädagogen auf den Papierschnipseln hinterlassen. Sie stört vor allem: "Längere Anwesenheitspflicht für Lehrer".
Mario Dobe hat viel vor. Er will den Kollegen die Mittagsruhe rauben und die Berliner Grundschule am Kreuzberger Fraenkelufer in einen Ganztagsbetrieb umwandeln. Seine Zöglinge gehören zu den Problemkindern, deren Zuhause gemeinhin mit "sozial schwach" umschrieben wird: Kaum einer spricht oder versteht richtig Deutsch, viele Familien leben dauerhaft von Sozialhilfe. Die Mehrzahl der konservativen muslimischen Väter lässt ihre Kinder im Fastenmonat Ramadan bis zum Sonnenuntergang weder essen noch trinken. Hungrig und hippelig zappeln sich die Siebenjährigen dann durch die Schulstunden.
"Solche Kinder", sagt Dobe, "lassen sich mit normalem Unterricht kaum mehr erreichen." Doch wenn sich Lehrer und Sozialpädagogen von acht Uhr früh bis vier Uhr nachmittags um die Schüler kümmerten, müssten sich deren Leistung und Sozialverhalten doch zwangsläufig verbessern.
Der umtriebige Direktor ist ein Mann wie geschaffen für den ehrgeizigen Plan von Edelgard Bulmahn. Die Bundesbildungsministerin braucht Überzeugungstäter wie ihn: Sie will 10 000 Ganztagsschulen für Deutschland - flächendeckend. Bis zum Jahr 2007 soll jede dritte Grund- und weiterführende Schule (Sekundarstufe I, bis Klasse 10) umgewandelt sein.
Seit Monaten dümpelt Bulmahns Großvorhaben vor sich hin. In der vergangenen Woche nun inszenierte die ehemalige Englischlehrerin aus Hannover einen Pressetermin der gefühligen Art: Umringt von lauter Abc-Schützen stellte sie ihr Projekt in einer bestens ausgestatteten Ganztags-Grundschule vor und erklärte den Auftritt zum "Startsignal" für ihre "große Bildungsreform".
Vier Milliarden Euro ist der Regierung die Idee wert, an der sie festhält wie an einer Wunderwaffe. Nach den vernichtenden Ergebnissen der internationalen Bildungsstudie Pisa und dem bitteren Schock, dass ein Viertel aller deutschen 15-Jährigen Schwierigkeiten mit einfachen Sätzen und folglich mit der Lektüre der "Bild"-Zeitung hat, hob sie das vorher stiefmütterlich behandelte Minderheitenmodell in den Rang einer Heilsversprechung.
Die OECD-Studie hatte dem Land der Dichter und Denker nicht nur ein erbärmliches Zeugnis ausgestellt, sondern sein Schulsystem nebenbei als eines der unsozialsten der Welt entlarvt: Kinder armer Eltern haben in Deutschland keineswegs gleiche Chancen auf ein Abitur wie Zahnarzttöchter. Die soziale Durchlässigkeit, die jahrzehntelang als Argument für die Gesamtschule und andere Reformexperimente herhielt - nichts als eine schöne Idee.
Nun soll die Ganztagsschule die verheerende Bilanz aufpolieren: Mit ihrer Hilfe soll das gebeutelte Land in den kommenden zehn Jahren unter die fünf Bildungsbesten der Welt aufsteigen. Mehr noch: Die gepriesene Schulform soll die ersehnte Chancengleichheit bringen - und steht außerdem hoch im Kurs zur Steuerung der Familienpolitik. Denn die Familien sind klein geworden, viele Mütter allein erziehend. Rund die Hälfte aller Frauen mit schulpflichtigen Kindern arbeitet, und die Frage, wer aufs Kind aufpasst, hält viele davon ab, es ihnen gleichzutun oder überhaupt Nachwuchs in die Welt zu setzen. Wird das nicht anders, so prophezeien Demografen, bevölkern bis zum Jahr 2080 nur halb so viele Deutsche die Erde wie heute.
All das ist nicht neu, doch jetzt scheint eine Lösung gefunden. Die ersten 300 Millionen Euro für die Ganztagsschule sind bereits in den Bundeshaushalt eingestellt - unabhängig von Rezession und Krise und allen Skeptikern zum Trotz, die, wie jüngst bei einer Diskussion in der Friedrich-Ebert-Stiftung, vorrechneten, die Milliarden-Zusage sei mit einer Milchmädchenrechnung abgesichert: Aufschwung plus Hartz-Einsparungen - zwei ungedeckte Schecks.
Wie viel ein Bundesland bekommt, bemisst sich nach der Zahl aller Kinder in Grundschulen und Sekundarstufe I. Die Länder, die zehn Prozent aus eigener Kasse zuschießen müssen, sollen selber entscheiden, welche Schulen sie fördern - in der Regel erhält keine mehr als 400 000 Euro. Verprassen die Schulen die Spende, will der Bund sie zurückfordern. Bulmahn verlangt Verwendungsnachweise, die sie allerdings kaum kontrollieren kann - es sei denn, die Ministerin schickt demnächst Inspektoren über Land.
"Wir finanzieren weder Neugründungen noch Modellversuche", betont Hans Konrad Koch, Leiter der zuständigen Abteilung in Bulmahns Ministerium, "sondern lediglich Umbauten und Ausgaben für Sachmittel." Bereits existierende Ganztagsschulen werden nur dann gefördert, wenn sie fortan zusätzliche Plätze anbieten. "Wir wollen mit unserem Projekt in die Breite gehen", rechtfertigt Koch die Auswahl. "Das ist ein ganz schöner Kraftakt."
Genervt winkt Alwin Burkhard ab. "Das ist politischer Aktionismus", sagt der erfahrene Pädagoge, der seit 25 Jahren eine Ganztags-Grundschule in Pirmasens leitet. "Wenn Herr Schröder glaubt, damit löse er das Bildungsproblem, hat er sich geirrt", erklärt auch Ingrid Minnich, Rektorin im brandenburgischen Letschin.
