17.02.2003

KLONEN„Für ein Schaf war sie nicht besonders alt“

Ist der frühe Gnadentod von „Dolly“ eine Spätfolge des Klonens?
Die Erlösung kam aus der Hand seiner Schöpfer. Eine Spritze beendete Ende vergangener Woche das Leben des ersten geklonten Säugetiers der Geschichte. Wissenschaftler des Roslin Institute im schottischen Edinburgh schläferten Klonschaf "Dolly" ein.
Den Gnadentod gewährten die Forscher dem Tier, nachdem bei ihm eine fortschreitende Lungenerkrankung diagnostiziert worden war. "Wir werden eine volle Autopsie durchführen und über alle wichtigen Befunde berichten", beeilte sich Roslin-Forscher Harry Griffin zu versichern: "Lungeninfektionen sind normal bei älteren Schafen."
Doch mit seinen 6 Jahren war Dolly eigentlich noch ein Schaf im besten Alter. 10 bis 16 Jahre lang leben diese Tiere normalerweise. Für viele Forscher ist Dollys überraschender Tod daher Anlass, erneut Kritik an der Technik des Klonens zu üben. "Für ein Schaf war sie nicht besonders alt", sagt der britische Klonexperte Patrick Dixon. Die entscheidende Frage sei nun, ob Dollys Tod mit einem durch das Klonen ausgelösten vorgezogenen Alterungsprozess zu tun habe.
Am 5. Juli 1996 hatte das berühmteste Schaf aller Zeiten am Roslin Institute das Licht der Welt entdeckt. Zuvor hatte der Klonforscher Ian Wilmut die Euterzelle eines erwachsenen Schafes mit einer zuvor entkernten Eizelle eines anderen Schafes verschmolzen. Die Geburt Dollys wurde als Meilenstein der biologischen Forschung gefeiert. Das Schaf könne mindestens zehn Jahre alt werden und sich normal entwickeln, kündigte Wilmut damals an.
Zunächst tat das Tier den Forschern den Gefallen. Dolly brachte in ihrem Leben sogar sechs gesunde Lämmer zur Welt. Schon im Mai 1999 jedoch stellten die Forscher fest, dass Dollys Erbgut ungewöhnlich alt aussah. Sie entdeckten, dass die Endstücke ihrer Chromosomen, die so genannten Telomere, verkürzt waren.
Diese Chromosomenabschnitte beschäftigen die Wissenschaft seit langem, da sie möglicherweise den Alterungsprozess beeinflussen. Anfang vergangenen Jahres dann entwickelte Dolly Arthritis im linken Hinterbein. Wieder beschlich die Forscher der Verdacht, dass diese typische Alterserkrankung auf Dollys Klonherkunft zurückzuführen sein könnte.
Tatsächlich ist der plötzliche Tod unter Klontieren keine Seltenheit. Erst vorvergangene Woche starb, ebenfalls unerwartet, das erste in Australien geklonte Schaf. So hat sich nach der Euphorie über die ersten geklonten Kreaturen inzwischen Ernüchterung breit gemacht. Säugetiere aus sieben Gattungen sind inzwischen geklont worden - unter ihnen Ziegen, Schweine, Katzen und Kaninchen. Die Probleme der Technik scheinen jedoch übermächtig.
Viele Klone sind viel zu dick, können nicht richtig atmen oder haben Herzprobleme. Die meisten sterben noch im Mutterleib oder kurz nach der Geburt. Den wenigen Überlebenden geht es kaum besser. Viele Klone leiden unter Atem- und Kreislaufstörungen. Auch verfrühte Alterungserscheinungen, wie jetzt bei Dolly, sind üblich.
"Es wäre verfrüht, Rückschlüsse aus dem Tod des Schafes zu ziehen", sagt der Klonexperte Kevin Eggan vom renommierten Massachusetts Institute of Technology in Cambridge. "Aber wir haben inzwischen viele Daten, die zeigen, dass geklonte Tiere häufig schneller altern als ihre normalen Artgenossen", sagt Eggan.
"Etwa 95 Prozent aller bisher geklonten Tiere sind abnorm", warnt auch Eggans Kollege Rudolf Jaenisch. Vor etwaigen Klonversuchen am Menschen, wie sie in letzter Zeit von der kanadischen Raëlianer-Sekte angekündigt worden waren, rät der Forscher daher dringend ab: "Menschliche Klone hätten vermutlich die gleiche Palette an Problemen."
Im Fall von Dolly soll nun lückenlose Aufklärung den Unmut über die Klontechnik besänftigen. Ihr genetisches Material kam von einem sechs Jahre alten Schaf. Hat dies womöglich zu einer schnelleren Alterung geführt?
"Wir können nicht wissen, ob das Klonen Schuld ist oder ob es sich um einen Zufall handelt", kommentierte Dolly-Schöpfer Wilmut schon vor einem Jahr die Arthritis seines Geschöpfes. Auch für den Tod des Tieres wird das Klonen wahrscheinlich nicht ursächlich verantwortlich gemacht werden können.
Das Schicksal des Schafs wird den Forschern jedoch für immer präsent bleiben. Ausgestopft soll es schon bald im schottischen Nationalmuseum in Edinburgh zu besichtigen sein.

DER SPIEGEL 8/2003
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