17.03.2003

Das Ende der Märchenstunde

Ortstermin: Auf der Computermesse Cebit in Hannover versammeln sich die Sieger von gestern.
In Halle 6 lärmen Pinnacle Systems und Tobit Software gegeneinander an, ihre Messestände G20 und F10 liegen sich auf einer Kreuzung gegenüber, dazwischen riecht es nach Popcorn und Angstschweiß. Es riecht nach Cebit 2003.
Schnelle Rechner übersetzen bei Pinnacle den Live-Rap eines Glatzkopfs in bunte Rollbalken, bei Tobit führen sie die Software "David" vor, die aus dem Computer daheim eine "vollständige Informationszentrale" zu machen verspricht. "Also, nur mal als Beispiel", sagt ein Mann auf der Bühne, "wenn Sie ,Lindenstraße' sehen wollen - dann, ähm, klicken Sie erst mal hier ..."
Mittwoch, erster Tag, die weltgrößte Computermesse beginnt fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit, viele der 26 Hallen in Hannover-Mittelfeld sind bis auf das Standpersonal so gut wie menschenleer, die Taxifahrer melden, dass seit halb zehn am Morgen "die Messeanfahrt praktisch null ist". Am Abend wird der Messesprecher im Radio mit dem Satz zitiert, ihm lägen "in Bezug auf Besucher noch keine Zahlen vor". Kein Wunder.
Animateure führen in den Hallen trotzdem ihre Präsentationen auf, streichholzdünne Mikrofone quer vor dem Mund. Sie hantieren mit Pointern und Touch-Screen-Modulen, erklären Pfeildiagramme und Netzwerkarchitekturen, sie sagen: "Lassen Sie mich nun zu den Anwendungen im Bereich Zugriffsschutz kommen", auch wenn, wie um 14.38 Uhr in Halle 8, der einzige Zuhörer ein Müllmann mit Bratwurst ist.
Zwischen die Hallen fällt Regen in dünnen Streifen, draußen wirkt die Messe wie die Simulation einer Stadt in Quarantäne, deren Bevölkerung zu 90 Prozent männlich ist, dunkelgraue Anzüge trägt und denselben Friseur besucht. Die dunkelgrauen Männer ballen sich im CC, das heißt Convention Center, dort beginnen im Halbstundentakt Fachvorträge und Pressekonferenzen der Konzerne, hier wird über Glück geredet. Über Zukunft. Über Leben. Über Menschen.
Philips, Saal 2, beschwört die Dämmerung eines neuen Zeitalters, die Ankunft in einer vernetzten Welt ohne Kabel, ohne klobige Stereotürme, ohne schrankkoffergroße Fernseher, mit Kühlschränken, die denken können, selbständigen Waschmaschinen, smarten Wasserkochern. "Wir sind sehr aufgeregt", sagt Philips-Chef Gerard Kleisterlee in weichem Rudi-Carrell-Englisch, "wir stehen vor einer neuen Epoche."
Der zugehörige Werbeclip zeigt Mann und Frau, wie sie Flachbildschirme durch eine leere Designerküche tragen, sauber wie ein Operationssaal. Sie tippen und klicken, trinken schweigend weißen Wein auf weißen Couchmöbeln und wirken sehr glücklich. Die Zukunft ist sauber und lächelt fein.
Auf die Präsentationen der Konzerne, Alcatel in Saal 15, Cisco in Saal 13, T-Mobile hier, Siemens da, Motorola, Sony-Ericsson, Microsoft dort, folgen "Q-and-A-Sessions", das heißt so viel wie Frageund-Antwort-Spiele. Aber die Antwort auf der Cebit steht immer schon fest. Sie heißt in allen Sälen: Alles wird gut.
Der Markt scheint bereinigt. Im vergangenen Jahr allein 1500 Pleiten, auf der Cebit 700 Aussteller weniger. Zwei Jahre nach dem großen Systemabsturz an den Märkten und Börsen dreht sich die Cebit um den Menschen von morgen, als wäre nichts gewesen: Wie telefoniert er? Wie verschickt er Post? Wie hört er Musik? Wie kocht er Kaffee? Wie organisiert er seine Geschäfte? Wer weiß das schon.
Aber es wusste auch niemand, dass das Farbfernsehen die siebziger Jahre stürmen würde, dass in den achtziger Jahren Home Computer, Videorecorder und Walkman kommen sollten, dass die neunziger Mobiltelefone und Discman in jede Hand drücken würden. Erst als sie da waren, wusste die Welt, worauf sie gewartet hatte. Worauf wartet sie jetzt?
Auf den Fluren der Messe steht die Ratlosigkeit in Form neuer Produkte. Es gibt Module fürs Handy, mit denen sich Musik aus dem Internet ziehen lässt. Es gibt Mobiltelefone, die zugleich Videokamera, Videokameras, die zugleich Notebook, Notebooks, die zugleich Spielkonsole sind. Es gibt faltbare Laptops, es gibt Anrufbeantworter mit 175 Stunden Aufnahmezeit - eigentlich gibt es nichts, was irgendein Mensch wirklich braucht.
Die Cebit sieht aus, als hätten sich die versammelten Branchen zu Tode gesiegt. Wo bald jeder Haushalt den DVD-Player hat, jeder User über 14 ein Handy, wo jeder weiß, was "Google" ist, und der Markt mit MP3-Playern fast gesättigt, wird Innovation ein zähes Geschäft. Aus höher, schneller, weiter wird kleiner, besser, leiser. Aber reicht das?
In der Messezeitung spricht Bitkom-Chef Volker Jung über das "Ende der Märchenstunde nach sieben fetten Jahren". Die "so genannte" New Economy, so heißt das jetzt, müsse solide werden, zurückfinden in die Normalität. Aber in der Wirklichkeit der Cebit boomen nur die Märchen.
Es boomen die Spiele. Im Messedunst sitzen Männer mit grauen Schläfen vor Bildschirmen, fahren virtuell Formel 1, retten Prinzessinnen aus dunklen Tempeln, schlagen Monster zu Brei und heben Schätze, die es in Zeiten von Dax- und Nikkei-Tiefständen auf Erden nicht mehr gibt. Sie bauen Weltreiche, unsagbar schön und mächtig. Sie sehen glücklich dabei aus. ULLRICH FICHTNER
Von Ullrich Fichtner

DER SPIEGEL 12/2003
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