Inmitten der Trümmer von Pisa debattieren Lehrer, Eltern und Politiker um den Ganztag, als ginge es um den rechten Glauben. Seit SPD-Generalsekretär Olaf Scholz großspurig erklärte, die Regierung wolle "die Lufthoheit über den Kinderbetten erobern", tobt der Kampf: Die einen sehen DDR-gleiche Verhältnisse heranziehen, in denen sich der Staat die Kinder krallt. Andere halten Bulmahns Lieblingsschule für den modernen Hort zur Rettung ausgesonderter Problemkinder. Gesundheitsbewusste sorgen sich um die ökologisch korrekte Mittagsmahlzeit, Hygienefreunde um den Zustand künftiger Kantinen. Die Zeitschrift "Emma" feiert die Ganztagsschule als Etappensieg auf dem Weg der Frau zu Lohn und Brot. Katholische Jugendverbände fürchten um ihre kleinen Schäflein, die nun nachmittags nicht mehr bei den Pfadfindern antreten.
Praxisnahe Kritiker sehen nach lauter fragwürdigen Experimenten - integrierte Gesamtschule, Mengenlehre, Lesenlernen mit Ganzwort-Methode - nun bloß ein weiteres teures Projekt mit ungewissem Ausgang anrollen. Bulmahn solle lieber die Grundversorgung in normalen Halbtagsschulen gewährleisten, fordern sie. Tatsächlich lernen viele Kinder unter Anleitung überforderter Lehrer aus überalterten Büchern, in denen ein Helmut Kohl von Bonn aus die Republik regiert und das Wort Euro nicht vorkommt.
Hirnforscher und Entwicklungspsychologen erwarten von der neuen Form bessere Bedingungen für kindgerechtes Lernen. Auch viele Eltern wüssten ihre Sprösslinge gern ganztags in der Schule (siehe Umfrage Seite 56). Andere fürchten, die Kinder würden künftig überfordert. Stellvertretend für eine ganze Heerschar besorgter Familien stöhnte unlängst eine Mutter bei einem Info-Abend der SPD in Hamburg: "Oh Gott, die kleinen Zwerge, den ganzen Tag in der Schule."
Kein Kind müsse fortan täglich acht Stunden in der Schule verbringen, versichern der Kanzler und seine Ministerin. Schließlich stehe es jedem frei, seine Zöglinge auf eine der verbleibenden Halbtagsschulen zu schicken. Einige Schüler allerdings könnte der freie Wille einen längeren Schulweg und ein teures Busticket kosten. Der Vorsitzende des Ganztagsschulverbandes, Stefan Appel, empfiehlt, das neue Modell nur dort einzuführen, wo im Umkreis von drei Kilometern eine herkömmliche Schule erreichbar ist.
Die Verwirrung ist groß, die Verunsicherung sitzt tief - nicht zuletzt, weil selten zwei dasselbe meinen, wenn sie Ganztagsschule sagen. Unter dem Label sammelt sich das Elitegymnasium Schloss Salem am Bodensee ebenso wie die Hamburger Gesamtschule Wilhelmsburg mitten im sozialen Brennpunkt. Darunter fallen "gebundene" Schulen, zu deren Nachmittagsunterricht alle Kinder kommen müssen, und "offene", in denen sie entscheiden können, ob sie teilnehmen. Dazu zählen Mischformen, wo bloß an bestimmten Tagen Anwesenheitspflicht herrscht, oder solche, wo nur die Hälfte der Klasse den ganzen Tag lang bleibt. Es gehören Schulen dazu, die sich den Luxus einer eigenen Köchin leisten, und jene, denen Großküchen das Essen in Thermosbehältern liefern, aus denen sich bis zum Mittag alle Vitamine verflüchtigt haben.
Vor allem aber unterscheiden sie sich in ihren Angeboten: An einigen arbeiten rund um die Uhr Lehrer und Sozialpädagogen - an anderen überwachen ein paar Studenten die Hausaufgaben und teilen nachmittags Fußbälle aus.
Selbst so ambitionierte Neugründungen wie das thüringische Sprachengymnasium Waltershausen in Schnepfenthal gelten als staatliche Ganztagsschulen. Seit gut einem Jahr lernen dort 91 kleine Thüringer vier Fremdsprachen in acht Jahren, ab der sechsten Klasse Arabisch, Chinesisch oder Japanisch - und, immer mittwochs, den "Fußkuss auf dem Schwebebalken" in der AG Traditionsturnen. "Wa ta shi no" steht an der Tafel neben einem Kirschblüten-Poster, selbst die Lehrerin Mariko Zeita ist original japanisch. Mit ihrer kleinen Klasse - fünf Kinder - spricht sie kaum Deutsch. Nachmittags in der Kalligrafie-AG tuscht nur noch ein einziges Mädchen Blatt um Blatt das Zeichen für Fisch. Individualförderung ist die Regel.
Bundesweit existieren fünf verschiedene Statistiken zu Zahl und Standorten von Ganztagsschulen - jede mit anderen Daten, denn jede folgt einer anderen Definition.
Seit Monaten schieben sich Regierung und Kultusministerkonferenz den Entwurf einer Verwaltungsvereinbarung hin und her, in der sie sich einigen müssen, was sie unter solch einer Schule eigentlich verstehen. Die Ministerin macht ein "integriertes pädagogisches Konzept" zur Bedingung für den Geldsegen und meint damit ein sinnvolles, über den Tag verteiltes Programm mit Unterricht, Freizeitangeboten und Projektarbeit - möglichst von Montag bis Freitag und für alle Schüler einer Ganztagsschule. Ein Schwerpunkt soll die frühe individuelle Förderung der Kinder sein, die unterschiedliche Begabungen berücksichtigt. Denn auch die Ministerin weiß, dass "eine Ganztagsschule nicht per se besser ist", wie ihr Mitarbeiter Koch einräumt.
Bulmahn träumt von einer Stätte umfassender Charakterbildung, die auch Vereine so weit einbindet, dass sich Handballtrainer, Chorleiter und Deutschlehrer in gemeinsamen Konferenzen um die Belange ihrer Zöglinge kümmern. Die Schulleiter sollen nach dem Willen der Ministerin so autonom wie möglich arbeiten: Sie sollten sich künftig ihr Kollegium selbst aussuchen und in Detailfragen wie "Kantine oder Catering" ohnehin selbständig entscheiden.
Die Kultusministerkonferenz streitet derweil ums Prinzip. Die CDU-geführten Länder prangern nicht nur die unsichere Finanzierung des Milliardenprojekts an, sondern pochen auf ihre ureigene, im Grundgesetz verbriefte Zuständigkeit in der Schulpolitik. Sie lasse sich nicht vorschreiben, wofür sie die "Almosen des Bundes" ausgebe, polterte die bayerische Kultusministerin Monika Hohlmeier. Am liebsten würden die Länder das Geld für Lehrerstellen einsetzen - das aber "ist von Seiten des Bundes rechtlich nicht möglich", wehrt Bulmahn ab. Verzichten wird am Ende wohl keiner.
Nie zuvor hat sich der Bund in der Schulpolitik so weit vorgewagt. Bulmahn, die sich als Pionierin einer neuen Pädagogik gibt, will die Kampagne in ihrem Ministerium organisatorisch und wissenschaftlich begleiten lassen. Wie um den Einfluss des Bundes mitten im Bildungsföderalismus zu dokumentieren, soll künftig an jeder umgewandelten Schule eine Stifterplakette prangen.
Dabei ist die Ganztagsschule nur Teil eines Generalplans, mit dem die Ministerin das Bildungssystem umkrempeln will: Ein prominent besetzter, unabhängiger "Rat der Bildungsweisen" soll, ähnlich dem Rat der Wirtschaftsweisen, die Schulbürokratie überwachen. Lehrer sollen praxisorientierter ausgebildet und Migrantenkinder frühzeitig zum Sprachunterricht geschickt werden. Die Schulen selbst müssen künftig Erfolgskontrollen bestehen - nach verbindlichen und in allen Bundesländern einheitlichen Maßstäben. Lehrpläne will Bulmahn durch Standards ersetzen, damit Schüler, statt ein Jahr lang Goethes "Faust" rauf und runter zu analysieren, künftig überall die gleichen verallgemeinerbaren Techniken für das Verständnis anspruchsvoller Texte lernen.
"In dem ganzen Hickhack um Kompetenzen droht die ursprüngliche Idee von Ganztagsschule bis zur Unkenntlichkeit aufzuweichen", bangt Verbandschef Appel, der selbst eine solche Schule in Kassel leitet. "Im Zweifel läuft es auf eine Schmalspurlösung hinaus, bei der jede Verwahranstalt mit Suppenausgabe gefördert wird."
Ein Thesenpapier seines Verbandes liest sich viel versprechender: Ganztagsschule solle Freude beim Lernen vermitteln, Schulverweigerer bekehren, soziales Verhalten einüben, der Medienüberflutung entgegenwirken, individualisiertes Fördern ermöglichen, Hausaufgabenterror in den Familien abbauen, Tischsitten vermitteln und selbstbestimmtere Menschen hervorbringen.
Ein Füllhorn segensreicher Folgen - doch belegen lassen sie sich bislang nicht. "Es existiert so gut wie keine Forschung", sagt Heinz Günter Holtappels, Erziehungswissenschaftler an der Universität Dortmund und einer der wenigen, die das Thema zu ihrem Schwerpunkt gemacht haben. "Es nützt nichts, ständig zu spekulieren, ob wir mit Ganztagsschulen bessere Schüler hervorbringen oder das Pisa-Desaster lösen. Wir brauchen endlich Zahlen."
Der beliebte Verweis auf die Pisa-Siegerländer hilft nicht weiter. "Zwischen guten Ergebnissen und Ganztagsschulbesuch lässt sich kein direkter Zusammenhang feststellen", resümiert Petra Stanat, die als Wissenschaftlerin am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung an der Studie beteiligt war. Selbst im Wunder-Finnland gehen keineswegs alle Kinder den ganzen Tag zur Schule. Gleichzeitig produzieren auch Länder mit Rundum-Beschulung Mittelmaß.
Die Stärke erfolgreicher Staaten wie Finnland oder Schweden, meint Stanat, liege unter anderem darin, dass sie bereits in der Grundschule mit individueller, intensiver Förderung beginnen. Außerdem zeichneten sich einige Systeme durch abwechslungsreiche Unterrichtsformen aus. "Natürlich bietet eine gute Ganztagsschule dafür mehr Zeit als eine normale Halbtagsschule", sagt Stanat. Umgekehrt gilt aber: In acht schlechten Schulstunden lernen Kinder nicht mehr als in vier. Erst guter Unterricht führt zu mehr Erfolg.
Eine einzige repräsentative Studie in Deutschland beschäftigt sich mit Wirkungsforschung - und die stammt aus den siebziger Jahren. Kinder, so das Ergebnis, leisten in Ganztagsschulen nicht zwangsläufig mehr.
Erfahrene Lehrer wie die Pirmasenserin Sigrun Mann erzählen, dass manche Ganztags-Kinder abends völlig erledigt sind - vom Lärm, vom Lernen, von permanenter Ansprache. Dass ihre Konzentration zunehmend nachlässt, je später es wird. Dass vor allem die Kleinen nach Mama greinen und sich an den Nachmittagen krank melden, wenn sie ihre Eltern zu Hause wähnen. Andererseits toben sich die Lebhaften aus, Einzelgänger finden Freunde - und in vielen Schulen mehr Anregungen als vor dem Fernseher.
Das Zauberwort der Befürworter-Fraktion heißt "Rhythmisierung": Unterrichtsphasen, länger als 45 Minuten, sollen sich abwechseln mit Pausen zum Toben, mit Förderstunden, Freizeitangeboten und Arbeitsgemeinschaften, die den Unterrichtsstoff spielerisch, aber sinnvoll ergänzen (siehe Grafik Seite 58). "Dann kommen die meisten Kinder gut über den Tag und lernen auch noch eine Menge", sagt Ingo Strutz, Rektor der Berliner Möwensee-Grundschule.
Strutz hat das Glück, eine Anstalt zu leiten, bei deren Planung vor 25 Jahren alle mitgedacht haben: Lehrer, Eltern, Architekten, Schulamtsvertreter. Der Direktor bekommt viel Besuch in der letzten Zeit. Aufgeschreckt durch die Ministerin, die den Ort für ihren Pressetermin vergangene Woche erwählte, pilgern auch Pädagogen in den Stadtteil Wedding, um zu sehen, was ihnen blühen könnte.
Die Staunenden sehen ein großzügiges Gebäude mit kurzen Wegen für die Kleinen: Neben den Klassenzimmern liegen Freizeiträume, ein großer Spielplatz mündet in einen Garten mit Schulteich. In den Werkräumen trocknen Tonfiguren, im Spielsalon kickern die Jungs, und in der Kantine bereiten Köchinnen so handfeste Gerichte wie Pellkartoffeln mit Quark, während Erzieherinnen die Tische decken.
Sechs Fußballfelder hätten auf dem Gelände Platz - "die Kinder leben schließlich hier", sagt Strutz. Ihre Eltern entstammen der unteren Mittelschicht, mit 17 Prozent ist der Anteil ausländischer Schüler vergleichsweise niedrig.
Die Schulzeit dauert von 8 bis 16 Uhr - jeden Tag, für alle. 105 Pädagogen kümmern sich um 420 Kinder; ein statistischer Traumwert von eins zu vier. Im ersten und zweiten Jahr wird jede Klasse von zwei Erzieherinnen und einer Lehrerin geleitet.
"Unsere Art von Lehrbetrieb funktioniert nur, weil wir alle Kinder in der achten und neunten Stunde bei uns haben", sagt Strutz. "Sonst müssten wir wie jede normale Halbtagsschule das ganze Pflichtprogramm vormittags abhandeln." So aber erobern sich die Schüler "im ineinander verzahnten Unterricht" ein Thema über den Tag verteilt mit wechselnden Methoden. Gewünschter Nebeneffekt: Die Lehrer müssen sich absprechen und tauschen sich dabei zwangsläufig über Schwächen, Bedürfnisse und Nöte der Kinder aus.
Erklärt die Klassenlehrerin etwa "Herbst" zum "Wort der Woche", schreiben sie im Fach Deutsch eine Geschichte über Bäume, erkunden im Sachunterricht den Farbwechsel der Blätter und basteln in der Spielezeit Kastanienmännchen. Die Zahlen von 1 bis 20 beschäftigen sie nicht nur im Mathe-Unterricht, sondern auch, wenn sie T-Shirts für die Sport-AG mit Nummern bedrucken. Das Thema Ägypten bedeutet neben Geschichtsunterricht: Mumien basteln, Hieroglyphen malen und ein Besuch im Pergamon-Museum.
Der Hausaufgabenstress für die Eltern entfällt. In ihren "Sternchenstunden" erledigen die Kinder Übungen; der Lehrer sitzt ansprechbar im Klassenraum.
Halb drei, achte Stunde, Kunstunterricht: Auf den Tischen stehen Turnschuhe. Nico hat seinem mit Gips Ohren angepappt, einen Schwanz und Augen. Nun ist der Schuh ein Kängurubaby. "Die Aufgabe war, ihn zu verändern", erinnert die Lehrerin Britta Neuse ihre Zöglinge. "Hat Nico sie erfüllt?"
Unfassbares geschieht: Sachlich loben die Mitschüler Schwanz und Ohren, kritisieren aber harsch das langweilige Einheitsbraun von Nicos Känguru. "Aufgabe zwei, die farbliche Gestaltung, hast du nicht erfüllt", zerpflückt ihn ein Mädchen. Der Junge trägt es mit Fassung. Neuse hat ihrer Klasse diesen Umgang mühevoll antrainiert. "Je öfter sie Kategorien für berechtigte Kritik entwickeln und sich ihnen stellen, desto besser", sagt sie.
Schulen wie Möwensee schweben dem Magdeburger Forscher Henning Scheich vor, wenn er für den Ganztagsbetrieb plädiert. "Sie bieten den Synapsen im Schülerhirn optimale Voraussetzungen", meint der Leiter des Leibniz-Instituts für Neurobiologie.
Diese Kontaktstellen der rund 100 Milliarden Nervenzellen im Gehirn verknüpfen sich vom Tag der Geburt an zu einem dichten, fein gesponnenen Netzwerk. Jeder Reiz, jeder Eindruck, dem ein Mensch ausgesetzt ist, verändert dieses Netz, indem er bestimmte Verknüpfungen stärkt und andere schwächt. Weil sich das Gehirn nie abschalten lässt, lernt der Mensch, was ihm angeboten wird - ob die Namen aller "Pokémon"-Figuren oder kyrillische Buchstaben. Mit Ende der Pubertät ist das Netz fein geknüpft. Lernen besteht dann vor allem darin, die bereits vorhandenen Synapsen zu stärken oder zu schwächen.
Neurologisch betrachtet hat Schule das Ziel, Informationen so im Langzeitgedächtnis der Schüler zu verankern, dass sie beliebig abrufbar sind. Doch es dauert mindestens 24 Stunden, manchmal Tage, bevor eine Vokabel, eine Formel oder grammatische Feinheiten dort landen.
Vorher verweilen sie im Kurzzeitgedächtnis - bis zu zehn komplexere Informationen gleichzeitig. "Für das Kurzzeitgedächtnis kann ein Mensch bewusst lernen", sagt Scheich. "Jeder, der mal für ein Examen gebimst hat, kennt das."
Dass manchem Prüfling bereits nach drei Tagen wieder jede Erinnerung an Namen, Daten, Fakten fehlt, liegt an einem harten Konkurrenzkampf: Alles was auf den Menschen einströmt, erzeugt den Impuls im Gehirn, die Information zu verankern. Jede Vokabel muss ihren Platz also im täglichen Erfahrungsdurcheinander eines Schülers behaupten.
Was schließlich ins Langzeitgedächtnis übertragen wird, kann kein Mensch willentlich steuern. Die biochemischen Prozesse laufen unbewusst ab. Aber er kann Störungen ausschließen, meint Scheich - zum Beispiel eine Dauer-Multimedia-Überreizung durch Gameboy oder Fernseher. "Wenn eine Information die andere im Sekundentakt überlagert, ist das für Lernende geradezu teuflisch", sagt er. "Dann landet im Langzeitgedächtnis nur unsortiertes Chaos."
Andererseits können Wiederholungen den Übertrag ins Langzeitgedächtnis fördern. Beschäftigen sich Schüler wie die Möwensee-Kinder beim "Wort der Woche" auf unterschiedliche Weise mehrmals am Tag mit demselben Inhalt, verstärken sich die beteiligten Synapsen.
Den klassischen 45-Minuten-Unterrichtstakt, bei dem Mathe auf Bio und auf Englisch und Deutsch folgt, hält Scheich für ineffizient: Versuche mit Mäusen haben gezeigt, dass die Tiere am schnellsten lernen, wenn sie über den Tag verteilt dreimal die Gelegenheit dazu bekommen. "Und in ihren Gehirnen laufen ähnliche Prozesse wie beim Menschen ab, wenn sie generalisieren, abstrahieren oder ihre Umwelt in Kategorien einteilen", erklärt der Forscher.
Auch Elsbeth Stern, Entwicklungspsychologin am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin, favorisiert das Modell Möwensee mit einem durchgängigen Konzept für den ganzen Tag. "Freie Angebote können Kinder sicher disziplinieren und zu sozialeren Menschen machen", sagt sie. "Doch wirklich lernrelevant ist es nicht, wenn einer nachmittags ab und an mal Plätzchen backt." Schulen müssten lernschwache Kinder in zusätzlichen Übungsstunden fördern, ohne sie gleich wie Problemfälle zu behandeln, und ihnen Arbeitsgemeinschaften anbieten, aus denen ein Hobby werden könnte. "Es muss eine Atmosphäre herrschen, die klar macht: Wenn ich mich hier für gar nichts interessiere, stimmt etwas nicht mit mir", fordert Stern. "Hat einer erst mal Erfolg in der Tanz-AG, kann er damit wunderbar andere Schwächen kompensieren."
Vor allem aber verlangt sie "ausreichend Raum und Zeit für intelligentes Üben, wo Kinder sich ausprobieren können, ohne gleich bewertet zu werden". Wie beispielsweise im "intelligenten Schwimmunterricht": "Jeder nimmt ein paar Gegenstände mit ins Wasser - Lego, Holz, Steine oder Schwämme - und kann selbst entdecken, welcher schwimmt und welcher untergeht. Hinterher spricht man dann über das Konzept der Dichte als Masse pro Volumen." Sie grinst: "Trick 17 klappt immer - die Schüler lernen, meinen aber, sie vergnügten sich."
Intelligent unterrichten lässt sich allerdings auch in einer Halbtagsschule - und das wissenschaftliche Ideal hat einen Haken: Der Anteil der Bildungsausgaben am Bruttoinlandsprodukt sinkt seit Jahren, obwohl die Schülerzahl in den vergangenen zwölf Jahren um rund acht Prozent stieg. Im Jahr 2000 ließen sich die Deutschen ihre Schulen 46,1 Milliarden Euro kosten. Um flächendeckend Ganztagsschulen einzurichten, müssten sie wesentlich mehr in die Ausbildung ihrer Kinder investieren.
Entsprechende Skepsis herrscht beim Info-Abend der SPD in Hamburg. "Mein Sohn ist schon jetzt der achte Benutzer seiner Schulbücher", klagt eine Mutter, "und der Unterricht fällt ständig aus."
Das Kind ist in schlechter Gesellschaft: Im Schnitt benutzen Schüler ein Buch neun Jahre lang - in Geschichte und Erdkunde arbeiten sie oft mit Texten, an denen Glasnost spurlos vorbeigegangen ist. Schlimmer noch: In manchen Bundesländern fällt jede zehnte Schulstunde aus. Viele Gebäude sind marode. Die Hamburger Schulbehörde veröffentlichte vergangene Woche eine Hochrechnung, nach der allein in der Hansestadt zwei Milliarden Euro nötig wären, um die Bauten hinreichend zu sanieren.
"Das Geld langt hinten und vorn nicht - wie sollen da plötzlich überall Ganztagsschulen finanziert werden?", fragt Direktor Strutz. "Ständig höre ich von meinen Schulbürokraten: Ihr seid klasse, aber viel zu teuer", erklärt auch Rektor Burkhard.
Die Schulleiter in Letschin, Berlin, Waltershausen und Pirmasens sind sich einig: Bulmahns Idee läuft an der Realität vorbei. "Es liegt so viel im Argen, dass es gründlicherer Reformen bedarf als der überstürzten Einrichtung von Ganztagsschulen", sagt Minnich, die in der Bildungskommission Berlin-Brandenburg sitzt. Die Gefahr ist groß, dass die Regierung kaum mehr als eine gigantische Nachmittagsbetreuung für vier Milliarden Euro anschiebt. "Es war ein Schnellschuss", kommentiert Verbandschef Appel. "Und jetzt hakt es überall."
Denn zahlen müssen langfristig Länder und Kommunen. Wollten sie Bulmahns Ziehkind liebevoll päppeln, sollten sie jetzt schon mal den Dauerauftrag einrichten: Eine Schule wie Möwensee verursacht jährlich 30 Prozent mehr Personalkosten - "eine notwendige Investition", betont Pädagogikprofessor Holtappels. "Sinnvolle Nachmittagsangebote wie ein Physikprojekt lassen sich nicht allein mit Ehrenamtlichen machen."
Hinzu kommen die Kleinigkeiten, die sich übers Jahr summieren: Eine Ganztagsschule braucht mehr Klebstoff für den Werkunterricht, und auch die Turngeräte verschleißen schneller. "Es ist ein Unterschied, ob ein Holzboden jeden Tag vier oder acht Stunden beansprucht wird", meint Strutz lakonisch. "Was ist da schon ein einmaliger Zuschuss von 400 000 Euro?" Nicht mehr als eine Anschubfinanzierung, das weiß auch Bulmahn. Die Summe reicht für eine Sportanlage, einen gut ausgestatteten Computerraum oder eine Kantine mit hygienisch einwandfreiem Dunstabzug. Für Appel gehört zumindest ein ordentlicher Speisesaal zur Minimalausstattung. "Die Doppelnutzung von Klassenzimmern wie in der DDR, wo mittags die Wachstuchdecke samt Plastikblumenpott auf den Tisch kam, ist einfach Murks."
Der Verbandschef, der viele Ganztags-Versuche an der Wirklichkeit hat scheitern sehen, kennt eine Menge tückische Details: Die Kantine ist so klein, dass die Schüler in mehreren Runden essen und sich die Stundenpläne nach dem Schichtdienst der Köchin richten; das als Toberaum gedachte Zimmer ist laut Bauvorschrift zu niedrig; die neue Sportanlage lässt sich nur mit dem Bus erreichen. "Der Unmut über den ständigen Mangel an Ausstattung, Raum und Personal belastet eine Schule auf Dauer mehr, als jedes theoretische Konzept es vorher ausmalen kann", warnt er.
Sparversionen bergen vor allem dort Konflikte, wo Erfolg nicht nur mit Bildung, sondern viel mit Erziehung zu tun hat und Lehrer vordringlich damit beschäftigt sind, an Eltern statt für die Kinder da zu sein.
Im Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg erleben die Pädagogen der Ganztags-Gesamtschule regelmäßig, wie Missbrauch, Alkohol und Kriminalität aus Schülern verwahrloste Geschöpfe machen. Manchmal ruft mittags die Polizei an, und der Schultag eines Fünftklässlers endet im Kinderheim, weil die Mutter inzwischen im Gefängnis sitzt. "Mindestens zwei bis drei Kinder in einer Klasse sind nicht beschulbar", schätzt eine Lehrerin.
Morgens um kurz nach sieben kicken die ersten Jungs ihren Fußball durch das nasse Laub auf dem Hof. Die rostige Turnstange bleibt leer, ein Mädchen frühstückt Chips und Cola. Bis zwölf Uhr stehen zwei Unterrichtsblöcke mit größeren Pausen auf dem Plan, danach das von Schülern zubereitete Mittagessen, dann freie Angebote wie Zirkus, Nähmaschinen-Führerschein oder afghanischer Muttersprachlerunterricht. Ein Nachmittag pro Woche ist Anwesenheitspflicht für alle.
"Öfter wäre sicher besser." Der stellvertretende Schulleiter Jörg Kallmeyer zuckt die Achseln. "Das Problem ist nur, dass wir etwas leisten sollen, was wir nicht leisten können." Sein Büro, beherrscht von einer wandfüllenden Stundenplantafel voll bunter Stecker, gleicht der Kommandobrücke eines Raumschiffs. 932 Schüler muss er 95 Lehrern zuteilen, krank sind immer welche. "Eine sinnvolle Kombination aus Freizeit und Unterricht gelingt uns an manchen Tagen besser als an anderen", sagt Kallmeyer. "Freitag ist nicht so ein Tag."
Es ist Freitag. Von 18 geplanten Angeboten kann er 13 erhalten, davon zählen acht zum zusätzlichen Förderunterricht. Das heißt: kein Lehrer an der Kletterwand, kein Sportkurs für die Großen.
Das deutsch-türkische Theaterspiel bleibt im Plan. Mit der Deutschlehrerin Hülya Ösün und einer Theaterpädagogin probt die neunte Klasse in der Aula. "Wie spät ist es?", fragt ein Gigolo auf der Bühne. "Glaubst du, das geht Ihnen was an?", antwortet der andere. Die Lehrerin korrigiert: "Dich, das geht dich etwas an."
Neurologisch gesehen ist die Vernetzung im Kopf eines Neuntklässlers ziemlich weit fortgeschritten - leicht lassen sich grundlegende Grammatikmissverständnisse nicht mehr ausmerzen. Ösün hofft trotzdem auf das Theaterspiel. Mit dem Stück will sie nicht nur Kasus-Schwächen, Nuscheleien und Ein-Wort-Antworten bekämpfen. Die Schüler sollen lernen, dass Wörter Gefühle ausdrücken und die sich auch vermitteln lassen.
Kühl, beherrscht, zickig oder zärtlich sollen sie klingen, und kaum einer trifft den Ton. "Kühl, wie geht das?", fragt ein Mädchen mit engem rotem Hosenanzug, schwarzem Kopftuch und holt ein Handy aus dem Handtäschchen. Auch den Deutschen fällt die Erkenntnis, dass Sprache mehr als eine Ebene transportiert, sichtlich schwer.
Das Schreckgespenst Arbeitslosigkeit, allgegenwärtig in einem Stadtteil wie Wilhelmsburg, treibt die wenigsten an. Zehn, manchmal zwölf pro Jahrgang schaffen die Oberstufenreife. Immer mehr erreichen gar keinen Abschluss. "Solche Gegenden verderben die Preise", meint eine Vertrauenslehrerin. "Zu Hause lernen viele nur: Mit Stütze komme ich ja auch weiter."
Diskussion in Klasse neun: "Ihr bekommt 400 000 Euro von Frau Bulmahn. Was würdet ihr für die Schule anschaffen?" "Eine Frau, die immer die Toilette putzt. Einen Raum voller Betten. Sonnenstudio. Einen Zappelbunker, ''ne echte Disco." Konsumieren sei das Einzige, was die Schüler interessiere, meint der Lehrer. Er selbst wünscht sich vor allem Geld für die Raumausstattung: "Die nackten Wände verleiten ja dazu, beschmiert zu werden."
Im Pisa-Test liegt seine Ganztagsschule unterm Durchschnitt. "Unser Gedanke ist erst einmal, die Kids von der Straße zu holen", sagt Schulleiterin Dörte von Wolffradt dazu. Konrektor Kallmeyer schnauft: "Die Wirklichkeit und das, was propagiert wird, liegen himmelweit auseinander."
In Brandenburg ist alles ganz anders, doch die Stimmung ähnlich: eine Mischung aus kämpferischem "Trotz alledem" und Resignation. Bis zu eineinhalb Stunden fahren die Kinder durch das Oderbruch. In zwölf Orten hält der Bus, brettert durch Alleen inmitten weiter Wiesen, die von grauen Häuschen gesäumt sind. Endstation Schuldorf Letschin: 2963 Einwohner, 43 Kilometer nach Frankfurt (Oder), ein Bäcker, ein Altenheim, ein Turm, errichtet vom preußischen Architekten Karl Friedrich Schinkel.
Den beiden DDR-Schulgebäuden vom Typ "Erfurt 2" fehlt der Putz; im Hof ragt der Schornstein des ehemaligen Heizhauses auf - Relikt aus einer noch gar nicht so lange vergangenen Zeit, in der die Lehrans t alt neben einem Hausmeister noch einen Heizer beschäftigte. Die Kunstlehrerin hat den Schulflur mit bunten Bildern und Holzskulpturen geschmückt. Dreimal in der Woche bietet die Schule am Nachmittag Förderstunden, Unterricht und Freizeitkurse an. "Wir hatten pragmatische Gründe", erklärt Schulleiterin Minnich: Der Bus fuhr nur zweimal am Tag, die Haltestelle hatte kein Regendach. Viele Kinder besitzen zu Hause keinen eigenen Schreibtisch. Mit den ehemaligen Jugendclubs verschwanden auf dem platten Land Gelegenheiten, Gleichaltrige zu treffen.
Die Ansprüche von Appels Verband kann die Schule nicht einlösen: "Wir müssen eine Menge improvisieren", sagt die resolute Direktorin. Weil sich die wenigsten ein Mittagessen in der privat betriebenen Kantine leisten, verkaufen Schüler der Cafeteria-AG mittags Vollkornbrötchen und die Fünf-Minuten-Terrine zum Selbstkostenpreis. Statt großzügiger Freizeitanlagen kann Minnich nur einen einzigen Ganztagsraum anbieten, für den der Hausmeister drei alte Tische cremeweiß lackiert hat. Während der Yoga-AG liegen die Kinder bei Atemübungen auf den Tischen im Biologieraum.
Einmal pro Woche kommt eine Psychologin, und das Amt Letschin schickt seine Sozialpädagogin vorbei. Ins Unterrichtsfach "Politische Bildung" laden die Schüler immer wieder "Menschen von draußen" ein. Demnächst wollen sie den Bürgermeister bitten, den kennen sie, er hat auch schon zur Jugendweihe gesprochen. Vor allem die Mädchen suchen Kontakt mit den Alten im Dorf. "Die haben ein ganzes Leben zu erzählen", sagt die 16-jährige Nadine. Für die "AG Jung und Alt" melden sich immer mehr Schüler, als die Leiterin des Seniorenheims gebrauchen kann.
Ganztagsschule heißt für Minnich, ihre 392 Schüler aus "einer Glasglocke" zu befreien: "Auf dem Dorf lernen sie keine Weltläufigkeit, vielleicht nicht einmal Toleranz." Die Respekt einflößende Frau hat eine Partnerschule in Weißrussland aufgetan und eine in Berlin. Noch in diesem Jahr will sie mit ihrer Deutschklasse reisen. "Damit die endlich mal Ausländer treffen und nicht immer nur über sie reden." Nach Letschin verirrt sich allenfalls ab und an ein Aussiedler.
Die überzeugte Ganztags-Streiterin warnt davor, in dieser Schulform ein Allheilmittel zu sehen. "Sie ist ein Segen für Kinder, deren Eltern ihrem Erziehungsauftrag nicht nachkommen", sagt sie. "Aber sicher profitieren andere, deren Eltern sich kümmern, zu Hause mehr."
Bulmahns Vorstoß hält die Direktorin für realitätsfern. Selbst wenn auf wundersame Weise plötzlich genug Geld da wäre - "das ändert nichts am Hauptproblem, dem Selbstverständnis vieler Lehrer".
Ihr Kollegium werde von vielen Halbtags-Lehrern mitleidig belächelt, erzählt Minnich, die einen Großteil ihrer Zunft für reichlich träge hält. Die meisten hätten sich zu sehr an ihren frei verfügbaren Nachmittag gewöhnt. Denn von der üblichen 40-Stunden-Woche muss ein Vollzeit-Pädagoge höchstens 28 Schulstunden mit Unterrichten zubringen. In der verbleibenden Zeit soll er seinen Stoff zu Hause vor- und nachbereiten.
Vor allem in den alten Bundesländern, wo 91 Prozent der Lehrer verbeamtet sind, halten viele die Arbeit in Ganztagsschulen für unzumutbar. Aus dem Osten, wo nur 18 Prozent die unkündbare Lebensstellung ergattert haben, tönt der Protest leiser: Viele erhoffen sich von Bulmahns Offensive einen sichereren Arbeitsplatz.
"Es ist unmöglich, ein widerwilliges Kollegium zu überzeugen", meint Minnich. Mindestens zwei Drittel müssen mitziehen - so lautet die Einsicht der Ganztagsschul-Direktoren. Der Pirmasenser Rektor Burkhard hat seine Truppe gleich am Anfang zu zwei Nachmittagen schlicht verpflichtet.
"Und dann mussten sie sich noch daran gewöhnen, ihre Allmacht mit Sozialpädagogen zu teilen", ergänzt er. Zehn Jahre habe es gedauert, bevor die Schule einigermaßen rund lief: Allein 30 Kollegen ließen sich versetzen, weil sie mit der neuen Form nicht klarkamen. Seine Erfahrung macht Burkhard skeptisch: "Mit der jetzigen Lehrergeneration lassen sich 10 000 Ganztagsschulen niemals durchsetzen."
Die Pädagogen hemmt nicht nur Unwille, sondern auch Unmut. "Solange keine Standards vorliegen, die klären, was Bildung heute eigentlich sein soll und was wir von unseren Schülern wollen, muss niemand Ganztagsschulen einrichten", wehrt sich Geschichtslehrer Heiner Bollenbach aus dem rheinischen Sankt Augustin gegen Bulmahns Pläne: "Ein Auto braucht ja auch keinen neuen Lack, wenn der Motor nicht mehr läuft."
Der Mann hasst es, Schüler ins Leben zu entlassen, die keinen Dreisatz beherrschen und sich trotz intensiver Beschäftigung mit Shakespeares Sonetten nicht trauen, in England nach dem Weg zu fragen; die weder Texte gliedern noch Aufsätze schreiben können und keine Kategorien entwickeln. Ursache, so Bollenbach, sei eine durch und durch weltfremde Schulbürokratie, die ihre Lehrpläne mit Ansprüchen überlade, statt Kulturtechniken zu vermitteln.
Die Folge: Oft lassen Lehrer die dicken Curricula-Wälzer unbesehen und unterrichten wie gehabt. "Kreativität kann man nun mal nicht verordnen", kommentiert Bildungsforscherin Stern, "und schon gar nicht mit hochdetaillierten Vorschriften."
Auch Hirnforscher Scheich geißelt die Stofffülle der Lehrpläne. In seinen Vorlesungen sitzen immer wieder ehemalige Biologie-Leistungskursler, die punktuelles Wissen angehäuft haben, ohne Zusammenhänge zu kennen: "Die sind stoffüberfrachtet, aber konzeptlos."
"Ein Kind muss so früh wie möglich Prinzipien lernen", sagt Scheich, "etwa, dass ein Stuhl, ein Pferd und ein Tisch trotz aller Unterschiede eine prinzipielle Gemeinsamkeit haben - nämlich den sicheren Halt auf vier Beinen." Nur dann könne das Gehirn trainieren, Kategorien zu entwickeln - eine Schlüsselqualifikation, weil sie erlaubt, aus jedem Eindruck in kurzer Zeit die wichtigste Information zu filtern. Übe das reifende Kindergehirn diese Fähigkeit nicht systematisch, begreife der Erwachsene später kaum komplexere, abstrakte Konzepte.
"Die Autoren von Schulbüchern und Curricula müssen exemplarisches Lernen stärker berücksichtigen", verlangt auch Manfred Spitzer, Autor eines gerade erschienenen Buchs zum Thema*: "Wenn überhaupt, pauken Kinder heute Kleinkram wie das Bruttosozialprodukt Nigerias oder den Glykolyse-Abbau vorwärts und rückwärts für die nächste Klausur." Das vergessen sie in der Regel schnell wieder - weshalb Spitzer auch dafür plädiert, Unterrichtsstoff nach frühestens sechs Wochen zu prüfen. "Dann weiß der Lehrer mit Sicherheit, was im Langzeitgedächtnis gelandet ist."
Spitzer, der Lehrer fortbildet und dem Bildungsrat Baden-Württemberg angehört, zürnt den Pädagogen, weil sie sich mit den neuronalen Grundlagen des Lernens nicht beschäftigen. "Ein Schiffbauer hat Ahnung von Strömungslehre, ein Arzt kennt die Muskelfunktionen - aber Hunderttausende Lehrer wissen nichts über das Gehirn." Stattdessen streiten sie auf ihren "Theorienfriedhöfen der Geisteswissenschaften", den Pädagogikkongressen, um Ideologien. "Nur wer es schafft, eine Klasse mit einem Vortrag über den Wassergehalt der oberhessischen Blutwurst in Bann zu halten, hat kapiert, wie das Gehirn funktioniert", schimpft er.
Doch bevor ganz normale Pädagogen flächendeckend zu Hirnforschern und Halbtagsschulen zu Ganztagsbetrieben werden, könnte sich erst einmal anderes ändern. Bildungspraktiker formulieren auch für die herkömmliche Lehranstalt erheblichen Reformbedarf: mehr Eigenverantwortung bei Personal und Finanzen; den Nachweis ausreichender Deutschkenntnisse bei der Einschulung; eine Öffnung der Schule auch für Fachleute ohne Pädagogikstudium; andere Unterrichtsformen; und nicht zuletzt Bildungsstandards und Erfolgskontrollen von Schulen und Lehrern, wie auch Bulmahn sie fordert.
"Ich warte ja darauf", sagt Spitzer, "dass sich die Kultusminister und Frau Bulmahn diesen Problemen mit derselben Leidenschaft widmen wie dem Gerangel um die Ganztagsschule."
KATJA THIMM
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Mehr Ganztagsschulen
"Sind Sie für die flächendeckende Einführung der Ganztagsschule?"
* Manfred Spitzer: "Lernen. Gehirnforschung und die Schule des Lebens". Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg; 512 Seiten; 29,95 Euro.
Von Katja Thimm

DER SPIEGEL 8/2003
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